Spiel: Skrupel – Ein Spiel mit Moral (überarbeitet!)

Eines der prägendsten Attribute von Spiel ist die Möglichkeit des Spielers, bedeutsame Entscheidungen zu fällen. Den üblichen rein objektiv-strategisch-logischen Entscheidungen – „Was würde man in dieser Situation tun?“ – kann man dabei subjektiv-interpetativ-narrative Entscheidungen entgegenstellen – „Was würde Ich in dieser Situation tun?“.

Um ein Spiel zu entwickeln, dass auf dem weniger bekannten letzteren Spielprinzip aufbaut und dies den Studierenden verdeutlicht bzw. erspielbar macht, hatte ich mir 2012 basierend auf Kohlbergs “Heinz-Dilemma” und der Punktevergabe des “Lexikon-Spiels” das Seminarspiel “Skrupel” ausgedacht: Die Spieler werden mit moralischen Dilemmata konfrontiert und müssen einerseits entscheiden, wie sie handeln würden, andererseits die Entscheidungen ihrer Mitspieler abschätzen, um zu gewinnen.

SkrupelScreenshot

Link zum Download des Spiels “Skrupel” (2014)

Die drei Beispielfragen sind angelehnt an Lawrence Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung, den Studierenden üblicherweise bekannt aus der pädagogischen bzw. Entwicklungspsychologie.

Unerwartetes „Scheitern“ des Spielprinzips

Interessanterweise funktionierte das Spiel bis heute, 2014, nicht wie erwartet über ehrliche, subjektiv getroffene Entscheidungen. Das Scheitern wurde ausgelöst durch die objektiv wertende Spielmechanik der Punktevergabe, die nicht Ehrlichkeit honoriert, sondern die strategische Vorhersage eines Konsensus. Das Spiel ähnelt in dieser Hinsicht also eher populären Entscheidungen in der Politik.

So kam es im Verlauf des Spiels bisher stets zu einem Kippen zwischen präkonventionellem und postkonventionellem moralischen Verhalten einiger oder aller Spieler: Sollen die Entscheidungen altruistisch-ehrlich (Spieleinstieg, 3. Stufe/Kohlberg) oder egoistisch-gewinnorientiert (Kippen im Spielverlauf, 2. Stufe/Kohlberg) getroffen werden?

Feministische Kritik und Ansatz für Diskussion über „richtiges“ Handeln im Spiel

Es gibt eine feministische Kritik an Kohlbergs Bewertung und Kategorisierung durch Carol Gilligan. Auch wenn die Kritik aus formalen Gründen ebenfalls kritisiert wird, stellt sie einen Ansatz für interessante Diskussionen dar, wie unsere Gesellschaft bestimmte Arten moralischer Urteile bewertet.

„Gilligan’s work presents us with two moral voices. (…) When confronted by the story of Heinz, who must decide whether to steal a drug to save a life, 11-year-old Jake sees the dilemma as “sort of like a math problem with humans” (Gilligan, 1982, p. 26). He sets it up as an equation and arrives at what he believes is the universal response: Heinz should steal the drug because a human life is worth much more than money. Eleven-year-old Amy takes an approach in which we see elements of bricolage. While Jake accepted the abstractly given problem as a quantitative comparison of two evils, Amy looks at the problem setting in concrete terms, breaks the restrictive formal frame of the given problem, and introduces a set of new elements. These elements include the druggist as a concrete human being who probably has a wife of his own and feelings about her. Amy proposes that Heinz talk things over with the druggist, who surely will not want anyone to die.
– Aus Turkle und Papert (1993), „Epistemological Pluralism and the Reevaluation oft he concrete“, S.173. in Idit Harel und Seymour Papert (Hrsg.): Constructionism. Ablex Publishing. Norwood/NJ/USA 1993 Weblink zum Text

Spielt man Spiele, um zu gewinnen, dann gibt es üblicherweise – auch bei scheinbar auf subjektiv-narrativen Entscheidungen aufbauenden Spielen wie z.B. Rollenspielen – eine optimale Spielstrategie. Spielt man sie um des Spielens Willen, aus dem Augenblick „innerer Unendlichkeit“ (Scheuerl) heraus, dann spielt Gewinn oder Verlust keine Rolle.

Beides ist nach den gängigen Spieltheorien vollwertiges Spiel.
Beides kann diskutiert werden.

Weiterführende Frage

Kann eine Spielmechanik – im Gegensatz zu einer Spielnarration – intrinsisch motivierte Ehrlichkeit im Spiel überhaupt fördern bzw. honorieren? Wie sähe so eine Spielmechanik oder ein Spielnarrativ aus?

About Wey-Han Tan

Ich habe bis 2012 das eLearning-Büro der Fakultät EPB geleitet, lehre im Rahmen von Lehraufträgen in Hamburg, Köln und Helsinki. Seit 2012 bin ich im Universitätskolleg der UHH, Teilprojekt 32 – “Mentorenbegleitetes, akademisch-wissenschaftliches ePortfolio” beschäftigt.
Thematisch kreist mein Interesse um Spiele im weitesten Sinne, in Kombination mit Kunst, Kultur und Bildung. Spiele, als dynamische Abbildungen, waren schon immer faszinierend für mich: Aus einfachen Regeln erwachsen komplexe Spielhandlungen, aus einfachen Geschichten ergreifende Dramen.

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