Portfoliokonzept – Lernumgebungen
- Portfolio und Lernumgebungen im Mathematikunterricht –
1 Warum sich Lernumgebungen besonders für Portfolioarbeit eignen
In vielen didaktischen und pädagogischen Grundlagen weisen die Arbeit mit Lernumgebungen und die mit Portfolios Ähnlichkeiten auf. Sie sollen an dieser Stelle nur in kurzen Sätzen oder Stichpunkten benannt werden.
Beiden Konzepten liegt eine konstruktivistische Grundposition zugrunde. Das bedeutet, dass sowohl bei der Arbeit mit Portfolios, als auch bei der Arbeit mit Lernumgebungen aktiv-entdeckendes Lernen, soziales Lernen und selbstbestimmtes Lernen gefordert und gefördert wird. Auch die Rolle der Lehrkraft ist in beiden Unterrichtskonzepten dieselbe. Der Lehrer braucht eine hinreichende Diagnosekompetenz um die Arbeiten der Schüler entsprechend erkennen und würdigen zu können und die Schüler in Gesprächen zu weiteren Lernfortschritten zu bringen. In beiden Konzepten besteht außerdem die Notwendigkeit einer Balance zwischen eigenverantwortlich organisiertem und lehrergeleiteten Phasen des Lernens. Es müssen in “Schülerfortbildungen” zunächst die Grundlagen gelegt werden, damit selbstständiges Lernen in der Folge erst stattfinden kann. Dazu muss die Lehrkraft beiden Lernphasen Raum geben und über eine fundierte Kenntnis der jeweiligen Sachlage verfügen. In weiteren Punkten ist die Ähnlichkeit zwischen beiden Konzepten ebenfalls zu sehen. Die Gemeinsamkeiten werden nun Stichwortartig benannt.
- Anerkennungskultur: Schülerleistungen positiv bewerten und als konstruktive Beiträge nutzen
- Öffnung des Unterrichts: Beide Konzepte setzten auf natürliche Differenzierung und auf Kompetenzerwerb
→ Was läge da näher, als der Versuch der Integration von Lernumgebungen in ein Portfolioprojekt.
2 Das Konzept
2.1 Die Rahmenbedingungen
2.1.1 Die Schule und das Kollegium
Die Schule in der die Portfolioarbeit stattfinden soll, ist eine gewöhnliche staatliche Grundschule, ohne besondere Extraausstattung. Sie befindet sich in Hamburg Altona. Der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund beträgt etwa 50 %. Die Lehrerschaft ist in zwei größere Gruppen gespalten. Die eine Gruppe besteht aus Lehrern, die sehr traditionell arbeiten und sich von neuen Methoden nicht irritieren lassen. Diese Gruppe besteht aus älteren Lehrkräften, es gibt aber auch einige jüngere unter ihnen.
Die zweite Gruppe besteht vorwiegend aus jüngeren Lehrkräften und wenigen sehr engagierten älteren Lehrern. Diese Gruppe ist an Portfolioarbeit interessiert und will diese Methode im kommenden Schuljahr begleitend zum Unterricht einführen.
2.1.2 Der Plan
Eine Lehrkraft hat sich im Vorfeld intensiv mit dem Thema vertraut gemacht und den anderen in einer eigens dafür angesetzten Konferenz davon berichtet und Literatur zur Einarbeitung verteilt. Da die Konferenz freiwillig war, ist nur der engagierte Teil des Kollegiums erschienen.
Damit die Lehrkräfte sowohl fachspezifische als auch allgemeine Themen der Portfolioarbeit mit anderen Kollegen besprechen können, teilen sich immer drei Lehrkräfte einem Fach zu. Die insgesamt neun Lehrkräfte teilen sich in drei Gruppen ein. Jede Gruppe möchte versuchen im kommenden Schuljahr in einem Fach begleitend zum Unterricht, Portfolioarbeit zu organisieren. Eine Gruppe einigt sich auf das Thema Mathematik. Andere dreier Gruppen versuchen sich an anderen Fächern. In diesem Beitrag soll nun die Mathe-Gruppe näher betrachtet werden.
