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Barrierefreie Zukunft für Migranten in Deutschland? -Sozialisation von Migranten – Die Milieutheorie

Teil eines jeden Erziehungswissenschaftstudiums ist das Kennenlernen von pädagogischen Grundbegriffen. Unumgänglich ist dabei der Begriff der Sozialisation. Geprägt von Emile Durkheim, bedeutet Sozialisation allgemein die „Vergesellschaftung“ und somit die Integration des Menschen in die Gesellschaft (Marotzki, Krüger 2009, S.127). Dabei ist Sozialisation Bestandteil der Erziehung. Sie dient der Entwicklung einer eigenen Identität, abhängig vom gesellschaftlichen und materiellen Umfeld.

Wir wollen den Einfluss des sozialen Umfelds auf den Prozess der Eingliederung in die Gesellschaft im Folgenden nun näher beleuchten, wobei im Zentrum unserer Betrachtung die Sozialisation von Migranten in die deutsche Gesellschaft stehen soll.

Die Rolle des sozialen Umfelds wird durch die Milieutheorie, vorrangig von Karl Mannheim dargestellt. Zunächst wird in dieser ausgesagt, dass jedes Individuum einem Milieu angehöre, dessen es sich jedoch nicht explizit bewusst sei (Marotzki, Krüger 2009, S. 133). Hier müssen wir als Erstes Einharken, wie sich denn ein Milieu  definieren lasse? Ein Milieu „beschreibt die soziale Umgebung in der ein Individuum aufwächst und lebt“ (http://uni-protokolle.de). Menschen, die demselben Milieu angehören, haben in der Regel den gleichen Lebensstil, die gleichen Wertvorstellungen, die gleichen Gewohnheiten oder auch ein gemeinsames „milieuspezifisches Wissen“ (Marotzki, Krüger 2009, S. 133).

Wenn dieser Begriff jedoch Verwendung in unserem Alttag findet, dann meistens wenn es um die negative Auslegung von Milieus geht. Etwa wenn die Rede von bildungsfernen Familien oder gar Gruppierungen ist (http://bpb.de). Hierbei spielt nicht allzu selten das Vorurteil mit herein, dass besonders Migranten aus bildungsfernen Familien stammen würden. Fragen wir uns aber erst einmal, warum und wie soziale Milieus überhaupt entstehen. Die deutsche Gesellschaft ordnet einem jeden Menschen eine bestimmte soziale Klasse zu, welche durch Anpassungsprozesse an die Lebensbedingungen in denen man sich befindet, entstehen (http://bpb.de). Zu den Indikatoren gehören dabei das ökonomische Kapital, Bildungskapital und das soziale Kapital. Die Ungleichverteilung dieser Kapitalarten begründet das Entstehen von Klassen und im weiteren Sinne von Milieus. Es sollte allerdings nicht Vergessen werden, dass vor allem auch Religion, politische und moralische Vorstellungen zu einer Herausbildung unterschiedlicher Milieus führen (http://bpb.de).

Eine postindustrielle Gesellschaft ist geprägt von diversen Denk- und Lebensweisen (http://bpb.de). Da scheint es doch normal zu sein, dass die Mentalitäten der Bevölkerungsgruppierungen weit auseinander gehen. Nach der Milieutheorie von Marotzki und Krüger führt dies meist dazu, dass wenn Menschen unterschiedlicher Milieus aufeinander treffen, es passieren kann, dass ohne Klärung der gegenseitigen Vorstellungen es zu Unverständnis kommen könnte (Marotzki, Krüger 2009, S.133). Dies sollte gerade in einer postindustriellen und damit postmodernen Gesellschaft aber nicht der Fall sein. Wäre es daher nicht wünschenswert, wenn ein relativ homogenes System von Werten und Normen bestehen würde? Sozialisation entsteht durch  Rollenerwartungen und Interaktionsprozesse. Diese werden klar durch das Milieu, in dem man sich befindet, bestimmt. Daher ist es für Migrantenkinder, die oftmals noch zu einem sehr traditionell familiär geprägten Milieu gehören schwierig, sich daraus zu lösen, um sich mit deutschen Wertvorstellungen identifizieren zu können. Denn gerade hier ist es stark ausgeprägt, dass Milieus mehrdimensional sind und sich die Erfahrungsdimensionen, nämlich die des familiären Milieus und die der öffentlichen Erwartungen überlagern. Interessant ist also nun, wie die Jugendlichen diesen häufig großen Zwiespalt bewältigen. So sprechen Marotzki und Krüger davon, dass vor allem in den Milieus der Migranten „Risse“ entstanden wären, die aber wiederum Chancen ermöglichen, neue Milieus zu bilden (Marotzki, Krüger 2009, S.134). Zum Beispiel, indem durch Desintegration aus bestimmten Milieus Neue entstehen, in denen Migranten und Nicht-Migranten Gemeinsamkeiten finden könnten.

