Sollten vermehrt oder härtere behavioristische Methoden zur Disziplinierung von Schülern eingesetzt werden?

Focus Online titelt „Kampfzone Klassenzimmer“[1] und Welt Online veröffentlicht den Artikel „Disziplinlose Schüler überfordern deutsche Lehrer“[2]. Immer mehr Lehrer verzweifeln bei dem Versuch „hyperaktive[...], total aufgedrehte[...] und wahnsinnig nervige[...] Schüler[...]“[3] zur Ordnung zu rufen. „Schreien, drohen, gut zureden, sie habe alles probiert, berichtet eine Lehrerin“[4]. Alles blieb erfolglos.[5] Aber wie sollen die Lehrer die Schüler disziplinieren? Die gewöhnlichen Strafen, wie das Abschreiben der Schulordnung oder das Nachsitzen scheinen nicht mehr zu greifen. Sollten daher vermehrt oder härtere behavioristische Methoden eingesetzt werden, da diese ohnehin schon umstritten sind? Denn immer wenn man etwas über den “Behaviorismus” liest, stößt man auf Kritik, sei es, dass ein „mechanistischer Charakter“[6] auffalle oder „innerpsychische Vorgänge keine Rolle spiel[t]en“[7]. Im folgenden werde ich versuchen, diese Frage zu klären, nachdem ich eingangs kurz beleuchtet habe, was der Behaviorismus genau ist und was er im Zusammenhang mit dem Lernen und der Erziehung bedeutet.

Wie der Begriff “Behaviorismus” bereits vermuten lässt, geht es in dieser Theorie um das Verhalten des Menschen, welcher zentral als “Produkt der Umwelt”[8] angesehen wird. Es wird analysiert, aus welchen Bedingungen bestimmte Verhaltensweisen und Aktivitäten entspringen. Nach Auffassung der Behavioristen wird das Verhalten des Menschen durch äußere Gegebenheiten gesteuert. Den innerpsychischen Prozessen fällt somit keinerlei Bedeutung zu.[9] Die Behavioristen verstehen unter „Lernen“ die „Mechanik von „stimulus“ und „response“ (Reiz und Reaktion)“[10].[11] In anderen Worten, es entsteht eine „Reiz-Reaktions-Kette“[12]. Nachdem ein Reiz gesetzt wurde, wird darauf in einer bestimmten Art und Weise reagiert. Ist die Reaktion die erwünschte, wird das Verhalten durch „positive Verstärkungen (Erfolg, Lob, positive Sanktionen)“[13] bestätigt. Wird nicht das erwünschte Verhalten gezeigt, wird dieses durch „negative Verstärkungen (Misserfolg, Strafe, Tadel, negative Sanktionen)“[14] abgeschwächt.[15] Nachdem sich eine solche Kette gebildet hat, hat derjenige, der auf den Reiz reagiert hat, etwas Neues gelernt.[16] In der Schule ist es dann die Aufgabe des Lehrers, geeignete Reize zu setzen und auf die Reaktionen der Schüler entsprechend zu reagieren. Dadurch beeinflusst er die Lernprozesse der Schüler, deren innerpsychische Prozesse für ihn nicht entscheidend sind.[17] Solch ein Vorgang wird auch als Konditionierung bezeichnet, was auch ein Beispiel für die Erziehung ist, die auf die direkte Einwirkung setzt. Der Erzieher nimmt ständig Einfluss auf den Erziehenden und formt ihn, indem er ihn auf der Basis von „Befehl und Gehorsam“[18] bestimmte Verhaltensmuster erlernen lässt.[19] Z.B. wird den Schülern durch die Lehrer oder durch die Schul-Ordnung deutlich gemacht, dass sie rechtzeitig zum Unterricht erscheinen müssen. Wenn Schüler mehrfach zu spät kommen, werden sie durch den Lehrer bestraft (negative Verstärkungen). Dies fängt bei einer Ermahnung an und führt bis zum Nachsitzen, bis der Schüler in der gewünschten Art und Weise auf den Reiz, rechtzeitig zu kommen, reagiert. Der Schüler wurde also dahingehend konditioniert, dass er das Zu-Spät-Kommen mit einer Bestrafung verbindet und somit genau weiß, dass es zwei Möglichkeiten gibt: entweder er erscheint rechtzeitig zum Unterricht und erhält keine Bestrafung oder er kommt zu spät und erhält eine Bestrafung. Sind solche Methoden die einzige Chance, Schüler zu disziplinieren oder gibt es noch andere Wege?

