Thesenpapier: Das Geschichtszeichen II
Abschnitt 236: L. konstatiert, dass der Marxismus nicht zu Ende gekommen sei und wirft die Frage auf, in welcher Weise dieser fortbestehe. Marx gehe von einer notwenigen Verallgemeinerung des Unrechts aus. Nach L. drĂĽcke sich dieses Unrecht „im Schweigen des GefĂĽhls, im Leid aus.” Die Zweckmäßigkeit des Kapitals reguliere die Satzuniversen und sämtliche Verkettungen. Diese Zurichtung bezeichnet L. als allgemeines Unrecht. Der Marxismus existiere als ein GefĂĽhl des Widerstreits fort.
Frage. Wie ist das Verhältnis zwischen Kapital und Diskursarten genau vorstellbar? Versteht L. das Kapital als eine Art Master-Diskurs? Ist es sinnvoll von einer ökonomischen Diskursart zu sprechen? Da nach Marx, dass Sein das Bewusstsein bestimme und seine materialistische Kritik an der Trennung der „Ideen” von den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen ansetzt, ist die Rede von einem ökonomischen Diskurs aus marxistischer Perspektive vermutlich nicht sinnvoll.
Abschnitt 237: Welches Idiom klagt das vom Kapital verursachte Leid ein? Marx verorte die Forderung nach der Anerkennung des erfahrenen Unrechts im Sinne einer Artikulation des Widerstreits im Klassenkampf als einem Referent kognitiver Sätze. Das Proletariat fordere den Kommunismus als „die freie Verkettung von Sätzen, die Zerstörung der Diskursarten.”¬â€
Anmerkung: Ls. Definition von Kommunismus scheint mir etwas eigenwillig zu sein.
L. beschreibt am Beispiel des Klassenkampfes das Geschichtszeichen als einen (historischen) Moment, in dem die enthusiastische Erregung einer Masse geteilte Bedeutung herstellt.
Nach L. ist Marx ein Gefangener der Resultatslogik. L. kritisiert die Bezugnahme auf ein ideales und emanzipiertes Selbst. Der Referent der Idee des Kommunismus werde in ein (Sender-)Subjekt umgeschrieben, das den Kommunismus vorschreibe.
Abschnitt 238: Die Sätze dieses Subjekts sind Zeichen, die nur ästhetischen und keinen praktischen Wert besäßen. Die Zeichen (Leiden, Zorn, Klassenhass, Enthusiasmus, Solidarität) seien in den Zuschauerraum verbannt, da sie Allgemeingültigkeit beanspruchten. Nach L. bedient sich Marx zweier illusorischer Übergänge: Der erste bestehe in der Verknüpfung von solidarischem Enthusiasmus und revolutionärem Subjekt, der zweite in der Transformation des revolutionären Subjekts in die reale politische Organisation.
Abschnitt 239: Die Partei mĂĽsse die Realität des revolutionären Subjekts beweisen. Die einzige Möglichkeit der Partei sei es in diesem Zusammenhang, sich selber als Beweis vorzubringen. Sie maĂźe sich das „Monopol der Verfahren zur Ermittlung der historisch-politischen Wirklichkeit” an und sorge fĂĽr eine Verdrängung des Widerstreits, welcher im Inneren der Arbeiterpartei insbesondere in Zusammenhang mit der Organisationsfrage wiederkehre. Der Widerstreit selber werde als Rechtsstreit maskiert, welcher immer zu Gunsten des Monopols geschlichtet werde.
Abschnitt 240: Nach L. sei die Bedeutung des ökonomischen Satzes der Tausch. Satz 1: Sender x tritt dem Empfänger y dieses in Form des Referenten a ab. (Zeitpunkt t) Satz 2. Sender y tritt dem Empfänger x jenes in Form von Referent b ab. (Zeitpunkt t +1) Die Abtretung setzt die Abgeltung im Sinne einer Gegen-Abtretung voraus.
Abschnitt 241: Die ökonomische Diskursart sei gekennzeichnet durch die Austauschbarkeit von Sender und Empfänger und die Parität der Referenten. L. formuliert die Frage nach der Bestimmbarkeit notwendiger Diskurse.
