Station 4

1. OG, Bibliotheksraum

Die Studienzeit sowie die Lehr- und Forschungstätigkeit an der Hamburgischen Universität werden durch Fotos und Reprints in einer Vitrine links hinter dem Eingang zum Bibliotheksraum dokumentiert. Es handelt sich dabei um Kopien von Martha Muchows Anmeldekarte zum Studium an der Hamburgischen Universität von 1919, der Dissertation von 1923, der Abschrift des Doktorbriefes von 1924, der Personalakte der Hochschulbehörde und Fotos der Wissenschaftlerin und ihrer Kollegen. Gezeigt werden ein Foto von 1927 mit einer Tischrunde im Psychologischen Laboratorium (Martha Muchow ist die dritte von links), eine Gruppenaufnahme zum 60. Geburtstag von William Stern, der in der Mitte sitzt mit Martha Muchow rechts neben ihm, sowie ein weiteres Bild von Stern Geburtstag (sitzend v.l.: Clara Stern, Ernst Cassirer, Meta Meumann, William Stern und Martha Muchow).

Auf der Anmeldekarte an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität steht erstaunlicherweise bei der Frage „Soll das Studium an der Hamburgischen Universität zum Abschluß gebracht werden?“ ein „Nein“.

Dennoch hat Martha Muchow 1923 eine Dissertation mit dem Titel „Studien zur Psychologie des Erziehers“ (Muchow 1923) vorgelegt, die 108 Schreibmaschinenseiten umfasst. Sie besteht aus zwei etwa gleich langen Teilen, nämlich zunächst einer Auseinandersetzung mit der „Bedeutung“ und der „methodischen Behandlung des Problems der erzieherischen Begabung“ und im zweiten Teil einer „Phänomenologie und Psychologie des Erziehungsaktes“.

Als zentrales Problem für ihre Arbeit benennt sie das „der erzieherischen Begabung, ihres Wesens und ihrer Struktur“ (ebd., S. 3). Es handle sich dabei um eine der schwierigsten Fragen der Pädagogik, insbesondere hinsichtlich deren methodischen Bewältigung.

Der Schwerpunkt der Arbeit betrifft deshalb auch die – so der Untertitel – „methodologische Grundlegung einer Untersuchung der erzieherischen Begabung“. Unter anderem klärt sie in Auseinandersetzung mit den bereits vorliegenden Arbeiten zur Erziehung ihr eigenes Verständnis von Pädagogik. Wissenschaftliche Pädagogik begreift sie als „Theorie des pädagogischen Tuns“, nicht aber als „Theorie für das Tun“ (ebd., S. 20). Diese Auffassung stehe – so beschreibt sie ihre Erfahrung – allerdings im Widerspruch zu jener der meisten Praktiker, die unter pädagogischer Theorie gerade Anweisungen, Regeln oder Vorschriften verstünden, das, was Muchow als „pädagogisch-didaktische Kunstlehre“ bezeichnet (ebd., S. 22). Die solle zweifellos wissenschaftlich fundiert sein, es gäbe aber einen klaren Unterschied zwischen diesen „Grundsätzen und Gesetzen der Wissenschaft“ und der „Theorie für die Praxis“ (ebd.).

Die Dissertation endet mit dem Ausblick auf die weitere geplante Untersuchung. Muchow kennzeichnet ihre bisherige Vorgehensweise als deduktiv, indem sie das „Strukturgesetz des Erziehens“ (ebd., S. 105) herausgearbeitet habe. Ausstehend sei nun, „an die bunte Fülle des wirklich erzieherischen Verhaltens heranzutreten“ (ebd.). Diese Fortsetzung allerdings ist nicht mehr Bestandteil der Dissertation. Es finden sich in den Veröffentlichungen von Muchow auch keine Arbeiten, die explizit auf die Ausfüllung der in der Dissertation angemahnten Empirie Bezug nehmen oder so gekennzeichnet sind. Überhaupt gibt es im Werk Martha Muchows Hinweise auf viele Ideen, die von ihr nicht mehr realisiert werden konnten.