Ist dies noch eine Traumvorstellung oder bereits im Aufbruch? Können wir schon davon sprechen, dass Migranten gleichberechtigt in die Gesellschaft eingegliedert wurden? Dass sie die gleichen Chancen haben, die von ihnen angestrebte Zukunft zu erreichen?

Migranten stehen meistens, wie schon angedeutet, zwischen zwei Sphären. Einmal die innere Sphäre und zum Anderen die äußere Sphäre. Erstere umfasst die Erwartungen der Familie, letztere die Ansprüche der Gesellschaft und die Beziehung zur Gesellschaft (Nohl 2001, S. 249). Das Problem der Zweigeteiltheit wird von den jugendlichen Migranten mit der Adoleszenz bewältigt und es bilden sich Milieus, die typisch für junge Migranten sind (Nohl 2001, S. 250).

Arnd Michael Nohl unterscheidet in seiner Studie, in der er Migranten aber auch Einheimische befragt und in Gruppen eingeteilt hat, drei Typen, welche sich in der Bewältigung des angesprochenen Problems unterscheiden.

Zum Einen der „Typus der Sphärenfusion“ bei dem beide Sphären innere und äußere vereint werden. Problematisch dabei sei aber die hohe Diskrepanz zwischen diesen beiden Sphären (Nohl 2001, S.250 f.).

Der Typus „Primordialität der inneren Sphäre“ trennt die innere strikt von der äußeren Sphäre. Die Innere tritt in den Vordergrund, welche das Verhalten der Jugendlichen bestimmt, wodurch sie teilweise versuchen, sich den Werten und Normen der äußeren Sphäre zu entziehen (Nohl 2001, S. 251). Trotzig werden äußere Gegebenheiten bewertet nach dem Motto „so ist es nun einmal“ (Nohl 2001, S. 252). Primär stehen die Erwartungen der Eltern im Vordergrund.

Als dritte Möglichkeit diesen Zwiespalt zu bewältigen, bleibt noch das Konstruieren einer dritten Sphäre. In diesem Fall distanzieren sich die Jugendlichen sowohl von der inneren als auch von der äußeren Sphäre. Halten die Ansichten der Eltern für veraltet, die Ansichten der Gesellschaft aber ebenso für nicht akzeptabel (Nohl 2001, S. 252f.).

Wir wollen nun noch betrachten, welche eventuellen Unterschiede es zwischen Einheimischen und Jugendlichen aus Migrantenfamilien gibt im Bezug darauf, wie Sozialisation jeweils empfunden wird. Grundsätzlich ist in beiden Gruppierungen zu beobachten, dass die familiäre Seite der primäre Einflussfaktor ist (Nohl 2001, S. 253). Das Verhalten in der Öffentlichkeit ist bei Jugendlichen aus Deutschland häufig geprägt durch Zweckrationalität (Nohl 2001, S. 254). Sowohl bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund als auch bei einheimischen Jugendlichen gibt es allerdings auch Gruppierungen, die die gesellschaftlichen Institutionen als fremdbestimmend empfinden (ebd.).

Obwohl die Art der Sozialisation durch Institutionen also auch von einheimischen Jugendlichen teilwiese kritisch gesehen wird, fällt es dennoch den Jugendlichen aus migrationsgelagerten Milieus besonders schwer, sich diesen vermittelten gesellschaftlichen Normen anzunehmen. Denn sie werden im besonderen Maße von einem Erwartungskonflikt begleitet, der weder von den Eltern noch von den öffentlichen Institutionen aufgefangen wird. Da weder die eine noch die andre Seite in Kommunikation tritt (Nohl 2001, S.255).

Werden also familiäre Hintergründe in Kindergarten, Schule oder Ähnlichem nicht berücksichtigt, dann kommt es häufig spätestens in der Adoleszenzphase verstärkt bei Migranten zu einer Krise einhergehend mit Frustration. Diese entsteht zum Beispiel dadurch, dass die Jugendlichen Verzweifeln, weil sie mit Problemen auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert sind. Zum Ausdruck kommt diese Frustration dann zu Teil durch „ abweichendes Verhalten“ (Nohl 2001, S.256). Das diese Frustration aber nicht unbedingt dem Migrationshintergrund geschuldet ist, sondern tiefergehende Gründe hat, nämlich das Migranten einem starken Milieukonflikt unterliegen, der weder von den Vertretern der inneren noch der äußern Sphäre berücksichtigt wird, wird nicht bedacht. Würde stattdessen diese Diskrepanz die die Kinder der Migranten, zuerst schon im Kindergartenalter erfahren, früh genug verstanden werden und ein entsprechender Umgang gefunden werden, die auch die Normen des familiären Milieus berücksichtigen, dann käme es gar nicht erst zu einer Krise. Am Ende der Adoleszenz folgt schließlich die Reorientierungsphase (Nohl 2001, S.257). Erst in dieser Zeit werden Probleme der Milieudiskrepanz bewältigt. Neue Zukunftsplanungen sind ebenfalls Folge der Reorientierungsphase.

