Das (vorläufige) Endergebnis

Hier nun nach diversen Überlegungen, einigem Lesen und reflektieren meine Idee für eine Umsetzung von portfolio Arbeit im Geschichtsunterricht.

Ausgangslage:
Wie schon in meinen ersten Überlegungen dargestellt finde ich das Konzept von Christine Bachmann und Johanna Schwarz, welches im educommsy zu finden war eine sehr dankbare Grundlage für meine Ideen. Daher werde ich einen Teil des Szenarios für mich übernehmen.
Die Gruppe von SuS, die sich mit der portfolioarbeit befassen sollen ist ein Geschichtsleistungskurs im vierten Semester der Gymnasialen Oberstufe. Insgesamt stehen fünf Schulstunden die Woche zur Verfügung, die zwischen individueller Portfolioareit und zusammen geführtem Unterricht im Plenum aufgeteilt werden. Das Portfolio soll dann zum Abschluss die Grundlage für eine mündliche Prüfung bilden, die die letzte Klausur dann entsprechend ersetzt.
Angelehnt an die Idee, dass das Portfolio „ein Instrument der Sammlung und Dokumentation von Leistungsbelegen“ (Felix Winter) ist, wird das Portfolio selbst nicht benotet. Es ist vielmehr die für alle transparente Grundlage für eine anschließende Prüfung. Hierbei soll es für die Schüler nicht um einzelne Inhalte gehen, sondern sie sollen ihren eigenen Reflexions- und Lernprozess darstellen können. Die Chance, die die Schüler hierbei haben ist, dass sie den Prüfungsprozess mitgestalten können und somit auch eine höhere Verantwortung übernehmen (vgl. Winter).
Wünschenswert ist hierbei, dass sie verstehen, dass eine ähnliche Art von Arbeit zu allen Themen möglich ist.
So wie die Portfolioarbeit ein Wandel ist und narrative Strukturen enthält, so ist auch das Geschichtsbewusstsein einem hermeneutischen Prozess unterworfen.
Die Identitätsbildung im Portfolioprozess ist in den Strukturen die Gleiche, wie in der Herausbildung der eigenen geschichtlichen Identität.

Wie sich das angedachte Konzept evtl in einem modernen Oberstufenkonzept wie etwa Profilkursen (denkbar wäre z.B. eine Verbindung mit Gemeinschaftskunde/Politik und Deutsch) wäre sicher nochmal eine oder zwei Überlegungen wert.

Dauer:
Eigtl soll die Portfolio Arbeit über das gesamte letzte Halbjahr gehen. Hierbei ist jedoch zu bedenken, dass die künftigen Abiturienten zum einen früher entlassen werden, sich noch auf weitere Prüfungen vorbereiten sollen und auch noch einmal ein paar Wochen wegen Ferien wegfallen. Am Ende muss noch Zeit für die Prüfungen und deren Auswertung sein. Daher ist es wohl realistisch zu denken, dass man 6-8 Wochen im Unterricht nutzen kann, mit dem Anspruch, dass wenigstens ein kleiner Teil der Arbeit in der Freizeit getan werden kann, insgeheim ist ja die Hoffnung, dass die SuS sich derart für ihren Themenschwerpunkt begeistern können, dass sie freiwillig Zeit in das Portfolio stecken.

Thema:
Die Inhalte des Themas hatte ich ja bereits in vorigen Beiträgen im Blog und im Seminar skizziert, lediglich ein griffiger Name würde dem Ganzen noch einmal gut tun. Daher ist „Keine Atempause – Geschichte wird gemacht“ eher immer noch ein Arbeitstitel. Das Schöne an diesem Zitat von Fehlfarben ist, dass es gleichzeitig auch Elemente von postmodernem Geschichtsverständnis und einen großen Hauch Popkultur enthält.

Abdecken soll die Einheit den Zeitraum ab dem Zweiten Weltkrieg und sich bis etwa 1990 orientieren. Warum diese Zeitspanne? Einerseits ist es sicherlich schon schwer genug diesen Zeitraum von fast 45 Jahren sinnvoll in einer Einheit abzubilden. Der Anspruch der Einheit ist nicht Vollständigkeit, sondern dass SuS sich die Fähigkeiten aneignen Zeitgeschichte in ihr Geschichtsbewusstsein zu integrieren und sich in den diversen Formen der Darstellung orientieren zu können. Andererseits ist es zum jetzigen Zeitpunkt noch zu keiner ausreichend ausgereiften Ausdeutung der 90er Jahre und danach gekommen – Schonfristen und Aktenverwahrzeiten werden erst in einigen Jahren auslaufen.

