mal was in eigener Sache …
Meyer, Torsten; MĂĽnte-Goussar, Stephan; Kerstin Mayrberger et al. (2011):
Kontrolle und Selbstkontrolle. Zur Ambivalenz von ePortfolios in Bildungsprozessen
Wiesbaden, VS-Verlag
Meyer, Torsten; MĂĽnte-Goussar, Stephan; Kerstin Mayrberger et al. (2011):
Kontrolle und Selbstkontrolle. Zur Ambivalenz von ePortfolios in Bildungsprozessen
Wiesbaden, VS-Verlag
Markus Schwarzer hat mich dankenswerterweise darauf aufmerksam gemacht, dass sich auf dem neusten Album von Tocotronic sowas wie ein Kommentar auf das Social Web und die Digitale Boheme (siehe “Marke: Eigenbau“) zu finden ist. Tocotronic textet:
Was du auch machst
Mach es nicht selbst
Auch wenn du dir
Darin gefällst
Wer zuviel selber macht
Der macht sich krumm
(Ausgenommen
Selbstauslöschung)
(http://www.3min.de/Video/Musik/Tocotronic/Macht-es-nicht-selbst)
Schön ist auch ein weiterer Song des Albums, wenn sie sich quasi selbst antworten und vorschlagen:
Im Zweifel fĂĽr Ziellosigkeit
Ihr Menschen, hört mich rufen!
Im Zweifel fĂĽr ZerwĂĽrfnisse
Und fĂĽr die ZwischenstufenIm Zweifel fĂĽr den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fĂĽrs ZerreiĂźen
Der eigenen Uniform
“Alle Formen selbstgesteuerten Lernens sind [...] sozial selektiv, denn sie bevorzugen diejenigen, die bereits gelernt haben, strukturiert zu arbeiten und sich zu disziplinieren. (vgl. Boenicke 1998, 6f.) Hinter dem autopoietischen, selbstorganisierten Lernsystem taucht ein Sozialtypus auf, dessen vorgebliche Autonomie auf vielfältigen verinnerlichten Disziplinarprozeduren aufruht. Sie erst machen ihn fähig zur Einhaltung selbstgesetzter Normen, zur Methodisierung des Umgangs mit sich selbst und zu planmäßigem Handeln, zur Selbsterforschung und zum selbstbewussten Umgang mit den eigenen Affekten. [...] »Unter dieser neuen Freiheit, die keine Freiheit ist, werden diejenigen begraben, die abgehängt werden von dem bĂĽrgerlichen Ethos, eigene Absichten zu verfolgen, statt fremde auszufĂĽhren, diejenigen, die nicht oder nicht jetzt das BedĂĽrfnis nach Selbststeuerung in sich entdecken, die es nicht hinbekommen, geforderte Motivationsleistungen zu erbringen, die aus dem Zirkel von Abgrenzung, Abhängigkeit und Lernverweigerung nicht herausfinden, die sich passiv verhalten oder einfach mit Orientierungslosigkeit reagieren¬´ (ebd., 8). Vermutlich werden diejenigen, die mit geringerem ,kulturellem Kapital’ ausgestattet sind, dieser Selektion am ehesten zum Opfer fallen. Im Windschatten der neoliberalen Rhetorik von Selbstorganisation und Selbstentfaltung wartet eine immer rĂĽcksichtslosere Zweiteilung der Gesellschaft.
