Blockierte Zukunft?

lea-Dialog am 22.09.09

Bremer Studie gibt Aufschluss über junge Erwachsene, die vor der Berufsausbildung stehen, aber schulische Voraussetzungen nicht erfüllen – Fachtagung am 22. September 2009 an der Universität Bremen


By rob

Aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven sollen auf der Tagung »Blockierte Zukunft?« am 22. September 2009 an der Akademie für Arbeit und Politik die Entstehungsbedingungen einer brüchigen Schullaufbahn und einer nicht altersgerecht entwickelten Grundbildung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen thematisiert werden, um Gründe und Motive für versäumte Lernprozesse heraus zu arbeiten.
Ziel der Veranstaltung ist es, die Wirkungsweisen der Lebensbedingungen und motivationalen Voraussetzungen der jungen Erwachsenen nachzuvollziehen, da diese für die Initiierung von Nachlernprozessen im Bereich der Grundbildung mit einer vorangestellten Förderdiagnostik von zentraler Bedeutung sind.

Die Diskussion um die Ergebnisse der Schulleistungsstandsstudien zur Kompetenzmessung von Schüler/innen durch Pisa hat zu der umstrittenen Begrifflichkeit der »Risikogruppe« geführt. Selbstreflexive und fremdreflexive Einblicke in diese Gruppe, die sich auf ihr Erleben sozialer Realitäten, ihre Einstellungen und Haltungen sowie auf ihre Selbsteinschätzungen bezüglich ihrer individuellen Leistungsniveaus beziehen, sind jedoch kaum vorhanden. Die Tagung lea.-Dialog nimmt dieses Desiderat auf und fokussiert junge Erwachsene in unterschiedlichen Bildungsangeboten der Berufsbildung, die der von Pisa identifizierten Gruppe zugeordnet werden können. Studien, die sich auf die unterschiedlichen Kompetenzniveaus der Gruppe im Ausbildungssystem beziehen sind in ULME II (Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Rainer Lehmann, HU Berlin) und in KOMET (Prof. Dr. Felix Rauner, Universität Bremen) bearbeitet. Diese Studien, mit einer quantitativen Anlage, zeigen Defizite in den allgemeinbildenden Kompetenzen von Lernenden im beruflichen Bildungssystem auf und zeigen unter anderem, dass diese bei einem Teil der Gruppe innerhalb des Bildungsangebots verbessert werden können, oder aber dass sie bereits ausgeschieden sind. Offen bleibt, welche motivationalen Ausgangslagen bei der Zielgruppe bestehen zur Verbesserung ihrer Kenntnisstände und wie sie ihre Lebens- und Lernsituation persönlich einschätzt.

