•• Images in Place 2010

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depende, Anna Warler
   

Die Geschichte

Manchmal ist es ein Film, ein Roman, ein Bild oder ein Musikstück, das vielfältige Ideen erzeugt, die um das Werk kreisen: „Was wollte der Künstler damit sagen?“, oder „Wie wäre es wenn ich etwas ähnliches versuche?“. Diese Fragen werden unwiderstehlich, wenn das Kunstwerk ein Thema anspricht, das uns wirklich berührt. Die Bilder von Hasan und Husain Essop befassen sich mit Fragen von Zugehörigkeit und Entfremdung mit einer Deutlichkeit und wunderbaren Verspieltheit. Klischees werden bloßgestellt und verspottet; Kultur wird facettenreich, flüssig und kontextbezogen dargestellt. Ihre Bilder ähneln der gelebten Realität für die sich die Kultur- und Sozialwissenschaften interessieren.

Wer sind Wir?, Armand Awo
 
 

Die Kunst und die Künstler

Obwohl erst kürzlich an der Michaelis Art School der University of Cape Town graduiert, wurden die Werke der Zwillingsbrüder Hasan und Husain Essop bereits weltweit ausgestellt – in allen Hauptgalerien Südafrikas, in Havanna, Basel, Dakar, Helsinki, Breda und Hamburg. Die meisten Betrachter sind anfangs verwirrt, bis sie einen Sinn für die Choreografie der Arbeit in den Bildern entwickeln. Die Künstler nutzen die Bildleinwand als eine Bühne. In einem ihrer ersten Werke mit dem Titel „Fast Food“, wählten sie den Ort Clifton Beach in Kapstadt im Sonnenuntergang während Ramadan. Dieselbe Person hockt am Boden und isst gierig, ist in Weiß gekleidet und betet mit einer bedächtigen Würde in Richtung Mekka, ist ein Bollywood-Charakter, der den Strand genießt, oder jemand, der sich zu entscheiden versucht, ob er Chips oder die traditionellen Datteln nehmen soll, um das Fasten zu brechen.
Das alles ist sehr irritierend, wenn man Menschen kategorisieren möchte in religiös und säkular. Unter der Apartheid war Clifton Beach nur für Weiße reserviert. Jetzt ist es ein Spielplatz für die internationalen Super-Reichen: man fühlt sich falsch am Platz, wenn man lokal, nicht-weiß oder religiös ist.
Der Hintergrund ist normalerweise kontrovers oder wird durch die Performance, die dort aufgeführt wird, kontrovers gemacht. Es gibt viel Konflikt in ihren Bildern, aber sobald der Betrachter realisiert, dass es dieselbe Person unterschiedlich gekleidet ist, wird es schwierig sich auf eine Seite zu schlagen.
Stereotype werden aufgegriffen, kritisch zusammengefasst und sich drüber lustig gemacht. Der Hintergrund ist ein Ort, an dem Ideen kreiert und spielerhaft manipuliert werden können. Da ihre Arbeiten Fragen von Identität und menschlicher Differenz hervorrufen (in Kontexten, die die politische Dimension beleuchten), fordern sie auch Fragen über die Bedeutung menschlicher Existenz heraus.

 

Der Prozess

Seit November 2009, als die Künstler Hasan und Husain Essop in Hamburg erstmals experimentierten, wurden einige ähnliche Workshops durchgeführt. Es waren fortlaufende Experimente um Wege zu erkunden, in denen künstlerische Prozesse eine tiefgründige Beschäftigung mit existentiellen Fragen erzeugen. Teilnehmende sind eine Mischung von Menschen, hauptsächlich jung und mit keinem speziellen künstlerischen Hintergrund. Das Workshopformat ist nichtsdestotrotz wie in einer Kunstschule, in der Individuen ihre Werke produzieren aber in kontinuierlicher Interaktion mit erfahreneren Künstlern und mit ihren Kollegen. Wenn der Prozess sich entwickelt hat, durchläuft er mehrere Phasen.

Konzeptentwicklung

In der Vorbereitung wird meistens eine Ausstellung von Hasan und Husains Werken besucht oder die Bilder von Teilnehmern voriger Workshops betrachtet. Die Erklärungen der Künstler zu den Werken beinhalten auch Hintergrundinformationen zu den Techniken, Missglücken und Zufälligkeiten des Produktionsprozesses. Sie geben Einblicke in das, was sie erreichen wollen und wie der Prozess in ihr Leben eindringt.
Normalerweise kamen die Teilnehmenden über eine Zeitspanne von einigen Tagen mit Ideen, was sie gerne tun möchten: den Ort und die verschiedenen Bilder, die sie präsentieren wollen. Die Choreografie der verschiedenen Bilder wird auf dem Papier skizziert. Die Teilnehmenden berichten, dass die Arbeit für sie sehr intensiv ist. Die Bereitschaft dicke Koffer von einem Ort des Fotoshootings zum anderen zu schleppen, spricht von dem Grad des persönlichen Involviertseins, das in Lernprozessen so häufig angestrebt wird.