Aber sind diese Pläne überhaupt barrierefrei? – um zu unserer Eingangsfrage zurück zukehren. Nicht verleugnen können wir, dass Migranten bei der Jobsuche häufig Schwierigkeiten haben. Dies, wie ausgeführt, lässt sich wohl am Ehesten darauf zurückführen, dass Migranten häufig in ihren familiären Milieus „feststecken“ und öffentliche Institutionen keine Hilfestellung leisten, aus diesen Strukturen hinauszubrechen, sondern vielmehr die Jugendlichen in einen Zwiespalt drängen. Es entstehen Krisen, die sich mitunter in eben „abweichendem Verhalten“ äußern (Nohl 2001, S.256). Dieses Bild, man kann denke ich durchaus von einer Minderheit sprechen, erscheint aber vor den Augen eines Arbeitgebers, wenn er die Bewerbung eines Migranten erhält. Typisch „Türke“, „Russe“, „Araber“ und so weiter hört man aus vielerlei Mündern. Wie also sollen Migranten aus ihren Milieus herausbrechen können, sich integrieren können, wenn sie in Anderen nicht erwünscht sind? Oder nur Vorurteilen und Diskriminierung begegnen. Nicht umsonst erhält Arnd Michal Nohl in seiner Studie die Aussage: „man wird immer konfrontiert … dass man immer Türke is“ (Nohl 2001, S.263).

Jugendliche mit Migrationshintergrund leben, um das Vorrangegangene noch einmal abschließend zusammenzufassen, in mehrdimensionalen Milieus, die vor allem durch die soziale Herkunft und dem Bildungsstand ihrer Mitglieder geprägt sind (Marotzki, Krüger 2009,  S.134). Dies in Einklang zu bringen, ist eine bisher kaum zu bewältigende Hürde, zumal es wenig Möglichkeiten der Unterstützung gibt.

Wie aber sollte sich die Gesellschaft dahingehend verändern, dass auch Migranten eine barrierefreie Zukunft haben können? -In einer Gesellschaft die eigentlich von sich behauptet tolerant zu sein. Wie kann es Migranten daher erleichtert werden, aus ihren Milieus auszubrechen, um sich mit der deutschen Gesellschaft sozialisieren zu können und sich nicht in ihren eigenen Reihen sprich Milieus verstecken und Milieuneubildungen nur wieder unter Migranten selbst erfolgen?

Klar ist, dass die von unserer Gesellschaft beschworene Toleranz nicht über unsere Vorstellungen im eigenen Milieu hinaus gehen. Dennoch ein gewisses Verständnis für andere Milieus besteht durchaus und daher wird es auch weitestgehend akzeptiert, dass viele unterschiedliche Milieus bestehen. Eine Pluralitätstoleranz besteht daher (Nohl 2001, S. 268). Das Problem ist demnach weniger die Vielfältigkeit der Milieus, sondern vielmehr, dass wir uns damit schwer tun, die andere Seite nicht Verstehen zu können. Das dies aber durchaus sein kann und es daher manchmal einfacher wäre dieses Nicht-Verstehen des Fremden anzunehmen, um daher trotzdem in Kommunikation treten zu können, wäre ein durchaus produktiver Schritt in die richtige Richtung. So wird die andere Seite nicht abgelehnt allein deshalb, weil sie eine andere Ansicht vertritt, die man nicht Verstehen kann.

Wünschenswert wäre es daher und dies sollte vor allem in der Erziehungswissenschaft verfolgt werden, dieses Verständnis zu fördern, dass es einfach manchmal so ist, dass man bestimmte Lebensauffassungen nicht verstehen kann (Nohl 2001, S.268). Dies wäre auch ein große Hilfe, es Migranten leichter zu machen, sich in die einheimische Gesellschaft zu integrieren. Denn nur der Dialog zwischen Einheimischen und Migranten kann zum Aufbrechen festgefahrener milieuspezifischer Ansichten führen und dadurch das Leben und die Zukunft eines jugendlichen Migranten in Deutschland deutlich erleichtern, da er weniger im Zwiespalt der Milieus stände.

 

Quellen:

Marotzki, W., & Krüger, H. – H. (2009): Einführung in die Erziehungswissenschaft. Einführungstexte Erziehungswissenschaft / hrsg. von Heinz-Hermann Krüger, Bd. 1. Stuttgart: Budrich.(Kapitel 4.4)

Nohl, A.-M. (2001): Migration und Differenzerfahrung. Junge Einheimische und Migranten im rekonstruktiven Milieuvergleich. Opladen: Leske und Budrich (= Forschung Erziehungswissenschaft Bd.112).(Kapitel 6)

http://www.bpb.de/apuz/29429/soziale-milieus-eine-praxisorientierte-forschungsperspektive?p=all [05.08.2012]

http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Soziales_Milieu.html [05.08.2012]

 

 

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