Anforderungen:
Einerseits sollte ja Portfolioarbeit auf einer sehr individuellen Basis passieren, andererseits ist es ein weiteres Ziel die SuS, die sich mit ihrem Hochschulqualifizierenden Abschluss verabschieden, an Methoden und Formen wissenschaftlichen Arbeitens heranzuführen. Daher sind die Inhalte der Portfolios eher frei, ihre Form jedoch nicht.
So soll jedes Portfolio, neben den für das Portfolio als Arbeitsmittel typischen Inhalten wie etwa der Brief an den Leser, mindestens folgendes beinhalten:
1 Rezension – etwa von einem Essay zu dem gewählten Thema
3 Quellenbeschreibungen – diese können auch als Grundlage zur weiteren Quellenanalyse und Quellenkritik genommen werden
1 Quellenanalyse
1 Quellenkritik
1 Essay zu einem popkulturellen Inhalt
1 Ergebnisprotokoll von einer Unterrichtsdiskusion
eine Bibliographie, die sich bei der Arbeit schnell ergibt und dann noch in Form gebracht werden muss, hierbei sind auch Titel zulässig, die interessant erscheinen, aber nicht bearbeitet werden konnten ~15 Titel, so dass man einmal eine Bibliographie von mittlerem Ausmaß erstellt hat.
Edit: Nach evtl berechtigter Kritik würde es hier Sinn machen, den Umfang zu kürzen, es erscheint sowieso utopisch neue Textformen zu erlernen, hier wäre also weniger vielleicht mehr.

Der restliche Inhalt ist dann wieder so frei, wie die Form des Portfolio das zulässt.

Struktur:
Wie eingangs erwähnt, ist es Ziel das Portfolio parallel zum Unterricht zu erstellen. Hierbei wird, abhängig von den Inhalten im Unterricht jeweils eine Stunde oder eine Doppelstunde der Woche für die Arbeit am Portfolio freigestellt. Der Lehrer bietet zu diesen Zeiten Beratung an und kann Zwischenergebnis mit den SuS evaluieren. Diesen Besuch beim Lehrer könnte man evtl auch zu einer Pflicht machen, was ich aber für ungut halte. Ansonsten sind die SuS dazu angehalten sich lose nach Interesse zu organisieren, jede zweite Woche wird im Unterricht Zeit für den Austausch zur Verfügung gestellt, wo die Schüler im Plenum oder in Kleingruppen ihre Arbeitsschritte erläutern und von „kritischen Freunden“ Rückmeldung er halten. Es soll bewusst regelmäßig gewechselt werden, so dass jeder Schüler sein Projekt auch jedem anderen Schüler erläutert hat. Hierbei kommt es dann hoffentlich zu Effekten, wie verschiedener Kritik, neuen Erkenntnissen durch Diskussion und Erkennen von Zusammenhängen zwischen verschiedenen Themen.
Diese Form von loser Zusammenarbeit ist bewusst gewählt, da das Portfolio individuell und nicht als Partnerarbeitsergebnis erarbeitet werden soll – eine enge Zusammenarbeit zu einem gemeinsamen Thema ist aber nicht ausgeschlossen.

Angedachtes Endergebnis und Lernziele:
Gewünscht ist als Ergebnis der Arbeit, dass die SuS am Ende ihr Portfolio vorstellen und anhand ihrer Arbeit beschreiben können, warum der von ihnen bearbeitete Schwerpunkt für sie interessant ist und inwiefern dieser für sie und ihre Mitschüler auch Relevanz besitzt. Dies wäre dann auch der fachliche Anspruch an die mündliche Prüfung: die SuS sollen Zusammenhänge erkennen, beschreiben und ausdeuten können.
Es ist nicht das vorrangige Ziel, dass Schüler Experten in ihrem gewählten Gebiet sind. Viel mehr sollen sie an dem Thema exemplarisch gelernt haben, wie vielschichtig ein Thema im Fach Geschichte sein kann. Sie sollen Eigenverantwortung lernen und eine Arbeitsweise kennenlernen, die weniger Frontalunterricht gleicht, sondern ihnen eine Annäherung an Arbeit im universitären Umfeld nahebringt. Auch ein Portfolio, das fachlich nicht so tief wie ein anderes geht, ist ein Erfolg, solange der Schüler die Problematik und die Komplexität der Arbeitsweise begriffen hat. Selbstreflexion und Selbstkritisches Denken sind also auch Lernziele.

