Archiv der Kategorie ‘Bücher‘

 
 

mal was in eigener Sache …

Meyer, Torsten; Münte-Goussar, Stephan; Kerstin Mayrberger et al. (2011):
Kontrolle und Selbstkontrolle. Zur Ambivalenz von ePortfolios in Bildungsprozessen

Wiesbaden, VS-Verlag

Schöne Neue Welt

Ich habe gestern 39,90 – den Film – gesehen und darauf sogleich angefangen, das Buch von Frédéric Beigbeder zu lesen (wobei mir der Film sogar besser erscheint: Das, um was es geht – Werbung nämlich – operiert eben selber im Bereich des Sichtbaren). Zusammengefasst handelt es sich – in Romanform – um die Bekenntnisse eines Marketing-Aussteigers, eines Verräters, der das Buch eigens geschrieben habe, um (mit goldenem Handschlag) entlassen zu werden: nicht wirklich neu, aber witzig, (der Film) sehr ansehnlich, widerwärtig, erschütternd.

Schön fand ich insbesondere das Zitat, das dem Buch vorangestellt ist und welches Aldous Huxley angeblich 1946 als neues Vorwort zu seiner Brave New World verfasst hat:

“Es gibt natürlich keinen Grund, warum der neue Totalitarismus dem alten gleichen sollte. Ein Regieren mittels Knüppeln und Exekutionskommandos, mittels künstlicher Hungersnöte, Massenverhaftungen und Massendeportationen ist nicht nur unmenschlich [...]; es ist nachweisbar leistungsunfähig – und in einem Zeitalter fortgeschrittener Technik ist Leistungsunfähigkeit die Sünde gegen den Heiligen Geist. Ein wirklich leistungsfähiger totalitärer Staat wäre ein Staat, in dem die allmächtige Exekutive politischer Machthaber und ihre Armee von Managern eine Bevölkerung von Zwangsarbeitern beherrscht, weil sie ihre Sklaverei lieben. Ihnen die Liebe zu ihr beizubringen ist in heutigen totalitären Staaten die den Propagandaministerien, den Zeitungsredakteuren und den Schullehrern zugewiesene Aufgabe.”

(Etwas überflüssig finde ich die besondere Betonung des Staates – Foucault hat das in den 1970ern Staatsphobie genannt … aber nun ja, was will man für 1946 erwarten …).

Schön ist auch ein Satz aus Beigbeders Buch, der auch als einer der ersten im Film zitiert wird:

“Seit zweitausend Jahren war nie ein verantwortungsloser Idiot so mächtig wie ich.”

In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf das Maketingkonzept für die “größte Lernplattform für Kinder” der Firma scoyo GmbH (Firmensitz Hamburg) hinweisen, welche von Bertelsmann mit angeblich 15 bis 20 Millionen Euro gefördert wurde:

Und Ihr seid alle völlig verschieden …

Ich habe soeben die Einleitung zum Sammelband “Die Ausweitung der Bekenntniskultur – neue Formen der Selbstthematisierung?” gelesen, welches Günter Burkart 2006 im VS-Verlag herausgegeben hat. Meines Erachtens ein ausgesprochen lesenswerter Text. Als kleinen Vorgeschmack allein dies hier:

sorting, counting, ranking, marking

Nun ist auch endlich das bereits erwähnte Buch von Ramón Reichert erschienen. Gelesen habe ich es noch immer nicht. Es gab beim Verlag aber schon eine Leseprobe der Einleitung. Dort kann man u.a. diese – m.E. durchaus treffenden – Zeilen lesen:

“Als ›Freiheitstechnologie‹ ermöglicht die soziale Software Designkonzepte freiheitlicher Lebensformen und Lebensstile und versucht, ihre Protagonisten möglichst effektiv und effizient anzusprechen. Unter der Beibehaltung der Illusion der Selbsterschaffung soll auf jeden einzelnen ein indirekter Zwang ausgeübt werden, sich zu den eigenen Fähigkeiten, Begabungen und Fertigkeiten zu bekennen und sich beraten, belehren und evaluieren zu lassen. Normative Bildungsanforderungen wie das lebenslange Lernen mit Hilfe digitaler Lernjournale im eLearning, das Erlernen der Selbstreflexion und Selbststeuerung in Lerntagebüchern und multimedialen Tagebüchern, das regelmäßige Update persönlicher ePortfolios, die Selbstevaluierung in Kompetenzrastern und Credit-Point-Systemen und die Ego-Taktiken der Virtuosen der Biografiearbeit haben dazu geführt, dass die Rechtfertigungssysteme kapitalistischer Diskurse die Freiheitsdiskurse mehr oder weniger absorbieren (vgl. Kap. 3.8, 3.9 und 3.10).
Die vormals alternativen Begriffe der Kulturrevolution wie Autonomie, Kreativität und Authentizität, die sich einst gegen die Leistungsgesellschaft richteten, bezeichnen heute Alleinstellungsmerkmale der Leistungseliten. Sich selbst als aktiv, unabhängig, kreativ und individualistisch zu verstehen ist heute Commonsense geworden. Der Commonsense ist ein Produkt der kulturellen Hegemonie und verwandelt Prozeduren der Fremdführung in Identitätsentwürfe der Selbstführung.” (S.20)

