Was du auch machst – Mach es nicht selbst

Markus Schwarzer hat mich dankenswerterweise darauf aufmerksam gemacht, dass sich auf dem neusten Album von Tocotronic sowas wie ein Kommentar auf das Social Web und die Digitale Boheme (siehe “Marke: Eigenbau“) zu finden ist. Tocotronic textet:

Was du auch machst
Mach es nicht selbst
Auch wenn du dir
Darin gefÀllst
Wer zuviel selber macht
Der macht sich krumm
(Ausgenommen
Selbstauslöschung)

(http://www.3min.de/Video/Musik/Tocotronic/Macht-es-nicht-selbst)

Schön ist auch ein weiterer Song des Albums, wenn sie sich quasi selbst antworten und vorschlagen:

Im Zweifel fĂŒr Ziellosigkeit
Ihr Menschen, hört mich rufen!
Im Zweifel fĂŒr ZerwĂŒrfnisse
Und fĂŒr die Zwischenstufen

Im Zweifel fĂŒr den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fĂŒrs Zerreißen
Der eigenen Uniform

“Masterplan” fĂŒr Reformen

Nicht mehr ganz neu, aber dennoch aktuell, hier ein Auszug aus einem Artikel in der SĂŒddeutschen vom 07.03.2007. Bezug genommen wird wohl auf das Jahresgutachten 2007 des „Aktionsrat Bildung«. Öhnliche Empfehlungen konnte man aber auch schon 2003 unter dem Titel Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt nachlesen. Seit Anfang diesen Jahres gibt es auch schon das Jahresgutachten 2008 mit dem Untertitel “Bildungsrisiken und -chancen im Globalisierungsprozess”. Weitere werden sicherlich folgen.
Schön an dem Artikel der SĂŒddeutschen fand ich einfach die Behauptung, dass die VorschlĂ€ge der Bildungsforscher revolutionĂ€r seien. Auch die von den Reformern selbst gewĂ€hlte Formulierung, dass es sich hier um einen “Masterplan” handele, sind m.E. bemerkenswert:

“Die VorschlĂ€ge der Bildungsforscher sind revolutionĂ€r: Kita-Pflicht fĂŒr VierjĂ€hrige und befristete Stellen fĂŒr Lehrer. Nach SZ-Informationen soll fĂŒr die Uni kein Abitur mehr nötig sein.
(…)

FĂŒhrende deutsche Bildungsforscher verlangen einen revolutionĂ€ren Umbau des Bildungssystems. Schulen sollten zwar staatlich finanziert, aber von privaten TrĂ€gern geleitet werden. Lehrer mĂŒssten regelmĂ€ĂŸig ihre „Lizenz« durch die Teilnahme an Fortbildungen erneuern.
In einem Gutachten empfiehlt der „Aktionsrat Bildung«, dem sieben namhafte Professoren angehören, eine deutlich grĂ¶ĂŸere Autonomie der Schulen. Sie sollen selbst verantwortlich sein fĂŒr Auswahl und Einsatz der PĂ€dagogen, aber auch fĂŒr ihre leistungsbezogene Bezahlung. Zudem sollen Lehrer grundsĂ€tzlich befristet beschĂ€ftigt werden.

“Masterplan” fĂŒr Reformen

Ihre ArbeitsvertrĂ€ge sollen nur nach Teilnahme an Fortbildungen verlĂ€ngert werden. LehrplĂ€ne und Budgetrahmen mĂŒssten jedoch weiter vom Staat vorgegeben werden. Um Migranten und Kinder aus armen Familien besser zu fördern, soll der Staat Zielvereinbarungen mit einzelnen Schulen schließen und erfolgreiche Einrichtungen belohnen.
Mit ihrer Expertise, die an diesem Donnerstag öffentlich vorgestellt werden soll, wollen die Experten die Politik zum Handeln zwingen. (…)
Die Forderung, das Schulsystem zu entstaatlichen und PĂ€dagogen nur noch befristet einzustellen, wird wohl auf massiven Widerstand der LehrerverbĂ€nde stoßen. Diese klagen seit  Jahren ĂŒber Verschlechterungen fĂŒr ihren Berufsstand und warnen zudem vor einer „Testiritis« durch immer mehr Leistungskontrollen. Sie wehren sich auch gegen ein öffentliches Schulranking, das der Aktionsrat nun befĂŒrwortet. (…) Im Streit ĂŒber das gegliederte Schulsystem plĂ€dieren die Experten fĂŒr eine bundesweite Umstellung auf eine zweigliedrige Struktur aus Sekundarschulen und Gymnasien.

