Station 5

1. OG, Bibliotheks- und Leseraum sowie Leseraum im 2. OG

Am Ende des Raumes befindet sich ein weiterer Vitrinen-Schrank, dessen Inhalt sich mit Martha Muchows bekanntestem Werk »Der Lebensraum des Großstadtkindes« beschäftigt. Gezeigt werden Ausgaben aus verschiedenen Jahrzehnten, veranschaulicht durch Fotos und Objekte.

Die erste Ausgabe des „Lebensraums des Großstadtkindes“ wurde 1935 posthum von Martha Muchows Bruder Hans Heinrich herausgegeben. Bekannt wurde sie dann nach 1978, nachdem Jürgen Zinnecker eine Neuausgabe möglich machte. Beschrieben werden in der Arbeit die Ergebnisse von Untersuchungen zur Welt von Barmbeker Kindern. Dabei unterscheidet Muchow drei verschiedenen „Welten“ bzw. Räume, nämlich den Raum, in dem das Großstadtkind lebt, den Raum, den das Kind erlebt und den Raum, den das Kind lebt. Methodisch wurden diese Räume mit einer Vielfalt an Herangehensweisen erforscht.

Der erste Raum – der kennzeichnet, wo das Kind lebt – wird durch die Erfassung von „Lebensraum-Plänen“ markiert: Die Kinder malten auf Stadtplänen die ihnen bekannten und die für sie zentralen Orte und die Straßen, die sie gut kannten bzw. – in einer anderen Farbe – die Straßen, die sie überhaupt kannten. Muchow unterschied danach den Spielraum, den Streifraum und den Lebensraum. Dabei zeigte sich, dass Mädchen und Jungen einen etwa gleich großen Spielraum haben, Jungen jedoch einen mehr als doppelt so großen Streifraum aufweisen. Entsprechend der damaligen Geschlechterpsychologie interpretierte Muchow dieses – nachdem sie geprüft hatte, ob das Ergebnis nicht auf die stärkere Einspannung der Mädchen in Hausarbeit zurückführbar sei – als wesensmäßigen Unterschied: Mädchen liege das „Herumströmern“ nicht so (Muchow/Muchow 1998, S. 76).

Die genauere Analyse der Spiel- und Streifräume ergab, dass die „eigene Straße“ den wichtigsten Raum, die eigentliche Heimat darstellt. Ein Zitat dazu: „Bei beiden Geschlechtern aber zeigt sich, dass der Aufbau der Lebensräume von ‚erwachsenen‘ Gesichtspunkten wie Verkehrsbedeutung, Arbeitsgelegenheit, Wohnbedürfnis usw. weitgehend unabhängig ist und viel mehr abhängt von Spielplatznähe, Bebauungsart, Geeignetheit als Spielgelände, Naturgrenzen und Zugehörigkeit zur Heimat im engsten Sinne“ (ebd., S. 88).

Zur Erfassung des Lebensraumes, den das Kind erlebt, – durch den also gekennzeichnet wird, wie das Kind lebt – wurden die Kinder nach ihrem Hauptspielgelände und nach der Art ihrer Spiele gefragt, erörterten sie diese Spiele und schrieben sie Aufsätze über einen normalen Sonntag. Es zeigte sich dabei, dass an den Sonntagen ganz überwiegend die Familie und das Heim der zentrale Lebensraum der Kinder war, während an Wochentagen eindeutig die Straße die Welt des Kindes darstellte.

Der sozialisationstheoretisch wichtigste Teil der Arbeit bestand in der Analyse des Raums, „den das Kind lebt“ – dem Raum, der zeigt, was das Kind lebt. Hierzu wurden in mehreren Zentren, die für die Kinder besonders bedeutsam sind, Beobachtungen vorgenommen. An sieben Lebensräumen wurde dann detailliert die Nutzung dieser Räume durch Erwachsene und durch Kinder vorgestellt, und zwar an

  • einem „zweckbestimmten“ Platz, das war ein Löschplatz am Kanal,
  • einem Spielplatz,
  • einem unbebauten Platz,
  • einer stillen Wohnstraße,
  • einer Verkehrsstraße,
  • einer Hauptverkehrsstraße und
  • dem Warenhaus Karstadt an der Hamburger Strasse.

