Monatsarchiv für August 2008

 
 

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Ich habe soeben eine gekürtze Fassung der Einleitung aus Geert Lovinks neuem, nun auch auf Deutsch erschienenen Buch “Zero Comments“  gelesen. Dieser Vorabdruck ist schon im September 2006 (!) in der Jungle World unter dem Titel: “Zugriff verweigert. Web 2.0: Von wegen Glanz und Ruhm – Geert Lovink kritisiert einen Hype erschienen.
Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber wenn das Buch das weiter- und ausführt, was die Einleitung einführt, dann wird es spannend. Die Perspektive der Lovinkschen Netzkritik fasziniert mich nicht zuletzt immer wieder deshalb, weil sie inmitten des Netzes dessen Probleme und Gefahren benennt. Oder anders gesagt, da sie durchaus Möglichkeiten im Sinne von mehr Partizipation, Demokratie, Gerechtigkeit etc. benennt, die mit dem Netz verbunden sein könnten, aber eben auch jene Entwicklungen, die diese Versprechen wieder aufheben, in ihr Gegenteil verkehren oder zumindest unerfüllt lassen – mit noch mal anderen Worten: ich mag jene Unterscheidungen, die Entwicklungen in besagter Richtung von jenen trennen, die einen Hype generieren, um selbst auf dieser Welle zu surfen.

Aus eben jener Einleitung:

In meiner Arbeit uÃàber die Kultur des Internet unterscheide ich drei Phasen: erstens die vorkommerzielle Phase bis zur Entstehung des World Wide Web, in der ausschließlich mit Text und zu wissenschaftlichen Zwecken gearbeitet wurde. Zweitens die Phase der Euphorie und Spekulation, in der das Internet fuÃàr die allgemeine Öffentlichkeit zugänglich wurde, was schließlich in der Dotcom-Manie der späten neunziger Jahre kulminierte. Drittens die Phase nach dem Dotcom-Crash und dem 11. September, die gegenwärtig mit der kleinen Web 2.0-Blase an ihr Ende kommt. Blogs bzw. Weblogs entstanden um 1996/97, während der zweiten, euphorischen Phase, wurden aber zunächst kaum beachtet, da sie keine E-Commerce-Komponente enthielten. [...]
Technologien wie das Internet leben zweifellos vom Prinzip permanenter Veränderung; Normalisierung ist nicht in Sicht. Es herrscht nach wie vor die Tyrannei des Neuen, und weil das Web 2.0 in dieser Hinsicht eine Neuauflage der Dotcom-Öra darstellt, macht es schon in seinen Anfängen einen muÃàden Eindruck. Wir können diese immerwährende Instabilität als Marketingtrick verachten und uns selbst die Frage stellen, warum wir uns immer wieder fuÃàr das nächste Gadget und die neueste Anwendung begeistern. Doch anstatt dem Lärm des Marktes zu entfliehen und sich abzusondern, könnte man ebenso gut mit der immergleichen ¬ªVeränderung¬´ Frieden schließen und sich an einigen sorgfältig ausgewählten ¬ªRevolutionen¬´ erfreuen. [...]
Der US-Netzkritiker Nicholas Carr hat die Frage gestellt, ob sich gegen den Hype um das Web 2.0 uÃàberhaupt etwas einwenden lässt. ¬ªAlles, wofuÃàr das Web 2.0 steht ‚Äì Partizipation, Kollektivismus, virtuelle Gemeinschaft, eine Kultur der Amateure ‚Äì gilt als unzweifelhaft gut, als Zeichen des Fortschritts zu einer aufgeklärteren Welt, den man begruÃàßen und fördern sollte. Aber stimmt das uÃàberhaupt?¬´ [...]
Mir geht es in diesem Zusammenhang darum, wie man das Loblied auf den Amateur in Frage stellen kann, aber nicht aus der Perspektive des bedrohten Establishments, sondern aus der Perspektive der kreativen (Unter-)Klasse, der virtuellen Intelligenzija, des Prekariats, der Multitude, der neuen Medienarbeiter, die ihre soziale Stellung professionalisieren wollen. Was wir brauchen, sind ökonomische Modelle, die ambitionierten Amateuren dabei helfen, von ihrer Arbeit zu leben.

