Station 3

EG, Bibliotheksraum

Eine Gipsbüste Martha Muchows, geschaffen von der in Grebenstein bei Kassel lebenden Bildhauerin Karin Bohrmann, erwartet den Betrachter im Erdgeschoss der Bibliothek. Das Objekt wurde nach zwei Fotos der Wissenschaftlerin aus den Jahren 1930/31 gestaltet, die Muchow im Alter von 38 Jahren zeigen – und die zu den wenigen Fotos gehören, die überhaupt von ihr existieren. Die Dokumente in der Vitrine neben der Büste, darunter Kopien der Geburtsurkunde von 1892, ihres Lebenslaufes von 1915 und eines Typoskriptes von Hans Heinrich Muchow, dem Bruder Marthas, aus dem Muchow-Nachlass geben Einblicke in die Zeit vom Beginn ihres Lebens bis zur Berufstätigkeit als Lehrerin.

Es gibt so gut wie keine Zeugnisse über Muchows Kindheit. Eine Beschreibung ihres Bruders über den familiären Alltag in einem in der Westfälischen Zeitung vom 28.4.1965 abgedruckten Beitrag, der sich mit dem Thema „Die Eltern und die Schularbeiten ihre Kinder“ befasst, bietet einen der wenigen Einblicke hierzu. Er beschreibt zwar das Verhalten der Eltern ihm gegenüber, man kann aber vermuten, dass sie seiner Schwester gleiches Interesse entgegenbrachten. Es heißt in dem Beitrag:

„Mein Vater pflegte, wenn er von seinem Dienst als Zollbeamter zurückkehrte und wir zum gemeinsamen Mittagessen niedersaßen, zwei fast stereotype Fragen an mich zu stellen, die meinen Schultag betrafen: ‚Bist du drangekommen‘ und ‚Hast du was gewußt?‘ Da ich ein guter Schüler war, konnte ich die zweite Frage stets reinen Gewissens mit ‚Ja‘ beantworten, während die erste Frage – da das Drankommen ja nicht ausschließlich von mir abhing – nicht immer bejahend beantwortet werden konnte. Beide Fragen aber, so stereotyp sie gestellt wurden, bewiesen nicht nur das Interesse meines Vaters an meinen Schulangelegenheiten, sondern stellten eine Art von Kontrolle meines Schuldaseins dar, die, zwar unbewußt, einen Ansporn bedeutete. …

Aber mein Vater begnügte sich nicht damit. Bei Gelegenheit des Familienausflugs am Sonntag, mochte er nun in die nähere oder fernere Umgebung oder, wie im Winter, in die verschiedenen Stadtteile Hamburgs führen, versuchte mein Vater mir das Besondere der jeweils besuchten Gegend zu zeigen oder zu erklären oder mich während des Spaziergangs über Sachprobleme und Lebensverhältnisse zu belehren. Ich verdanke diesem ‚Gelegenheitsunterricht‘ meine weit über das Schulwissen und das spätere Fachstudium hinausreichende Allgemeinbildung. Bei diesen Familienausflügen kam mein Vater auch mit Fragen wie ‚Habt Ihr in der Schule schon die ‚Regeldetri‘ (Dreisatzlehre) gehabt?‘, auf späteren Klassenstufen lauteten die Fragen entsprechend anders: ‚Habt Ihr schon Gleichungen mit zwei Unbekannten gehabt?‘ oder ‚Kannst du schon Gleichungen dritten Grades lösen?‘ Bejahte ich die Frage, so mußte ich den Sachverhalt erläutern, und siehe da: Mein Vater wußte genau Bescheid! Andere Fragen kamen aus anderen Sachgebieten: ‚Habt Ihr schon die ‚Bürgschaft‘ gelernt?‘ Oder ‚Der blinde König‘? Oder „Die Glocke‘? Kannst du sie noch?‘ Und dann mußte ich sie hersagen. Diese Liste von Fragen ließe sich schier unendlich verlängern. Mein Vater konnte so fragen, weil die gleichen Stoffe, jeweils auf die Klassenstufen verteilt, auch zum Pensum seiner Schulzeit gehört hatten.

Ich sagte schon, in welchen Formen sich das Interesse meines Vaters an meinen Schulleistungen bekundete; ich sagte auch, welchen unerhörten Beitrag er zu meinem Fortschritten in allgemeiner Bildung leistete. In Bezug auf Hilfe bei den Schularbeiten  hielt er sich völlig zurück.  Das war das Ressort meiner Mutter, die zu loben jetzt an der Zeit ist. Sie war eine ganz einfache Frau, Tochter eines Landarbeiters und „Absolventin“ einer einklassigen Dorfschule, deren Lehrer, Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, im Hauptberuf noch Schneider war (weshalb denn seine Antwort auf die wißbegierigen Fragen seiner Schüler häufig lautete: „Darüber sind sich die

Gelehrten noch nicht einig“.) Und dennoch hat sie die Schularbeiten eines Gymnasiasten überwacht! Sie wußte, mindestens bis zum Ende der Flegeljahre (die als nicht besonders schulfreudig bekannt sind) in meiner Schulmappe besser Bescheid als ich. Sie kannte den Stundenplan, vermutete (oft mit Recht) Schulaufgaben auch dort, wo ich sie im Interesse meiner Freizeit im „Aufgabenheft“ nicht registriert hatte, und kannte die Tage, an denen Klassenarbeiten fällig waren. Sie mahnte dann unerbittlich zum „Üben“, und die Resultate dieser Probearbeiten ihr vorzuenthalten, war völlig ausgeschlossen. Kann das nicht auch heute Eltern als Beispiel gelten? Hand aufs Herz: Wer von ihnen weiß so genau über die Schulverhältnisse seiner Kinder Bescheid?

