Monatsarchiv für März 2009

 
 

Krise in plain english

Man konnte in den letzten Jahren viele kleine Filmchen durch die Netze geistern sehen, die uns den Change in peppig aufgemachter Manier unter die Nase rieben, die Notwendigkeit nun schnell auf die Veränderungen durch die Informationstechnologie zu reagieren: Wir wurden gefragt, ob wir eigentlich wüssten, dass … Did You know? und dann gleich noch Did You Know 2.0? und 3.0 usw. Unser Bildungssystem hätte versagt, weil es noch Vorlesungen abhält, anstatt Videos anzubieten. Schulen seien anachronistisch, weil die nicht wahrhaben wollen, wieviel Stunden ihre Klientel tagtäglich vor den Bildschirmen verbringt … Vieles von dem ist sicherlich nicht falsch, der erhobene Zeigefinger und der ungebrochene Glaube an die Virtualisierung aller Lebensbereiche, die allein Zukunft verspricht, aber m.E. etwas anstrengend.

Seit einigen Wochen gibt es nun ein Video in ähnlicher Machart, dass eher in die Vergangenheit schaut (u.a. auf die Dot-Com-Blase), als in eine Zukunft, von der wir – im Gegensatz zu den technophilen Visionären – angeblich nichts wissen. Vielleicht hat diese Vergangenheit viel mehr mit unserer Zukunft zu tun als jene Visionen … Mehr noch: Jene Visionen erscheinen (spätestens inzwischen) eher wie eine Beschwörung, dass diese Vergangenheit niemals auch unsere Zukunft werden möge. Sie bestimmt in jedem Fall unsere Gegenwart …

Teach First – Privatisierung von Lehrkräften

Teach First ist eine Private Public Partnership Initiative. Sie ermutigt High Potentials, also hochqualifizierte, angeblich hochtalentierete und hoch engagierte Hochschulabsolventen – z.B. von Privatuniversitäten – dazu, vor dem Berufseinstieg in die angestrebten Führungspositionen zunächst für ein Jahr in der Schule zu unterrichten. Dies bevorzugt in so genannten sozialen Brennpunkten und für ein relativ niedriges Gehalt. Die Idee schmückt sich mit ihrem sozialen Engagement und auch die TeilnehmerInnen können sich rühmen, den Kontakt zum echten Leben nicht verloren, sondern durchaus ein Herz für weniger Previlegierte zu haben. Zudem sei dies für diese eine gute Weiterqualifizierung, denn: Wer eine Klasse von eher “schwierigen SchülerInnen” bändigen kann, der kann auch ein Unternehmen führen (siehe hierzu auch das Interview mit der Projektleiterin Kaija Landsberg bei Spiegel online: “Karriere-Kick statt Karriere-Knick”; zudem: Von der Eliteuni an die Problemschule).
Zum einen passt diese Initiative zu einem Eintrag, den ich hier vor ein paar Tagen eingestellt habe, der Frage nämlich: Sollen SchülerInnen lernen wie man Banken ruiniert ? Zum anderen lese ich gerade, dass die Initiative zu einem nicht unerheblichem Teil vom Staat finanziert wird, sich das zumindest finanzielle Engagement der Partner aus der Wirtschaft also in Grenzen hält.

Wolfgang Lieb hat dies und ein paar andere kritische Einwände auf den Nachdenkseiten zusammengestellt:

Teach First ist eine gemeinnützige GmbH und strebt eine Partnerschaft zwischen Zivilgesellschaft, öffentlicher Hand und Wirtschaft die „führende Kräfte von morgen für die Schulen von heute gewinnen« will „damit Chancengerechtigkeit Realität wird«. Dabei geht es um nichts anderes als um die Privatisierung von Lehrkräften auf Staatskosten. (…)

Über den schon erwähnten Beitrag in den Nachdenkseiten hinaus wirft die auf den ersten Blick so sympathisch erscheinende Initiative weitere bildungspolitische Fragen auf:

