Monatsarchiv für Oktober 2008

 
 

sorting, counting, ranking, marking

Nun ist auch endlich das bereits erwĂ€hnte Buch von Ram√≄n Reichert erschienen. Gelesen habe ich es noch immer nicht. Es gab beim Verlag aber schon eine Leseprobe der Einleitung. Dort kann man u.a. diese – m.E. durchaus treffenden – Zeilen lesen:

“Als â€šĂ„âˆ«Freiheitstechnologieâ€šĂ„Ï€ ermöglicht die soziale Software Designkonzepte freiheitlicher Lebensformen und Lebensstile und versucht, ihre Protagonisten möglichst effektiv und effizient anzusprechen. Unter der Beibehaltung der Illusion der Selbsterschaffung soll auf jeden einzelnen ein indirekter Zwang ausgeĂŒbt werden, sich zu den eigenen FĂ€higkeiten, Begabungen und Fertigkeiten zu bekennen und sich beraten, belehren und evaluieren zu lassen. Normative Bildungsanforderungen wie das lebenslange Lernen mit Hilfe digitaler Lernjournale im eLearning, das Erlernen der Selbstreflexion und Selbststeuerung in LerntagebĂŒchern und multimedialen TagebĂŒchern, das regelmĂ€ĂŸige Update persönlicher ePortfolios, die Selbstevaluierung in Kompetenzrastern und Credit-Point-Systemen und die Ego-Taktiken der Virtuosen der Biografiearbeit haben dazu gefĂŒhrt, dass die Rechtfertigungssysteme kapitalistischer Diskurse die Freiheitsdiskurse mehr oder weniger absorbieren (vgl. Kap. 3.8, 3.9 und 3.10).
Die vormals alternativen Begriffe der Kulturrevolution wie Autonomie, KreativitĂ€t und AuthentizitĂ€t, die sich einst gegen die Leistungsgesellschaft richteten, bezeichnen heute Alleinstellungsmerkmale der Leistungseliten. Sich selbst als aktiv, unabhĂ€ngig, kreativ und individualistisch zu verstehen ist heute Commonsense geworden. Der Commonsense ist ein Produkt der kulturellen Hegemonie und verwandelt Prozeduren der FremdfĂŒhrung in IdentitĂ€tsentwĂŒrfe der SelbstfĂŒhrung.” (S.20)

Die Absorbtion der Diskurse der Freiheit durch jene der kulturellen Hegemonie verortet Reichert im Übrigen nicht zuletzt auch in der technischen Struktur der web 2.0 Anwendungen selbst (die trotzdem immer von kulturellen Wissensformen und Praktiken durchzogen und gerahmt wird) – nicht zuletzt in den Prozeduren des “sorting, counting, ranking, marking” (S.8)


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