Ich blogge, also kontrolliere ich mich …

Folgendes las ich gerade in dem besagten Buch von Geert Lovink:

‚Äû[...] Persönliche Tagebucheinträge ergänzen die Nachrichten, ändern aber nicht die exegetische Natur des Bloggens. Ich blogge, also kontrolliere ich.
Es gibt die weit verbreitete Annahme, dass Blogs in einer symbiotischen Beziehung zur Nachrichtenindustrie stehen. Doch diese These ist nicht unumstritten. Kenner der Geschichte des Hypertexts haben die Ursprünge der Blogs in den Hypercards der Achtziger und nicht zuletzt in der Online-Literatur entdeckt, die ihren Höhepunkt in den Neunzigern erlebte. Die wesentliche Aktivität des Lesers bestand dort darin, von einem Dokument zum nächsten zu klicken. Aus irgendwelchen Gründen aber geriet diese Unterströmung aus dem Blick zugunsten von Mainstream-Ansichten über das Wesen der Blogs. Übrig blieb die augenscheinliche Gleichsetzung von Blogs und Nachrichtenindustrie. Um dem etwas entgegenzusetzen, muss man tiefer in die reiche Geschichte der Literaturkritik einsteigen und untersuchen, wie sich Bloggen zum Tagebuchführen verhält. Es macht sicher Sinn, eine Theorie des Bloggens im Sinne des von Foucault entwickelten Konzepts einer ¬ªTechnologie des Selbst¬´ zu formulieren. Blogs experimentieren mit dem Format des ¬ªöffentlichen Tagebuchs¬´, ein Begriff, der den produktiven Widerspruch von öffentlich und privat, in dem sich die Blogger befinden, zum Ausdruck bringt. Bis vor kurzem waren die meisten Tagebücher privat.«

Genau!!

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Ich habe soeben eine gekürtze Fassung der Einleitung aus Geert Lovinks neuem, nun auch auf Deutsch erschienenen Buch “Zero Comments“  gelesen. Dieser Vorabdruck ist schon im September 2006 (!) in der Jungle World unter dem Titel: “Zugriff verweigert. Web 2.0: Von wegen Glanz und Ruhm – Geert Lovink kritisiert einen Hype erschienen.
Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber wenn das Buch das weiter- und ausführt, was die Einleitung einführt, dann wird es spannend. Die Perspektive der Lovinkschen Netzkritik fasziniert mich nicht zuletzt immer wieder deshalb, weil sie inmitten des Netzes dessen Probleme und Gefahren benennt. Oder anders gesagt, da sie durchaus Möglichkeiten im Sinne von mehr Partizipation, Demokratie, Gerechtigkeit etc. benennt, die mit dem Netz verbunden sein könnten, aber eben auch jene Entwicklungen, die diese Versprechen wieder aufheben, in ihr Gegenteil verkehren oder zumindest unerfüllt lassen – mit noch mal anderen Worten: ich mag jene Unterscheidungen, die Entwicklungen in besagter Richtung von jenen trennen, die einen Hype generieren, um selbst auf dieser Welle zu surfen.

Aus eben jener Einleitung:

In meiner Arbeit uÃàber die Kultur des Internet unterscheide ich drei Phasen: erstens die vorkommerzielle Phase bis zur Entstehung des World Wide Web, in der ausschließlich mit Text und zu wissenschaftlichen Zwecken gearbeitet wurde. Zweitens die Phase der Euphorie und Spekulation, in der das Internet fuÃàr die allgemeine Öffentlichkeit zugänglich wurde, was schließlich in der Dotcom-Manie der späten neunziger Jahre kulminierte. Drittens die Phase nach dem Dotcom-Crash und dem 11. September, die gegenwärtig mit der kleinen Web 2.0-Blase an ihr Ende kommt. Blogs bzw. Weblogs entstanden um 1996/97, während der zweiten, euphorischen Phase, wurden aber zunächst kaum beachtet, da sie keine E-Commerce-Komponente enthielten. [...]
Technologien wie das Internet leben zweifellos vom Prinzip permanenter Veränderung; Normalisierung ist nicht in Sicht. Es herrscht nach wie vor die Tyrannei des Neuen, und weil das Web 2.0 in dieser Hinsicht eine Neuauflage der Dotcom-Öra darstellt, macht es schon in seinen Anfängen einen muÃàden Eindruck. Wir können diese immerwährende Instabilität als Marketingtrick verachten und uns selbst die Frage stellen, warum wir uns immer wieder fuÃàr das nächste Gadget und die neueste Anwendung begeistern. Doch anstatt dem Lärm des Marktes zu entfliehen und sich abzusondern, könnte man ebenso gut mit der immergleichen ¬ªVeränderung¬´ Frieden schließen und sich an einigen sorgfältig ausgewählten ¬ªRevolutionen¬´ erfreuen. [...]
Der US-Netzkritiker Nicholas Carr hat die Frage gestellt, ob sich gegen den Hype um das Web 2.0 uÃàberhaupt etwas einwenden lässt. ¬ªAlles, wofuÃàr das Web 2.0 steht ‚Äì Partizipation, Kollektivismus, virtuelle Gemeinschaft, eine Kultur der Amateure ‚Äì gilt als unzweifelhaft gut, als Zeichen des Fortschritts zu einer aufgeklärteren Welt, den man begruÃàßen und fördern sollte. Aber stimmt das uÃàberhaupt?¬´ [...]
Mir geht es in diesem Zusammenhang darum, wie man das Loblied auf den Amateur in Frage stellen kann, aber nicht aus der Perspektive des bedrohten Establishments, sondern aus der Perspektive der kreativen (Unter-)Klasse, der virtuellen Intelligenzija, des Prekariats, der Multitude, der neuen Medienarbeiter, die ihre soziale Stellung professionalisieren wollen. Was wir brauchen, sind ökonomische Modelle, die ambitionierten Amateuren dabei helfen, von ihrer Arbeit zu leben.

