Ziele und Forderungen der Initiative „Keine Bildung ohne Medien!“

Die Initiative „Keine Bildung ohne Medien“ ist ein Netzwerk aus engagierten Einzelpersonen und Institutionen, die eine „breitenwirksame, systematische und nachhaltige Verankerung von Medienpädagogik in allen Bildungsbereichen der Gesellschaft“ anstreben.

Medienpädagogisches Manifest 

Die Initiative fordert den Schritt, aus den Versuchsstadien zeitlich und örtlich begrenzter Modellprojekte heraus zu kommen und flächendeckend, in der Breite, vom Bund aus geleitet Medienpädagogik zu fördern. Wichtig ist eine größere Nachhaltigkeit und eine längerfristig angelegte strategische Planung. Dringend erforderlich sind mehr Personal und finanzielle Unterstützung für den Aufbau medienpädagogischer Infrastrukturen. Es sollen nicht nur Schulen, sondern auch Kindergärten, Hochschulen, Bildungseinrichtungen für Erwachsene und Senioren, außerschulische Organisationen für Kinder- und Jugendarbeit und Familien in Medienbildung einbezogen werden.

Die fünf Forderungen sind:

• Medienpädagogische Programme schon im Elementarbereich, Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendliche

• Bildungsstandards für Medienkompetenz in allen Schulformen

• pädagogische Angebote für Kinder und Schüler mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Milieus

• verpflichtende medienpädagogische Grundbildung als Teil jeder pädagogischen Ausbildung

• Grundlagenforschung in der Mediensozialisation und Praxisforschung

Medienpädagogischer Kongress 2011 in Berlin

Bisher größte medienpädagogische Veranstaltung in Deutschland mit über 400 Fachleuten in 13 Arbeitsgruppen. Die Arbeitsgruppen teilten sich auf, in u.a.: Medienbildung für verschiedene Alters- und Sozialklassen (Kleinkinder und Eltern, Schulkinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren, Inklusion, Integration, Hochschule), Forschung, aktive Medienarbeit, Computerspiele und Pädagogik. In einer zwanzigseitigen Broschüre werden die Forderungen und Umsetzungen der Initiative KBoM zusammengefasst.

Bund soll möglicherweise Kooperationsverbot der Länder im Bildungsbereich aufheben. Internationaler Vergleich: Nirgends ist die Diskrepanz zwischen der hohen privaten und der niedrigen schulischen Nutzung digitaler Medien so groß wie in Deutschland.

Es gibt sehr viele unterschiedliche Initiativen, aber keine flächendeckende Programme und keine bundesweite Einigung für technische Standards.

 

Resonanz auf KBoM-Forderungen und –Vorschläge

Empfehlungen der Arbeitsgruppe „Digitale Kompetenzen“, Bundeskanzleramt (2012)

–       Medienkompetenzförderung darf nicht eine einzelne Aufgabe der Kommunen und Länder sein, sondern muss von der Bundesregierung zentral gesteuert werden. Notwendig ist ein arbeitsteiliges Vorgehen. Nur wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, kann die nachhaltige und alle Gesellschaftsbereiche umfassende Förderung von Medienkompetenz stattfinden.

–       Bisher können zukünftige Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter eine Ausbildung absolvieren, ohne im Bereich Medien ausgebildet zu werden. Die Arbeitsgruppe schlägt eine obligatorische „medienpädagogische Grundbildung aller Fachkräfte in pädagogischen Studien- und Ausbildungsgängen“ vor. Zuvor soll eine Bund-Länder-Studie zum IST-Zustand durchgeführt werden.

Empfehlungen aus der Enquetekommission Internet des Deutschen Bundestages, Projektgruppe „Bildung und Forschung“ (2012)

Neben der verpflichtenden medienpädagogischen Ausbildung müssen ebenso die Inhalte der Medienbildung an den Schulen, Kindergärten etc. entwickelt werden. Medienbildung setzt dabei nicht erst beim Eintritt in die Schule, sondern schon im frühkindlichen Alter ein. Auch Eltern und Familien sollen in die Medienbildung einbezogen werden. Für die Schule sind analog zu den anderen Schulfächern Mindeststandards im Bereich der Medienkompetenz auszuarbeiten. Medienbildung sollte darüberhinaus in den Bildungsplänen und Prüfungen aller Fächer verankert werden. Eigens berücksichtigt werden sollen Menschen mit Behinderungen und sozial Benachteiligte.