Der britische Bildungsexperte und ehemalige Schulleiter Alan Steer ist der Überzeugung, dass die Schüler durch behavioristische Maßnahmen diszipliniert werden können. So fordert er, die „Schulen und die Lehrer besser darüber zu informieren, zu welchen Sanktionen sie greifen können“[20]. Die Lehrer sollen laut Steer ihre Autorität aber nicht nur in der Schule ausüben. „Auch wer sich auf dem Weg zur Schule daneben benimmt oder Mitschüler drangsaliert, soll bestraft werden.“[21] Laut eines Berichts von t-online sind selbst den Schülern strenge Lehrer lieber, wenn sie gleichzeitig gerecht und humorvoll sind.[22] Die Diplom-Pädagogin Katharina Saalfrank ist der Auffassung, dass Rituale helfen, die Kinder zur Ruhe zu bringen. Eine gemeinsame Begrüßung läutet z.B. den Beginn des Unterrichts ein und ist darüber hinaus ein „Zeichen der Höflichkeit und des Respekts“[23].[24] „Routinemäßige Abläufe und Rituale“[25] sind gerade das Ergebnis einer Konditionierung. Es werden Verhaltensmuster antrainiert[26], in diesem Fall, den Gruß des Lehrers zu erwidern. Wenn der Lehrer nach der Begrüßung immer sofort mit dem Unterricht beginnt und vorher gewisse Verhaltensregeln für den Unterricht festgelegt wurden, weiß der Schüler, dass er sich nach der Begrüßung z.B. ruhig verhalten muss, ohne dass der Lehrer dies explizit erwähnen muss. Der Ex-Internatsleiter und Bildungskritiker Bernard Bueb sieht die Gründe für die Unruhe an Schulen in einer mangelnden Führung. So sagt er in einem Spiegel-Interview: „Das oberste Gebot lautet, die anvertrauten Menschen in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken. Zum Zweiten muss man mit ihnen Ziele vereinbaren und die Umsetzung dieser Ziele anschließend kontrollieren. Daraus erwächst dann Lob oder Kritik – wobei Kritik zunächst immer mit einem Angebot zu Hilfe verbunden sein muss. Der nächste Schritt kann dann auch eine Strafe sein.“[27] Es wird deutlich, dass auch Herr Bueb auf eine strenge Befolgung des behavioristischen Konzepts setzt, um Kinder und Jugendliche zu disziplinieren und der Erfolg war nach eigenen Angaben „überwältigend“[28].[29] Auch eine Berliner Schule hatte Erfolg damit, dass strenge Regeln, wie z.B., dass Kinder, die zu spät kommen, nicht mehr in die Klasse dürfen, eingeführt wurden. Die Berliner Schule stand, bevor die Richtlinien in Kraft getreten sind, kurz vor der Schließung und genießt mittlerweile einen sehr guten Ruf.[30] Die Kritik, dass auf „innerpsychische Prozesse“[31] nicht eingegangen wird, ist zwar korrekt, aber um eine große Gruppe zu disziplinieren, müssen für jeden in gleicher Weise gewisse Grundregeln gelten. Es gestaltet sich überaus schwierig, auf die individuelle Vorgeschichte eines Schülers einzugehen, ohne dass Unmut innerhalb der Gruppe entsteht.

