“Besonders gefährlich sind Ideologien, die sich als solche nicht wahrhaben wollen.”

Ich habe inzwischen den Kontext zu jenem Zitat von Johannes Rau gefunden, welches ich neulich in einem Beitrag ohne Quellenangabe zitiert habe. Es stammt aus der Rede anlässlich der Verleihung des „Hans-Böckler-Preises 2000« in Potsdam – ist also schon fast zehn Jahre alt. Leider ist es so aktuell wie nie zuvor. Im etwas größeren Zusammenhang liest es sich so:

“Wer die Zukunft bestimmen will, darf nicht nur dem angeblichen Verlust von Werten nachtrauern. Er muss vielmehr unter veränderten Bedingungen versuchen, das, was er für richtig hält, immer neu mit Leben zu erfüllen. Das betrifft vor allem die Fragen, die mit der sozialen Gerechtigkeit und mit der Qualität unseres Lebens zu tun haben.
Wenn wir formulieren, nach welchen Ideen wir leben wollen, welche Ziele wir uns setzen, welche Orientierung wir uns selber und anderen geben wollen, dann begegnen wir immer häufiger dem Vorwurf, weltfremden Idealen oder gar Ideologien anzuhängen.
Viele sagen, mit dem Jahre 1989 sei das Jahrhundert der Ideologien zu Ende gegangen.
Das sehe ich nicht so, denn diese Aussage ist selber ein Stück Ideologie. Ja, vielerorts haben sich ein Denken und eine Haltung etabliert, die man durchaus als neue Ideologie kennzeichnen kann.
Ich meine den Anspruch, alle Lebensbeziehungen, alle Interessen der Gesellschaften und Staaten den Gesetzen des Marktes zu unterwerfen.
Gewiss: Für die wirtschaftliche Welt ist der Markt unverzichtbar. Und innerhalb des Rahmens der sozialen Marktwirtschaft hat er uns insgesamt großen Wohlstand gebracht. Aber nun scheint der unbeschränkte, globalisierte Markt weiter zu greifen und mehr erfassen zu wollen als die Wirtschaftswelt.
Seine Herrschaft scheint alles in Frage zu stellen, was bisher Gewicht und Bedeutung hatte: Kulturelle und regionale Identität, nationale Souveränität, religiöse und weltanschauliche Überzeugungen und Wertorientierungen.
Die Ökonomie, der Wettbewerb scheint das einzige Koordinatensystem zu sein, das über Wert und Unwert von Ideen und Plänen, von Projekten und Orten bestimmt.
Es wird manchmal so getan, als gebe es keine anderen tauglichen Maßstäbe mehr für das Zusammenleben der Menschen als die ökonomische Rationalität. Dieses Denken und eine Praxis, die sich daran orientiert, trägt Züge einer Ideologie, die Demokratie und soziale Stabilität gefährdet.
Besonders gefährlich sind Ideologien, die sich als solche nicht wahrhaben wollen.”

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