Die Kommission Internet stimmt der Initiative KBoM zu und erweitert den Kreis der medienpädagogisch Auszubildenden auf Hochschullehrer, Bibliothekare, Pädagogen in der Jugendarbeit, Erzieher und Sozialarbeiter

Koalitionsvertrag des Deutschen Bundetags zum Thema Medienbildung, Februar 2014

In Zukunft werden weiterhin nur einzelne zeitlich begrenzte Projekte unterstützt und lediglich technologische Infrastrukturen gestärkt. Maßnahmen zu einer breitenwirksamen Strukturförderung sind im Koalitionsvertrag für die Initiative KBoM nicht zu erkennen. Stattdessen soll der Informatikunterricht in der Grundschule ausgebaut werden mit der Begründung, die digitale Wirtschaft brauche starke Fachkräfte. Auch für die Forschung im Bereich der Medienaneignung ist keine Gesamtstrategie erkennbar.

 

Kritik am Medienpädagogischen Manifest

Guido Brombach, Diplom-Pädagoge in der Erwachsenenbildung, reagierte auf die Veröffentlichung des Manifests mit einem Blogeintrag und mobilisierte zu einer Gegenveranstaltung am zweiten Tag des Kongresses. Er sah den Schwerpunkt zu stark auf die Einrichtung eines Unterrichtsfaches Medienkompetenz gelegt und war der Meinung, dass die Veränderung der Bildungsprozesse durch Medien in der Diskussion zu kurz kam. (http://www.dotcomblog.de/abrechnung-mit-keine-bildung-ohne-medienpadagogik/)

Allgemeine Kritik

In einem Vortrag von 2010, gehalten am Seminar für Grundschulpädagogik der Universität Potsdam, weist Georg Rückriem (*1934), em. Professor für Systematische Pädagogik, daraufhin, dass der Medienbegriff besonders in den Erziehungswissenschaften und besonders von Lehrern noch zu häufig im Sinne eines bestimmten Unterrichtsmittels verstanden wird. Lehrer gehen noch viel zu häufig davon aus, dass mit Medienpädagogik der Einsatz von bestimmten Geräten gemeint ist, deren reibungslose technische Bedienung zu erlernen sei.(http://shiftingschool.files.wordpress.com/2010/11/ruckriem_medienbegriff.pdf)

Wie stehe ich zum Medienpädagogischen Manifest/zur Initiative allgemein?

Von außen als Neuling betrachtet ist der Initiative nichts anzulasten und es ist nicht direkt zu erkennen, dass der Begriff Medium aus medienwissenschaftlicher Perspektive nicht ganz korrekt verwendet wird wie Guido Brombach dies in seinem Blog anmahnt.

Vergleicht man die Entwicklung des Leitmedienwechsels vom Buch zum digitalen Medium jedoch mit dem Stand der Initiative KBoM und der Politik, so mag es verwundern, dass viele Forderungen nur Forderungen sind und nicht längst in die Tat umgesetzt wurden. Angesichts der beschriebenen Zustände in deutschen Schulen bedarf es nicht nur einer Verankerung der Problemstellung in Politik und Gesellschaft, sondern es bedarf akuten Handelns in größerem Maßstab und kürzeren Zeiträumen. Medienpädagogische Ausbildung für oben genannte Berufe, Fortbildungen für Lehrer, veränderte Lehrpläne dies alles sollte nicht mehr nur optional, sondern verpflichtend für alle stattfinden.

 

Alexander Unger: Virtuelle Räume und die Hybridisierung der Alltagswelt (Exzerpt)

Der in fünf Abschnitte gegliederte Aufsatz „Virtuelle Räume und die Hybridisierung der Altagswelt“ von Alexander Unger wurde 2010 in dem von Petra Grell, Winfried Marotzki und Heidi Schelhowe herausgegebenen Band „Neue digitale Kultur- und Bildungsräume“ veröffentlicht.