Daher bietet es sich erst recht an, die Einheit zum Ende der Schullaufbahn anzulegen. Die SuS können auch aus einem scheinbar gescheiterten Projekt lernen und fachliche Defizite müssen nicht wieder aufgearbeitet werden.

Edit: Insgesamt wäre das Ziel einen Zuwachs am reflektierten Umgang mit Methoden der Geschichtwissenschaft zu erzielen. Was hierbei zu bedenken wäre, ist zum einen die Ausgangssituation der Lerner – welche Fähigkeiten wurden zuvor erlernt – zum anderen die Frage, mit welcher Kompetenz der einzelne die Schule verlassen will/soll.
Entsprechend müsste auch die Anforderung angepasst werden. Wenn diese Überlegungen angestellt wurden ist es außerdem nötig, dass die Lerner in dem abgesteckten Feld selbstständig arbeiten können – also aber auch alle Arbeitsformen benutzt und ihren Nutzen verstanden haben – um die Kompetenz zu entwickeln, selbstständig im Feld arbeiten zu können.

Letzte Gedanken und persönlicher Aus- und Rückblick:
Wichtig ist es bei diesem Konzept das richtige Maß an Einmischung und Kontrolle, sowie Freiraum für Schüler zu finden. Die Lehrkraft muss als Berater für die Schüler einen Überblick über die Themen haben um gerade in der ersten Phase die losen Strukturen bündeln zu können, sodass SuS nicht ein Thema wählen, dass nicht in dem Maße bearbeitet werden kann, das die Schule zulässt.
Was wie eine lockere Begleitung wirkt, in der die Lehrkraft enstspannt die Füße hochlegen kann ist tatsächlich ein aufwendiges Projekt mit vielen Fallen, die beachtet werden sollten. Nichtsdestotrotz bietet dieser Unterrichtsentwurf eine Menge Potential für anspruchsvolle Arbeit und gute Ergebnisse, mit denen SuS auch tatsächlich etwas anfangen können.

Was mir an der Portfolio Arbeit gefällt, ist dass es nicht um Ergebnisse in Form von richtigen und falschen Antworten geht, sondern dass der Kompetenzerwerb im Vordergrund steht. Gerade im klassischen Geschichtsunterricht ist das Bild der Lehrkraft auch heute noch, dass von vorne in der Klasse mit dem Nürnberger Trichter Daten und Fakten in die Schülerköpfe gefüllt werden. Der Lehrer ist Experte und die Schüler müssen halt belehrt werden.
Im Portfolio hingegen lernen die Schüler einen ganz eigenen Zugang zu einem Thema, dass sie interessiert und werden dann in der individuellen Arbeit mit Problemen konfrontiert, die stumpfes Geschichtsbuch lernen nie aufzeigt. Im hermeneutischen Zirkel  werden SuS immer mehr selbst zu Experten, immer mit dem Hintergedanken, dass man nie alles weiß.

Insgesamt erscheint mir die Idee von Portfolio Arbeit im Unterricht interessant, doch auch schwierig. Eine Umsetzung wie oben skizziert mag zwar möglich sein, doch für andere Klassenstufen müsste man den Umfang und die Komplexität noch einmal runterbrechen.

Was ich auf jeden Fall versuchen würde, ist einzelne Einheiten „portfolio-artig“ zu gestalten, das heißt einzelne Themen mit zusammenhängenden Aufgaben bearbeiten zu lassen, die gesammelt werden, um Synergieeffekte zu erzielen und eigenständige Arbeit zu erzielen.

Für mich habe ich gelernt, dass Arbeit mit Portfolios eine Möglichkeit darstellt Schülern Verantwortung und Individuelle Arbeitsmöglichkeiten zukommen zu lassen. Die ewige Frage der Benotung, die sich mir anfangs noch oft stellte ist in den Hintergrund gerückt. Lernprozesse und Kompetenzerwerb haben ja nichts mit externer Bewertung zu tun. Nicht die Arbeit im Portfolio soll benotet sein, sondern, was man an Erfahrung aus ihr mitnimmt. Daher wäre es mir wichtig, dass ein Portfolio zwar stets als Antrieb genommen wird und der Arbeit eine Struktur gibt, die den Schülern hilft Zusammenhänge zu finden, doch auch immer klar ist, dass die Struktur des Portfolio beim Lernen helfen soll.