Laut Carsten Bangert, stellvertretender Schulleiter der Pädagogium-Schulen in Baden-Baden, muss nicht viel an den bestehenden Regeln geändert werden, sondern die „Inkonsequenz der Lehrer“[32] stellt ein großes Problem dar, da sie nicht den „Mut haben, sich unbeliebt zu machen“[33].[34] Zudem könnten härtere behavioristische Methoden den Schülern den Spaß am Unterricht nehmen, da sie sich durch die vielen Regeln und Vorschriften gehemmt fühlen könnten. Das bedrückende Arbeitsklima kann sich dann negativ auf die Leistung des Kindes auswirken. Außerdem stoßen einige Maßnahmen auch auf Unverständnis beim Schüler. So assozierte eine Schülerin das Strammstehen hinter dem Stuhl vor dem Beginn des Schulunterrichts mit der Nazi-Zeit und bemängelte somit den Versuch des Lehrers, die Klasse zu disziplinieren.[35] Überzogene Disziplinierungsmaßnahmen können also ihr Ziel verfehlen. Daher sollten die Lehrer stets begründen können, welchen Sinn sie haben. Wenn Schüler nur seitens der Lehrer durch negative Verstärkungen diszipliniert werden, haben sie nicht die Chance eine Selbstdisziplin zu erwerben und sich aus eigenem Antrieb, an Regeln zu halten. Die Schüler sind daher nicht in der Lage ein Sozialverhalten nach eigenen Maßstäben aufzubauen.[36] Behavioristische Methoden könnten also verhindern, dass eine soziale Intelligenz entwickelt wird, da das Gespür, welches benötigt wird, um zu entscheiden, ob beispielsweise das Tun für andere störend ist oder nicht, nicht entwickelt wurde, sondern einfach nur gelernt wurde, sich an Regeln zu halten. Des Weiteren ist das Verhalten des Menschen zu komplex, als dass man es auf eine Reiz-Reaktions-Kette reduzieren könnte. Jeder Schüler hat unterschiedliche Erfahrungen mit seiner Umwelt gemacht und wird individuell auf bestimmte Reize und vor allem auch auf die positiven und negativen Verstärkungen reagieren. Da Schüler stets darauf bedacht sind, ihr Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten, können negative Verstärkungen bei einigen Schülern nicht für eine höhere Motivation sorgen oder dazu führen, dass sie beim nächsten Mal das erwünschte Verhalten an den Tag legen, sondern dass ihr Selbstwertgefühl verletzt wird.[37] Somit kann ein Disziplinierungsversuch in das Gegenteil umschlagen, so dass der Schüler undisziplinierter wird und für noch mehr Unruhe sorgt. Denn „[d]er Mensch ist nicht nur Reaktionsinstanz auf Umweltimpulse; er ist eben nicht determiniert durch Umweltfaktoren; er kann sich zu ihnen auf unterschiedliche Weise verhalten“[38]. Es ist also fragwürdig, ob die behavioristischen Methoden bei jedem Schüler tatsächlich zum Erfolg führen. Es könnte also von Vorteil sein, nach den Ursachen zu suchen, wieso die Schüler Regelverstöße begehen. Es sollten daher Unterrichtssituationen geschaffen werden, die Disziplinlosigkeiten im Keim ersticken. Dies funktioniert laut Dr. Lehner dann am besten, wenn der Unterricht gut strukturiert ist, potentiellen Störenfrieden stets die Hilfe und Unterstützung seitens des Lehrers angeboten wird, die gestellten Aufgaben von den Schülern zu bewältigen sind, kein Konkurrenzdruck zwischen den Schülern herrscht und auf die „individuellen Bedürfnisse“[39] der Schüler eingegangen wird und diese auch selber Entscheidungen treffen dürfen.[40] Die Montessori-Schulen sind ein positives Beispiel dafür, dass auch ohne behavioristische Methoden Disziplinkonflikte vermieden werden können. In diesen Schulen werden ausschließlich die vorher beschriebenen Unterrichtssituationen geschaffen. Es gibt wenige, einfache Regeln und die Schüler haben mehr Freiheiten als in anderen Schulen. Wenn ein Schüler sich nicht den Regeln entsprechend verhält, wird er nicht durch negative Verstärkungen auf sein Fehlverhalten aufmerksam gemacht, sondern auf seine eigenen Interessen hingewiesen. Der Lehrer agiert als ein Vorbild und hält alle Regeln ein, die die Schüler auch einhalten sollen.[41] Im Vergleich mit Kindern von traditionellen Schulen überzeugten die Kinder der Montessori-Schulen durch ihre sozialen Kompetenzen und ihr schulisches Wissen.[42]

Schlussendlich bleibt zu konstatieren, dass das Konzept der Montessori-Schulen vorbildlich ist und solche Methoden denen des Behaviorismus vorgezogen werden sollte. Dadurch dass die Montessori-Schulen aber Privatschulen sind, stehen ihnen auch ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung. Zum einen wäre die finanzielle Komponente zu nennen und zum anderen, dass Privatschulen vornehmlich von Kindern aus der Bildungsschicht besucht werden.[43] Bei traditionellen Schulen hat sich gezeigt, dass das strikte Durchsetzen der vorhandenen Regeln oder auch das Einführen härterer Maßnahmen, zu einem Erfolg führt. Die Schule und die Lehrer müssen den Mut haben, festgesetzte Bestrafungen durchzusetzen, um ihre Autorität zu wahren. Es sollten aber nur behavioristische Methoden verwendet werden, die ihre Begründung finden, damit die Schüler den Lehrern keinen Machtmissbrauch vorwerfen können und sich ungerecht behandelt fühlen. Dies kann ein Grundgerüst bilden, welches nicht nur den Lehrern, sondern vor allem auch den Schülern mehr Spaß am Unterricht bringt. Es ist nur wichtig, dass die Lehrer neben der Strenge auch eine humorvolle und lockere Seite zeigen. Mit solchen Lehrer-Typen scheint auch der Großteil der Schüler zufrieden zu sein. Darüber hinaus sollte durch eine interessante Unterrichtsgestaltung und ständiger Hilfsbereitschaft für potentielle „Problem-Schüler“ versucht werden, Disziplinlosigkeiten im Keim zu ersticken.