Einleitung

Bei sozialwissenschaftlichen Fragestellungen kann die Auswirkung digitaler Medientechnologie auf die soziale Lebenswelt und auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung nicht mehr ausgeklammert werden. Neue Medien und softwarebasierte Umgebungen sind konstitutiv in unserem alltäglichen Handeln verankert. Im Unterschied zu den überkommenen Massenmedien gesellt sich zu unseren realen, materiell wahrnehmbaren Räumen eine virtuelle Sphäre. Der Aufsatz stellt die These auf, dass „eine neue Stufe der Vermischung von real-materiellen und virtuell-softwarebasierten Räumen eingesetzt hat“.

Zur Konstitution der Wissensgesellschaft

Neben der herkömmlichen Bedeutung von Wissen innerhalb gesellschaftlicher Reproduktion und individueller Persönlichkeitsentwicklung erhält der Begriff Wissen mit der Entwicklung digitaler Medien eine neue Bedeutung. Wissen steht neuerdings auch für die Fähigkeit, auf einen beschleunigten Wandel adäquat zu reagieren. Der Wandel wird durch zwei sich gegenseitig bedingende Komponenten, die Globalisierung und Verbreitung neuer Medientechnik, vorangetrieben. Die Transformation umfasst nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch den privaten Bereich.

Hybridisierung als Signum der postindustriellen Gesellschaft

Unger rezipiert das Ende der 1990er Jahre von Donna Harraway geschriebene Manifest „Die Neuerfindung der Natur“. Eine der Thesen Harraways ist, dass sich die klassischen Gegensatzpaare des westlichen Denkens in Auflösung befinden. Dualistische Unterscheidungen wie Mensch – Tier, natürlich – künstlich oder Mensch – Technik lassen sich nicht mehr eindeutig vornehmen. Sie schlägt vor, mit einem neuen Subjektbegriff zu experimentieren, der ohne das Konzept der natürlichen Unversehrtheit und Ursprünglichkeit auskommt und Technik nicht als Verletzung des Subjekts wahrnimmt. Der neue Subjektbegriff versteht den Körper als hybrid, in dem Sinne, dass eine „zunehmende Verschmelzung des menschlichen Leibs mit neuen Technologien“ hergestellt wird. Die Vermischung vollzieht sich gleichermaßen in Arbeits-, Alltags- und Sozialbereichen.

Hybride Räume in der Alltagswelt

Unger unterscheidet zwei Formen hybrider Räume. Zum einen die Technik basierte Hybridisierung, zum anderen die vom Individuum generierte. Erstere wird häufig als „augmented reality“ bezeichnet. Hier findet lediglich eine kontextgebundene Anreicherung der real-materiellen Welt häufig über das Visuelle statt (z.B. Google-Maps). Bei der Ausbildung einer subjektiven Erfahrungswelt spielt die Aneignung unter anderem von medialen Räumen eine große Rolle. Virtuelle Räume können als genauso bedeutungsvoll zum eigenen Erfahrungsschatz hinzugefügt werden. Virtuelle Räume werden nicht nur konsumiert, sondern in ihnen kann genauso wie in der real-materiellen Welt agiert und produziert werden.

Zur Räumlichkeit der Lebenswelt

Bei der Vermischung der Lebenswelten spielen nicht die Technologie und bestimmte Softwareformate die entscheidende Rolle, sondern die persönliche Fähigkeit, in den eigenen Lebensräumen selbst Sinn zu stiften. Diesen Ansatzweg hat bereits Martin Heidegger (1889–1976) in seiner Daseinsanalyse „Sein und Zeit“ beschritten. Unger rezipiert Heidegger und geht davon aus, dass die Objektwelt nicht unabhängig vom Menschen besteht. Auch die Vorstellung von Raum und Räumlichkeit wird vom Subjekt geprägt. „Der lebensweltliche Raum ist nicht als objektiver gegeben, sondern er entsteht vielmehr über das individuelle Handeln und die Projekte, die in ihm verfolgt werden.“ Die Vorstellung vom Selbst ist nicht von objektiv messbaren Größen und Charaktereigenschaften geprägt, sondern von dem, was der Mensch sein will.

 

Jan-Hinrik Schmidt: Medienöffentlichkeit und Journalismus (Exzerpt)

„Medienöffentlichkeit und Journalismus“ ist das vierte Kapitel des Buches „Social Media“ von Jan-Hinrik Schmidt, erschienen 2013. Es befasst sich mit den unterschiedlichen Formen von Öffentlichkeit und der Wechselwirkung zwischen sozialen Medien und journalistisch bereitgestellten Inhalten.