Ich wäre bei der Ausführung der Ideen auch darauf gespannt, welche Verhältnisse zwischen Lernenden und Lernbegleiter entstehen, wenn der Lehrer das Zepter des Expertentums und der Autorität aus der Hand gibt.

Das vielleicht größte Problem ist, dass es mir, ohne konkrete Situation, irgendwie schwer fällt auf eine theoretische Situation zu kommen, die ich als portfolioarbeit bearbeiten lassen kann. Da ist das Problem, dass ich wohl versuche das Pferd von hinten aufzuzäumen. Auch nach dem Lesen von Beispielen und den grundsätzlichen Texten u.a. von Winter oder Häcker ist mir das Prinzip von Portfolioarbeit – gefühlt – klar, doch selbst zur Anwendung zu kommen fällt schwer. Der Begriff Portfolio ist wahrscheinlich in diesem Blog auch noch zu starr als Überbegriff für Dinge gewählt, die ich selbst evtl verstanden aber noch nicht begriffen habe.
Die selbstreflexive Komponente, die ich mir für die Schüler – in Prozessen, die ich selbst durchlaufen habe – andenke, ist mir selbst für das Thema ohne konkrete Versuche – mit viel trial and error – schwer vorzustellen. Die wahren Fallstricke sind ja die Probleme, an die ich nicht denke.

Edit nach der Präsentation:
Natürlich ist der Einwand berechtigt, dass das angedachte Projekt ein bisschen zwischen klarer Bekenntnis zum Thema und klarem Hang zur wissenschaftlichen Methode schwebt. Ein Fokus und eine Verjüngung zu einem der Schwerpunkte wäre für die Schule sicher wünschenswert. Kompetenzen sollten die Schüler bereits erworben haben, die Einheit ist eher ein Schaulaufen, mit minimal gehobenem Anspruch in Richtung Hochschule. Wirklich wichtig ist eigtl der Gedanke, das die Schüler reflektiert und selbstständig ihre Kompetenzen – vielleicht auch ein letztes mal – anwenden, also eine Art Autonomie im Feld Geschichte erreichen. Die Form Portfolio ist hierbei nicht mehr dazu da, einzelne fachliche Fähigkeiten zu vermitteln, sondern um eine strukturelle Metaebene zu geben. Dies sollte in der Einheit natürlich transparent dargestellt sein.

 

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Ein Kommentar zu Das (vorläufige) Endergebnis

  1. Auceza sagt:

    Hallo!!!
    Ich bin es nochmal. 😀

    Insgesamt sieht das schon sehr interessant aus, was Du da ausgearbeitet hast.
    Vielleicht habe ich es einfach nur nicht finden können, aber was ist eigentlich die genaue Definition von SuS???

    Ich bin keine Pädagogin und kann inhaltlich wenig dazu formulieren, ob die angedachte Struktur des Unterrichts sinnvoll ist oder nicht.
    Zumindest liest es sich sehr schön. 🙂

    Für mich stellt sich die Frage, ob nicht auch die Leistungsanforderungen etwas flexibler gestellt werden können, möglicherweise etwas mehr am Thema orientiert.
    Es ist nicht immer sinnvoll eine Bibliographie zu erstellen oder einen Essay zu schreiben.

    Vielleicht sollte auch diesbezüglich der Portofolio-Gedanke stärker berücksichtigt werden, indem beispielsweise eine bestimmte Punktzahl erreicht werden muss und jedem vorgeschlagenen Arbeitsprozess Punkte zugewiesen werden.
    Unter Umständen wäre es auch sinnvoll, sich ein wenig mit Teamarbeitsmodellen skandinavischer Unternehmen und den dort gewonnen Erfahrungen (z.B. bei Volvo) in diesem Zusammenhang zu befassen.

    Es wäre meines Erachtens sehr wünschenwert, wenn das Internet als neuartiges Leitmedium besondere Beachtung erfahren könnte.
    Dies kann beispielsweise durch Internetrecherchen gewährleistet werden oder durch die Auswertung beziehungsweise das Schreiben von Kommentaren in Foren.
    Es gibt da sehr viele Möglichkeiten, welche einmal angedacht werden könnten. Immerhin sieht es gegenwärtig so aus, dass die Fähigkeit im Umgang mit den Möglichkeiten des Internets entscheidend für die Medienkompetenz von morgen ist.

    Fröhliche Grüße, Deine Auc

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