Monatsarchiv für September 2008

 
 

… Teil eines neoliberalen Programmes!

Quasi als Nachtrag zu meinem letzten Eintrag, ist¬† noch zu vermerken, dass Thomas Häcker schon vor einigen Jahren in seiner Habil (Portfolio: ein Entwicklungsinstrument für selbstbestimmtes Lernen,¬† Schneider, Hohengehren 2007) gleich auf der ersten Seite der Einleitung folgendes geschrieben hat, womit er im Grunde die leitende Frage der gesamten Arbeit benennt:

Angesichts der Zielstellung der Portfolioarbeit, die Selbststeuerung im Lernen zu fördern, ist zu fragen, ob bzw. in wie weit sie Teil eines neoliberalen Programmes in der Pädagogik ist, das unter der Etikette der Stärkung der Eigenverantwortung die Rückdelegation der Verantwortung für Erfolg und Misserfolg an die Lernenden betreibt.

(e)Portfolio: Neoliberale FĂĽhrungspraxis oder … was?

Mal etwas zum Thema (e)Portfolio: Ein Thema, zu dem ich mich ja zum einen bemĂĽhe eine Diss zu verfassen, was zum anderen auch im Rahmen der Organisationsentwicklung unserer Fakultät eine gewisse – wenn auch noch recht verhaltene – Aufmerksamkeit auf sich zieht, etwa im Rahmen des Projektes ePUSH (im Rahmen dessen es eine extra eingerichtete Arbeitsgruppe ePortfolio gibt).
In dem Zusammenhang ist mir in jedem Fall eine kleine Vortragsankündigung in die Hände gefallen, die ich sehr anregend fand. Thomas Häcker hat den Vortrag in diesem Rahmen an der Uni Tübingen zwar schon gehalten, aber vielleicht wird der ja beizeiten veröffentlicht:

‚ÄûNeoliberale Führungspraxis oder kooperative Lernprozesseinschätzung? Portfolioarbeit im Spannungsfeld zwischen (Selbst-) Steuerung und Selbstbestimmung«

Das Portfolio ist ein Medium, das – dem bildungspolitischen Klima der Zeit entsprechend – auf die RĂĽckdelegation der Verantwortung fĂĽr das Lernen an die Lernenden setzt. Die damit verbundene Reformsemantik der Eigenständigkeit und Selbstverantwortlichkeit im Lernen ist jedoch fragwĂĽrdig, wenn sie die Lernenden und Lehrenden dem Leitbild des Unternehmers / der Unternehmerin entsprechend konzeptualisiert.”

Mir scheint, dass die eher schulpädagogische Debatte um das Portfolio, innerhalb derer Thomas Häcker sicherlich als einer der Wortführer gelten kann, eine etwas andere Ausrichtung nimmt, als dies momentan in der Portfoliodiskussion innerhalb der Hochschule der Fall ist.

Grenzgänger am Arbeitsmarkt

“Die groĂźe Furcht vor dem Abstieg
Hamburger Institut fĂĽr Sozialforschung
Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt:
Prekarisierte Erwerbsbiografien

Im Zuge der Neuordnung der Arbeitsmarktpolitik und angesichts einer wachsenden Zahl prekär Beschäftigter in der Arbeitswelt bildet sich ein neuer Typus heraus: die Grenzgänger am Arbeitsmarkt. Sie gehören nicht richtig dazu, aber sie sind auch keine Ausgeschlossenen. Die Grenze zwischen dauerhaft sicheren und kontinuierlich unsicheren Zonen der Arbeitswelt verwischt zunehmend. [...]
Ein Merkmal der Grenzgänger ist ihre hohe Aktivität am Arbeitsmarkt. Aber trotz Aktivität, Kreativität und Mobilität schaffen nur wenige den Aufstieg in erwerbsbiographische Stabilität [...]. “Es kann hier” so die Wissenschaftler, “von einem rasenden Stillstand gesprochen werden”, denn Aktivität am Arbeitsmark fĂĽhre nicht zwangsläufig zu einer Verbesserung der eigenen Lebens- oder Arbeitssituation.[...]
FĂĽr die meisten der Befragten – Männer wie Frauen, Junge wie Alte, Qualifizierte und Hilfskräfte – ist Erwerbsarbeit nach wie vor der zentrale Modus der gesellschaftlichen Integration. Eine starke Sorge, ja Angst teilen alle Befragten, die vor der beruflichen Deklassierung und die vor der sozialen Ausgrenzung. Alle spĂĽren den Zwang, den gesellschaftlichen Verhaltenanforderungen zu entsprechen. Sie bemĂĽhen sich in einem Arbeitsmarkt FuĂź zu fassen, der nur Jobs, aber keine perspektivreiche Beschäftigung kennt, was dazu fĂĽhrt, dass die Betroffenen erwerbsbiografisch in der Prekarität gefangen sind.
[...] Grimm und Vogel haben eine Präzisierung des Prekaritätsbegriffs vorgenommen, denn “die Fragilität von Beschäftigungsverhältnissen, die rechtliche, soziale und materielle Prekarität der Erwerbsarbeit, aber auch die wachsende HilfebedĂĽrftigkeit hat Einzug in ehedem stabile Bereiche der sozialen und beruflichen Mittelschicht gehalten”.