Massenmediale Öffentlichkeiten

Massenmediale Öffentlichkeit unterscheidet sich von räumlich verortbarer Öffentlichkeit (z.B. in der U-Bahn, Mensa, Supermarkt) durch ihre immense Reichweite. Die massenmediale Öffentlichkeit wird durch Massenmedien wie Fernsehen, Rundfunk, Printmedien etc. generiert. Sie entsteht nicht zufällig, sondern ist abhängig von einem ausgefeilten System der Nachrichtenverarbeitung. Dahinter stehen Organisationen, Verlage, Anstalten mit vielen gut ausgebildeten Mitarbeitern, die in hochspezialisierter Teamarbeit auf modernste Technologien zurückgreifen können. Inhalte werden also nicht nach dem Zufallsprinzip, sondern nach ihrer Relevanz für eine möglichst große Zahl von Menschen ausgewählt. Gemeinsames Wissen über massenmediale Themen trägt nach Schmidt wesentlich für den Zusammenhalt einer Gesellschaft  bei. Er nennt diese Aufgabe die Themensetzungsfunktion der Massenmedien. Gesellschaftliche Verantwortung übernehmen die nachrichtenjournalistischen Massenmedien außerdem mit ihrem Anspruch, einen Gegenpol zur Regierung, zur Bürokratie und zur Rechtsprechung darzustellen. Sie schaffen eine Infrastruktur, innerhalb derer über Werte, Politik, gesellschaftliche Ziele kontrovers diskutiert werden kann. Bereits J. Habermas hat 1962 in „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ gezeigt, dass sich eine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft nur im Zusammenhang mit einer bestimmten Form von Öffentlichkeit hatte herausbilden können. Bis zur Erfindung der digitalen Medien musste die Gesellschaft das technisch begründete Defizit, dass Botschaften nur einseitig vom Sender zum Empfänger geschickt werden konnten, akzeptieren.

Das Internet und der Wandel von Öffentlichkeit

Mit der Erfindung des Internets wird der bisher überwiegend einseitige Informationsfluss vom (professionellen) Sender zum Empfänger nun rückläufig und kann sich zudem auch verzweigen (von Empfänger zu Empfänger, zu weiteren Empfängern und Sendern). Auch nicht-journalistisch ausgebildete Nutzer können jetzt innerhalb bestimmter Plattformen (sozialer Medien) Informationen verbreiten. Die Nutzer werden deshalb nicht zwangsläufig zu Journalisten, aber der Journalismus verliert seine Alleinstellung bei der Nachrichtenverteilung. Die Auswahl eines normalen Nutzers orientiert sich an seinen eigenen Vorlieben, ist also stark subjektiv geprägt, bei der Auswahl zählt Wahrhaftigkeit. Zudem ist die sprachliche Form häufig der Umgangssprache nachempfunden. Eine neue technische Infrastruktur wie Softwareprogramme und Internet-Plattformen helfen, die Menge der Informationen zu bündeln, lenken und verteilen. Es sind also nicht alle Informationen für jeden Menschen jederzeit verfügbar. Betreiber von Informationsdiensten legen fest, welche Quellen aufgenommen und wie die Ergebnisse von Suchabfragen gestaltet werden. Algorithmen filtern häufig danach, wie oft andere Seiten auf die betreffende Seite verweisen oder ob die Seite in jüngster Zeit aktualisiert worden ist. Neben der Aktualität ist innerhalb der sozialen Medien  die soziale Nähe ein Hauptkriterium, das darüber entscheidet, ob eine Nachricht einen Nutzer erreicht. Die Anzahl der Kontakte bestimmt die Art und Anzahl der Mitteilungen. Diese Mitteilungsströme sind nicht nur zu bestimmten Uhrzeiten abrufbar, sondern ständig und zur gleichen Zeit, in der sie produziert beziehungsweise abgeschickt worden sind.

Medienöffentlichkeit erweitert sich im Hinblick auf das Auswählen und Filtern, das Aufbereiten und das Verbreiten von Informationen.

