Thesenpapier: Die Verpflichtung

Anmerkung zum Thesenpapier:

Ich habe versucht, die Kernaussagen dieses Kapitels zusammenzufassen. Dabei habe ich meistens nicht genau zitiert, sondern Sätze gekürzt, zusammengefasst und neu gruppiert. Das kursiv Gedruckte sind Fragen und Anmerkungen von mir. Begriffe, die mir zentral vorkammen, habe ich fett markiert. Der Kant-Exkurs ist teilweise lückenhaft.

Die Verpflichtung (S.183-214)

Ende des letzten Kapitels:

Schweigen statt eines „Resultats”. (S.182)

Dieses Schweigen signalisiert das Aussetzen des „Selbst”, seine Spaltung. (S.182)

Wie ist dieses Ende mit dem nächsten Kapitel zusammenzubringen?

Lektürenotizen I¬† (S.183-187)

¬†Spaltung¬† des Selbst: Anmaßung zerstört / Gesetz tranzendiert jede Einsicht

Gesetzgeber (nicht Empfänger): kein Richter, sondern Verbrecher -> nicht gerichtet.

Dem Gesetzt Unterlegender (Empfänger): Opfer, ob verurteilt oder nicht -> nicht erlöst¬†

Abraham und Gott:

Abraham ist nur dem Herren verantwortlich, der Herr kann nicht ermittelt werden. (162)

Wenn am etwas vernimmt, das einem Aufruf ähneln mag, ist man dann aufgefordert, sich daran zu halten? (163)¬†

 Die zentrale Frage lautet: Wird die Forderung als Gesetz verstanden? einzige Orientierung: Verpflichtung (164)

Ein Satz ist verpflichtend, wenn der Empfänger verpflichtet ist. Indem man versucht herauszufinden warum man verpflichtet ist, wird man als Sender situiert. (165)

¬†Die Verblendung oder tranzendale Illusion beruht auf dem Anspruch, das Gute oder Gerechte auf das Wahre und Sollen auf das Sein zu gründen. (166)

Gottes Befehle sind gerecht, weil alle Befehle Gottes gerecht sind. Diese Totalität lässt sich aber nicht beweisen. Die Ethik Gottes ist nur durch Totalität seiner Anordnungen möglich. (166)

Lyotard wendet dieses „Konzept” auf den Holocaust an:

Keine Absicht Gottes, um das Opfer zu erklären, ist falsizierbar. Es gibt keine Erklärung und Rechtfertigung eines Tötungsbefehls. (168)

 Verblendung:  sich an die Stelle eines anderen zu setzen, an seiner Stelle ich sagen, seine Tranzendenz neutralisieren. (169)

AbschlieĂźende Frage Lyotards:

Befehl=Skandalon fĂĽr die Verpflichteten. Das Selbst ist seiner freien VerfĂĽgung beraubt. Es wird bis in die Feststellung seiner Dispersion aufrecht erhalte. Kann man bei dieser Dispersion ansetzen? (170)

Wie ist das zu verstehen?

Ist das Beispiel Abraham ein Beispiel fĂĽr eine Ethik Gottes? (Ein Beispiel fĂĽr traditionelle Herleitung von Ethik?)

Wie wird in diesem Abschnitt die Verpflichtung charakterisiert?

Die Verblendung (166 u. 169) scheint von entscheidender Bedeutung zu sein. Was bedeutet diese, auch in Bezug zu Levinas?

Levinas ( S.188-195)

Der andere

 Das gleiche Tranzendale kann die anderen nicht als anders konstituieren. Der andere ist sein anderer. Entweder moi oder der andere. (S.188)

¬†Das je weiß nichts vom anderen und kann nichts von ihm wissen. Das Erscheinen des anderen bringt keine Erkenntnis. Es ist aber ein Ereignis des Gefühls. Mittellosigkeit des anderen: Er ist nur seine Forderung und meine Verpflichtung. (S.189)

Der andere, der ohne mich nicht wäre, ist gleichzeitig auch nicht mein anderer, er ist nicht die Entfremdung auf meiner Odysse, sondern deren Abbruch. Der Eintritt des anderen löscht mich als Subjekt einer Erfahrung aus. (S.192)

Welche Funktion hat der andere? Ist er eine Kritik an er die Verblendung, dem sein? Soll er dieses ersetzen?