Adorno in China

Offensichtlich kaufen die Chinesen nicht nur unsere Schwerindustrie und bedrohen umgekehrt unsere Kreativ-Industrie (weil sie selber nämlich auch kreativ sind), sondern sind durchaus auch an unserer Kulturproduktion interessiert. Folgendes las ich gerade hier:

“Bereits seit Beginn der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik Anfang der 1980er Jahre werden die Theorien der Frankfurter Schule in China rezipiert. Intellektuelle und Wissenschaftler verwendeten sie als Instrument, um die Missstände der Reformpolitik und des gesellschaftlichen Wandels zu analysieren und zu kritisieren. In der Phase der staatlichen Repression, die auf die Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989 folgte, stellte die Frankfurter Schule eines der wenigen westlichen Theoriegebäude dar, das von der staatlichen Zensur verschont wurde. Die der Frankfurter Schule zu Grunde legenden marxistischen Grundgedanken wurden als Bindeglied zum chinesischen Marxismus angesehen. Es ist gerade die doppelte Identität der Frankfurter Schule – gleichzeitig regimekonform und dezidiert gesellschaftskritisch – die einerseits die Instrumentalisierung der kritischen Theorie ermöglicht, andererseits aber auch für das anhaltende Interesse an der Frankfurter Schule in China verantwortlich ist.”

Letztlich geht es im Übrigen um die Tagung “Kritik – Theorie – Kritische Theorie: Die Frankfurter Schule in China” vom 25.-27. September 2008 in Frankfurt. Unter anderem dabei: Alex Demirovic und natürlich Axel Honneth.

Selbstmanagement im Web 2.0

Ich bin soeben auf folgendes Buch aufmerksam geworden. Es ist zwar noch nicht erschienen, aber ich freu’ mich schon drauf … Insbesondere der Untertitel “Selbstmanagement … im Web 2.0″ klingt in meinen Ohren sehr vielversprechend:

Ramón Reichert
Amateure im Netz
Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0
YouTube – MySpace – Second Life
transcript, Bielefeld 2008

Ramón Reichert ist mir bisher nur im Rahmen der Gouvernementalitäts-Studien aufgefallen. So hat er z.B. das kleine Bändchen Governmentality Studies. LIT, Münster 2004 herausgegeben und auch zu Bröckling, Ulrich / Horn, Eva: Anthropologie der Arbeit. Narr, Tübingen 2002 einen sehr schönen Aufsatz beigesteuert. Ich hoffe, das Buch ist der Auftakt einer Gouvernementalität der Neuen Medien …

Das gecoachte Ich

Heute konnte man Ulrich Bröckling in der Zeit lesen. Ein Interview:

DIE ZEIT: Ist Selbstoptimierung ein Phänomen unserer Zeit?
ULRICH BRÖCKLING: In der Antike gab es Lebensführungsregeln, im 19. und frühen 20. Jahrhundert herrschten auch schon Leitwerte wie Fleiß, Gehorsam, Ordnung. Das waren zwar auch Momente der Optimierung, es ging aber darum, sich an vorgegebene Normen möglichst gut anzupassen.
ZEIT: Richtet Coaching den Menschen auf das Idealbild der Flexibilität hin ab?
BRÖCKLING: Heute geht es nicht mehr darum, sich an eine festgelegte Idealnorm anzupassen. Das Ideal von heute fordert von jedem, sich ständig zu verändern: Behaupte dich auf dem Markt! Man muss also exzellent sein, sich von anderen unterscheiden. Das führt zur Forderung nach permanenter Bewegung und der Sehnsucht nach Unterstützung.
ZEIT: Wer gibt die Befehle zu Effizienz?
BRÖCKLING: Die gesellschaftliche Rationalität, die uns bestimmte Sachen fraglos plausibel erscheinen lässt: dass es zu viel Bürokratie gibt, dass alles zu unflexibel ist, dass man mehr Selbstverwaltung braucht. Darauf stützten sich dann politische Programme, pädagogische Konzepte und Beratungsangebote und erzielen einen Sog.
ZEIT: Da hilft nur Coaching?
BRÖCKLING: Coaching-Programme gehen davon aus, dass der Einzelne nicht mehr die Zeit zur kontinuierlichen Verbesserung hat. Zeitnot ist in die Konzepte eingebaut. Work-Life-Balance-Verfechter oder Wellness-Angebote binden Erholung, Freizeit oder das Private als notwendige Pause ein, damit der Einzelne wieder funktionstüchtig sein kann. Das ist betriebswirtschaftlich gesehen clever.