Die Absorbtion der Diskurse der Freiheit durch jene der kulturellen Hegemonie verortet Reichert im Übrigen nicht zuletzt auch in der technischen Struktur der web 2.0 Anwendungen selbst (die trotzdem immer von kulturellen Wissensformen und Praktiken durchzogen und gerahmt wird) – nicht zuletzt in den Prozeduren des “sorting, counting, ranking, marking” (S.8)

… Teil eines neoliberalen Programmes!

Quasi als Nachtrag zu meinem letzten Eintrag, ist¬† noch zu vermerken, dass Thomas Häcker schon vor einigen Jahren in seiner Habil (Portfolio: ein Entwicklungsinstrument für selbstbestimmtes Lernen,¬† Schneider, Hohengehren 2007) gleich auf der ersten Seite der Einleitung folgendes geschrieben hat, womit er im Grunde die leitende Frage der gesamten Arbeit benennt:

Angesichts der Zielstellung der Portfolioarbeit, die Selbststeuerung im Lernen zu fördern, ist zu fragen, ob bzw. in wie weit sie Teil eines neoliberalen Programmes in der Pädagogik ist, das unter der Etikette der Stärkung der Eigenverantwortung die Rückdelegation der Verantwortung für Erfolg und Misserfolg an die Lernenden betreibt.

Ich blogge, also kontrolliere ich mich …

Folgendes las ich gerade in dem besagten Buch von Geert Lovink:

‚Äû[...] Persönliche Tagebucheinträge ergänzen die Nachrichten, ändern aber nicht die exegetische Natur des Bloggens. Ich blogge, also kontrolliere ich.
Es gibt die weit verbreitete Annahme, dass Blogs in einer symbiotischen Beziehung zur Nachrichtenindustrie stehen. Doch diese These ist nicht unumstritten. Kenner der Geschichte des Hypertexts haben die Ursprünge der Blogs in den Hypercards der Achtziger und nicht zuletzt in der Online-Literatur entdeckt, die ihren Höhepunkt in den Neunzigern erlebte. Die wesentliche Aktivität des Lesers bestand dort darin, von einem Dokument zum nächsten zu klicken. Aus irgendwelchen Gründen aber geriet diese Unterströmung aus dem Blick zugunsten von Mainstream-Ansichten über das Wesen der Blogs. Übrig blieb die augenscheinliche Gleichsetzung von Blogs und Nachrichtenindustrie. Um dem etwas entgegenzusetzen, muss man tiefer in die reiche Geschichte der Literaturkritik einsteigen und untersuchen, wie sich Bloggen zum Tagebuchführen verhält. Es macht sicher Sinn, eine Theorie des Bloggens im Sinne des von Foucault entwickelten Konzepts einer ¬ªTechnologie des Selbst¬´ zu formulieren. Blogs experimentieren mit dem Format des ¬ªöffentlichen Tagebuchs¬´, ein Begriff, der den produktiven Widerspruch von öffentlich und privat, in dem sich die Blogger befinden, zum Ausdruck bringt. Bis vor kurzem waren die meisten Tagebücher privat.«

Genau!!

kein Kommentar

Ich habe soeben eine gekürtze Fassung der Einleitung aus Geert Lovinks neuem, nun auch auf Deutsch erschienenen Buch “Zero Comments“  gelesen. Dieser Vorabdruck ist schon im September 2006 (!) in der Jungle World unter dem Titel: “Zugriff verweigert. Web 2.0: Von wegen Glanz und Ruhm – Geert Lovink kritisiert einen Hype erschienen.
Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber wenn das Buch das weiter- und ausführt, was die Einleitung einführt, dann wird es spannend. Die Perspektive der Lovinkschen Netzkritik fasziniert mich nicht zuletzt immer wieder deshalb, weil sie inmitten des Netzes dessen Probleme und Gefahren benennt. Oder anders gesagt, da sie durchaus Möglichkeiten im Sinne von mehr Partizipation, Demokratie, Gerechtigkeit etc. benennt, die mit dem Netz verbunden sein könnten, aber eben auch jene Entwicklungen, die diese Versprechen wieder aufheben, in ihr Gegenteil verkehren oder zumindest unerfüllt lassen – mit noch mal anderen Worten: ich mag jene Unterscheidungen, die Entwicklungen in besagter Richtung von jenen trennen, die einen Hype generieren, um selbst auf dieser Welle zu surfen.