Um diesen Import neoliberaler Ideologie in die pädagogische Terminologie präzise zu erfassen, muss man auf feine Begriffsverschiebungen achten. Sie kommen in einer zunehmenden sozio-technischen Instrumentierung von Lernprozessen zum Ausdruck, bleiben jedoch häufig unbemerkt, weil die folgenreiche Verschiebung vom aufklärerisch fundierten Begriff der ,Selbstbestimmung’ hin zum funktionalistisch inspirierten Begriff der ,Selbststeuerung’ hinter der neoliberalen Befreiungs-Rhetorik verschwindet. Die seit den achtziger Jahren politisch entschieden forcierte Implementation von Marktmechanismen im Bildungsbereich braucht eine ideologische Ăśberhöhung, um die reale Zunahme von Friktionen und Repressionen in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Dass jeder als ,autopoietisches System’ zum unverwechselbaren Urheber seines eigenen Lernerfolgs werden könne – und werden muss, das ist die neoliberale Botschaft des Konstruktivismus. In pädagogischer Wendung lässt sich die Konjunktur von Systemtheorie und Konstruktivismus trefflich dafĂĽr nutzen, »sowohl an die zurĂĽckliegenden Auseinandersetzungen um den Begriff der Selbstbestimmung anzuknĂĽpfen als auch eine Verschiebung hin zu eher instrumentellen und didaktisch-technischen Fragen des Fähigkeitenerwerbs vorzunehmen. Denn Selbststeuerung zielt nur auf ein Segment dessen, was mit Selbstbestimmung gemeint war, auf funktionsgerechtes Verhalten.¬´ (ebd., 2f.)«
Pongratz, Ludwig A. (2004): Konstruktivistische Pädagogik als Zauberkunststück: Vom Verschwindenlassen und Wiederauftauchen des Allgemeinen. In: ders.; Nieke, Wolfgang, Masschelein, Jan (Hrsg.): Kritik der Pädagogik ‚Äì Pädagogik der Kritik, Opladen: Leske+Budrich, S. 108-133, S. 130f.
vgl. auch Boenicke, Rose (1998): Autopoesis im Klassenraum? BegrĂĽndungsprobleme von Konzepten selbstgesteuerten Lernens, Habil.-Vortrag, TU Darmstadt, S.1-20
In leicht veränderter Fassung veröffentlicht unter: Boenicke, Rose (2000): Selbstorganisation im Klassenraum? Zu den Begründungen offener Lernformen und ihrer Konzepte. In: Die Deutsche Schule, 92. Jg., 2000, Heft 1, S. 13 ff
Claudia Döring schickte mir soeben – wie immer unaufgefordert – folgende Mail:
“Eltern fördern die Schulkarrieren ihrer Kinder: ein Weg zum selbstregulierten Lernen
Die meisten SchĂĽler und Eltern schöpfen ihre Potentiale nicht aus. Viele Erwachsene präsentieren sich als schlechte oder abschreckende “Lernvorbilder”. Häufig sind Eltern zwar motiviert, jedoch unfähig, ihre Kinder begabungsgerecht zu fördern. Vor diesem Hintergrund empfehlen die Professoren Dr. Albert Ziegler (Ulm) und Heidrun Stöger (Regensburg), Eltern – evtl. auch GroĂźeltern – zu motivieren und zu informieren. (…) “Eltern, die die Tipps befolgen, können deshalb vor allem erwarten, dass sie damit substantiell die Schulkariere ihrer Kinder fördern.”
Ziel ist die Entwicklung eines selbstregulierten Lernens. Daher empfehlen die Autoren: “… Lernende beobachten und analysieren ihr eigenes Lernverhalten. (…) Lernende mĂĽssen Schwachstellen und Fehler in ihrem Lernen erkennen und ggfs. beheben.” Dazu benötigen SchĂĽler häufig Aufmerksamkeit und Anregungen der Eltern.”
Ich dachte bis dahin immer, dass es Aufgabe der Schule sei, die “Karriere” der Kinder zu fördern. Wenn mit “selbstreguliertem” Lernen gemeint ist, dass diese Aufgabe nun auch ganz explizit an die Eltern delegiert wird, kann man sich ausmalen, welche Kinder welcher Eltern davon profitieren …
Quasi als Nachtrag zu meinem letzten Eintrag, ist¬†noch zu vermerken, dass Thomas Häcker schon vor einigen Jahren in seiner Habil (Portfolio: ein Entwicklungsinstrument für selbstbestimmtes Lernen,¬†Schneider, Hohengehren 2007) gleich auf der ersten Seite der Einleitung folgendes geschrieben hat, womit er im Grunde die leitende Frage der gesamten Arbeit benennt:
Angesichts der Zielstellung der Portfolioarbeit, die Selbststeuerung im Lernen zu fördern, ist zu fragen, ob bzw. in wie weit sie Teil eines neoliberalen Programmes in der Pädagogik ist, das unter der Etikette der Stärkung der Eigenverantwortung die Rückdelegation der Verantwortung für Erfolg und Misserfolg an die Lernenden betreibt.