Kommunikation in vernetzten Öffentlichkeiten

Soziale Netzwerke schaffen eine vernetzte persönliche Öffentlichkeit. Diese setzt sich aus den verknüpften menschlichen Kontakten und den verknüpften Informationen (verknüpft über Kommentare, Links, Datenbanken) zusammen. Beides hängt voneinander ab. Je sorgfältiger ich soziale Kontakte im Internet pflege, desto schneller, leichter und gezielter komme ich an persönlich relevante Informationen. Dazu zählen ebenso journalistisch-redaktionelle Angebote. Wenn viele Nutzer gleichzeitig und unabhängig voneinander auf die selbe Seite verweisen, entstehen so genannte virale Effekte. Sie können sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben (Marketing-Strategie, Shitstorm). Im Unterschied zu herkömmlichen Massenmedien ist durch die Anschlusskommunikation an veröffentlichte Inhalte ein direkterer Austausch zwischen Journalisten und Nutzern entstanden

 

Jan-Hinrik Schmidt: Selbstdarstellung und Privatsphäre in sozialen Medien (Exzerpt)

„Selbstdarstellung und Privatsphäre in sozialen Medien“ ist das 3. Kapitel der 2013 erschienenen Monographie über „Social Media“ von Jan-Hinrik Schmidt, wissenschaftlicher Referent am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg. Das 3. Kapitel ist in folgende fünf Abschnitte aufgeteilt.

 Einleitung

Soziale Medien haben einen neuen Typ von Öffentlichkeit hervorgerufen. Aufgrund der schnellen Entwicklung konnten sich jedoch noch keine hinlänglichen und einigermaßen verbindlichen Verhaltensmuster und kulturelle Normen für diese neue Form der Öffentlichkeit ausbilden.

Persönliche Öffentlichkeiten

Bis zur Erfindung der digitalen Medien wurden Informationen mit großem technischen und personellen Aufwand aufbereitet (z. B. Zeitungs-, Nachrichtenfernsehredaktionen, Buchherausgabe mit Autor, Lektor, Verleger, Buchhandel etc.). Maßstab für die Auswahl einer Nachricht war deren Relevanz für ein möglichst großes, untereinander unverbundenes Publikum. Die technischen Voraussetzungen der Informationsweitergabe sind durch das Internet und dort besonders durch die sozialen Medien extrem vereinfacht worden. Infolge sind neue Formen von Öffentlichkeiten, persönliche Öffentlichkeiten, entstanden.

Sie unterscheiden sich in drei Merkmalen von journalistisch-publizistichen Öffentlichkeiten.

–       Inhalte orientieren sich nicht mehr an einer Allgemeingültigkeit, sondern an „persönlicher Relevanz“. Jeder tauscht das aus, was er selbst für am wichtigsten hält.
–       Die Informationen richten sich nicht mehr an ein möglichst großes Publikum, sondern an das „eigene soziale Netzwerk“. Empfänger sind häufig auch untereinander bekannte Freunde, Kollegen und Kontakte aus Freizeit, Schulzeit
–       Die Art und Weise der Kommunikation verläuft nicht mehr einseitig von einem journalistischen Sender zu einem empfangenden Konsumenten, sondern dialogisch als Gespräch. Aus einseitiger Kommunikation wird ein „wechselseitiger Austausch“. 

 Soziale Medien bleiben nicht auf den Kontakt zwischen einzelnen Privatpersonen beschränkt, einbezogen sind beispielsweise auch Profile von Prominenten, Firmen, Marken, Institutionen, Non-Profit-Unternehmen, die die persönlichen Einstellungen und Interessen widerspiegeln. Dies alles ermöglicht Menschen, mit ihrem sozialen Umfeld in Kontakt zu bleiben.

Selbstdarstellung und vorgestelltes Publikum

Um mit dem eigenen Netzwerk in Kontakt zu bleiben, ist es notwendig, auf der jeweiligen Plattform aktiv sein. Die Konversation, die einem informellen Alltagsgespräch entspricht, untersteht dem „Leitbild der Authentizität“. Ausgedachte Identitäten sind weder bei den Nutzern noch bei Anbietern erwünscht. Der Hauptanteil der Gespräche beinhaltet Informationen über die Nutzer selbst. Der Wunsch nach Authentizität schließt dabei Inszenierungen bestimmter Persönlichkeitsaspekte nicht aus, je nachdem welche Rolle man in welchem sozialen Zusammenhang einnimmt. Der in den 1950er Jahren geprägte soziologische Fachbegriff dazu ist das „impression management“ („Management von Eindrücken“).

