Thesenpapier: Das Geschichtszeichen I

In diesem Abschnitt führt Lyotard seine Gedanken zur Frage der Übergänge sowie, weiter hinten, zur Idee der Einbildungskraft (Kant ‚óä Vernunft, Enthusiasmus) fort.

Grenzland, Heim, Pakt & Frieden

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Der Satz als „Grenzland”, auf dem der „Pakt” geschlossen oder gebrochen wird.

 „Heim” als Zone, in der der Widerstreit zwischen Diskursarten aufgehoben ist.

Wie ist das vorstellbar? 

„Innerer `Frieden´ zum Preis des immerwährenden Widerstreits an den Rändern.”

Wieso innerer, was ist damit gemeint?

Erzählung als die Diskursart, in der die Heterogenität der Diskursarten am ehesten verschwindet.

Warum?

Mythos

Mythos (L nimmt Bezug auf Mythologie im NS) besitzt identifikatorische Kraft. L kritisiert die Annahme, der Mythos sei mimetisch (nachahmend), er verdecke vielmehr die Mimesis (also den Prozess des Nachahmens) und neutralisiere das Ereignis (als sei es unmittelbar darstellbar).

Cashinahua – Eskurs

L stellt die narrative Diskursart der Cashinahua vor, die durch starke Reglementierung und die Relevanz von Namen charakterisiert ist. Auf diese nicht-kosmopolitische („wilde”) Diskursart bezieht er sich in der folgenden GegenĂĽberstellung von kosmop. und nicht-kosmop. Erzähung.

(Kosmo-)Politische Erzählungen & Widerstreit

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L fragt, ob >modern< bedeute, das sich die „politische Frage (…) nach den Verkettungen” am Menschen orientier und nicht an Legitimationen durch Erzählungen?

L problematisiert, dass man damit dem Geschichten erzählen nicht entkommt, denn statt vieler kleiner geht es nun um die große Geschichte des Menschen überhaupt. Dahinter steht eine Teleologie, dass am Ende nur noch die Menschheit steht (Hegel).

Unterscheidung zwischen nicht-kosmopolitischer Erzählung und kosmopolitischer: Die erste benennt konkret (z.B. An diesem Ort … ◊ Cashin. Exkurs), die andere fragt nach den Möglichkeiten einer ĂśberfĂĽhrung dieser spezifischen Namen in eine universale Erzählung.

Wie kann nun aber das Unterschiedliche (das Spezifische) verallgemeinert werden?

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Nicht nur hat die universale Erzählung eine nicht-kosmop. Dimension, sondern die Cash.-Erzählung hat auch eine kosmop.Dimension, sofern man eine Mehrdeutigkeit zulässt: „Sie stellen dar, was sie darstellen (die Welt der Cashinahua), sie stellen aber auch dar, was sie nicht darstellen (die Welt des Menschen).”

Versteht Lyotard dies als Verweis auf eine Dialektik?

L fragt nach der möglichen Verkettung der beiden Erzählungen und kommt zu folgender These: Widerstreit, der sich ergibt, wenn sich die kognitive Diskursart (epistemologisches Interesse) auf die narrative (wilde Cashin.-Erzählung) als Referenten bezieht

„Der Spieleinsatz der wilden Erzählungen ist nicht mit dem Einsatz der Beschreibungen dieser Erzählungen identisch.”

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Der Historiker bezieht sich auf die Mehrdeutigkeit der Cash.-Erzählung und betont die Mehrdeutigkeit, die offengelegt werden müsse. Der so vollständig freigelegte Begriff ermögliche, die Erzählung zu erkennen. Der Begriff sei im Ganzen impliziert und lasse einen andererseits das Ganze überhaupt erst erkennen.

„Das Symbol ist nicht der Begriff, >gibt< aber >zu denken auf<. Man erkennt die spekulative Diskursart oder eine ihrer Spielarten (insbesondere die Hermeneutik).”

Dahinter stünde die Annahme, dass z.B. die Cash.-Erzählung (‚óä als Symbol?) die Gestaltung (‚óäDarstellung?) eines dahinterliegenden Selbst (‚óä wie ist das zu denken?) ist.

Das Vorgehen des hermeneutischen Historikers wäre dann die „reiche” Verkettung?