    • Brauchen nicht unsere unterstützungsbedürftigsten Schüler  die bestausgebildetsten Lehrer?
    • Reicht dreimonatige Ausbildung auch bei größtem persönlichem Engagement aus, um Lehrer zu sein und das auch noch für benachteiligte Schüler?
    • 1.700 brutto zahlt der Staat für eine Vollzeittätigkeit. Ist das der Weg zum Niedriglohnlehrer mit Schmalspurqualifikation?
    • Begünstigt das Projektdesign nicht eine Haltung «Lehrer kann jeder”?
    • Was soll denn der Hinweis auf die «neue Quelle für die Anwerbung hervorragenden Schulpersonals” bedeuten? Wird hier nicht die Hoffnung geweckt, hier werde eine Seiteneinstiegsmöglichkeit in den Lehrerberuf oder gar ins Schulmanagement geschaffen?
    • Wie müssen sich eigentlich Studierende fühlen, die ordnungsgemäß auf ein Lehramt hin studieren?
    • Was sagen eigentlich Personalräte und Lehrergewerkschaften dazu?

      Wer es noch genauer wissen will, dem sei auch dieser Artikel von Wolfgang Lieb empfohlen, auf den er  verweist: Teach First Deutschland und die Privatisierung (zuerst) der Lehrerausbildung

      Epic – Nachtrag zum Nachtrag

      Die Nachrichten überschlagen sich (siehe meine letzten beiden Eintrage: hier und insbesondere hier):

      “Wie Google News Redaktionen ausbeutet
      Moneten statt Beta: Google will mit seiner jahrelang als Beta-Test präsentierten Nachrichtenseite jetzt richtig Geld verdienen. Mit vielen Nachrichtenagenturen hat der Suchmaschinen-Gigant Verträge abgeschlossen, die Verlage gehen leer aus – obwohl Google News ohne die Arbeit von Zeitungs- und Online-Redaktionen unmöglich wäre.”

      Epic – Nachtrag

      Das passt ganz gut zu meinem letzten Eintrag:

      “Google verbündet sich mit Presseagenturen
      Das Suchmaschinenunternehmen Google hat sich mit mehreren europäischen Nachrichtenagenturen geeinigt. Deren Fotos und auch Texte sind künftig auch über Google News abrufbar. Nicht dabei: die Deutsche Presseagentur dpa.”

      Epic

      Das las ich gerade bei Spiegel online:

      “Seattle Post-Intelligencer” stellt Druckausgabe ein

      Ein Traditionsblatt ausschließlich im Internet: Der “Seattle Post-Intelligencer” wird ab Mittwoch nicht mehr in gedruckter Form erhältlich sein – nach 146 Jahren auf Papier. Die Zeitung ist die bislang auflagenstärkste in den USA, die den traditionellen Markt verlässt. (…)

      Zuletzt lag die tägliche Auflage des Blattes in der Metropole des US-Bundesstaates Washington bei rund 117.000. Im vergangenen Jahr hatte der Zeitungsverlag einen Verlust von 14 Millionen Dollar (11,1 Millionen Euro) hinnehmen müssen. Das Blatt erschien erstmals vor 146 Jahren. Die Hearst-Gruppe hatte in den vergangenen Monaten vergeblich versucht, das Blatt zu verkaufen. Von den bisher 167 Angestellten der Zeitung werden dem Vernehmen nach nur noch etwa 20 übrig bleiben.”

      Ich musste wieder an ein Video denken, dass vor ein paar Jahren recht prominent durch die Netze geisterte. Vielleicht ist es aktueller denn je:

      Schumpeters Kinder

      Unter dem Titel Kreative Zerstörer hat die FTD ein sehr nettes Video ins Netz gestellt, das zeigt …

      “Was an Phorms-Schulen anders ist – wer könnte das besser erklären als die Schüler. Artur, 8 Jahre, nimmt Sie mit in seine Klasse, in der eigentlich nur englisch gesprochen wird und die Tafel mit dem Computer kommuniziert.”

      Über die Phorms-Schulen im Allgemeinen hatte ich hier schon mal was geschrieben: Privatschule für alle; über die Privatisierung von Bildungsangeboten – gerade im vorschulischen Bereich – auch: Konkurs im Kindergarten

      Sollen Schüler lernen, Banken zu ruinieren?