Das imaginierte Publikum (Freunde, Familie, Vorgesetzte, Fachkollegen etc.) setzt den Rahmen für die Auswahl und Form der Themen, die man in seiner persönlichen Öffentlichkeit behandelt haben möchte. Das kann unter Umständen zu Konflikten führen, wenn junge Erwachsene eine Auswahl treffen müssen, was ihre unterschiedliche Privatsphäre zu Eltern, Vorgesetzten und Gleichaltrigen betrifft. Allgemeiner gesprochen beginnt Privatsphäre dort, wo man die Kontrolle über eigene Informationen behält. Die Privatsphäre wird dann eingeschränkt, wenn man nicht mehr nachvollziehen kann, wer Einblick in persönliche Dinge bekommt.

Die kommunikative Architektur sozialer Medien

Die technische Gestaltung von sozialen Medien regelt, welche Informationen zugänglich sind und welche nicht. Für die Einteilung der vier Eigenschaften digital vernetzter Medien betrachtet Jan-Hinrik Schmidt eine „mittlere“ technische Ebene (angesiedelt zwischen technischen Merkmalen des Internets allgemein und der Besonderheiten einzelner Softwares). Als erstes Kennzeichen nennt er die dauerhafte Speicherung von Kommunikation (im Gegensatz dazu steht schnell verklingende gesprochene Sprache). In der Regel sind Einträge noch nach Jahren abrufbar oder auf speziellen Servern gespeichert. Die zweite Eigenschaft digitaler Kommunikation ist ihre Kopierbarkeit, die einerseits sehr hilfreich sein kann (z.B. Verbreitung von wichtigen politischen Informationen), andererseits auch großen Schaden anrichten kann (z.B. Vervielfältigung von Musik, Filmen). Drittes Charakteristikum ist die unbegrenzte Reichweite, die Skalierbarkeit von Daten. Und vierte Besonderheit digitaler Daten ist ihre Durchsuchbarkeit. Es können sowohl gleichzeitig in der Gegenwart ablaufende, räumlich getrennte Ereignisse als auch lange in der Vergangenheit gespeicherte Informationen durchsucht werden.

Die vier Merkmale Persistenz, Kopierbarkeit, Skalierbarkeit, Durchsuchbarkeit erschweren es nachzuvollziehen, wer wann welche Informationen zu sehen bekommt. Die Grenzen zwischen kontrollierbarer Privatsphäre und nachträglicher Öffentlichkeit verschwimmen.

Technische Lösungen und soziale Normen

Die Einführung neuer Medien bedingt häufig auch eine Anpassung und Veränderung sozialer Normen. Die Frage, ob soziale Medien die Privatsphäre verschwinden lassen, beantwortet Jan-Hinrik Schmidt mit Nein. Es haben sich jedoch die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre verschoben. „Es wird in Zukunft normal sein, dass über einen Menschen auch private Dinge im Internet zu finden sind.“ „Auf diese technisch angestoßene Entwicklung werden wir technisch, vor allem aber auch in unserem Verhalten und unseren sozialen Normen reagieren.“

 

 

Torsten Meyer: Zwischen Kanal und Lebens-Mittel: pädagogisches Medium und mediologisches Milieu (Exzerpt)

Der Aufsatz „Zwischen Kanal und Lebens-Mittel: pädagogisches Medium und mediologisches Milieu von Torsten Meyer ist in der von Johannes Fromme und Werner Sesink 2008 herausgegebenen Aufsatzsammlung „Pädagogische Medientheorie“ erschienen. In drei Kapiteln (Einleitung, Medium und Milieu, Mediologie) bearbeitet Torsten Meyer die beiden Fragen – zum einen, was ein pädagogisches Medium sei und zum anderen, ob die so genannten ‚Neuen Medien’ die Art der Bildung epochegreifend verändern werden.