Abschnitt 242: Nach Marx können die Produkte a und b auf der Grundlage der zu ihrer Herstellung aufgewendeten durchschnittlichen, gesellschaftlichen Arbeitszeit zu einander in Beziehung gesetzt werden. L. konstatiert die Triftigkeit der zeitlichen Dimension der marxschen Theoreme, kritisiert jedoch die „Gefahr einer Metaphysik der Produktion.”
Frage: Was ist damit gemeint? Ist die Kritik gerechtfertigt?
Abschnitt 243: Die Arbeit gehört nach L. nicht zur ökonomischen Diskursart. Sie sei „eine Gruppierung von Diskursarten.” Der Produktionsdiskurs sei charakterisiert durch folgende notwendige Sätze:
a. die Forderung nach irgendeinem Gegenstand durch einen Sender,¬â€
b. die Suche nach Gegenständen im Sinne von Materialien und
c. die Umformung dieser Materialien nach einem auf einen bestimmten Zweck gerichteten Muster im Sinne des Gegenstandes aus Satz a.
Zum Referenten des Tausches werde damit das vorzeigbare Resultat der Einbildungskraft eines Senders.
Abschnitt 244: L. unterscheidet zwischen ökonomischer Zeit und Produktionszeit. Ist damit die Unterscheidung zwischen abstrakter und konkreter Zeit gemeint? Arbeit sei nicht durch Energie-, sondern durch Zeitaufwand charakterisiert.
Abschnitt 245: Nach L. bestehe Heterogenität zwischen den Sätzen der Einbildungskraft (Erfindung), den Sätzen der technischen Verwirklichung (Ausführung) und den Sätzen der ökonomischen Diskursart. Das Kapital unterwerfe die beiden ersten Sätze dem Regelsystem der dritten. Erfindung und Ausführung würden wie verlorene Zeit behandelt, welche im Tausch der Produkte wettgemacht werden müsse. Die ökonomische Diskursart dehne sich aus auf Sätze, die nicht der Tauschregel unterliegen. Dabei werde die prinzipielle Tilgbarkeit aller Schulden unterstellt.
Abschnitt 246: Das Geld ist nach L. „das (mehr oder weniger getreue) Ă–quivalent der Zeit [...], die in den Waren enthalten ist und bei deren Produktion verloren ging, solange sie nicht getauscht werden.” Das Geld ersetze in der Gegen-Abtretung bzw. im Kauf prinzipiell jeden Referenten b. Der Tausch sei bestimmt als ein Zeit-Handel.
Anmerkung: Ich finde Ls. Rede von der „verlorenen Zeit” irritierend. Ist damit die „fest geronnenen Arbeitszeit” gemeint oder meint L. etwas anderes?
Abschnitt 247: Reichtum bezeichne die VerfĂĽgungsgewalt ĂĽber mehr vergangene Zeit als die anderen TauschpartnerInnen. „Es gibt die, die nur ‚Äöihre’ Zeit (hic et nunc) zu verkaufen haben, und diejenigen, die ĂĽber genĂĽgend angehäufte Zeit verfĂĽgen und sie abtreten können.”
Anmerkung: Diejenigen die nach L. „nur ‚Äöihre’ Zeit [...] zu verkaufen haben”, verkaufen nach Marx ihre Arbeitskraft. Diejenigen, die ‚Äûüber genĂĽgend angehäufte Zeit verfĂĽgen und sie abtreten können” sind nach Marx im Besitz der Produktionsmittel.¬â€
Abschnitt 248: L. definiert das Geld als gespeicherte Zeit. Das Geld fungiere damit als eine „Als-ob-Ware”. L. spricht auch in diesem Abschnitt von der „verlorenen Zeit”. In diesem Zusammenhang ist damit die Zeit gemeint, die der Tauschakt selber beansprucht.