One Eric is not enough
 
 

Performance

Wenn das Fotoshooting gemacht wird, haben die Teilnehmenden bereits ihre Pläne und Ideen miteinander und mit den Tutoren und Fotografen diskutiert. An dem Ort, den sie als Bildhintergrund ausgewählt haben, wird die Kamera aufgestellt und durch die Linse geschaut. Der Ort ist nun begrenzt durch den Bildausschnitt und mehrere Positionen und Posen werden eingeübt. Die Interaktion mit anderen Teilnehmenden und mit der Person hinter der Kamera geschieht meistens recht natürlich. Ist der Prozess im Gange, nimmt die Gruppensolidarität sichtbar zu. Die anderen Gruppenmitglieder helfen den Protagonisten die intendierte Haltung einzunehmen und schützen sie, wenn Kleidung gewechselt wird oder um den Ort von Passanten frei zu halten. Beim ersten Workshop gab es nur eine einzige Kamera für sechszehn Fotoshootings an unterschiedlichen Orten. Die zusätzliche Zeit, in der man involviert war und die Größe der Gruppe verringerte nicht die Intensität des sozialen Prozesses. Man beteiligte sich in jedem kleinen Drama, war wirklich interessiert an der gegenseitigen Kreativität und bereit zu riskieren. Es wurde ein Spielsinn suggeriert, Rollen wurden ständig gewechselt, so dass ein Freiraum geschaffen wurde, um mit neuen Wegen des Seins zu experimentieren. Das, was in den Bildern versucht wurde zu erreichen, konnte mit den anderen in einer losgelösten Weise diskutiert werden, auch wenn das Ergebnisbild noch nicht da war.

 

Photoshoppen

Nun ist jede/r in einem Raum mit seinem Bild auf einem kleinen Laptop-Screen. Entscheidungen werden getroffen, ob das Bild in der richtigen Position steht oder ob es die Geste hat, die es ausdrücken sollte. Dies ist eine Gelegenheit für Enttäuschungen, Glück und Unvorhergesehenes. Der Ort, nun Hintergrund für ein Bild mit sich selbst, mehrere Male übereinander wird immer vertrauter wenn man sorgfältig den überflüssigen Hintergrund ausschneidet. Es gibt eine neue Wahrnehmung über Schatten und verändernde Lichtqualitäten. Eine erhebliche Menge an Diskussionen wird über die eigenen Konzepte geführt, über die Natur von Identität und die Rolle von Vorurteilen – Unterhaltungen, die häufig durch technische Schwierigkeiten eingeleitet werden. Das bedeutet meistens, dass die Teilnehmenden am Ende einen großen Teil von den jeweiligen Bildern der anderen wissen und eben auch über einander. Teilnehmende haben berichtet, dass sie sich sogar in den Tagen nach dem Workshop, Gedanken zu ihren Bildern machen, die sie nicht loslassen. Einen kurzen Text über das zu schreiben, was man in seinem Bild erreichen wollte ist ein Weg verstreute Gedanken oder Gefühle zu sammeln und zu sortieren.

Präsentation

Die fertigen Bilder in einem Großformat auszudrucken ist ein Ereignis, das die Qualität des Bildes bestätigt. Eine Ausstellung der Bilder ist für die Teilnehmenden so etwas wie eine Herausforderung. Manche hatten während des Produktionsprozesses nie an potentielle kritische Betrachter gedacht und müssen schnell neu durchdenken, ob sie ihr Bild überhaupt an einem öffentlichen Ort ausstellen möchten. Dann müsste man mit Interpretationen von anderen rechnen. Der Bildungsprozess verlangt immer wieder Momente von Mut!

 

Die Betrachter

Ein Bild, in dem dieselbe Person mehrere Male auftaucht, ist für die meisten Betrachter desorientierend. Ein paar Erklärungen darüber, was der Künstler/die Künstlerin erreichen wollte, wird daher meistens benötigt. Eine kurze Beschreibung der angewendeten Technik der Bildproduktion ist ebenfalls sinnvoll. Dann kann der Betrachter leichter seine Interpretationen beginnen.

 

 

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