Individuelle Kompetenzfeststellung als Grundlage passgenauer Förderung


By rob

Am 28. Januar kamen trotz widriger Wetterumstände ca. 80 Fachleute in der Arbeitnehmerkammer zur Fachtagung „Kompetenzen feststellen, Kompetenzen fördern“ im Rahmen der Reihe „lea.-Dialog“ zusammen. Mit dem lea.-Dialog rückt das Verbundvorhaben „lea.- Literalitätsentwicklung von Arbeitskräften“ das Thema „erwachsenengerechte und förderorientierte Kompetenzfeststellung“ in den Mittelpunkt der Diskussion. Das Publikum setzte sich zusammen aus Expertinnen und Experten, die in unterschiedlichen Zusammenhängen mit der Förderung und Qualifizierung von Menschen mit Nachholbedarf befasst sind.

Hintergrund der Veranstaltung war der zunehmende Bedarf an Nachqualifizierung Erwachsener. Menschen, die das betrifft können sein:

  • junge Menschen mit ungenügenden Kenntnissen und Fähigkeiten an der Schwelle zum Berufsleben.
  • Erwachsene mit langjähriger Erfahrung in der Arbeitswelt, der Familienorganisation oder dem Ehrenamt, die sich neu orientieren wollen oder müssen.
  • Migrantinnen und Migranten, die in ihren Herkunftsländern erfolgreich Ausbildungs- und Studienabschlüsse erworben haben und sich in Deutschland wieder ganz am Anfang befinden, wenn ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden oder ihre Sprachkenntnisse nicht ausreichen.

In so genannten Fördermaßnahmen oder Nachqualifizierungen befinden sich dementsprechend oftmals Menschen mit sehr unterschiedlichen Ressourcen, an die es anzuknüpfen gilt, um gezielt fördern zu können. Gezielte Förderung heißt hier: die vorhandenen Kenntnisse identifizieren und als Grundlage einer individuellen Förderung nutzen. Erwachsenengerechte und förderorientierte Kompetenzfeststellungsverfahren fehlen allerdings.

Aus diesem Bedarf heraus entstand vor zwei Jahren das Verbundvorhaben lea: Es entwickelt und erprobt in mehreren Teilprojekten ein erwachsenengerechtes förderdiagnostisches Testinstrument zur Schriftsprache. Beteiligt sind die Universität Bremen mit dem Institut für Erwachsenenbildung und dem Institut für Behindertenpädagogik/Sonderpädagogische Fachrichtung sowie der Akademie für Arbeit und Politik, die Bremer Volkshochschule und die WiSoAk – Wirtschafts- und Sozialakademie der Arbeitnehmerkammer Bremen gGmbH. Die WiSoAk ist Trägerin des Teilprojektes „Beraten, Prüfen und Zertifizieren“, das die Test- und Weiterbildungslandschaft, in die das entstandene Testverfahren eingebunden sein wird, zum Schwerpunkt hat und das die Fachtagung ausrichtete. Nachdem wegen Krankheit der Vortrag von Herbert Rüb, INBAS GmbH, zur „Feststellung informell erworbener  Kompetenzen“ kurzfristig abgesagt werden musste, konzentrierten sich die drei Vorträge auf die Forschungsarbeiten der lea.-Teilprojekte.

Erstes Grußwort sprach Hans-Werner Steinhaus, WiSoAk, der die Bedeutung von Kompetenzfeststellung und Anerkennung von Kompetenzen in der Weiterbildung betonte. Danach stellte Prof. Dr. Anke Grotlüschen, Universität Hamburg und lea.-Verbundleitung, den Zusammenhang des Vorhabens und das aus dem theoretischen Konzept von lea. hervorgegangene Projekt „leo.- Level One Studie“ vor: „leo“ wird mit Hilfe von witzigen und kurzweiligen Textaufgaben das untere Lese- und Schreibkompetenzniveau der erwachsenen, deutschsprechenden Bevölkerung messen.