Im ersten Kapitel zeigt Torsten Meyer, dass die Erziehungswissenschaften qua definitione schon immer eng mit Medien zusammenhingen. Nach Johann Friedrich Hebart (1776–1841) ist das „Hauptgeschäft der Erziehung“ die „ästhetische Darstellung der Welt“ und diese Sichtbarmachung kann nur durch Unterstützung von Medien erfolgen. Medium wird häufig nur in der Bedeutung von „Werkzeug“ oder „Gerät“ benutzt. Umgangssprachlich ist ein Medium der Träger einer Information. Meyer nennt diese Definition den „schwachen“ Medium-Begriff.

Ein „starker“ Medium-Begriff sollte jedoch die Bedeutung von „Milieu“ mit einschließen. Im zweiten Kapitel zeigt er, dass das herkömmliche Verständnis von Medium, im Sinne von an- und ausschaltbar, für eine digitale Kultur nicht mehr ausreichend ist. Wie der Fisch dauerhaft vom Medium Wasser umgeben ist und das Wasser nicht als ein Medium unter anderen wahrnehmen kann, so sind wir gerade im Begriff, in eine Sphäre zu wechseln, in der wir dauerhaft und untrennbar von ‚Neuen Medien’ umgeben sein werden. Aus dem Gebrauch der für die eigene Lebenszeit typischen Medien folgen bestimmte kulturelle Praxen. Jeder wächst mit einer bestimmten Zusammenstellung von Medientechniken auf, die die kognitiven, kommunikativen und sozialen Fähigkeiten lenken.

Das dritte Kapitel widmet sich der Mediologie, die, vereinfacht gesprochen, die Schnittstellen zwischen intellektuellem, materiellem und sozialem Leben untersucht und für Meyers Fragen hilfreiche Untersuchungskriterien bietet. Mediologen gehen davon aus, dass unser Denken, Wahrnehmen, Lernen, Erkennen etc. abhängig von der jeweiligen Epoche ist, in die man hineingeboren wurde. Die Technologie, also die verschiedenen Medien der eigenen Lebenszeit prägen die jeweilige Kultur und genauso auch umgekehrt. Mediologen stellen die Frage, ob es überhaupt Dinge gibt, die zur unveränderlichen Natur des Menschen gehören oder ob nicht quasi alles Kultur sei, von dem wir umgeben sind, also alles auch erziehbar und bildbar wäre.

Um das Ausmaß der zukünftigen Veränderungen deutlich zu machen, zeigt Meyer eine tabellarische Übersicht des französischen Mediologen Régis Debray, der die großen Epochen danach einteilt, wie technische Neuerungen auch kollektive Organisationsformen verändert haben. Dabei kategorisiert er seit der Einführung des Christentums lediglich drei unterschiedliche „Zeitalter“: die Logosphäre (Kirche und Kaiser haben die Interpretationshoheit, über die Vergangenheit), die Graphosphäre (das Buch verankert Wissen im Bewusstsein, für die Zukunft) und die Videosphäre (unbeschränkter Zugang zu Informationen und Bildern, in der Gegenwart). Der Übergang von einer zur nächsten Sphäre bezeichnet eine Veränderung in der Art und Weise, wie man denkt. Das heißt, es wandelt sich momentan nicht nur die Art der Wissensübertragung von der einen zur nächsten Generation, sondern unsere gesamten kulturellen Umgangsformen mit Wissen. Die Art der Bildung, Bildungsinhalte, ja das gesamte abendländische Denken werden sich möglicherweise durch die Erfindung der Digitalkultur grundlegend verändern. Erziehungs- und Bildungswissenschaftler, Lehrer, Pädagogen und Erzieher sind dringend in der Pflicht, sich darum zu kümmern und in größeren Dimensionen zu denken als dem Computer als Gerät und schnelle Bibliothek.

 

Exzerpt

1. Überblick verschaffen
2. Exzerpieren
3. Zusammenführen/ Verdichten
4. Abschluss

Warum ist ein wissenschaftliches Studium sinnvoll für die pädagogische Praxis?

Idealerweise soll der Lehrende seine zukünftigen Schüler auf eine ihnen entsprechende Weise fördern und sie auf den für sie besten Lebensweg bringen. Er soll die Fächer, die er studiert hat, nicht nur fachgemäß unterrichten, sondern auch vor den Schülern verkörpern. Bestenfalls sollten die Schüler im späteren Leben auf in der Schule erlerntes Sachwissen und erlebte Situationen zurückgreifen können. Ein Lehrender sollte zudem Werte vermitteln und die Urteilsfähigkeit über Wissen fördern. Dies alles natürlich auf eine unterhaltende, sympathische, verbindliche und unaufdringliche Art.