2.1.3 Raumordnung für Portfoliostunden
Die Lehrergruppe hat für die Portfoliostunden zwei nebeneinander liegende Klassenräume zur Verfügung. Diese Klassenräume sind über einen zwischen liegenden, kleineren Raum miteinander verbunden. Das bedeutet, dass effektiv drei Räume unterschiedlicher Größe für die Arbeit zur Verfügung stehen. Da ein Teil der Arbeit auch außerhalb der Räume stattfinden soll, können die einzelnen Räume jeweils für bestimmte Arbeitsschritte genutzt werden. So dient der kleine zwischen liegende Raum, indem weitestgehend Ruhe herrscht, der Einzelarbeit. Das vom Flur aus gesehen links liegende Klassenzimmer ist für Gruppenarbeiten gedacht und wird dementsprechend mit unterstützenden Utensilien ausgestattet. Zwischenpräsentationen und Klassenkonferenzen werden ebenfalls im Gruppenarbeitsraum durchgeführt. Das rechts liegende Klassenzimmer dient den Entwicklungsgesprächen, welche in dem Schuljahr jeder Schüler regelmäßig mit Lehrkräften oder anderen Schülern führen soll. Die Entwicklungsgespräche finden in der Sofaecke statt. Der Rest des Klassenraums dient der Arbeit an den individuellen Portfolios. Es befinden sich demnach sowohl Computer als auch Bastelmaterial für die Schüler in dem Raum.
2.1.4 Organisationsform
Das übergeordnete Thema der Portfolioarbeit ist die Mathematik der vierten Klasse. Hierzu werden wöchentlich 3 Mathematik-Doppelstunden im Unterricht verschiedene Lernumgebungen nach Ueli Hirt/Beat Wälti (2008), Hengartner/Hirt/wälti (2010), Nührenörger/Pust (2006) bearbeitet. Die Lernumgebungen enthalten eine Fülle verschiedener Aufgabenstellungen, aus denen die Schüler zu einem vorgegebenen Überthema, ihren eigenen Interessen nach wählen können. Außerdem gibt es einen Arbeitsplan. Dieser regelt die Häufigkeit in denen die Schüler Fortbildungen besuchen, Entwicklungsgespräche mit einer Lehrkraft führen und Ergebnisse präsentieren. Verpflichtend müssen alle Schüler über das Halbjahr vier Fortbildungen besuchen, 3 Entwicklungsgespräche führen und zu jedem Überthema eine Zwischen- und eine Endpräsentation halten. Im Arbeitsplan werden diese Leistungen von den Lehrern eingetragen. Des Weiteren gibt es einen Wochenplan, welcher die Inhalte und Ergebnisse jedes einzelnen Tages dokumentiert.
2.2 Portfolioarbeit
2.2.1 Die Einführung
Da die beiden vierten Klassen die Arbeit mit Lernumgebungen bereits kennen, finden Schülerfortbildungen lediglich zum Thema Portfolioarbeit statt.
Ablauf: Die Fortbildungen verlaufen in der Regel nach dem Prinzip, dass über gezielte Fragen der Lehrpersonen, die Kinder auf Möglichkeiten kommen sollen, wie ein Problem behandelt werden könnte. Im Anschluss ergänzen die Lehrkräfte die Schülersammlungen um weitere Ideen und lassen diese von Schülerseite kommentieren. Alle Lösungsmöglichkeiten werden dann auf Plakaten zusammengefasst und für die Schüler jederzeit einsehbar im Gruppenraum aufgehängt. Die erste Fortbildung behandelt die Frage: Auf welche Weise können wir die Arbeitsergebnisse aus unseren Lernumgebungen sammeln und aufbewahren? Hierüber sollen die Kinder auf mögliche Formen von Portfolioprodukten nachdenken. In weiteren Fragen wird behandelt, welche Inhalte in der Sammlung sein sollten und wozu so eine Sammlung eigentlich gut sein kann. Außerdem wird der Umgang mit dem Arbeitsplan erklärt.
2.2.2 Fortbildungen und Entwicklungsgespräche
Fortbildungen finden immer in Gruppen mit höchstens zehn Personen statt, damit intensives und konzentriertes Arbeiten leichter fällt. In einer Woche werden so mehrere Fortbildungen zum selben Thema angeboten, damit alle Schüler diese wahrnehmen können.
Weitere Fortbildungen, welche über das Halbjahr verteilt stattfinden behandeln Themen wie:
Fortbildung 2 (regelmäßig): Zu Beginn von jedem neuen Überthema werden die zur Wahl stehenden Lernumgebungen in Sechsergruppen erklärt, ausgiebig besprochen und die Aufgaben auf Plakaten festgehalten. Je sechs Kinder kennen sich dann in einer Lernumgebung aus und werden zu Experten. In einem anschließenden Gruppenpuzzle finden sich jeweils zwei Kinder einer Gruppe mit weiteren zwei Kindern einer anderen Gruppe zusammen und präsentieren sich gegenseitig ihre Lernumgebungen. Dies geschieht insgesamt zwei Mal, so dass alle Schüler drei Lernumgebungen kennen lernen. Damit jeder Schüler die Möglichkeit bekommt, sich jeder Lernumgebung widmen zu können, kann er sich im Laufe der fünf Wochen eines Themas über die Plakate informieren und an die dort genannten Experten wenden.
