… Teil eines neoliberalen Programmes!

Quasi als Nachtrag zu meinem letzten Eintrag, ist¬† noch zu vermerken, dass Thomas Häcker schon vor einigen Jahren in seiner Habil (Portfolio: ein Entwicklungsinstrument für selbstbestimmtes Lernen,¬† Schneider, Hohengehren 2007) gleich auf der ersten Seite der Einleitung folgendes geschrieben hat, womit er im Grunde die leitende Frage der gesamten Arbeit benennt:

Angesichts der Zielstellung der Portfolioarbeit, die Selbststeuerung im Lernen zu fördern, ist zu fragen, ob bzw. in wie weit sie Teil eines neoliberalen Programmes in der Pädagogik ist, das unter der Etikette der Stärkung der Eigenverantwortung die Rückdelegation der Verantwortung für Erfolg und Misserfolg an die Lernenden betreibt.

(e)Portfolio: Neoliberale Führungspraxis oder … was?

Mal etwas zum Thema (e)Portfolio: Ein Thema, zu dem ich mich ja zum einen bemühe eine Diss zu verfassen, was zum anderen auch im Rahmen der Organisationsentwicklung unserer Fakultät eine gewisse – wenn auch noch recht verhaltene – Aufmerksamkeit auf sich zieht, etwa im Rahmen des Projektes ePUSH (im Rahmen dessen es eine extra eingerichtete Arbeitsgruppe ePortfolio gibt).
In dem Zusammenhang ist mir in jedem Fall eine kleine Vortragsankündigung in die Hände gefallen, die ich sehr anregend fand. Thomas Häcker hat den Vortrag in diesem Rahmen an der Uni Tübingen zwar schon gehalten, aber vielleicht wird der ja beizeiten veröffentlicht:

‚ÄûNeoliberale Führungspraxis oder kooperative Lernprozesseinschätzung? Portfolioarbeit im Spannungsfeld zwischen (Selbst-) Steuerung und Selbstbestimmung«

Das Portfolio ist ein Medium, das – dem bildungspolitischen Klima der Zeit entsprechend – auf die Rückdelegation der Verantwortung für das Lernen an die Lernenden setzt. Die damit verbundene Reformsemantik der Eigenständigkeit und Selbstverantwortlichkeit im Lernen ist jedoch fragwürdig, wenn sie die Lernenden und Lehrenden dem Leitbild des Unternehmers / der Unternehmerin entsprechend konzeptualisiert.”

Mir scheint, dass die eher schulpädagogische Debatte um das Portfolio, innerhalb derer Thomas Häcker sicherlich als einer der Wortführer gelten kann, eine etwas andere Ausrichtung nimmt, als dies momentan in der Portfoliodiskussion innerhalb der Hochschule der Fall ist.

Selbstmanagement im Web 2.0

Ich bin soeben auf folgendes Buch aufmerksam geworden. Es ist zwar noch nicht erschienen, aber ich freu’ mich schon drauf … Insbesondere der Untertitel “Selbstmanagement … im Web 2.0″ klingt in meinen Ohren sehr vielversprechend:

Ramón Reichert
Amateure im Netz
Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0
YouTube – MySpace – Second Life
transcript, Bielefeld 2008

Ramón Reichert ist mir bisher nur im Rahmen der Gouvernementalitäts-Studien aufgefallen. So hat er z.B. das kleine Bändchen Governmentality Studies. LIT, Münster 2004 herausgegeben und auch zu Bröckling, Ulrich / Horn, Eva: Anthropologie der Arbeit. Narr, Tübingen 2002 einen sehr schönen Aufsatz beigesteuert. Ich hoffe, das Buch ist der Auftakt einer Gouvernementalität der Neuen Medien …

Das gecoachte Ich

Heute konnte man Ulrich Bröckling in der Zeit lesen. Ein Interview:

DIE ZEIT: Ist Selbstoptimierung ein Phänomen unserer Zeit?
ULRICH BRÖCKLING: In der Antike gab es Lebensführungsregeln, im 19. und frühen 20. Jahrhundert herrschten auch schon Leitwerte wie Fleiß, Gehorsam, Ordnung. Das waren zwar auch Momente der Optimierung, es ging aber darum, sich an vorgegebene Normen möglichst gut anzupassen.
ZEIT: Richtet Coaching den Menschen auf das Idealbild der Flexibilität hin ab?
BRÖCKLING: Heute geht es nicht mehr darum, sich an eine festgelegte Idealnorm anzupassen. Das Ideal von heute fordert von jedem, sich ständig zu verändern: Behaupte dich auf dem Markt! Man muss also exzellent sein, sich von anderen unterscheiden. Das führt zur Forderung nach permanenter Bewegung und der Sehnsucht nach Unterstützung.
ZEIT: Wer gibt die Befehle zu Effizienz?
BRÖCKLING: Die gesellschaftliche Rationalität, die uns bestimmte Sachen fraglos plausibel erscheinen lässt: dass es zu viel Bürokratie gibt, dass alles zu unflexibel ist, dass man mehr Selbstverwaltung braucht. Darauf stützten sich dann politische Programme, pädagogische Konzepte und Beratungsangebote und erzielen einen Sog.
ZEIT: Da hilft nur Coaching?
BRÖCKLING: Coaching-Programme gehen davon aus, dass der Einzelne nicht mehr die Zeit zur kontinuierlichen Verbesserung hat. Zeitnot ist in die Konzepte eingebaut. Work-Life-Balance-Verfechter oder Wellness-Angebote binden Erholung, Freizeit oder das Private als notwendige Pause ein, damit der Einzelne wieder funktionstüchtig sein kann. Das ist betriebswirtschaftlich gesehen clever.

Das Dossier, in dessen Kontext auch das Interview auftaucht, ist m.E. sehr lesenswert. Eine Zusammenfassung bzw. Vorankündigung findet sich hier. Das gesamte Dossier habe ich hier (Material zu meinem Seminar «Die Kultur des neuen Kapitalismus”) bzw. hier (Seminar «Über sich selbst schreiben”) hinterlegt. Da muss man sich aber anmelden. Dafür findet man dort noch anderes Material, für das man sich ggf. – wenn einen das Zeit-Dossier interessiert – ebenfalls begeistern kann (man findet z.B. vieles von dem, auf was sich das Dossier bezieht: Sennet, Bröckling, Ehrenberg etc.)

Was mich an dem Artikel allerdings geärgert hat:
Zum einen unterlässt der Autor es – bestensfalls ganz unterschwellig -, die Frage aufzuwerfen, ob das, was er beschriebt und was das Coaching im Griff zu behalten erlaubt, so sein muss. Z.B.:

»Management heute ist nicht nur frauenfeindlich, es ist oft familienfeindlich, lebensfeindlich, ja menschenfeindlich, der Einzelne spielt keine Rolle mehr.«

Das wäre noch verzeihlich, da die Zeit bekanntlich kein linksradikales Kampfblatt ist.

Was ich aber zum anderen schwer erträglich finde, ist die Tatsache, dass in dem Artikel in keiner Silbe erwähnt wird, dass nicht zur die Leistungsträger und Führungskräfte unter gesteigertem Leistungsdruck, Effizienzanforderungen, Unsicherheit etc. leiden, sondern auch die weniger Erfolgreichen, die weniger Leistungsfähigen. Unerträglich ist dies insbesondere deshalb, da diese nämlich mit dem gleichen Coachingmethoden malträtiert werden, obwohl sie viel weniger Möglichkeiten haben, durch eine mutige Entscheidung und entschlossene Selbststeuerung mal eben den Job zu wechseln, ihrem Chef zu sagen, dass sie einen Tag in der Woche daheim bleiben, beim selben Gehalt … ZeitschreiberInnen sind offensichtlich selbst gestresste und coachingbedürftige Leistungsträger.
Was der Artikel aufgrund dieser Ignoranz deutlich macht, ist, dass jene Rationalität, von der Bröckling spricht, bei allen Krisenerscheinungen – die der Artikel ja durchaus benennt – vielleicht noch ein Stück weit trägt, indem z.B. die “Menschenfeindlichkeit” durch Coaching aushaltbar gemacht wird; dass aber eben genau dadurch das Mitgefühl, das Mitleid, die Liebe oder überhaupt die Aufmerksamkeit für diejenigen, die sich keinen Coach für 1000€ € die Stunde leisten können, sondern bestenfalls einen von der Arge gestellt bekommen, völlig verloren zu gehen droht, da man schon genug an sich selbst leidet …
Aber gerade um die geht es. Die sind es nämlich, die bereits – angeblich aufgrund fehlender Aktivität, mangelnder Zielstrebigkeit und ungenügender Selbststeuerung – gescheitert sind. Sie haben den Schaden schon erlitten, für den sie angeblich selbst verantwortlich sind – wie in Bezug auf Bröckling ganz richtig gesagt wird – der aber tatsächlich strukturell gemacht ist und entsprechend auch gesellschaftlich geteilt werden muss.

Man kann argumentieren, dass die Gescheiterten vielleicht noch nicht ganz aus dem Blick geraten. Immerhin wird ihnen immer wieder doch noch eine letzte Chance geboten … z.B. im Sommercamp. Aber wehe, wenn sie diese nicht nutzen!!


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