Abschnitt 249: Da die Arbeit als für den Tausch verlorene Zeit betrachtet werde, müsse sie soweit wie möglich eingeschränkt werden. Nach L. ist die Ausbeutung im Sinne einer Abpressung des relativen Mehrwerts eines der Mittel, um diese Einschränkung durchzusetzen. Das Ideal dieser Diskursart bestehe in dem Versuch, verlorene Zeit zurück zu gewinnen oder die im Kredit verlorene Zeit vorwegzunehmen
Anmerkung: Der Abschnitt ist mir völlig unklar. Warum muss Arbeit eingeschränkt werden? Lohnarbeit ist Voraussetzung dafĂĽr, dass Mehrwert abgeschöpft werden kann. Was meint L. mit dem Begriff der „verlorenen Zeit”?
Abschnitt 250: L. konstatiert einen unlösbaren Widerstreit zwischen Arbeit und Zeitgewinn als dem grundlegenden Prinzip der ökonomischen Diskursart. Dieser werde erzeugt durch die die Arbeitsbedingungen im kapitalistischen System begleitenden Gefühle wie Traurigkeit, Zorn, Hass, Entfremdung etc.
Die Unterordnung der Arbeit unter den Tausch werde als Lohnarbeit bezeichnet. Es entstehe dabei ein Widerstreit, der das Verhältnis zwischen realer (konkreter) und abstrakter Zeit betreffe.¬â€
Abschnitt 251: „Tausch heiĂźt Tausch von Zeit, und zwar Tausch von möglichst viel Zeit (‚Äöabstrakter’ oder verlorener Zeit) innerhalb möglichst kurzer Zeit (‚Äörealer’ Zeit).” Sätze wĂĽrden zu Waren, wenn sie in eine berechenbare Einheit transformiert werden. Die Kommunikationstheorie kategorisiere die Sätze nach dem bit an Information. Die Heterogenität der Regelsysteme wie der Diskursarten finde im ökonomischen Diskurs ein universales Idiom, das seinerseits auf den Gewinn von Zeit gerichtet sei.
Abschnitt 252: Der Kapitalismus fungiere als Gerichtshof, der den Widerstreit zwischen Satz-Regelsystemen oder Diskursarten als unerheblich erachtet. Der Urteilsspruch werde immer zu Gunsten der gewonnenen Zeit gefällt. L. spricht von einer Verschärfung des Widerstreits auf Ă–uĂźerste, der eintrete, wenn der Urteilsspruch einen Schlussstrich unter das Rechtstreitsgefälle ziehe.¬â€
Frage: Was ist damit gemeint? Unterstellt L. dem Widerstreit ein revolutionäres Potential?
Abschnitt 253: Die Vorherrschaft der ökonomischen Diskursart könne sich in das Gewand einer emanzipatorischen Geschichtsphilosophie kleiden. Die ethische Frage (Was sollen wir sein?) werde im ökonomischen Diskurs nicht gestellt. Der ökonomische Diskurs des Kapitals verlange die Unterdrückung des politisch-deliberativen Dispositivs, das die Heterogenität der Diskursarten zulasse. L. fragt, welche Vorstellung von Menschheit dadurch impliziert werde.
Abschnitt 254: Kann die ökonomische Diskursart den Widerstreit wirklich befrieden? „Der Widerstreit, das Und? [...], das Nichts, das die Verkettung von einem Satz zum anderen unterbricht und bedroht – kann es auf diese Weise, durch den Handel, aufgefĂĽllt werden? Kann das Komm zurĂĽck, das mit der Regel der Parität von Abtretungen und Gegen-Abtretungen impliziert wird, das Geschieht es? [...] derart neutralisieren, dass nur mehr das Marktfähige geschieht?”
Abschnitt 255: Der Kapitalismus bilde keine Universalgeschichte. Das Vorkommnis einer Universalgeschichte würde sich durch das Geschichtszeichen ankündigen. Als Beispiel für ein Geschichtszeichen gilt nach Kant der durch die Französische Revolution erzeugte Enthusiasmus. L. formuliert die Frage, ob eine im Sinne des Geschichtszeichens geteilte Bedeutung mit dem an sie gehefteten gemeinsamen Gefühl in der Gegenwart noch vorstellbar sei.
Abschnitt 256: Nach Kant gehört auch der Kummer zu den fĂĽr das Geschichtszeichen typischen „stĂĽrmischen GemĂĽtsbewegungen”, wenn er sich ĂĽber den Bezug auf moralische Ideen begrĂĽnde. L. formuliert die Frage, ob eine tief melancholische Menschheit den Beweis dafĂĽr antreten könne, dass diese zum Besseren voranschreite.