Ethischer Satz 

¬†Durch den Übergang vom ethischen Satz zum Satz des Wissens wird ersterer vergessen. (Wieso?)

Levinas gegen Bubers Konzept des Dialogs: Das Ethische verbietet den Dialog, da der Dialog die Namensvertuschung in den Instanzen verlangt. Es gibt keine wirkliche Tranzendenz des Referenten. 

 Die ethische Diskursart findet nicht auf dem Gebiet des spekulativen Diskurs statt, sie findet gar nicht statt, da der andere nicht lokalisierbar ist.

¬†Das ethische Gebiet ist kein Gebiet, sondern ein Modus der ich/du-Situation, die unvorhersehbar, gleichsam als Störung des Satz-Universums, in dem ich ich ist, geschieht. (S.190)

Schreiben

¬†Das Schreiben Levinas ist nicht Beschreiben einer Erfahrung, sondern die Bezeugung der Spaltung, die Öffnung zu jenem anderen, der in seinem Leser eine Forderung an Levinas richtet, die Verantwortung gegenüber dem Boten, dem Leser nämlich.

Ethisches Schreiben entkommt der Verfolgung nur, wenn es sich nicht die „gottlose Kreatur” bindet, und der Schriftsteller keine Rechte ĂĽber oder besser: gegen sie beansprucht. (S.193)

Kommentator zu Levinas:  Je weniger ich dich vernehme, desto mehr werde ich dir folgen: wenn ich dich als Forderung verstehen will, darf ich dich nicht als Bedeutung verstehen. (S.195)

abschlieĂźende Frage Lyotards:

Welches Gericht kann den Widerstreit zwischen dem ethischen Satz (dem Unendlichen) und dem spekulativem Satz (Der Totalität) erkennen und schlichten? (S.195)

Wird diese Frage später im Kapitel beantwortet?

Lektürenotizen II¬† (S.195-200)

Geschiehst du?

¬†Trägt der andere, der Fremdling, alle Züge des Geschieht es? Muss Geschieht es? als Geschiehst du? verstanden werden? (172)

 Ist Geschieht es? eine Art von Ruf? (173) 

Formuliert Lyotard hier Einwände dagegen?

Der Satz will nichts von dir. Er wartet nicht auf dich. Du kommst, wenn er geschieht. (173)

Bejaht Lyotard letztlich, das es sich bei Geschieht es? um GeschieĂźt du? handelt? Wenn ja, warum?

Ethischer Diskurs / Fragen Lyotards

Satzbildung und Verkettung sind in jeder Diskursart Vorschriften unterworfen? Wenn dem so ist dann wäre das Ethische keine Diskursart? Oder besteht der ethische Diskurs darin, nur die Regel der bedingungslosen Verpflichtung zuzulassen? (175)

Gerichtsverfahren

Im Idiom der Erkenntnis ist das Gesetz entweder vernünftig und verpflichtet nicht, sondern überzeugt; oder es ist nicht vernünftig und verpflichtet nicht, sondern zwingt.¬†

¬†Durch dieses Dilemma annektiert die Familie kognitiver Sätze die der präskriptiven, löscht das Ich das Du aus. (176) Warum ist das so?

Unterscheidung präskriptiver und denotativer Sätze nach Aristoteles.