Mal etwas zum Thema (e)Portfolio: Ein Thema, zu dem ich mich ja zum einen bemĂĽhe eine Diss zu verfassen, was zum anderen auch im Rahmen der Organisationsentwicklung unserer Fakultät eine gewisse – wenn auch noch recht verhaltene – Aufmerksamkeit auf sich zieht, etwa im Rahmen des Projektes ePUSH (im Rahmen dessen es eine extra eingerichtete Arbeitsgruppe ePortfolio gibt).
In dem Zusammenhang ist mir in jedem Fall eine kleine Vortragsankündigung in die Hände gefallen, die ich sehr anregend fand. Thomas Häcker hat den Vortrag in diesem Rahmen an der Uni Tübingen zwar schon gehalten, aber vielleicht wird der ja beizeiten veröffentlicht:
‚ÄûNeoliberale Führungspraxis oder kooperative Lernprozesseinschätzung? Portfolioarbeit im Spannungsfeld zwischen (Selbst-) Steuerung und Selbstbestimmung«
Das Portfolio ist ein Medium, das – dem bildungspolitischen Klima der Zeit entsprechend – auf die RĂĽckdelegation der Verantwortung fĂĽr das Lernen an die Lernenden setzt. Die damit verbundene Reformsemantik der Eigenständigkeit und Selbstverantwortlichkeit im Lernen ist jedoch fragwĂĽrdig, wenn sie die Lernenden und Lehrenden dem Leitbild des Unternehmers / der Unternehmerin entsprechend konzeptualisiert.”
Mir scheint, dass die eher schulpädagogische Debatte um das Portfolio, innerhalb derer Thomas Häcker sicherlich als einer der Wortführer gelten kann, eine etwas andere Ausrichtung nimmt, als dies momentan in der Portfoliodiskussion innerhalb der Hochschule der Fall ist.

Heute konnte man Ulrich Bröckling in der Zeit lesen. Ein Interview:
DIE ZEIT: Ist Selbstoptimierung ein Phänomen unserer Zeit?
ULRICH BRÖCKLING: In der Antike gab es Lebensführungsregeln, im 19. und frühen 20. Jahrhundert herrschten auch schon Leitwerte wie Fleiß, Gehorsam, Ordnung. Das waren zwar auch Momente der Optimierung, es ging aber darum, sich an vorgegebene Normen möglichst gut anzupassen.
ZEIT: Richtet Coaching den Menschen auf das Idealbild der Flexibilität hin ab?
BRÖCKLING: Heute geht es nicht mehr darum, sich an eine festgelegte Idealnorm anzupassen. Das Ideal von heute fordert von jedem, sich ständig zu verändern: Behaupte dich auf dem Markt! Man muss also exzellent sein, sich von anderen unterscheiden. Das führt zur Forderung nach permanenter Bewegung und der Sehnsucht nach Unterstützung.
ZEIT: Wer gibt die Befehle zu Effizienz?
BRÖCKLING: Die gesellschaftliche Rationalität, die uns bestimmte Sachen fraglos plausibel erscheinen lässt: dass es zu viel Bürokratie gibt, dass alles zu unflexibel ist, dass man mehr Selbstverwaltung braucht. Darauf stützten sich dann politische Programme, pädagogische Konzepte und Beratungsangebote und erzielen einen Sog.
ZEIT: Da hilft nur Coaching?
BRĂ–CKLING: Coaching-Programme gehen davon aus, dass der Einzelne nicht mehr die Zeit zur kontinuierlichen Verbesserung hat. Zeitnot ist in die Konzepte eingebaut. Work-Life-Balance-Verfechter oder Wellness-Angebote binden Erholung, Freizeit oder das Private als notwendige Pause ein, damit der Einzelne wieder funktionstĂĽchtig sein kann. Das ist betriebswirtschaftlich gesehen clever.