Am entscheidendsten finde ich den Satz: “Alle spĂĽren den Zwang, den gesellschaftlichen Verhaltenanforderungen zu entsprechen.” Denn so erklärt sich die in letzter Zeit oft gehörte Frage – z.B. im Zusamenhang der aktuellen Uni-Reformen – warum eigentlich alle mit machen (so fern sie denn noch dĂĽrfen). Das ganze stammt von hier: http://idw-online.de/pages/de/news278834

Social Networking wichtiger als Sex …

Heute bei Spiegel-online:

“Erschreckend aber wahr: Porno spielt eine immer geringere Rolle im Internet. Zumindest, wenn es um Web-Suchen und Website-Traffic geht. Der neue Star am AmĂĽsierhimmel heiĂźt “Social Networking”. Meint zumindest der “Web-Guru” und selbsternannte “Daten-Geek” Bill Tancer. [...] FĂĽr ihn ist der Bedeutungsverlust von Porno in den letzten Jahren die wichtigste Veränderung im Netz. Die Leute surfen um zehn Prozent weniger auf Pornoseiten, suchen 20 Prozent weniger per Suchmaschine nach Porno als noch vor zehn Jahren. An die Stelle von Porno seien soziale Netzwerke getreten.
Aber lässt sich aus dem Suchverhalten auf Suchseiten auch etwas ĂĽber das Leben eines Individuums, vielleicht sogar der ganzen Gesellschaft ableiten? Interessieren sich die Leute weniger fĂĽr Sex oder mĂĽssen sie einfach nicht mehr so lange danach suchen, weil sie längst ihre Lieblings-Sex-Website haben? [...] Die Leute seien ihrem Computer gegenĂĽber aufrichtig – und verrieten damit viel ĂĽber ihre Ă–ngste und WĂĽnsche: Wenn zu Thanksgiving in den USA besonders viele Menschen depressive Episoden durchmachen, steigt auch im Netz die Zahl der Suchanfragen nach Antidepressiva und Rat”

Ich blogge, also kontrolliere ich mich …

Folgendes las ich gerade in dem besagten Buch von Geert Lovink:

‚Äû[...] Persönliche Tagebucheinträge ergänzen die Nachrichten, ändern aber nicht die exegetische Natur des Bloggens. Ich blogge, also kontrolliere ich.
Es gibt die weit verbreitete Annahme, dass Blogs in einer symbiotischen Beziehung zur Nachrichtenindustrie stehen. Doch diese These ist nicht unumstritten. Kenner der Geschichte des Hypertexts haben die Ursprünge der Blogs in den Hypercards der Achtziger und nicht zuletzt in der Online-Literatur entdeckt, die ihren Höhepunkt in den Neunzigern erlebte. Die wesentliche Aktivität des Lesers bestand dort darin, von einem Dokument zum nächsten zu klicken. Aus irgendwelchen Gründen aber geriet diese Unterströmung aus dem Blick zugunsten von Mainstream-Ansichten über das Wesen der Blogs. Übrig blieb die augenscheinliche Gleichsetzung von Blogs und Nachrichtenindustrie. Um dem etwas entgegenzusetzen, muss man tiefer in die reiche Geschichte der Literaturkritik einsteigen und untersuchen, wie sich Bloggen zum Tagebuchführen verhält. Es macht sicher Sinn, eine Theorie des Bloggens im Sinne des von Foucault entwickelten Konzepts einer ¬ªTechnologie des Selbst¬´ zu formulieren. Blogs experimentieren mit dem Format des ¬ªöffentlichen Tagebuchs¬´, ein Begriff, der den produktiven Widerspruch von öffentlich und privat, in dem sich die Blogger befinden, zum Ausdruck bringt. Bis vor kurzem waren die meisten Tagebücher privat.«

Genau!!

Die vernetzte Schule

Mal wieder in der Financial Times:

Mit Computern und dem Unterrichtsfach “emotionale Intelligenz” will eine Schule in England zum Vorzeigeprojekt werden. Die Klassenzimmer sehen aus wie BĂĽros einer Werbeagentur, die SchĂĽler verabreden sich via Facebook.

Wen’s interessiert, hier selber lesen und in dem Zusammenhang vielleicht auch gleich dies: Kampf der kreischenden Kreide

… zwischen egalitärer Teilhabe und ökonomischer Vermachtung

Nur ein kurzer Hinweis. Dies scheint mir eine schöne Tagung zu werden:

“Seit einer Konferenz im Herbst 2004 wird der Begriff „Web 2.0« verwendet, um neue Nutzungsmöglichkeiten des Internets zu beschreiben, die sich weniger durch grundlegend andere Techniken als vielmehr durch dezentrale Anwendungen auszeichnen, die den „user generated content« in den Mittelpunkt stellen. Jeder Nutzer des Netzes wird gleichzeitig als potentieller Produzent von Inhalten angesehen. Bekannte Beispiele sind weblogs, Wikis oder Tauschbörsen. Damit entfernt sich das weltweite Netz noch weiter von den klassischen Massenmedien als es ohnehin in seiner interaktiven technischen Struktur angelegt ist. Der Begriff „Web 2.0« ist aber unscharf und verdeckt, dass auch diese neuen Formen der Generierung und Verbreitung von Inhalten in soziale, ökonomische und juristische Strukturen eingebunden sind, die dem Ideal der egalitären Teilhabe aller Nutzer Grenzen setzen.”

Alles weitere hier: http://www.zmi.uni-giessen.de/veranstaltungen/event-dasinternet.html



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