Monatsarchiv für Februar 2009

 
 

Turbokapitalismus am Ende …

Jürgen Habermas hatte es als erster gemerkt, nämlich, dass der «Privatisierungswahn” nun ans Ende gekommen sei. Auch Ole von Beusts Sensibilität für Ungerechtigkeit nimmt offenbar zu und er an, dass die Idee gescheitert sei, der Kapitalismus würde den Himmel auf Erden bringen. Dafür hat ihm das Hamburger Abendblatt eine Montage von Marx und ihm selbst geschenk. Helmut Schmidt, der von sich wohl zu recht sagen kann, als Vorspiel von Helmut Kohl der erste bundesdeutsche Kanzler gewesen zu sein, der neolibarales Denken in tätige Politik umgesetzt hat, hält im Hinblick auf die Wirtschaftskrise einen Vergleich mit den Jahren 1929/30 keineswegs für abwegig und hat Vorschläge zur Abwendung der Gefahr der “Depressionsfalle” gemacht, die von Oskar Lafontain sofort aufgegriffen wurden. Bei Anne Will wird der Kapitalismus im Allgemeinen inzwischen offen auf den Tisch gelegt und Marxs Konterfei in die Kamera gehalten. Ebenso in der MOPO, da Banken nun angeblich “enteignet” werden dürfen. Letztlich hat jetzt auch Frank-Walter Steinmeier ausgerufen: “Der Turbokapitalismus ist am Ende” – nachzulesen überall und z.B. in der Financial Times.

All das konnte ich einfach nicht mehr unkommentiert lassen. Allerdings frage ich mich dabei stets, wie lange es wohl dauern wird, bis man auch das Ende des neoliberalen Umbaus des Bildungssystems ausruft. Immerhin haben wir einen Versatz – so kann man argumentieren – von ca. 30 Jahren zwischen der Anwendung neoliberaler Prinzipien in der Wirtschaftspolitik und jener in allen anderen Politikfeldern. Müssen wir nun im Bildungswesen 30 Jahre ausharren bis auch hier die Krise ausbricht und das Ende der Turbobildung als gescheitert erklärt wird …?? Und was kann man auf diese Beschwörungen des Endes eigentlich geben? Was kommt nach dem Ende?

Und Ihr seid alle völlig verschieden …

Ich habe soeben die Einleitung zum Sammelband “Die Ausweitung der Bekenntniskultur – neue Formen der Selbstthematisierung?” gelesen, welches Günter Burkart 2006 im VS-Verlag herausgegeben hat. Meines Erachtens ein ausgesprochen lesenswerter Text. Als kleinen Vorgeschmack allein dies hier:

Selbstgesteuertes Lernen

“Alle Formen selbstgesteuerten Lernens sind [...] sozial selektiv, denn sie bevorzugen diejenigen, die bereits gelernt haben, strukturiert zu arbeiten und sich zu disziplinieren. (vgl. Boenicke 1998, 6f.) Hinter dem autopoietischen, selbstorganisierten Lernsystem taucht ein Sozialtypus auf, dessen vorgebliche Autonomie auf vielfältigen verinnerlichten Disziplinarprozeduren aufruht. Sie erst machen ihn fähig zur Einhaltung selbstgesetzter Normen, zur Methodisierung des Umgangs mit sich selbst und zu planmäßigem Handeln, zur Selbsterforschung und zum selbstbewussten Umgang mit den eigenen Affekten. [...] »Unter dieser neuen Freiheit, die keine Freiheit ist, werden diejenigen begraben, die abgehängt werden von dem bürgerlichen Ethos, eigene Absichten zu verfolgen, statt fremde auszuführen, diejenigen, die nicht oder nicht jetzt das Bedürfnis nach Selbststeuerung in sich entdecken, die es nicht hinbekommen, geforderte Motivationsleistungen zu erbringen, die aus dem Zirkel von Abgrenzung, Abhängigkeit und Lernverweigerung nicht herausfinden, die sich passiv verhalten oder einfach mit Orientierungslosigkeit reagieren¬´ (ebd., 8). Vermutlich werden diejenigen, die mit geringerem ,kulturellem Kapital’ ausgestattet sind, dieser Selektion am ehesten zum Opfer fallen. Im Windschatten der neoliberalen Rhetorik von Selbstorganisation und Selbstentfaltung wartet eine immer rücksichtslosere Zweiteilung der Gesellschaft.