Direktor Gruppe

Die Ergebnisse der Bremer, qualitativ angelegten Studie des lea-Teilprojekts Prozessbegleitende Diagnostik am Übergang Schule-Beruf zeigen, dass die jungen Erwachsenen im beruflichen und vorberuflichen Ausbildungssystem motiviert werden können, sich einem Nachlernprozess zur Verbesserung der Lese- und Schreibkenntnisse zu stellen. Es können Motivationsgruppen herausgearbeitet werden, die unterschiedliche pädagogische Konzepte benötigen, um sich dem Thema in neuer Weise zuzuwenden. Allen Befragten gemein ist, dass die Nachlernprozesse an ihren Lebensbedingungen und Interessen anknüpfen müssen und eine Handlungsorientierung aufweisen sollten, denn dieses korrespondiert mit dem Ziel in Ausbildung und/oder Erwerbsarbeit erfolgreich einzumünden. Darüber hinaus sind die Lerngruppen sehr heterogen zusammengesetzt, d.h. die Lese- und Schreibkenntnisse differieren innerhalb der Gruppe der Befragten stark. Diese reichen vom kompetenten Lesenden- und Schreibenden bis zu Niveaustufen weit unterhalb des Pisa-Levels I (diese Lerner bewegen sich in ihrer Literalität auf dem Niveau eines Grundschülers/einer Grundschülerin). Pädagogische Konzepte müssen also neben den unterschiedlichen motivationalen Ausgangslagen auch den unterschiedlichen Kenntnisständen Rechnung tragen. Es zeigt sich, dass einige der Lernenden trotz hoher Motivation noch sehr weit von dem Ziel, beispielsweise einen Hauptschulabschluss nachzuholen, entfernt sind. Hier bedarf es in der Unterrichtssituation einer täglichen Wiederherstellungsleistung von Motivation und individueller Begleitung auf dem Weg zum kompetenten Lesenden- und Schreibenden. Ebenso sind Lernende mit geringerer Motivation anzutreffen, die bereits einen Schulabschluss erworben haben, aber trotzdem noch in ihrer Rechtschreibung Lücken aufweisen. Ein Großteil der jungen Erwachsenen kann ihre Defizite im Lesen- und Schreiben konkret benennen, allerdings fehlen ihnen meist ausreichende reflexive Kompetenzen um die Probleme selbständig anzugehen und Nachlernprozesse eigenverantwortlich zu initiieren, wie es die Bildungsangebote der Sekundarstufe II voraussetzen. Zur Bearbeitung der Lücken ist ein hoher Unterstützungsbedarf durch Lehrkräfte erkennbar. Allerdings setzt eine zielgerichtete Unterstützung voraus, dass die Lehrkräfte die Probleme erkennen, einordnen und in einer erweiterten Perspektive bearbeiten können. Hier ist ein Bedarf an Fort- und Weiterbildung im Bereich der Lese- und Schreibdiagnostik und der Förderung, gerade im Bereich der Sekundarstufe II, deutlich erkennbar.

Bylinski Lehmann Vester

Insgesamt sind zur Förderung von jungen Erwachsenen im Bereich der Literalität die unterschiedlichen Motivationslagen zu berücksichtigen, sowie in der Diagnostik und Förderung ein starker Bezug zum beruflichen Handeln herzustellen. Die Studie zeigt, dass zur Umsetzung von Nachlernprozessen in Maßnahmen des beruflichen Übergangssystems und im beruflichen Ausbildungssystem Instrumente zur altersgerechten Förderdiagnostik sowie berufsfeldorientierte Fördermaterialen notwendig sind. An diesen beiden Vorhaben wird zurzeit im Rahmen des Verbundprojekts lea. gearbeitet.

Die Tagung wird veranstaltet vom Teilprojekt Prozessbegleitende Diagnostik am Übergang Schule-Beruf des Verbundprojekts Literalitätsentwicklung von Arbeitskräften (lea.)
Das Projekt wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Förderschwerpunkt „Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung/Grundbildung Erwachsener“ im Zeitraum vom 01.01.2008 – 31.12.2010 gefördert.

Kontakt:
Prof. Dr. Eva Quante-Brandt
equante@aap.uni-bremen.de
Dr. Eva Anslinger
eva.anslinger@aap.uni-bremen.de
Theda Grabow
tgrabow@aap.uni-bremen.de
Universität Bremen
Akademie für Arbeit und Politik
Parkallee 39
28209 Bremen
Tel. 0421-218-3359

Tagesprogramm: Blockierte Zukunft

Präsentation: Ergebnisse einer qualitativen Studie am Übergang Schule- Beruf und in der Arbeitswelt (Eva Quante- Brandt, Eva Anslinger, Theda Grabow)

Präsentation: Sortierung nach Herkunft: Mechanismen der Selektion im Bildungssystem und die Bildungsstrategien der sozialen Milieus (Michael Vester)

Präsentation: Bildungsangebote und ihre Nutzung durch „Risikogruppen“- Egebnisse quantitativer Studien in Hamburg und Berlin (Rainer H. Lehmann)

Präsentation: Dimensionen von Professionalität pädagogischer Fachkräfte (Ursula Bylinski)

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