Ăśberlieferung

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Die Ăśberlieferung (◊ meint L damit die Ăśbernahme einer spez. Wilden Erzählung in eine universelle?) fĂĽhrt zu einem Konflikt, und zwar ist dieser kein Sprachproblem (Sprachen lieĂźen sich ĂĽbersetzen) und kein Widerstreit (denn es handle sich in beiden Fällen um die narrat. Diskursart) sondern um einen Rechtstreit bezĂĽglich Namen, Orten, Bedeutungen etc. Welches Gericht soll nun aber darĂĽber verfĂĽgen? Dies mĂĽsste ja schon die universale Diskursart sein, um dessen Herstellung es ja gerade geht. Laut Lyotard besteht die Antwort oft in einem Verweis auf „Stärke”, worin aber bestĂĽnde diese? „Gibt es starke Sätze oder Diskursarten und andere, schwache?”

Im nächsten Schritt demontiert L nun diese Argumentation, weil die Annahme, dass es sich um einen Konflikt innerhalb einer Diskursart handle (Rechtsstreit) wiederum einer weiteren Diskursart bedĂĽrfe, nämlich einer „kritischen”. „Indem Sie die Existenz eines Rechtsstreits erklären, haben Sie bereits von einem >universalen< Standpunkt aus geurteilt, vom Standpunkt der Analyse der Diskursarten.”

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„Der – scheinbar metasprachliche – philosophische Diskurs ist selbst (ein Diskurs zur Erforschung seiner Regeln) nur dadurch, dass er weiĂź, dass es keine Metasprache gibt. Dadurch bleibt er volkstĂĽmlich, humoristisch.”

Heterogene Erzählungen & die Weisheit der Nationen

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Laut L gibt es weder eine Einheit der Diskursarten noch einen „Nullpunkt”, d.h. sie stehen auch nicht völlig unverbunden nebeneinander?

Dis Erzählung neutralisiert den WS zwischen den heterogenen Diskursarten, auf die Bezug genommen wird.¬†

„Ein Privileg des Narrativen besteht in der Verzahnung des Mannigfaltigen”

Die volkstümliche Erzählart versuchen nicht, den WS zu beseitigen, sie wollen ihn nur neutralisieren, daher gibt es widersprechende Sprichwörter, Maximen etc.

„Die Weisheit der Nationen liegt nicht nur in ihrem Skeptizismus, sondern auch im „freien” Leben der Sätze und Diskursarten.” 

Daran stoĂźe sich der politische oder wirtschaftliche UnterdrĂĽcker.

Stark und Schwach?

Die Stärke eines Satzes bemisst sich nach Diskursregeln, d.h. also es kann über die Stärke nur innerhalb oder bezogen auf einen bestimmten Diskurs geurteilt werden (im Sinne eines Spieleinsatzes), nicht aber über den stärkeren Satz von Diskursart I vs. II.

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Innerhalb einer Diskursart gibt es nun aber stärkere oder schwächere Erzählungen. Dies bemisst sich an der Art und Weise, wie nahe die Erzählungen ihrem Ziel kommen, nämlich an das Vorkommnis anzuknüpfen (über Bedeutung und referentiellen Bezug).

Aber woran misst sich die Zielerreichung, wenn doch das Dargestellte sowieso nie dem Sein entspricht?

Frohe Botschaft¬† & christlicher Erzählakt

Warum führt L hier die Liebe und der Auftrag des Liebet Euch! als Ursprung allen Erzählens ein?

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Der „christliche Erzählakt” bezieht sich nicht nur auf das bereits Geschehene sondern auch auf das kĂĽnftige Geschehen, Dabei wird der Empfänger (der gläubige Christ) zugleich Mitgestalter (Sender?) der Liebesgeschichte und jeder Referent kann als Zeichen der „frohen Botschaft” verstanden werden.

Im weiteren Verlauf geht es L nun um die Frage des Zweifels am Glauben, an der ethischen Verpflichtung. Hierzu ein interessantes Zitat:

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„Die Autorität des Auftrags zur Liebe wird nicht notwendigerweise infrage gestellt, wohl aber der Erzählmodus, der dessen Legitimation wiederholt”

Wäre dies zu verstehen als die Position des ethisch verpflichteten Kritikers des (christlichen) Glaubens?