Das Dossier, in dessen Kontext auch das Interview auftaucht, ist m.E. sehr lesenswert. Eine Zusammenfassung bzw. Vorankündigung findet sich hier. Das gesamte Dossier habe ich hier (Material zu meinem Seminar «Die Kultur des neuen Kapitalismus”) bzw. hier (Seminar «Über sich selbst schreiben”) hinterlegt. Da muss man sich aber anmelden. Dafür findet man dort noch anderes Material, für das man sich ggf. – wenn einen das Zeit-Dossier interessiert – ebenfalls begeistern kann (man findet z.B. vieles von dem, auf was sich das Dossier bezieht: Sennet, Bröckling, Ehrenberg etc.)

Was mich an dem Artikel allerdings geärgert hat:
Zum einen unterlässt der Autor es – bestensfalls ganz unterschwellig -, die Frage aufzuwerfen, ob das, was er beschriebt und was das Coaching im Griff zu behalten erlaubt, so sein muss. Z.B.:

»Management heute ist nicht nur frauenfeindlich, es ist oft familienfeindlich, lebensfeindlich, ja menschenfeindlich, der Einzelne spielt keine Rolle mehr.«

Das wäre noch verzeihlich, da die Zeit bekanntlich kein linksradikales Kampfblatt ist.

Was ich aber zum anderen schwer erträglich finde, ist die Tatsache, dass in dem Artikel in keiner Silbe erwähnt wird, dass nicht zur die Leistungsträger und Führungskräfte unter gesteigertem Leistungsdruck, Effizienzanforderungen, Unsicherheit etc. leiden, sondern auch die weniger Erfolgreichen, die weniger Leistungsfähigen. Unerträglich ist dies insbesondere deshalb, da diese nämlich mit dem gleichen Coachingmethoden malträtiert werden, obwohl sie viel weniger Möglichkeiten haben, durch eine mutige Entscheidung und entschlossene Selbststeuerung mal eben den Job zu wechseln, ihrem Chef zu sagen, dass sie einen Tag in der Woche daheim bleiben, beim selben Gehalt … ZeitschreiberInnen sind offensichtlich selbst gestresste und coachingbedürftige Leistungsträger.
Was der Artikel aufgrund dieser Ignoranz deutlich macht, ist, dass jene Rationalität, von der Bröckling spricht, bei allen Krisenerscheinungen – die der Artikel ja durchaus benennt – vielleicht noch ein Stück weit trägt, indem z.B. die “Menschenfeindlichkeit” durch Coaching aushaltbar gemacht wird; dass aber eben genau dadurch das Mitgefühl, das Mitleid, die Liebe oder überhaupt die Aufmerksamkeit für diejenigen, die sich keinen Coach für 1000€ € die Stunde leisten können, sondern bestenfalls einen von der Arge gestellt bekommen, völlig verloren zu gehen droht, da man schon genug an sich selbst leidet …
Aber gerade um die geht es. Die sind es nämlich, die bereits – angeblich aufgrund fehlender Aktivität, mangelnder Zielstrebigkeit und ungenügender Selbststeuerung – gescheitert sind. Sie haben den Schaden schon erlitten, für den sie angeblich selbst verantwortlich sind – wie in Bezug auf Bröckling ganz richtig gesagt wird – der aber tatsächlich strukturell gemacht ist und entsprechend auch gesellschaftlich geteilt werden muss.

Man kann argumentieren, dass die Gescheiterten vielleicht noch nicht ganz aus dem Blick geraten. Immerhin wird ihnen immer wieder doch noch eine letzte Chance geboten … z.B. im Sommercamp. Aber wehe, wenn sie diese nicht nutzen!!

Einen McBachelor, bitte

Neulich in der Financial Times

“Das Unternehmen bestellt, die Hochschule liefert gegen Bezahlung: Immer mehr Bachelorstudiengänge werden auf die Bedürfnisse einzelner Firmen zugeschnitten. Davon profitieren beide Seiten. [...]

Immer mehr Unternehmen suchen passgenau ausgebildete Mitarbeiter und versuchen, über Bildungsangebote ihr Image zu verbessern. Die Zahl der Studiengänge auf Bestellung steigt. Besonders private Hochschulen, die ohne staatliche Zuschüsse kostendeckend arbeiten müssen, sind aufgeschlossen für Kooperationen mit Unternehmen.
So bietet die Internationale Berufsakademie an ihren sieben Standorten bundesweit ausschließlich Studiengänge an, die von Firmen nachgefragt werden. Für McDonald’s richtete die Akademie einen Bachelor in Hotel- und Tourismusmanagement ein. Die Erstsemester binden sich bereits vor Studienbeginn vertraglich an ihren Arbeitgeber. Nur so lohnt sich für das Unternehmen die Investition in die monatlichen Studiengebühren – für die McDonald’s-Studenten sind es 515 Euro pro Kopf.”