Selbstmanagement im Web 2.0

Ich bin soeben auf folgendes Buch aufmerksam geworden. Es ist zwar noch nicht erschienen, aber ich freu’ mich schon drauf … Insbesondere der Untertitel “Selbstmanagement … im Web 2.0″ klingt in meinen Ohren sehr vielversprechend:

Ramón Reichert
Amateure im Netz
Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0
YouTube – MySpace – Second Life
transcript, Bielefeld 2008

Ramón Reichert ist mir bisher nur im Rahmen der Gouvernementalitäts-Studien aufgefallen. So hat er z.B. das kleine Bändchen Governmentality Studies. LIT, Münster 2004 herausgegeben und auch zu Bröckling, Ulrich / Horn, Eva: Anthropologie der Arbeit. Narr, Tübingen 2002 einen sehr schönen Aufsatz beigesteuert. Ich hoffe, das Buch ist der Auftakt einer Gouvernementalität der Neuen Medien …

Gruscheln und Grunzen

Gestern in Spiegel-online:

“Zu keiner Zeit war knapp kommunizieren so modern wie jetzt – von den mutmaßlich eher kurz gehaltenen Grunzlautkonversationen aus der Frühzeit menschlicher Gesellschaften einmal abgesehen. [...]
Mit dem Siegeszug des Handys ist die SMS zum Geschlechtsverkehrsanbahnungsinstrument No. 1 geworden – die Social Networks holen erst langsam auf, auch wieder mit sparsamen Kommunikationsformen wie “Gruscheln” und “Poken”. Nie wurde knapper, nie präziser geflirtet. Damit tritt die digitale Kurznachricht gewissermaßen das Erbe des Grunzlautes an. [...]
Nur folgerichtig, dass die Verknappung nun weiter vorangetrieben wird. Eine Suchanfrage nach “140 Zeichen” wirft heute bereits fast 50.000 Googletreffer aus. Warum? Nicht etwa, weil 20 Zeichen weniger besser, ehrlicher und, glaubt man Polonius, auch witziger sind. Sondern wegen Twitter. Das Microblogging-System setzt dem Mitteilungsdrang seiner Nutzer eine Grenze von 140 Zeichen pro Botschaft.
Twitter wird allerdings eher von Präsidentschaftskandidaten, pummeligen Silicon-Valley-Nerds Ende dreißig und um Hipness bemühten Technikjournalisten benutzt als von der Jugend. Vielleicht sind 140 Zeichen zur Geschlechtsverkehrsanbahnung einfach gerade 20 zu wenig?”

Hier ist ein wichtiges Argument …

Folgendes las ich gerade auf Spiegel-online in einem Interview mit David Weinberger:

Seit seinem Ursprung, seit den ersten E-Mails, seit Usenet ist das Internet eine Empfehlungsmaschine, mit der wir einander auf interessante Sachen hinweisen. Das war sogar der Grund für seine Entwicklung. Es sollte nicht nur eine Bibliothek sein, sondern auch die Möglichkeit bieten, zu sagen: “Hier ist ein interessanter Artikel, ein wichtiges Argument, und ich stimme dem zu oder eben nicht, und zwar aus folgenden Gründen.

Dem stimme ich zu. Nur: Leider wird das Netz – speziell beim bloggen – viel zu oft als Möglichkeit genutzt, zu sagen: “Schaut mal, was ich tolles gemacht habe!” oder – dank twitter – “Ich mähe gerade den Rasen!”


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