Emanzipation

Hier geht es L nun wohl um die vom Glauben losgelöste Idee der Emanzipation, die die Individuen antreibt:¬†

„Die Menschheit besteht nicht aus Kreaturen auf dem Weg zur Erlösung, sondern aus Einzelwillen auf dem Weg ihrer Emanzipation.”

Die Autorisierung entspränge somit nicht einem Ursprungsmythos, sondern einer Idee.¬†

Wie ist das zu verstehen?

Allerdings schafft es dieses nicht-religiöse Verpflichtungsgefühl nicht, die einzelnen Diskurse, Gruppen etc. ähnlich der christl. Narration zu einen

„Zwischen der Idee der Freiheit und den legitimierenden Erzählungen ist der Widerstreit unvermeidlich”

Das ist der Kern, das zeigt der Zweifel des Nichtgläubigen?

Normative oder präskriptive Sätze sind nicht ableitbar oder begrĂĽndbar …

EXKURS Kant IV

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1. Die historische Wissenschaft

Kernproblem: Einzelne Sequenzen (Elemente?) mĂĽssten anschaulich und wiederholbar (Warum nimmt Kant das an?) sein. So z.B: „Der Mensch ist ein Tier, das, wenn es unter anderen seiner Gattung lebt, einen Herrn nötig hat. (…) Aber dieser ist eben so wohl ein Tier, das einen Herren nötig hat.”

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Bei Kant unterliegt der kognitive Satz zwei Bedingungen: a) Wiederspruchsfreiheit und b) Anschaulichkeit 

Damit grenzt er sich ab von „leeren Hoffnungen, den falschen Versprechen, den Prophezeiungen”.

Zentrales Problem der fallenden Reihe: Totalität und Anfang der Reihe sind keine Anschauungsgegenstände.

Zusätzliches Problem der steigenden Reihe: Verkettung von zukünftigen Wirkungen, für die noch keine Dokumente vorliegen.

Was bedeutet hier Reihe? Worauf will Kant (bzw. Lyotard)  hinaus?

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2. Der Leitfaden

Der Versuch, die politische Geschichte rein über die Anschauung nachzuvollziehen, stimmt verdrießlich, da sie wie ein Chaos wirkt. Hierbei könne die Kritik aber nicht stehen bleiben, denn dabei verkenne man das Vermögen des Menschen zur Vernunft. Beide Seiten sind zu extrem, also sowohl das vollkommene Chaos als auch der totale Plan. Denn die Chaos-Befürworter müssten für jeden Satz ein Beispiel sowie ein Gegenbeispiel anführen, erst dann dürften sie von Chaos sprechen.¬†

271

Der Vernunft-Befürworter geht dagegen von der Idee einer natürlichen Zweckmäßigkeit aus, die letztlich auf Freiheit abzielt. Hier wird also nicht der Regel der unmittelbaren Darstellung entsprechend reagiert, sondern die Darstellung kann auch analogisch sein.

3. Die Begebenheit

Hier geht es um die Frage nach der Bestätigung des Besseren, des Fortschritts. Das Problem hierbei ist, dass dies Gegenstände von Ideen sind, ohne eine mögliche direkte Darstellung.

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Eine Möglichkeit besteht darin, das Ereignis als Hinweis zu verstehen, dass die Menschheit sowohl Ursache als auch Urheber ihres Fortschritts ist. Es geht also hierbei nur um einen Hinweis und nicht um einen Beweis. Diese Begebenheit darf für KANT nicht Ursache des Fortschritts sondern nur ein hinweisendes Geschichtszeichen auf ihn sein.

Warum?

Nächstes Problem: Die Begebenheit kann wiederum auf verschiedene Art gelesen werden!

Was haben diese Ăśberlegungen fĂĽr Konsequenzen? Worauf will Kant (bzw. Lyotard) hinaus?