Aus eben jener Einleitung:

In meiner Arbeit uÃàber die Kultur des Internet unterscheide ich drei Phasen: erstens die vorkommerzielle Phase bis zur Entstehung des World Wide Web, in der ausschließlich mit Text und zu wissenschaftlichen Zwecken gearbeitet wurde. Zweitens die Phase der Euphorie und Spekulation, in der das Internet fuÃàr die allgemeine Öffentlichkeit zugänglich wurde, was schließlich in der Dotcom-Manie der späten neunziger Jahre kulminierte. Drittens die Phase nach dem Dotcom-Crash und dem 11. September, die gegenwärtig mit der kleinen Web 2.0-Blase an ihr Ende kommt. Blogs bzw. Weblogs entstanden um 1996/97, während der zweiten, euphorischen Phase, wurden aber zunächst kaum beachtet, da sie keine E-Commerce-Komponente enthielten. [...]
Technologien wie das Internet leben zweifellos vom Prinzip permanenter Veränderung; Normalisierung ist nicht in Sicht. Es herrscht nach wie vor die Tyrannei des Neuen, und weil das Web 2.0 in dieser Hinsicht eine Neuauflage der Dotcom-Öra darstellt, macht es schon in seinen Anfängen einen muÃàden Eindruck. Wir können diese immerwährende Instabilität als Marketingtrick verachten und uns selbst die Frage stellen, warum wir uns immer wieder fuÃàr das nächste Gadget und die neueste Anwendung begeistern. Doch anstatt dem Lärm des Marktes zu entfliehen und sich abzusondern, könnte man ebenso gut mit der immergleichen ¬ªVeränderung¬´ Frieden schließen und sich an einigen sorgfältig ausgewählten ¬ªRevolutionen¬´ erfreuen. [...]
Der US-Netzkritiker Nicholas Carr hat die Frage gestellt, ob sich gegen den Hype um das Web 2.0 uÃàberhaupt etwas einwenden lässt. ¬ªAlles, wofuÃàr das Web 2.0 steht ‚Äì Partizipation, Kollektivismus, virtuelle Gemeinschaft, eine Kultur der Amateure ‚Äì gilt als unzweifelhaft gut, als Zeichen des Fortschritts zu einer aufgeklärteren Welt, den man begruÃàßen und fördern sollte. Aber stimmt das uÃàberhaupt?¬´ [...]
Mir geht es in diesem Zusammenhang darum, wie man das Loblied auf den Amateur in Frage stellen kann, aber nicht aus der Perspektive des bedrohten Establishments, sondern aus der Perspektive der kreativen (Unter-)Klasse, der virtuellen Intelligenzija, des Prekariats, der Multitude, der neuen Medienarbeiter, die ihre soziale Stellung professionalisieren wollen. Was wir brauchen, sind ökonomische Modelle, die ambitionierten Amateuren dabei helfen, von ihrer Arbeit zu leben.

Selbstmanagement im Web 2.0

Ich bin soeben auf folgendes Buch aufmerksam geworden. Es ist zwar noch nicht erschienen, aber ich freu’ mich schon drauf … Insbesondere der Untertitel “Selbstmanagement … im Web 2.0″ klingt in meinen Ohren sehr vielversprechend:

Ramón Reichert
Amateure im Netz
Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0
YouTube – MySpace – Second Life
transcript, Bielefeld 2008

Ramón Reichert ist mir bisher nur im Rahmen der Gouvernementalitäts-Studien aufgefallen. So hat er z.B. das kleine Bändchen Governmentality Studies. LIT, Münster 2004 herausgegeben und auch zu Bröckling, Ulrich / Horn, Eva: Anthropologie der Arbeit. Narr, Tübingen 2002 einen sehr schönen Aufsatz beigesteuert. Ich hoffe, das Buch ist der Auftakt einer Gouvernementalität der Neuen Medien …


Meta