Abschnitt 257: Die Geschichtsphilosophien des 19. und 20. Jahrhunderts geben nach L. vor, Ăśbergänge ĂĽber die Kluft der Heterogenität oder des Ereignisses garantieren zu können. Die Geschichte selber beweist das Gegenteil. Die spekulative Doktrin – Alles Wirkliche ist vernĂĽnftig, alles VernĂĽnftige ist wirklich – wird durch Auschwitz widerlegt. Aus dem Umstand, dass es zahlreiche historische Belege dafĂĽr gibt, dass die Geschichtsphilosophie ihr Versprechen nicht einlösen kann, resultiert nach L. der Kummer der Zuschauer am ausgehenden 20. Jahrhunderts.
Abschnitt 258: Der Kapitalismus ist nach L. nicht reformierbar. Das ökonomische Prinzip gilt oder es gilt nicht.¬â€
Abschnitt 259: Das Fortschreiten der Menschheit zum Besseren wird nach L. nicht nachgewiesen, weil „es besser geht”, sondern auf der Grundlage einer entsprechend vorstrukturierten Wahrnehmung konstruiert. L. konstatiert eine Verschärfung der Diskrepanz zwischen der historisch-politischen Realität und den Ideen.
Abschnitt 260: Nach L. ist die fortschreitende Kultivierung der Menschheit im Kapitalismus nicht denkbar, weil die Verausgabung von Zeit für Kultur nicht lukrativ sei. Die Menschen würden deshalb ihr ideelles Vermögen einbüßen und könnten angesichts der Inkommensurabilität zwischen Wirklichkeit und Ideen nicht einmal Kummer empfinden.
Abschnitt 261: Eine teleologische Perspektive auf die Menschheit und ihre Geschichte sei nicht vorstellbar unter der Vorherrschaft des ökonomischen Diskurses. Man habe nichts zu erwarten, „kein Zeichen von einem anderen als man selbst.”¬â€
Abschnitt 262: Widerstand gegen die Vorherrschaft des Kapitals ist nach L. nicht vorstellbar.¬â€
Abschnitt 263: „Das einzige unĂĽberwindliche Hindernis, auf das die Hegemonie des ökonomischen Diskurses stößt, liegt in der Heterogenität der Satz-Regelsysteme und Diskursarten, liegt darin, dass es nicht ‚Äödie Sprache’ und ‚Äödas Sein’ gibt, sondern das Vorkommnis. Das Hindernis besteht nicht im ‚ÄöWillen’ der Menschen im einen oder anderen Sinne, sondern im Widerstreit. [...] Das Geschieht es? kann von keinem Willen zum Zeitgewinn besiegt werden.”¬â€
Abschnitt 264: Das Vorkommnis könne bezeugt werden. Die Frage nach dem Fall, in dem das Zeugnis nicht gehört werde, greife dem Geschieht es? vor. ¬†¬â€
Fazit: Nach meiner Lesart orientiert sich Lyotard bei seiner Beschreibung der ökonomischen Diskursart weitestgehend an den von Marx im Zusammenhang mit seiner Kritik der politischen Ă–konomie entwickelten Kategorien. Als zentrale Eigenschaft der ökonomischen Diskursart wird dementsprechend das Tauschprinzip ausgemacht. Der Gewinn von Zeit wird zum ausschlaggebenden Kriterium fĂĽr ökonomischen Erfolg. Lyotard kritisiert Marx, da dieser der Resultatlogik verhaftet bleibe und wendet sich ab von der Vorstellung einer teleologischen Menschheitsgeschichte. Ein revolutionäres Subjekt, das den Kapitalismus ĂĽberwinden könne, sei nicht vorstellbar. Lyotard ersetzt die Idee des Widerstands durch die Idee des Widerstreits. Der Widerstreit sei systemimmanent.¬â€
(Thesenpapier von Rebekka Mönch)
Tags: Diskursart, Kapital, Kommunismus, Marx, Widerstreit


