lea.- Dialog 22. September – ein Erfolg!

lea-Dialog Eva TP4

Das Teilprojekt „Prozessbegleitende Diagnostik am Übergang Schule-Beruf und in der Arbeitswelt“ des Verbundprojekts Literalitätsentwicklung von Arbeitskräften (lea.) veranstaltete am Dienstag den 22.09.09 eine Tagung zum Thema „Blockierte Zukunft“ aufgrund fehlender Literalitätskenntnisse von jungen Erwachsenen am Übergang Schule-Beruf. Ziel der, von ca. 70 interessierten Tagungsgästen aus den Bereichen Wissenschaft, Politik, Behörden, allgemeinen und beruflichen Schulen, Wirtschaft und freien Bildungsinstitutionen besuchten Veranstaltung war es, die Wirkungsweisen der Lebensbedingungen und motivationalen Voraussetzungen von jungen Erwachsenen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven zu beleuchten, da diese für die Initiierung von Nachlernprozessen im Bereich der Grundbildung mit einer vorangestellten Förderdiagnostik von zentraler Bedeutung sind.

Vor allem die Diskussion um die Ergebnisse von Schulleistungsstandsstudien zur Kompetenzmessung von Schüler/innen durch Pisa hat zu der umstrittenen Begrifflichkeit der »Risikogruppe« geführt. Selbst- und fremdreflexive Einblicke in diese Gruppe, die sich auf ihr Erleben sozialer Realitäten, ihre Einstellungen und Haltungen sowie auf ihre Selbsteinschätzungen bezüglich ihrer individuellen Leistungsniveaus beziehen, sind bisher jedoch kaum vorhanden. Die Tagung lea.-Dialog nahm dieses Forschungsdesiderat auf und fokussierte die Zielgruppe der jungen Erwachsenen in unterschiedlichen Bildungsangeboten der Berufsbildung. Aus soziologischer, politikwissenschaftlicher und pädagogischer Perspektive wurden in empirischer und theoretischer Hinsicht die Entstehungsbedingungen einer brüchigen Schullaufbahn und einer nicht altersgerecht entwickelten Grundbildung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen herausgearbeitet, um Gründe und Motive für versäumte Lernprozesse für das Fachpublikum nachvollziehbar zu machen.

Der erste Vortrag von Herrn Prof. Dr. Vester von der Leibnitz-Universität Hannover beschäftigte sich mit der Frage, welche Mechanismen sozialer Selektionen im deutschen Bildungssystem wirken und welche Auswirkungen diese – auch in historischer Hinsicht begründeten Schieflagen, vor allem auf das prekäre Arbeitermilieu hat. Ergebnis dieser Analyse ist, dass zwar die so genannten unterprivilegierten Volksmilieus in ihrer Bildungsteilhabe einen Zuwachs erreichen konnten, diese allerdings immer noch im Vergleich zur nächsten Gruppe, der so genannten respektablen Volks- und Arbeitermilieus geringer ausfällt. Die Segmentierung ist einerseits mit unterschiedlichen Handlungsstrategien der Milieus und anderseits an der in Deutschland immer noch wirkenden ständischen Manifestierung von Klassen oder Milieus zu erklären.

Im zweiten Vortrag von Prof. Dr. Eva Quante-Brandt, Dr. Eva Anslinger und Theda Grabow wurden die Ergebnisse der Bremer, qualitativ angelegten Studie des lea.-Teilprojekts Prozessbegleitende Diagnostik am Übergang Schule-Beruf vorgestellt. Die Ergebnisse zeigen, dass junge Erwachsene im beruflichen und vorberuflichen Ausbildungssystem motiviert werden können, sich einem Nachlernprozess zur Verbesserung der Lese- und Schreibkenntnisse zu stellen. Dieses Ergebnis steht im Widerspruch zu der Annahme, dass die so genannte »Risikogruppe« nicht dazu motiviert werden kann, schulische und berufliche Ziele zu verfolgen. Dafür benötigt die Zielgruppe umfassende pädagogische Konzepte, die anhand der herausgearbeiteten Motivationsgruppen dargestellt wurden. Als zentrales Ergebnis konnte festgestellt werden, dass die Nachlernprozesse an den Lebens- und Arbeitsbedingungen und Interessen der Lernenden anknüpfen müssen und eine Handlungsorientierung aufweisen sollten, denn dieses korrespondiert mit dem Ziel, in Ausbildung und/oder Erwerbsarbeit erfolgreich einzumünden. Insgesamt sind zur Förderung von jungen Erwachsenen im Bereich der Literalität die unterschiedlichen Motivationslagen zu berücksichtigen, sowie in der Diagnostik und Förderung ein starker Bezug zum beruflichen Handeln herzustellen.

Die Ergebnisse Hamburger Schulleistungsstudien bestätigen – so Herr Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Rainer Lehmann der Humboldt-Universität zu Berlin, der im dritten Vortrag des Tages die quantitativen Befunde vorstellte – dass junge Erwachsene am Übergang Schule-Beruf zu einem hohen Prozentsatz nicht über die notwendigen Kompetenzen verfügen, um das Ausbildungssystem erfolgreich zu durchlaufen. Vor allem die Leistungen in den Fächern Deutsch und Mathematik sind als zu gering einzuschätzen, verfügen doch viele der jungen Erwachsenen lediglich über Leistungsstände, die den Klassen fünf bzw. sieben einer allgemein bildenden Schule entsprechen. Lehmann plädiert dafür, die Klassenverbände homogener zu gestalten und förderdiagnostische Instrumente in den Sekundarstufen II-Bereich zu implementieren, um eine Förderung an den Kenntnisständen der Lernenden zu initiieren.

Frau Dr. Ursula Bylinski erläuterte im vierten Vortrag des Tages, welche neue Ausrichtung in der Professionalisierung des Fachpersonals notwendig ist, um die Lernenden auf eine Ausbildung bzw. Erwerbsarbeit vorzubereiten. Im Rahmen eines Projektes, gefördert und durchgeführt vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), werden auf der Basis von qualitativen Befunden Konzepte erarbeitet, um das Lehrpersonal im so genannten Übergangssystem der beruflichen Bildung zu befähigen, junge Erwachsenen systematisch zu fördern sowie den Übergang von der Schule in eine Berufsausbildung produktiv zu gestalten.

In einer abschließenden Diskussionsrunde, moderiert von Herrn Arno Schirmacher, Personalleiter der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) wurde kontrovers diskutiert, inwieweit die so genannte „Risikogruppe“ nach Pisa systematisch in berufliche Bildungsprozesse zu integrieren ist. Dabei können zwei Aufgaben identifiziert werden: Zum einen die Integration in Ausbildung und Erwerbsarbeit, auch weil die Zielgruppe die an der männlichen Beruflichkeit ausgerichtete Arbeitsorientierung stark verinnerlicht hat. Zum anderen sind alternative Konzepte für diejenigen zu schaffen, die zum Schutz ihres Selbstkonzeptes diese Orientierung nicht mehr anstreben. Hier müssen Alternativen geschaffen werden, die es jungen Menschen ermöglichen mit ihren erworbenen Literalitätskenntnissen einen gesellschaftlich anerkannten Platz zu finden.


 
 
 

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