Protokoll der 12. Sitzung am 20.01.09.
Besprechung des Thesenpapiers Widerstreit und Widerstand von Kim
Frage: Wo öffnen sich bei Lyotard Räume / Handlungsperspektiven für Widerstand?¬â€
These: Der einzige Raum für Widerstand liegt bei Lyotard in der Negation, in der Verweigerung, im Schweigen.¬â€
ÔɆnur die Totalverweigerung bietet die Möglichkeit, auf einen bestehenden Widerstreit aufmerksam zu machen.
Frage: kann es überhaupt Widerstand geben?
These: nur bedingt und nicht grundlegend, weil der Widerstand die zu kritisierende Diskursart durch Verkettung weiterführt und somit diese manifestiert.¬â€
Gegenargument / -frage: ist die Weiterführung des Diskurses in der Kritik nicht ein neuer Diskurs?
Beispiel Hochschulprotest: der Protest um die Mittelvergabe an der Uni spielt sich innerhalb des ökonomischen Diskurses ab, weil damit argumentiert wird, dass Geld nötig ist. Selbst wenn man den Ökonomiediskurs zu widerlegen versucht, indem man anhand der Kosten-Nutzenrechnung aufzeigt, dass die Rechnung nicht aufgeht, unterliegt und stärkt man den Ökonomiediskurs, weil man dessen Mittel nutzt.
Könnte man aus dem ökonomischen Diskurs aussteigen, wenn man die innere Widersprüchlichkeit des Diskurses aufzeigt?
Wohin führt die Kritik an der Mittelvergabe?
Die Idee von Bildung lässt sich nicht messen und abrechnen. Aber sowohl als Studierender wie auch als Lehrender steckt man in dem System, indem Punkte gesammelt und vergeben werden. Welche Möglichkeit haben wir, dieses Paradox zu formulieren? Beide Parteien – Politik und Studierende / Lehrende argumentieren vernünftig, deren Zwecke / Absichten sind aber unterschiedlich.¬â€
Frage: ist eine Kommunikation überhaupt noch möglich, wenn die Diskursart gewechselt wird? Gehen dann die beiden Diskursarten aneinander vorbei, ohne sich zu berühren?
(Nach Lyotard kommt man durch die Bezeugung des Widerstreits in die gefährliche Situation eines Rechtsstreits.)
Es gibt Diskurse, die in einer Gesellschaft eine hegemoniale Stelle einnehmen, die diese Gesellschaft fundamental konstituieren. Der Ökonomiediskurs ist ein hegemonialer Diskurs in unserer Gesellschaft. Innerhalb dieses Diskurses wird z. B. auch die Chancengleichheit als liberales System verhandelt. Wenn Chancengleichheit – dieselben Chancen auf Aufstieg und wirtschaftlichen Erfolg für alle – erreicht werden würde, entstünde eine Katastrophe, weil nicht alle gut Qualifizierten / Führungskräfte in der Wirtschaft untergebracht werden können. Die Auswahl derer, die unterkommen, wäre willkürlich.¬â€
Nicht alle Menschen vertreten den Ökonomiediskurs und wollen im System aufsteigen, z. B. als Führungskraft.
Es ist wichtig, Diskursarten zu explizieren, aufzuzeigen, dass eine Diskursart jeweils eine Sichtweise vertritt. Nur so besteht die Möglichkeit zu erkennen, dass auch etwas verändert werden kann. Nach Lyotard können auch neue Diskursarten erfunden werden. Ein Widerstreit kann durch einen anderen abgelöst werden. Wenn man dem Widerstreit gerecht werden will, kann man nicht urteilen. Aber: man kann dem Widerstreit nicht gerecht werden, weil einem Satz immer ein anderer folgt; auch das Schweigen ist ein Satz.
Fazit:¬â€
Es ist schwer, aus Lyotards Philosophie Handlungsperspektiven (z. B. für den Widerstand) herauszuziehen. Die Verkettung kann nicht unterbrochen werden und ist deshalb lähmend.
(Protokoll erstellt von Esther Wagner)
Tags: Bildung, Hochschule, Kritik, ökonomischer Diskurs, Widerstand, Widerstreit