[4] Ebd. S. 1

[5] Ebd. S. 1

[6] Vgl. Marotzki & Krüger, 2009, S.147

[7] Ebd. S.147

[10] Vgl. Marotzki & Krüger, 2009, S.146

[11] Ebd. S.146

[13] Vgl. Marotzki & Krüger, 2009, S.146

[14] Ebd. S.146

[15] Ebd. S.146

[17] Ebd. S.10

[18] Vgl. Marotzki, & Krüger, 2009, S.137

[19] Ebd. S.137

[21] Ebd. S.1

[24] Ebd. S.1

[25] Vgl. Marotzki, & Krüger, 2009, S.146

[26] Ebd. S.146

[27] Vgl. Doerry & Timm, 2008, http://www.spiegel.de/spiegel/a-576778.html (6. August 2012), S.1

[28] Ebd. S.1

[29] Ebd. S.1

[31] Vgl. Marotzki & Krüger, 2009, S.147

[33] Ebd. S.3

[34] Ebd. S.3

[37] Ebd. S.1

[38] Vgl. Marotzki & Krüger, 2009, S.147

[40] Ebd. S.1

[43] Vgl. Himmelrath, 2011, http://www.spiegel.de/schulspiegel/bildungsstudie-warum-privatschulen-schlechter-sind-als-ihr-ruf-a-744226.html (6. August 2012), S.1

 

Literatur/ Quellen:

Doerry, M. & Timm, K. (2008): Lehrer brauchen Führung. http://www.spiegel.de/spiegel/a-576778.html (6. August 2012)

Himmelrath, A. (2011). Warum Privatschulen schlechter sind als ihr Ruf. http://www.spiegel.de/schulspiegel/bildungsstudie-warum-privatschulen-schlechter-sind-als-ihr-ruf-a-744226.html (6. August 2012)

Lang, A.-S. (2011). Strenge als Erfolgsmodell. http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2011-12/schule-strenge-berlin (6. August 2012)

Lehner, Dr. H.. Wie lernen Schüler Disziplin? http://www.gute-schulen.de/fragenundklaerungen/disziplin/wiesichdisziplinentwickelt/index.html (6. August 2012)

Marotzki, W., & Krüger, H. – H. (2009). Einführung in die Erziehungswissenschaft. Einführungstexte Erziehungswissenschaft / hrsg. von Heinz-Hermann Krüger, Bd. 1. Stuttgart: Budrich

Meir, Susanne: 2 Didaktischer Hintergrund, Lerntheorien http://lehrerfortbildung-bw.de/moodle-info/schule/einfuehrung/material/2_meir_9-19.pdf (5. August 2012)

Vitzthum, T. (2012). Disziplinlose Schüler überfordern deutsche Lehrer. http://www.welt.de/politik/deutschland/article106221096/Disziplinlose-Schueler-ueberfordern-deutsche-Lehrer.html (6. August 2012)

Wilbrand-Donzelli, N. (2011). Kuschelpädagogik oder mehr Disziplin: Wie streng müssen Lehrer sein? http://eltern.t-online.de/lehrer-so-streng-muessen-lehrer-sein/id_44687146/index (6. August 2012)

(2006). Freies Lernen, klügere Schüler. http://www.focus.de/schule/schule/schulwahl/schulserie/montessori-schule/montessori-paedagogik_aid_24999.html (6. August 2012)

(2009). Strammstehen für die Konzentration. http://eltern.t-online.de/erziehung-disziplin-in-der-schule/id_19997058/index (6. August 2012)

(2009). Mit harter Hand und Showelementen gegen Rüpelschüler. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/britische-schulen-mit-harter-hand-und-showelementen-gegen-ruepelschueler-a-619112.html (6. August 2012)