Zu den Aufgabenfeldern eines professionellen Pädagogen gehört, das pädagogische Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Konkret müssen Lehrer Unterrichtsstunden gestalten, auf heterogene Lerngruppen eingehen, soziale Konflikte zwischen den Schülern lösen, interkulturell vermitteln, mit Eltern sprechen, sich fortbilden und die eigene Schule weiterentwickeln. In einer Erklärung der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2000 heißt es dazu:

„Lehrerinnen und Lehrer sind Fachleute für das Lernen, ihre Kernaufgabe ist die gezielte und nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltete Planung, Organisation und Reflexion von Lehr- und Lernprozessen sowie ihre individuelle Bewertung und systemische Evaluation.“

Der zu Erziehende ist der Unwissende, der Schwächere, der Ungebildete und demnach ist der Pädagoge in der Rolle des Stärkeren, der beeinflussen kann. Es ist das Paradoxon der Erziehung, dass der Pädagoge so tut, als gebe es dieses Ungleichgewicht nicht, vielmehr versucht er dem Lernenden beizubringen, über das Wissen des Pädagogen hinauszuwachsen. Der Pädagoge ist dabei Vorbild, fachlich wie menschlich.

Um diesen vielfältigen Anforderungen und den unterschiedlichen Menschen gerecht werden zu können, bedarf es der Aneignung besonderer Fähigkeiten. Diese nennen sich im erziehungswissenschaftlichen Jargon Kompetenzen. Es werden in der Regel Sachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozialkompetenz und Selbstkompetenz unterschieden. Die verschiedenen Kompetenzen sollen den Lehrenden dazu befähigen, auf die Einzigartigkeit der Situationen im Lehrbetrieb reagieren zu können. Sie sollen helfen, die eigenen Handlungen im Nachhinein wahrnehmen und reflektieren zu können. Ziel der Reflexion ist es, neue Denkmuster zu eröffnen und die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Handlungskompetenz ist keine feste Größe, sondern kann vertieft und ausgebaut werden.

Das erziehungswissenschaftliche Studium macht angehende Lehrer mit den pädagogischen Grundbegriffen wie Erziehung, Bildung, Entwicklung und Sozialisation vertraut. Das Studium gibt einen Überblick über die historischen Wurzeln der Pädagogik und zeigt, dass aktuelle pädagogische Ansätze nichts Absolutes darstellen, sondern abhängig sind von politischen Systemen, sozialen Ansprüchen, moralischen Vorstellungen und Moden. Erziehen ist eine komplexere Tätigkeit, als dass man ihr allein durch das Erlernen der Praxis gerecht werden könnte. Die Wissenschaft gibt dabei eine Orientierung im Denken. Erziehung ist nichts Persönliches und kein Bauchgefühl, dem man folgt. Jeder glaubt vermeintlich zu wissen, was Erziehung ist, denn jeder ist selbst erzogen worden, doch meistens kann man sich nur lückenhaft an die eigene Erziehung erinnern. Die Erziehungswissenschaft hebt das Erziehen und Lehren von der Alltagstätigkeit ab und gibt dem Lehrenden Methoden an die Hand, in unterschiedlichsten Situationen „artgerecht“ zu reagieren.

Die Praxis des Lehrens kann nach einem theoretisch-didaktischen Studium die Ausbildung auf das Sinnvollste ergänzen. Der theoretische Rahmen wird das erste Ausgeliefertsein vor den Schülern sicherlich ein wenig abmildern. Die berufliche Praxis hilft, entscheiden zu lernen, in welchen Situationen eine schnelle intuitive Reaktion angemessener ist als ein umständlicher Zugriff auf Theoriekonzepte. Die Praxis schult das Erkennen von Krisensituationen und die psychologische Einschätzung der Schüler. Praktische Erfahrung während der Ausbildung kann außerdem helfen, sich innerhalb von Institutionen leichter zurechtzufinden. Eine Mischung aus beiden Elementen – Theorie und Praxis, in dieser Reihenfolge – scheint angemessen.