Auch fĂŒr die Hochschulen gibt es radikale ReformvorschlĂ€ge. In Zukunft soll bei der Zulassung zum Studium weniger auf „formale Rechtstitel« wie das Abitur oder eine abgeschlossene Ausbildung geachtet werden, sondern allein die „StudierfĂ€higkeit« entscheiden. Dies wĂŒrde eine weitgehende Öffnung der UniversitĂ€ten bedeuten; neben dem Abitur bekĂ€men fĂ€cherspezifische Tests, die Hochschulen oder spezielle Test-Firmen anbieten, grĂ¶ĂŸeres Gewicht. In der Vergangenheit hat der Philologenverband immer wieder davor gewarnt, das Abitur zu entwerten.”

sorting, counting, ranking, marking

Nun ist auch endlich das bereits erwĂ€hnte Buch von Ram√≄n Reichert erschienen. Gelesen habe ich es noch immer nicht. Es gab beim Verlag aber schon eine Leseprobe der Einleitung. Dort kann man u.a. diese – m.E. durchaus treffenden – Zeilen lesen:

“Als â€šĂ„âˆ«Freiheitstechnologieâ€šĂ„Ï€ ermöglicht die soziale Software Designkonzepte freiheitlicher Lebensformen und Lebensstile und versucht, ihre Protagonisten möglichst effektiv und effizient anzusprechen. Unter der Beibehaltung der Illusion der Selbsterschaffung soll auf jeden einzelnen ein indirekter Zwang ausgeĂŒbt werden, sich zu den eigenen FĂ€higkeiten, Begabungen und Fertigkeiten zu bekennen und sich beraten, belehren und evaluieren zu lassen. Normative Bildungsanforderungen wie das lebenslange Lernen mit Hilfe digitaler Lernjournale im eLearning, das Erlernen der Selbstreflexion und Selbststeuerung in LerntagebĂŒchern und multimedialen TagebĂŒchern, das regelmĂ€ĂŸige Update persönlicher ePortfolios, die Selbstevaluierung in Kompetenzrastern und Credit-Point-Systemen und die Ego-Taktiken der Virtuosen der Biografiearbeit haben dazu gefĂŒhrt, dass die Rechtfertigungssysteme kapitalistischer Diskurse die Freiheitsdiskurse mehr oder weniger absorbieren (vgl. Kap. 3.8, 3.9 und 3.10).
Die vormals alternativen Begriffe der Kulturrevolution wie Autonomie, KreativitĂ€t und AuthentizitĂ€t, die sich einst gegen die Leistungsgesellschaft richteten, bezeichnen heute Alleinstellungsmerkmale der Leistungseliten. Sich selbst als aktiv, unabhĂ€ngig, kreativ und individualistisch zu verstehen ist heute Commonsense geworden. Der Commonsense ist ein Produkt der kulturellen Hegemonie und verwandelt Prozeduren der FremdfĂŒhrung in IdentitĂ€tsentwĂŒrfe der SelbstfĂŒhrung.” (S.20)

Die Absorbtion der Diskurse der Freiheit durch jene der kulturellen Hegemonie verortet Reichert im Übrigen nicht zuletzt auch in der technischen Struktur der web 2.0 Anwendungen selbst (die trotzdem immer von kulturellen Wissensformen und Praktiken durchzogen und gerahmt wird) – nicht zuletzt in den Prozeduren des “sorting, counting, ranking, marking” (S.8)


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