Fortbildung 3: Wie präsentiere ich Ergebnisse mit Hilfe meiner Sammlung? Wie gebe ich Rückmeldung/Feedback zu präsentierten Ergebnissen?
Der individuellen Beratung dienen die Entwicklungsgespräche, welche die Schüler mit den Lehrern führen sollen. Hier werden speziell die Portfolios besprochen, die die Kinder anfertigen.
2.2.3 Präsentationen
Am Ende jeder Woche stehen Präsentationen an. Diese werden in den zwei Klassenräumen getrennt gehalten. Hierbei wird darauf geachtet, dass die Gruppenzusammensetzung Lerninhalte aus möglichst vielen verschiedenen Lernumgebungen beinhaltet. Dies soll dazu dienen, bei Schülern das Interesse an einer Lernumgebung zu wecken, welche er oder sie noch nicht kennt. Hilfreich kann hierbei für viele Schüler die Fortbildung “Präsentieren” sein. Am Ende des Schuljahres findet eine Ausstellung statt, welche von den Eltern besucht wird. Die Ausstellung beinhaltet die fertigen Portfolios, Fotos von den Arbeiten an den Portfolios und Basteleien, die im Zuge der Arbeit an den Lernumgebungen entstanden sind. Des Weiteren dürfen die Portfolios entweder mit nach Hause genommen werden (Ende 4. Schuljahr) oder sie werden der Schulbibliothek zur Verfügung gestellt.
2.2.4 Klassenkonferenzen
Jeden Mittwoch dient eine dreiviertel Stunde der Klassenkonferenz. Hier werden angefallene Probleme diskutiert und Raum für Schüleranregungen gegeben.
2.2.5 Arbeitsformen
Die Arbeitsformen sind vielfältig. Je nach Lernumgebung wird gebastelt, gerätselt, gerechnet und so weiter. Dazu haben die Schüler die Möglichkeit sich für einzelne Aufgaben in Gruppen, mit einem Partner oder allein zu arbeiten. Die Wahl des Arbeitsortes bestimmt sich durch die Art der Aufgabe. Einige Lernumgebungen erfordern es den Klassenraum zu verlassen und Daten außerhalb der Klasse zu erheben. Dies kann das Schulgebäude selbst sein, oder bestimmte Räume, wie die Bibliothek, der Schulhof oder ein Computerraum. Es liegt an den Lehrpersonen Lernumgebungen auszusuchen, die die Arbeit außerhalb des Klassenraumes erfordern.
2.2.6 Bewertung
Da das Portfolio ein Prozessportfolio ist geschieht die Bewertung des Portfolios indirekt. Es gibt zu jedem Block eine Abschlussarbeit, welche von allen Schülern geschrieben wird. Die Arbeit setzt sich aus verschiedenen Aufgaben zusammen, welche eine große Nähe zu Aufgaben aus den bearbeiteten Lernumgebungen aufweisen. Die Schüler können dann aus einer Auswahl von Aufgaben diejenigen heraussuchen und bearbeiten, die ihnen gut liegen. In den Arbeiten dürfen die eigenen Portfolios zur Unterstützung genutzt werden. Für die Klausuren werden 1,5 Zeitstunden angesetzt. Sie sollen aber für maximal 45 Minuten konzipiert sein. Hierdurch können langsamere Schüler in ihrem Tempo arbeiten. Diese Form der Lernkontrolle hat den Vorteil, dass die Lernsituation klar abgegrenzt wird von der Prüfungssituation. Hierdurch können die Kinder innerhalb der Lernphasen bedenkenlos Fehler machen und Hilfe einfordern. Sie müssen nie das Gefühl haben unter kritischer Beobachtung zu stehen.
3 Lehrerorganisation
Die drei Lehrer haben folgende Aufgaben (ungeordnet):
- Lernumgebungen organisieren und Schülergerecht aufbereiten
- einen ständigen Überblick über die Arbeit der einzelnen Schüler behalten. Über den Arbeitsplan und den Wochenplan
- Vertrauen in die Schüler haben und sie arbeiten lassen
- Klassenarbeiten organisieren, die in großer Ähnlichkeit zu den Lernumgebungen stehen und jede Lernumgebung mit einbeziehen.
- Fortbildungen organisieren: Jeder Lehrer übernimmt eine oder zwei, so muss nicht jeder alles können.
- die Einteilung der Entwicklungsgespräche organisieren. Jeder Lehrer am besten ein Gespräch mit jedem Schüler
- Viele Dinge mit den Schülern aushandeln und die Ergebnisse im Klassenraum sichtbar machen (Transparenz)