Meine Mutter wachte darüber, daß ich nach kurzem Mittagsimbiß (wir aßen erst bei Heimkehr meines Vaters vom Dienst ‚echt‘ zu Mittag) und einer angemessenen Ruhezeit meine Schularbeiten machte; erst anschließend durfte ich zum Spielen gehen. Sie sorgte dafür, daß die Schularbeiten sauber geschrieben wurden, wie sie überhaupt aufpaßte, daß meine Hefte sich sehen lassen konnten. Dann fragte sie mir alle Aufgaben ab, die Auswendiglernen erforderten. Mathematische Formeln und Rechenregeln, von denen sie auf der Dorfschule nie etwas gehört hatte, konnte sie ja mit dem Text im Lehrbuch vergleichen. Lateinische Vokabeln wurden ja so ausgesprochen, wie sie gedruckt standen, und die Grammatikregeln waren auch ihr verständlich. Englische Vokabeln waren zwar in der Aussprache oft anders, als der Drucktext angab, aber das Plattdeutsche, ihre eigentliche Muttersprache, half ihr die Differenzen zu überbrücken. Einzig die französischen Vokabeln machten ihr Schwierigkeiten, weil die Aussprache oftmals ganz anders ist, als der gedruckte Text vermuten läßt. Sie pflegte dann zu sagen: „Steht hier nicht!“, und ich mußte die Vokabeln buchstabieren. Das führte dazu, daß ich im Französisch-Diktat meinen Klassenkameraden weit überlegen war und immer den „Einser“ nach Haus brachte. Im übrigen: Was meine Mutter mir, oftmals inmitten ihrer Hausfrauenarbeiten, abgehört hat, das sitzt noch heute! Sollte das, was eine Dorfschulbesucherin, ohne höhere Bildung, vermochte, eine Mutter nicht auch heute leisten können?“

Soweit Hans Heinrich mit seinem Einblick in die Kindheit bei der Familie Muchow.

Martha Muchows Lebenslauf von 1915, mit dem sie sich auf eine Stelle als Lehrerin in Hamburg beworben hat, vermittelt u.E. in Stil und Duktus ihr Auftreten, so dass wir ihn hier vorstellen wollen:

„Tondern, den 1. März 1915

Lebenslauf

Ich, Martha Marie Muchow, Tochter des Zollsekretärs Johannes Muchow und seiner Ehefrau Dora, geb. Korff wurde am 25. September 1892 zu Hamburg geboren und bin in der evangelisch-lutherischen Konfession getauft, erzogen und konfirmiert worden.

Ich besuchte von 1899 an 2 Jahre die öffentliche Volksschule und dann 7 Jahre die neunstufige höhere Mädchenschule von Fräulein A. Schütz, später Fräulein N. Friederici in Hamburg. 1908/09 habe ich während meines 10. Schuljahres das städtische Lyzeum in Altona und im Anschluß daran 3 Jahre das städtische Oberlyzeum ebendaselbst besucht. Am 8. Februar 1912 bestand ich vor der königlichen Prüfungskommission die Reifeprüfung des Oberlyzeums unter Befreiung von der mündlichen Prüfung und nach einjährigem Besuch der Seminarklasse des Oberlyzeums am 15. Februar 1913 die Lehramtsprüfung unter Befreiung von der mündlichen Prüfung und der zweiten Lehrprobe mit dem Prädikat „gut“. Nebenher habe ich von 1909-13 zu meiner Fortbildung sehr häufig die von der Oberschulbehörde in Hamburg veranstalteten öffentlichen Vorlesungen besucht und besonders deutsche Literatur, Religion, Geschichte, Kunstgeschichte, Englisch und Französisch gehört.

Seit April 1913 habe ich eine Stellung als wissenschaftliche Lehrerin an der dort von dem Mädchenschulverein e.V. in Tondern unterhaltenen zehnstufigen höheren Mädchenschule mit Realvorschule für Knaben mit einem Gehalt von 1600 M. Die Schule arbeitet nach den Plänen der Ausführungsbestimmungen für die Neuverordnung des höheren Mädchenschulwesens vom 12. Dezember 1908. Außer dem gesamten Mathematik- und Physikunterricht erteilte ich in den beiden Jahren meiner hiesigen Tätigkeit Unterricht in Erdkunde, Religion, Rechnen, Englisch, Französisch, Schreiben und Zeichnen.

Ich habe mich dem Lehrberuf bisher mit Liebe und Freudigkeit gewidmet und hoffe, meine Stellung voll und ganz ausgefüllt zu haben. Ich verbleibe auch noch weiter in meiner jetzigen Anstellung; um jedoch eine Lebensstellung zu erlangen, möchte ich in den Schuldienst meiner Vaterstadt übertreten.

Ich bin groß, kräftig, bisher selten krank gewesen und lebe in geordneten Verhältnissen.

Muchow.“