Die Vortragsreihe startete Prof. Dr. Rudolf Kretschmann, Universität Bremen, mit dem Thema „Voraussetzungen, Prinzipien und Beispiele einer förderungsorientierten Diagnostik“. Er ging zunächst auf Formen pädagogisch-psychologischer Diagnostik ein und beschrieb dann die Entwicklung von Testformaten auf der Basis eines Kompetenzmodells: So liefert ein Kompetenzmodell genaue Aussagen darüber, wie die Entwicklungsschritte des Lernens aufeinander folgen. Der jeweilige Entwicklungsstand muss also auf der Grundlage messbarer Kriterien identifiziert sein, um passgenau fördern zu können, da Lernschritte in einer bestimmten Abfolge vollzogen werden. Werden die Lernenden mit höheren Anforderungen konfrontiert, können sie diese noch gar nicht bewältigen.

An diese Grundlagen knüpfte der Beitrag „Integrative Förderpädagogik in Fördersituationen des Übergangssystems“ des Teams der Akademie für Arbeit und Politik der Universität Bremen, an. Frau Prof. Dr. Quante-Brandt, Dr. Eva Anslinger, Theda Grabow und Moritz Müller stellten die Auswertung von Deutsch-Aufsätzen von Teilnehmer/innen in der schulischen Berufsorientierung mit Hilfe des lea.-Kompetenzmodells vor. Anschließend wurden aus den Erkenntnissen abgeleitete konkrete didaktische Ansätze im Förderunterricht einer Berufsschule präsentiert. Die heterogenen Voraussetzungen der Lernenden erfordern zum Einen eine individuelle Diagnostik und Förderung; zum Anderen sollte der Unterricht einen Bezug zur Lebenswelt der Lernenden haben, auf längere Dauer angelegt und ausreichend mit personellen und finanziellen Ressourcen ausgestattet sein.

Nach der Pause mit Kaffee und Kuchen wurden die Gedanken mit geistreichen Zitaten aus mehreren Jahrhunderten wieder auf das Prüfungsthema gelenkt.

Prof. Dr. Karsten Wolf, Universität Bremen, präsentierte den „Beitrag von E-Assessment zur Kompetenzmessung und diagnostischen Förderung“. Als Gewinner des „medida prix 2009“ ist das Testcenter „ZMML – Zentrum für Multimedia in der Lehre“ der Universität Bremen führend in der elektronischen Kompetenzfeststellung. Herr Wolf stellte humorvoll dar, wie gewitzte Prüfungsteilnehmer/innen mit „Test Wiseness“ ohne Wissen erfolgreich Prüfungen bestehen und welche Anforderungen sich daraus an ein aussagekräftiges elektronisches Messverfahren ergeben. Herr Wolf schilderte die Entwicklung und Erprobung elektronischer Testtaufgaben durch das lea.-Teilprojekt und den geplanten Einsatz als „rea.framework“, der u.a. ein dem Niveau der Lernenden angepasstes (adaptives) Testen und Üben mit automatisiertem Feedback, als auch die Nutzung als Portfolio ermöglicht.

Im Anschluss an die Vorträge diskutierten Publikum und Referent/innen unter der Moderation von Prof. Dr. Michael Gessler, Universität Bremen. Die Fragen und Diskussionsbeiträge bezogen sich zum Einen auf die praktische Anwendung des Instruments (Verfügbarkeit, Testdauer, Umsetzung). Zum Anderen wurde angemerkt, dass die diagnostische Kompetenz einen größeren Stellenwert in der Lehrer/innen-Ausbildung einnehmen solle und dass die Praxis statt bisher vielfältigen Ansätzen ein konkretes und mit anderen Referenzsystemen (PISA, PIACC, u. a.) kompatibles Instrument benötigt.  Beiträge und Diskussion fasste Michael Gessler in einem prägnanten Schlusswort zusammen.

In den Evaluationsbögen erhielt die Veranstaltung ein gutes bis sehr gutes Echo. Ein Dank für die Bemerkungen, in denen sowohl kritisch als auch positiv Stellung bezogen und interessante Anregungen gegeben wurden! Sie geben ein hilfreiches Feedback.

Präsentation: Integrative Förderpädagogik in Fördersituationen des Übergangssystems (Eva Quante- Brandt, Eva Anslinger, Theda Grabow, Moritz Müller)

Präsentation: Voraussetzungen, Prinzipien und Beispiele einer förderungsorientierten Diagnostik (Rudolpf Kretschmann)

Präsentation: Der Beitrag von E-Assessment zur Kompetenzmessung und diagnostischen Förderung (Karsten Wolf)





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