Am „Löschplatz“ zeigt sie, wie ein Gitter, das dort die Grenze zwischen Straße und Platz markiert, und für die Erwachsenen ein Hinabstürzen auf den tiefer gelegenen Platz verhindert – also für diese „Bewegung hemmend“ ist (ebd., S. 106), für die Kinder ein idealer Gegenstand für taktile Erfahrung, vor allem aber für das Einüben von Bewegungssicherheiten darstellt. Ich zitiere einen Teil der Beschreibung:

„Welche Fülle von Verwendungsmöglichkeiten des Gitters gibt es! Schon für das Sitzen bzw. Hocken auf dem Gitter gibt es mehrere Möglichkeiten: frei sitzend mit baumelnden Beinen oder Hocken mit Stütz auf oder hinter einer der Sprossen. Beide Male gilt es, das Gleichgewicht zu bewahren, und schon der Aufstieg und das nachher nötige Herumwenden geht vielfach über das Können der Kindergartenkinder hinaus. Ihnen wird dabei von den Größeren geholfen, während die Sechsjährigen das Klettern und herumdrehen ‚trainieren’ und es bald können. Volle Meisterschaft gehört dazu, hier oben zu sitzen, zu ‚dösen’ und auszuruhen, mit Kameraden zu klönen oder gar Bilder zu besehen und zu tauschen. Man kann sich auch bäuchlings über das Geländer legen, mit oder ohne Aufstützen der Füße auf dem Erdboden, um dann eine (reizvollere?) Aussicht auf den Platz zu genießen. Eigentliche Balancierübungen wagen nur wenige und zumeist ältere Jungen: wir sahen nur zweimal zehnjährige Jungen bei diesem Kunststück. Die Fallhöhe nach der Straße beträgt zwar nur etwas über einen Meter, aber zum Platz hin könnte man drei Meter tief abstürzen, und das zu riskieren, braucht’s schon einigen Mut“ (ebd., S. 107).

Bestimmt gibt es auch heute noch solche „Turnmöglichkeiten“, für die wir Erwachsenen nicht den Blick haben!

Am Beispiel des Warenhauses zeigt Muchow auf, wie Kinder sich in die Welt der Erwachsenen einüben. Weil dieser Teil der Studie einen wunderbaren Einblick in Martha Muchows Arbeitsweise gibt – er zeigen kann, wie es ihr gelingt, „dichte Beschreibungen“ zu liefern und wie sie dies ohne jeden moralischen Zeigefinger tut –, möchten wir hieraus noch einige weitere Zitate vorstellen. Martha Muchow wählt für die Analyse ihrer Beobachtungen im Warenhaus Karstadt eine Systematik von fünf Betrachtungsweisen, nämlich das Warenhaus in der Welt der Erwachsenen, als „Abenteuerwelt“, als „Manövrier- und Trainingsgelände“, als „Schau“-Platz und als „große Welt“. Für die Erwachsenen „ist es mit seinen mannigfachen Warenlagern in erster Linie ein Zentrum so gut wie aller Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse; man geht hinein, mustert die Auslagen und erwirbt die Artikel, deren man bedarf. Zum andern ist das Warenhaus für den Erwachsenen etwas, das weitgehend den Charakter der ‚Ausstellung’ oder des ‚Museums moderner Bedürfnisartikel’ trägt. Man pendelt durch die Stockwerke, beschaut teils wissbegierig alle Ausstellungsgegenstände, lässt ein wenig seine Phantasie und seine Besitzwünsche spielen und genießt das alles weidlich. Ja, das Warenhaus gilt geradezu als eine Art von Sehenswürdigkeit. Wir beobachteten gelegentlich Eltern mit Kindern, die das Warenhaus von außen und von innen gründlich besichtigten und die dann im Erfrischungsraum zu Mittag aßen. Und schließlich ist – dies Kaufhaus vielleicht in besonderem Maße – das Warenhaus eine Stätte vorwiegend weiblicher Geselligkeit: man trifft sich dort, sieht Menschen, unterhält sich, hat Gelegenheit, Gratiskostproben zu genießen, kann beiläufig ein Tässchen Kaffee trinken und schwimmt vor allem im Strom einer bewegten Masse“ (ebd., S. 138).

Anders als heute üblich, waren die Eingänge des Kaufhauses jedoch mit Pförtnern besetzt und Kindern ohne Begleitung ein Zutritt nicht erlaubt. Das übte natürlich einen besonderen Reiz aus, machte das Warenhaus zu einer „Abenteuerwelt“ vor allem für die sieben- bis zwölfjährigen Kinder, – hier wieder der Originaltext von Muchow – „in die man mit viel List und Schlauheit einzudringen versucht, wie man etwa als Schmuggler die Grenze überschreitet. Es wird viel Zeit darauf verwendet, die Gelegenheit abzupassen, wann man unbemerkt hindurchschlüpfen kann; stundenlang umlagern die Kinder der genannten Altersstufe die Portale, um einen Augenblick zu erwischen, in dem der Pförtner, abgelenkt oder in Anspruch genommen, in seiner Wachsamkeit erlahmt. Rasch springt man dann zu und gelangt durch die Drehtür ins Innere des Gebäudes. Oder aber man schreitet mit gespielter Sicherheit auf das Portal zu, rechnet damit, dass der Pförtner gerade nicht schaut oder auch nichts unternehmen wird, und versucht durchzuschlüpfen. Ist aber der ‚Gegner’ auf dem Posten und fasst den Herankommenden ins Auge, dann biegt man, gleichgültig blickend, kurz vor dem Portal um und tut so, als ob man … eben nur vorübergehen wollte. Je gleichgültiger man tut, desto besser, denn auf keinen Fall darf man auffallen, wenn man an diesem Portal bei den nächsten Versuchen noch etwas erreichen will“ (ebd., S. 139).