Wenn man annimmt, das die Ausarbeitung, Diskussion und Festlegung von Vorschriften fĂĽr die Entwicklung der entsprechenden Normen unabdingbar ist, so deswegen, weil man voraussetzt dass der Schluss von der Sprache des Kommentars auf die Sprache des Befehls richtig ist. (177)

Die letzten beiden Paragraphen scheinen zu dem Kant-Exkurs ĂĽber zuleiten. Welche Fragen/offenen Komplexe werden hier genau gestellt?

Kant II  (S.200-214)

1.Das Gesetz lässt sich nicht ableiten

Die Rechtfertigung des Gesetzes ist seine Deduktion (S.200)

¬†Bei Sätzen theoretischer Vernunft kann zwar nicht spekulativ von den Erkenntnisquellen ausgegangen werden, aber von dessen Surrogat (Notbehelf), der Erfahrung. (S.201)

Wieso ermöglicht die Isomorphie die Deduktion?

Kant beschreibt das Scheitern der praktischen Deduktion, zeigt aber:

Die Deduktion kann erhalten bleiben, unter der Bedingung allerdings, dass sich ihre Richtung verändert. Man entdeckt eine Deduktion die in Gegenrichtung zu der Gesuchten verläuft. (S.202)

¬†Umkehrung der Deduktion: das moralische Prinzip (das Gesetzt) führt umgekehrt selbst zum Prinzip der Deduktion eines unerforschlichen Vermögens, zur Freiheit. Die Freiheit drückt sich nicht in der Objektsprache aus, sie kann nur im kritischen Kommentar artikuliert werden. (S.203)

Im weiteren geht es um Faktum und Quasi-Faktum (S.203). Wie sind diese zu verstehen?

¬†Die moralische Erfahrung ist keine Erfahrung, das Du sollst kann nicht in der Wirklichkeit ermittelt werden. Dennoch wird die Verpflichtung entgegengenommen und kann darum eine Art Faktum genannt werden. Diese wird über das Begehren in der ideellen Natur aufgenommen und nicht durch Sinnlichkeit in der wirklichen Welt. (S.203/204)

In welchem Verhältnis steht das Gesetz und die Verpflichtung?

2.Ich kann

Wenn du sollst, so deshalb, weil du kannst. (S.204)

Ich kann¬† ist folgendermaßen zu verstehen: Ich unterliege nicht dem Zwang der Verkettungen, die die Erkenntnisobjekte bestimmen, insbesondere nicht den empirischen Motiven und Interessen, ich tranzendiere sie. Auf diese Weise stellt sich im Verpflichtungssatz die Gesetzesabhängigkeit als Gefühl und zugleich die Unabhängigkeit gegenüber dem Regelsystem der Erkenntnis als geheimnisvolle Voraussetzung dar. (S.205)

¬†Freiheit wird aus dem inneren des Verpflichtungssatzes selbst als Implikation eines Senders abgeleitet, von jener Wirkung: die vom Empfänger empfundene Enteignung. Man weiß nicht, wessen Freiheit die Freiheit ist, sie kündigt sich über das Gefühl der Verpflichtung an. (S.206)

Freiheit ermöglicht nicht die Erfahrung von Moralität, von Verpflichtung. es ist nur ein GefĂĽhl, ein Faktum der Vernunft, ein Zeichen. Die Freiheit wird negativ abgeleitet, da nicht von Fakten sondern vom „Widersinnigem”, der Ohnmacht der Fakten ausgeht. (S.206)

Zur Zeit der Verpflichtung, in der das Du soll, kann das Ich. (S.206)

An dieser Stelle ist vom Gefühl der Verpflichtung die Rede. In welchem Verhältnis steht dieses zu dem Gefühl im Levinas-Exkurs?

3.Die Kluft

Begrenzung der praktischen Deduktion: Heterogenität zwischen ethischen und kognitivem Satz.

Eine Kluft trennt den deskriptiven Satz vom präskriptiven Satz. Kluft gibt es nur, weil jede Partei ein Kontrollrecht und Ansprüche über seine Grenzen beansprucht. (S.207)

->Eine Satzfamilie muss in den Hoheitsbereich eines anderen vordringen, um sich zu rechtfertigen.