Um diesen Import neoliberaler Ideologie in die pädagogische Terminologie präzise zu erfassen, muss man auf feine Begriffsverschiebungen achten. Sie kommen in einer zunehmenden sozio-technischen Instrumentierung von Lernprozessen zum Ausdruck, bleiben jedoch häufig unbemerkt, weil die folgenreiche Verschiebung vom aufklärerisch fundierten Begriff der ,Selbstbestimmung’ hin zum funktionalistisch inspirierten Begriff der ,Selbststeuerung’ hinter der neoliberalen Befreiungs-Rhetorik verschwindet. Die seit den achtziger Jahren politisch entschieden forcierte Implementation von Marktmechanismen im Bildungsbereich braucht eine ideologische Überhöhung, um die reale Zunahme von Friktionen und Repressionen in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Dass jeder als ,autopoietisches System’ zum unverwechselbaren Urheber seines eigenen Lernerfolgs werden könne – und werden muss, das ist die neoliberale Botschaft des Konstruktivismus. In pädagogischer Wendung lässt sich die Konjunktur von Systemtheorie und Konstruktivismus trefflich dafür nutzen, »sowohl an die zurückliegenden Auseinandersetzungen um den Begriff der Selbstbestimmung anzuknüpfen als auch eine Verschiebung hin zu eher instrumentellen und didaktisch-technischen Fragen des Fähigkeitenerwerbs vorzunehmen. Denn Selbststeuerung zielt nur auf ein Segment dessen, was mit Selbstbestimmung gemeint war, auf funktionsgerechtes Verhalten.¬´ (ebd., 2f.)«

Pongratz, Ludwig A. (2004): Konstruktivistische Pädagogik als Zauberkunststück: Vom Verschwindenlassen und Wiederauftauchen des Allgemeinen. In: ders.; Nieke, Wolfgang, Masschelein, Jan (Hrsg.): Kritik der Pädagogik ‚Äì Pädagogik der Kritik, Opladen: Leske+Budrich, S. 108-133, S. 130f.
vgl. auch Boenicke, Rose (1998): Autopoesis im Klassenraum? Begründungsprobleme von Konzepten selbstgesteuerten Lernens, Habil.-Vortrag, TU Darmstadt, S.1-20
In leicht veränderter Fassung veröffentlicht unter: Boenicke, Rose (2000): Selbstorganisation im Klassenraum? Zu den Begründungen offener Lernformen und ihrer Konzepte. In: Die Deutsche Schule, 92. Jg., 2000, Heft 1, S. 13 ff

… klare Worte

gefunden unter: http://www.oeportfolio.at/1281433.1:

“E-Portfolios fördern die Karriereentwicklung und das Kompetenzmanagement im Unternehmen. Christoph Raber – Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit * * * … mit Hilfe der digitalen Identitäten der MitarbeiterInnen mehr Überblick über das Humankapital des Unternehmens. Friedrich Ortlieb – bit media * * * (…) E-Portfolios ermöglichen die Dokumentation der persönlichen Erwerbs- und Bildungsbiografie und unterstützen die aktive Karriere- und Entwicklungsplanung der MitarbeiterInnen. Yuri Goldfuss – Microsoft Education * * * E-Portfolios machen uns die Möglichkeiten des Mitarbeiters und damit des Unternehmens bewusst. Sie machen das wesentlichste Element, das Human Capital, sichtbar, auf dem wir alle unsere gemeinsame Zukunft aufbauen können. Franz Ritter – Schweifer &Partne”

Wissensgesellschaft und Schweizer Nummernkonto

‚ÄûDer Kapitalismus hat im Kampf der Systeme weltweit den Sieg davon getragen. Schade, dass kein Mensch gewonnen hat, aber Sieg bleibt Sieg, und den feiern wir jetzt, das heißt, wir würden den Sieg gern feiern, wenn wir wüssten, wo der Sieg hin ist. Bis jetzt wissen wir nur, dass der Kapitalismus ihn davon getragen hat. Wahrscheinlich hat er ihn in Sicherheit gebracht ‚Äì nach Luxemburg oder auf ein Schweizer Nummernkonto, das weiß man nicht.«

von Volker Pispers, nach einem Hinweis von Andrea Liesner gefunden in Bittlingmayer, Uwe H.; Bauer, Ullrich (2006): Die “Wissensgesellschaft”: Mythos, Ideologie oder Realität?, Wiesbaden: VS-Verlag, S. 324


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