Als „Manövrier- und Trainingsgelände“ eignet sich das Kaufhaus für die verschiedenen Altersstufen. Besonders die Rolltreppe ist das „glänzendste Gerät“ für Bewegungsspiele: „Ein vierjähriger Junge etwa kommt nach selbstständiger Fahrt oben an und verlässt mit kühnem Schritt die letzte Stufe. Zur Mutter gewandt, stellt er fest: ‚Ha’ch das nich schön demacht?’ Und auf das bestätigend lobende ‚Hmm!’ der Mutter erklärt er: ‚Destern ha’ch das nicht schön demacht!’ Man sieht also, wie er seine Leistung zu verbessern trachtet, wie er mit Bewusstsein übt und so allmählich die Funktion des ‚Treppenfahrens’ formt. Ein Stück der technischen Umgebung ist in die Umwelt des Kleinkindes einbezogen“ (ebd., S. 143).

Vor allem die Neun- bis etwa Dreizehnjährigen nutzen das Warenhaus auch als „Schau“-Platz, das heißt als Welt zur Entdeckung sowohl von Erwachsenenverhalten wie der Vielfalt der Waren. Martha Muchow beschreibt, wie die Kinder „am Munde der Verkäufer“ hängen oder „das Verhalten der Erwachsenen, die schauend oder auch kaufend um den Stand herumstehen“ studieren. Andere notieren sich Preise oder betrachten die Gegenstände wie in einem Museum. Manche treibt ihre Sammelleidenschaft auch „in den Bereich kriminellen Geschehens …. Mehrfach sahen wir etwa zehnjährige Kinder, die sich in der Schreibwarenabteilung herumdrückten, die ausgelegten Sachen betrachteten und dann plötzlich ein Radiergummi oder einen Bleistiftanspitzer in der Tasche verschwinden ließen“ (ebd. S. 144).

Den Dreizehn- bis Vierzehnjährigen schließlich dient das Warenhaus als „große Welt“, als Möglichkeit des „‚den Erwachsenen-spielen’“ wie Martha Muchow dies nennt (ebd.). Dies gilt besonders für Mädchen, aber nicht nur für sie. Auch Jungen mimen dort gern „den jungen Herrn“. „Erwachsenen-Allüren“ lassen sich hier wunderbar einüben, besonders, wenn man dazu auch noch „die Verkäuferin in seinen Dienst … zwingen“ kann wie in folgendem Beispiel: „Zwei 13jährige Mädchen besehen in der Glaswarenabteilung die ausgestellten Gegenstände. Es entwickelt sich folgendes Zwiegespräch: Verkäuferin: ‚Was wollt ihr haben?’ Mädchen: ‚So blaue Schalen, haben Sie die?’ (V. zeigt auf blaue Schalen). M.: ‚Nee so blaue nich, blaue!!’ V.: ‚Die sind doch blau!’ M.: ‚Ja, aber solch Blau nicht!!’ V.: ‚Andere haben wir nicht.’ (M. gehen ab.) (ebd., S. 146). Schließlich bietet das Warenhaus herrliche Gelegenheiten für Flirtspiele, die beide Geschlechter aus der Sicherheit ihrer Clique heraus riskierten. Für das Verhalten, „als ob man erwachsen sei“ bildete das Warenhaus bei Mädchen wie bei Jungen in diesem Alter wegen der vielen fremden Menschen den geeigneten Spielhintergrund: „Während die Kinder in ihrer Straße, ihrem Hof, ihrer Schule immer die wohlbekannten, alters- und leistungsmäßig genau bestimmbaren Kinder bleiben, können sie hier in der nicht bekannten Umgebung sein, was sie wünschen: Damen und Herren“ (ebd., S. 146).
Soweit ein paar Ergebnisse aus diesem Werk, die vielleicht motivieren, selbst das Buch zu lesen.

In der Vitrine finden sich neben einem Stadtplan auch von Studierenden in einem Seminar Peter Faulstichs angefertigte sogenannte „Mental maps“ von Barmbek, d.h. Pläne, die für sie nach einem Besuch des Stadtteils diesen repräsentieren.
Zu den Schauplätzen, die Martha Muchow erforscht hat, finden sich in den Leseräumen im ersten und zweiten Obergeschoss historische und aktuelle Fotografien der verschiedenen erforschten Stationen auf der »Barmbecker Insel«.