Monatsarchiv für August 2010

 
 

Digital Natives …

Rolf Schulmeister hatte es ja schon seit längerem gewusst (siehe Gibt es eine »Net Generation«? – Version 2.0). Auch die Kollegen vom Hans-Bredow-Institut haben es vor Kurzem herausgefunden (siehe Heranwachsen mit dem Social Web). Inzwischen schreibt es sogar der Spiegel: Die Netzgeneration gibt es gar nicht – vielmehr nur eine Generation Null Blog:

Dabei schwärmen Experten seit Jahren von einer technikbeseelten Jugend neuen Typs: mobil, vernetzt und chronisch ungeduldig, verwöhnt von der Überfülle der Reize im Internet. Ihr Leben verbringe sie in steter Symbiose mit Computern und Mobiltelefonen; die Netztechnik sei ihr quasi schon ins Erbgut übergegangen. Die Medien nennen sie deshalb “Cyberkids”, “Generation @” oder schlicht die “Netzgeneration”.

Zu den vielzitierten Wortführern der Bewegung gehören der US-Autor Marc Prensky, 64, und sein kanadischer Kollege Don Tapscott, 62. Prensky hat sich das Bild von den “Digital Natives” ausgedacht, den Eingeborenen von Digitalien, traumwandlerisch vertraut mit allem, was das Internet möglich macht an Teilhabe und Selbstinszenierung – und den Älteren in diesen Dingen uneinholbar voraus. Wer über 25 ist, zählt bei Prensky zu den “Digital Immigrants”, den Zugezogenen, die sich durch ihre Unbeholfenheit verraten wie sonst die Migranten mit ihren ulkigen Akzenten.

Eine kleine Industrie von Autoren, Beratern und findigen Therapeuten lebt von der immer gleichen Botschaft: Die Jugend sei durch und durch geformt von dem Online-Medium, in dem sie groß geworden ist. Speziell die Schule müsse ihr deshalb ganz neue Angebote machen; der herkömmliche Unterricht erreiche diese Jugend gar nicht mehr.

Belege dafür gibt es kaum. Statt auf Studien stützen die Visionäre sich vor allem auf eindrucksvolle Einzelbeispiele jugendlicher Netzvirtuosen. Für die ganze Generation besagt das freilich wenig, wie die Forschung inzwischen weiß [...]. Ihre Befunde lassen vom Bild der “Netzgeneration” wenig übrig [...]

Der Marke “Netzgeneration” dürfte das freilich nicht schaden. “Das ist so eine naheliegende, billige Metapher”, sagt Schulmeister, “die kommt einfach immer wieder hoch.”

Im Übrigen stimmt es nicht, dass sich Marc Prensky das Bild von den “Digital Natives” ausgedacht hat. Diese Metapher findet sich schon in dem Klassiker von John Perry Barlow aus dem Jahr 1996 – nämlich in der “Declaration of the Independence of Cyberspace”. Dort heißt es:

You are terrified of your own children, since they are natives in a world where you will always be immigrants. Because you fear them, you entrust your bureaucracies with the parental responsibilities you are too cowardly to confront yourselves. In our world, all the sentiments and expressions of humanity, from the debasing to the angelic, are parts of a seamless whole, the global conversation of bits. We cannot separate the air that chokes from the air upon which wings beat.

(In der Übersetzung von Stefan Münker:
Ihr erschreckt Euch vor Euren eigenen Kindern, weil sie Eingeborene einer Welt sind, in der Ihr stets Einwanderer bleiben werdet. Weil Ihr sie fürchtet, übertragt Ihr auf Eure Bürokratien die elterliche Verantwortung, die Ihr zu feige seid, selber auszüben. In unserer Welt sind alle Gefühle und Ausdrucksformen der Humanität Teile einer umfassenden und weltumspannenden Konversation der Bits. Wir können die Luft, die uns erstickt, von der nicht trennen, die unsere Flügel emporhebt.)


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