Das Dossier, in dessen Kontext auch das Interview auftaucht, ist m.E. sehr lesenswert. Eine Zusammenfassung bzw. VorankĂĽndigung findet sich hier. Das gesamte Dossier habe ich hier (Material zu meinem Seminar «Die Kultur des neuen Kapitalismus”) bzw. hier (Seminar «Über sich selbst schreiben”) hinterlegt. Da muss man sich aber anmelden. DafĂĽr findet man dort noch anderes Material, fĂĽr das man sich ggf. – wenn einen das Zeit-Dossier interessiert – ebenfalls begeistern kann (man findet z.B. vieles von dem, auf was sich das Dossier bezieht: Sennet, Bröckling, Ehrenberg etc.)
Was mich an dem Artikel allerdings geärgert hat:
Zum einen unterlässt der Autor es – bestensfalls ganz unterschwellig -, die Frage aufzuwerfen, ob das, was er beschriebt und was das Coaching im Griff zu behalten erlaubt, so sein muss. Z.B.:
»Management heute ist nicht nur frauenfeindlich, es ist oft familienfeindlich, lebensfeindlich, ja menschenfeindlich, der Einzelne spielt keine Rolle mehr.«
Das wäre noch verzeihlich, da die Zeit bekanntlich kein linksradikales Kampfblatt ist.
Was ich aber zum anderen schwer erträglich finde, ist die Tatsache, dass in dem Artikel in keiner Silbe erwähnt wird, dass nicht zur die Leistungsträger und FĂĽhrungskräfte unter gesteigertem Leistungsdruck, Effizienzanforderungen, Unsicherheit etc. leiden, sondern auch die weniger Erfolgreichen, die weniger Leistungsfähigen. Unerträglich ist dies insbesondere deshalb, da diese nämlich mit dem gleichen Coachingmethoden malträtiert werden, obwohl sie viel weniger Möglichkeiten haben, durch eine mutige Entscheidung und entschlossene Selbststeuerung mal eben den Job zu wechseln, ihrem Chef zu sagen, dass sie einen Tag in der Woche daheim bleiben, beim selben Gehalt … ZeitschreiberInnen sind offensichtlich selbst gestresste und coachingbedĂĽrftige Leistungsträger.
Was der Artikel aufgrund dieser Ignoranz deutlich macht, ist, dass jene Rationalität, von der Bröckling spricht, bei allen Krisenerscheinungen – die der Artikel ja durchaus benennt – vielleicht noch ein StĂĽck weit trägt, indem z.B. die “Menschenfeindlichkeit” durch Coaching aushaltbar gemacht wird; dass aber eben genau dadurch das MitgefĂĽhl, das Mitleid, die Liebe oder ĂĽberhaupt die Aufmerksamkeit fĂĽr diejenigen, die sich keinen Coach fĂĽr 1000€ € die Stunde leisten können, sondern bestenfalls einen von der Arge gestellt bekommen, völlig verloren zu gehen droht, da man schon genug an sich selbst leidet …
Aber gerade um die geht es. Die sind es nämlich, die bereits – angeblich aufgrund fehlender Aktivität, mangelnder Zielstrebigkeit und ungenĂĽgender Selbststeuerung – gescheitert sind. Sie haben den Schaden schon erlitten, fĂĽr den sie angeblich selbst verantwortlich sind – wie in Bezug auf Bröckling ganz richtig gesagt wird – der aber tatsächlich strukturell gemacht ist und entsprechend auch gesellschaftlich geteilt werden muss.
Man kann argumentieren, dass die Gescheiterten vielleicht noch nicht ganz aus dem Blick geraten. Immerhin wird ihnen immer wieder doch noch eine letzte Chance geboten … z.B. im Sommercamp. Aber wehe, wenn sie diese nicht nutzen!!