->Im Versuch des Übergangs wird seine Unmöglichkeit erkannt, das moralische Gesetz lässt sich deduktiv nicht einholen. (S.207)

¬†Freiheit ist ursprüngliche Kausalität. Daraus folgt ein Übergangsmodus: Entwicklung eines Differentials wechselseitiger Legitimation. (S.208)

4.Der Typus

Kausalität in der sinnlichen Welt:¬† Bestimmt Zusammenhang zwischen den Phänomenen und konstituiert die empirische Wirklichkeit. (S.209)

-> Ursachen und Wirkungen werden verbunden und bilden eine Reihe. (S.210)

Kausalität im ethischen Bereich:¬† Idee der unmittelbaren Wirksamkeit der reinen praktischen Vernunft und Freiheit auf die Handlungsmaxime, welches sich im Gefühl der Achtung anzeigt und damit die Situation der Sittlichkeit, der Verpflichtung entwirft. (S.209)

-> Gefühl von Verpflichtung, Achtung entsteht, welches nicht einer Reihe von Phänomenen angehört und als Wirkung auf eine unerkennbare Ursache bezogen ist. (S.209)

5.Die Kommuntabilität

 Die mangelnde Symmetrie zwischen ich und du muss zugunsten eines Allgemeinen, der „Menschheit”, vergessen werden. (S.210)

 Die Instanz des Verpflichteten (Du sollst) und die Instanz des Gesetzgebers (Ich kann) sind austauschbar, um so eine Gemeinschaft einer gesetzgebenden Versammlung zu bilden. (S.210)

¬†Wie ist eine Gemeinschaft ethischer Sätze möglich? Kant: Durch den Begriff der Menschheit.

6.Zeit der Ethik

¬†Die reine ethische Zeit ist das Jetzt des Satzes, der mit einem Schlag die Verpflichtung, den Verpflichteten (und vielleicht den Verpflichtenden) darstellt. Der ethische Satz ist einzigartig, erstes und letztes Zeichen einer Idee und zu jeder Weltzeit möglich. (S.212)

Welche Bedeutung hat die Zeit?

Was ist eine ethische VerknĂĽpfung?

Der Imperativ befiehlt nicht, so zu handeln, dass eine Gemeinschaft praktisch-vernĂĽnftiger Lebewesen entsteht, sondern als ob die Handlungsmaxime ein Gesetz dieser Gemeinschaft sein mĂĽsste. Als Zeichen ist der ethische Satz ohne Folge, also sein letzter.

Da es aber keinen letzten Satz gibt, muss er weiter verkettet werden. Dieser kann nicht ethischer, sondern ist kognitiver Natur. Das Du der Verpflichtung muss immer als Referent eines nachfolgenden kognitivem Satz begriffen werden können. (S.213)

Hier scheint eine Kritik Lyotards anzusetzen. Wie sieht diese aus?

(Vor)letzter Satz:

Entweder Implikation oder Verpflichtung. Es gibt keine ethische Gemeinschaft. (S.213)

Lässt sich aus diesem Exkurs auf ein ethisches Konzept von Kant schließen? Was sind die Hauptmerkmale von diesem?

An welchen Punkten widersprechen bzw. ergänzen sich die Konzeptionen einer Ethik von Levinas und Kant? Wo setzt jeweils Lyotards Kritik an?

Kann aus diesem Kapitel ein erstes ethisches Konzept (eine Verpflichtung) im Sinne Lyotards gelesen werden?

These: Lyotard verneint das Subjekt als Ausgangspunkt (Levinas)und nährt sich kritisch einem Konzept von Gemeinschaft/Freiheit/Menschheit (Kant) an.

(Thesenpapier erstellt von Andreas RiethmĂĽller)

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