Gruscheln und Grunzen

Gestern in Spiegel-online:

“Zu keiner Zeit war knapp kommunizieren so modern wie jetzt – von den mutmaßlich eher kurz gehaltenen Grunzlautkonversationen aus der Frühzeit menschlicher Gesellschaften einmal abgesehen. [...]
Mit dem Siegeszug des Handys ist die SMS zum Geschlechtsverkehrsanbahnungsinstrument No. 1 geworden – die Social Networks holen erst langsam auf, auch wieder mit sparsamen Kommunikationsformen wie “Gruscheln” und “Poken”. Nie wurde knapper, nie präziser geflirtet. Damit tritt die digitale Kurznachricht gewissermaßen das Erbe des Grunzlautes an. [...]
Nur folgerichtig, dass die Verknappung nun weiter vorangetrieben wird. Eine Suchanfrage nach “140 Zeichen” wirft heute bereits fast 50.000 Googletreffer aus. Warum? Nicht etwa, weil 20 Zeichen weniger besser, ehrlicher und, glaubt man Polonius, auch witziger sind. Sondern wegen Twitter. Das Microblogging-System setzt dem Mitteilungsdrang seiner Nutzer eine Grenze von 140 Zeichen pro Botschaft.
Twitter wird allerdings eher von Präsidentschaftskandidaten, pummeligen Silicon-Valley-Nerds Ende dreißig und um Hipness bemühten Technikjournalisten benutzt als von der Jugend. Vielleicht sind 140 Zeichen zur Geschlechtsverkehrsanbahnung einfach gerade 20 zu wenig?”

Bildung macht glücklich

“Wahre Bildung … macht reich, zufrieden und glücklich,
sie ist ein Schatz, der, einmal erworben,
nicht verloren gehen noch an Wert verlieren kann,
denn er hat keinen Marktwert.

Ich bin mir zwar nicht sicher, ob Bildung wirklich glücklich macht, aber dennoch fand ich das Zitat sehr erbaulich …
Zu finden in der Enzyklopädie von REIN – das behauptet zumindest Volker Bank in Bank, Volker (Hrsg.) (2005): Vom Wert der Bildung. Haupt Verlag, Bern/Stuttgart/Wien, S.7

brand yourself

Als kleinen Nachtrag zu dem zuvor veröffentlichten Post, also als Bekräftigung der These, das Netz werde in aller Regel dazu benutzt, sich selbst und sein Tun als Markenware anzupreisen, hier ein Ausschnitt aus einem Interview mit Norbert Bolz, das er am Rande der Trendtage 2008 gegeben hat, die vor kurzem in Hamburg unter dem Titel Identitätsmanagement statt gefunden haben. Hierin vertritt er im Kern und in seiner unnachahmlich nüchternen Art die These: Identitätsmanagement sei der Kampf um Anerkennung vor einem bestimmten Publikum – mit anderen Worten brand yourself.

Das gesamte Interview findet sich hier. Den Vortrag, den Norbert Bolz auf den Trendtagen gehalten hat – und auf den im Interview bezug genommen wird – findet man hier.

Hier ist ein wichtiges Argument …

Folgendes las ich gerade auf Spiegel-online in einem Interview mit David Weinberger:

Seit seinem Ursprung, seit den ersten E-Mails, seit Usenet ist das Internet eine Empfehlungsmaschine, mit der wir einander auf interessante Sachen hinweisen. Das war sogar der Grund für seine Entwicklung. Es sollte nicht nur eine Bibliothek sein, sondern auch die Möglichkeit bieten, zu sagen: “Hier ist ein interessanter Artikel, ein wichtiges Argument, und ich stimme dem zu oder eben nicht, und zwar aus folgenden Gründen.

Dem stimme ich zu. Nur: Leider wird das Netz – speziell beim bloggen – viel zu oft als Möglichkeit genutzt, zu sagen: “Schaut mal, was ich tolles gemacht habe!” oder – dank twitter – “Ich mähe gerade den Rasen!”

Ich blogge jetzt (wieder)!


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