273

4. Der Enthusiasmus

Die Einbildungskraft versucht, eine unmittelbare, sinnliche Darstellung für eine Idee der Vernunft zu liefern, scheitert aber daran und empfindet im nächsten Schritt einerseits Kraftlosigkeit andererseits aber den Wunsch, die Übereinstimmung mit einer Idee der Vernunft durch eine passende Darstellung zu realisieren¬†

Daraus folge, „dass man – anstatt eines GefĂĽhls fĂĽr den Gegenstand – ein GefĂĽhl >fĂĽr die Idee der Menschheit in unserem Subjekt< empfindet”

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Kants Idee: Das, was wir in der Natur finden, ist im Gegensatz zur Idee der Vernunft immer „>verschwindend<” klein.

In der Idee der Vernunft zeigt sich die „unendliche, jeglicher Darstellung inkommensurable Reichweite der Ideen” und die „Bestimmung des Subjekts, (…) die darin besteht, dass eine Darstellung fĂĽr das Nicht-Darstellbare geliefert werden muss und dass folglich  – wenn es sich um Ideen handelt – alles Darstellbare ĂĽberschritten wird.”

Der Enthusiasmus ist also eine extreme Form des Erhabenen zu verstehen. 

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Kant nennt das Judentum und den Islam als Beispiele, wie die Unmöglichkeit einer Darstellung (Du sollst Dir kein Bildnis machen) sich in einen ausgeprägten Stolz wandle.

So ähnlich sei es auch mit der Moralität, auch sie sei nicht darstellbar und daher verlange die Einbildungskraft, dass die Moralität unbegrenzt sei.

FĂĽr Kant ist der Enthusiasmus auch problematisch, er sei ein Wahnsinn, er mache blind sei zĂĽgellos, und verdiene nicht das „Wohlgefallen der Vernunft” (Kant).

Kant unterscheidet den Enthusiasmus von der Schwärmerei, diese sei eine Krankheit, zumal sie länger anhalte als der Enthus.

Der Enthus. sieht nichts, während die Schwärmerei zuviel sieht?

Kant kann dem E positive (Schwung, Motivation) und negative Aspekte (pathologisch, ethisch fragwĂĽrdig) abgewinnen

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5. Die unbestimmte Norm und die menschliche Gemeinschaft

Politische Umwälzungen stellen sich dem Menschen nicht direkt dar, wodurch sich ein Gefühl des Erhabenen ergibt

Was hat es mit der Idee des Zuschauerraumes auf sich?

Nur die Zuschauer dĂĽrfen die Begebenheit als Geschichtszeichen verstehen, als Darstellung?

Warum, weil die Akteure selbst zu sehr im Ereignis stehen?

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Beispiel: Obwohl man bei den Akteuren der franz. Revolution die Intention einer über Frankreich hinaus gehenden Befreiung erwarten kann, bleiben die Nachbarländer nur Zuschauer?

Was sich bei den Zuschauern aber zeige sei ein GefĂĽhl des Erhabenen (Teil einer groĂźen Sache zu sein?)

Was sich hier zeigt, ist l KANT der sog. Gemeinsinn, verstanden als ein normatives Soll der Ăśbereinstimmung von Urteilen.

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Die „vom Schönen und vom Erhabenen aufgerufene Universaliät (ist) nur eine Idee der Gemeinschaft (…), fĂĽr die niemals ein Beweis, das heiĂźt eine unmittelbare Darstellung auffindbar sein wird, sondern nur mittelbare Darstellungen.”

Es geht hier nun also um das ‚Äûästhetische GefĂĽhl”. Auf der einen Seite stehen die Anhänger der Universalität des Schönen, die einen Konsens (wie in der Frage nach dem Wahren) anstreben, auf der anderen Seite die Zweifler, die auf die Nicht-Darstellbarkeit verweisen und somit auf jegliche Allgemeinheit verzichten wollen.

Es gibt aber l Kant etwas vermittelndes, und zwar das Gefühl, dass beide über das Schöne haben müssen, weil sie sonst nicht über die Unterschiede reden könnten.

Dies ist l. Kant der „Satz des Geschmacks”, dieser Satz wird im kommunikativen Austausch zur Pflicht.

Was bedeutet das, welche Konsequenzen ergeben sich?

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Für L wagt sich Kant mit den Antinomien des Erhabenen sehr weit in die Heterogenität hinein.

Was will Lyotard damit sagen?

(Thesenpapier von Jakob Tetens)

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