      Mir wird die Finacial Times immer sympathischer. U.a. mit folgender Pressestimme aus der FAZ kommentierte die FTD den Vorschlag von Ministerin Schavan, Spitzenkräfte aus Wirtschaft und Unternehmen in die vom LehrerInnenmangel geplagten Schulen zu stellen. Schon den Titel finde ich köstlich …

      Sollen Schüler lernen, Banken zu ruinieren?

      Topmanager hinters Lehrerpult? Kommentatoren deutscher Tageszeitungen sind sich einig: Der jüngste Vorschlag von Bildungsministerin Annette Schavan kann nur ein Karnevalsscherz sein.

      “Frankfurter Allgemeine Zeitung”:
      Es ist zu vermuten, dass Bundesbildungsministerin Schavan eine Vorstellung davon hat, wie es an deutschen Schulen zugeht. Doch weiß sie auch, wie es um die deutsche Wirtschaft bestellt ist? Frau Schavans Aufforderung, die Unternehmen sollten ihre Top-Mitarbeiter für den Schulunterricht freistellen, lässt daran gewisse Zweifel aufkommen. Momentan und vermutlich noch für einige Zeit sind etliche Führungskräfte, obschon meistens geborene Pädagogen, damit ausgelastet, das Überleben ihres Unternehmens und des eigenen Arbeitsplatzes zu sichern. Oder sollte Frau Schavan eher an die schon beschäftigungslosen Derivatekonstrukteure gedacht haben, die den Schülern beibringen könnten, wie man erst Banken und dann ganze Volkswirtschaften ruiniert? An die Manager, die Ethik-Unterricht geben könnten? Konsequenterweise müsste die Ministerin dann aber auch fordern, dass, der wertvollen Impulse aus der Praxis halber, die Lehramtsstudenten, die sich jahrelang auf ihren Beruf vorbereiten, wenigstens kurz bei Lehman und Co. in die Lehre gehen. Nur so würde ein ganzer Faschingsscherz daraus.

      CEBIT-NEUHEIT: Wanze zur Nachwuchs-Überwachung

      “Liebe Kinder,

      schaut ab und an mal in Eurem Schulranzen nach. Es könnte sein, dass Eure Eltern Euch nicht trauen oder übervorsichtig sind, und das Ortungsgerät iNanny der Firma Leoworx in Eurer Tasche versteckt haben.
      Damit können Mama und Papa seit Februar überwachen, ob sich der liebe Nachwuchs gerade dort aufhält, wo er sein sollte. Wenn sich die Überwachten zu schnell bewegen oder am falschen Ort befinden, sendet iNanny den Eltern eine Not-SMS. Und falls die Sprösslinge eingeweiht sein sollten, was für ein Gerät sie da mit sich herumtragen, können sie im Notfall auch selbst den Alarm auslösen.
      iNanny soll Schutzbefohlenen mehr Freiräume verschaffen und dennoch für ihre Sicherheit garantieren. Das ist sicher sinnvoll, wenn Papa mit Vornamen Barack heißt, elf Milliarden Euro auf der Bank hat oder dank eines Mafia-Zeugenschutzprogramms schon den dritten Nachnamen. Doch gleichzeitig könnten chronisch misstrauische Eltern oder Paranoiker das Ortungssystem auch missbrauchen, um ihren Sprösslingen hinterher zu spionieren.
      Aber wenn iNanny auch nur das Verschwinden eines Kindes verhindern kann, nimmt man das gerne in Kauf. Nur eines sollte hier absolut klar sein: Eine vertrauensbildende Maßnahme ist das nicht, wenn man so etwas heimlich gegen die eigenen Kinder einsetzt.”

      Nachzulesen unter: http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,611151-2,00.html

      Dass die im Artikel angesprochenen Befürchtungen im Übrigen kein paranoider Quatsch sind, zeigt die Entwicklung in Großbritannien, wo inzwischen schon Grundschulklassen – also sechsjährige Kinder in ihrem Klassenraum – mit Videokameras überwacht werden – installiert von einem Privatunternehmen, namentlich “Classwatch”. Das nennt man heute wohl Classroom-Management. Siehe taz-Artikel vom 30.12.2008: Mal sehen, was die 4-Jährigen machen


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