Augmented Portfolio
… ganz hübsch wie ich meine und gar nicht so abstrus … zudem passend zum Thema Portfolio! siehe auch: CityU ePortfolio: Have you got your ePortfolio created?
… ganz hübsch wie ich meine und gar nicht so abstrus … zudem passend zum Thema Portfolio! siehe auch: CityU ePortfolio: Have you got your ePortfolio created?
Ich habe soeben die Einleitung zum Sammelband “Die Ausweitung der Bekenntniskultur – neue Formen der Selbstthematisierung?” gelesen, welches Günter Burkart 2006 im VS-Verlag herausgegeben hat. Meines Erachtens ein ausgesprochen lesenswerter Text. Als kleinen Vorgeschmack allein dies hier:
Nun ist auch endlich das bereits erwähnte Buch von Ramón Reichert erschienen. Gelesen habe ich es noch immer nicht. Es gab beim Verlag aber schon eine Leseprobe der Einleitung. Dort kann man u.a. diese – m.E. durchaus treffenden – Zeilen lesen:
“Als ›Freiheitstechnologie‹ ermöglicht die soziale Software Designkonzepte freiheitlicher Lebensformen und Lebensstile und versucht, ihre Protagonisten möglichst effektiv und effizient anzusprechen. Unter der Beibehaltung der Illusion der Selbsterschaffung soll auf jeden einzelnen ein indirekter Zwang ausgeübt werden, sich zu den eigenen Fähigkeiten, Begabungen und Fertigkeiten zu bekennen und sich beraten, belehren und evaluieren zu lassen. Normative Bildungsanforderungen wie das lebenslange Lernen mit Hilfe digitaler Lernjournale im eLearning, das Erlernen der Selbstreflexion und Selbststeuerung in Lerntagebüchern und multimedialen Tagebüchern, das regelmäßige Update persönlicher ePortfolios, die Selbstevaluierung in Kompetenzrastern und Credit-Point-Systemen und die Ego-Taktiken der Virtuosen der Biografiearbeit haben dazu geführt, dass die Rechtfertigungssysteme kapitalistischer Diskurse die Freiheitsdiskurse mehr oder weniger absorbieren (vgl. Kap. 3.8, 3.9 und 3.10).
Die vormals alternativen Begriffe der Kulturrevolution wie Autonomie, Kreativität und Authentizität, die sich einst gegen die Leistungsgesellschaft richteten, bezeichnen heute Alleinstellungsmerkmale der Leistungseliten. Sich selbst als aktiv, unabhängig, kreativ und individualistisch zu verstehen ist heute Commonsense geworden. Der Commonsense ist ein Produkt der kulturellen Hegemonie und verwandelt Prozeduren der Fremdführung in Identitätsentwürfe der Selbstführung.” (S.20)
Die Absorbtion der Diskurse der Freiheit durch jene der kulturellen Hegemonie verortet Reichert im Übrigen nicht zuletzt auch in der technischen Struktur der web 2.0 Anwendungen selbst (die trotzdem immer von kulturellen Wissensformen und Praktiken durchzogen und gerahmt wird) – nicht zuletzt in den Prozeduren des “sorting, counting, ranking, marking” (S.8)
Mal etwas zum Thema (e)Portfolio: Ein Thema, zu dem ich mich ja zum einen bemühe eine Diss zu verfassen, was zum anderen auch im Rahmen der Organisationsentwicklung unserer Fakultät eine gewisse – wenn auch noch recht verhaltene – Aufmerksamkeit auf sich zieht, etwa im Rahmen des Projektes ePUSH (im Rahmen dessen es eine extra eingerichtete Arbeitsgruppe ePortfolio gibt).
In dem Zusammenhang ist mir in jedem Fall eine kleine Vortragsankündigung in die Hände gefallen, die ich sehr anregend fand. Thomas Häcker hat den Vortrag in diesem Rahmen an der Uni Tübingen zwar schon gehalten, aber vielleicht wird der ja beizeiten veröffentlicht:
‚ÄûNeoliberale Führungspraxis oder kooperative Lernprozesseinschätzung? Portfolioarbeit im Spannungsfeld zwischen (Selbst-) Steuerung und Selbstbestimmung«
Das Portfolio ist ein Medium, das – dem bildungspolitischen Klima der Zeit entsprechend – auf die Rückdelegation der Verantwortung für das Lernen an die Lernenden setzt. Die damit verbundene Reformsemantik der Eigenständigkeit und Selbstverantwortlichkeit im Lernen ist jedoch fragwürdig, wenn sie die Lernenden und Lehrenden dem Leitbild des Unternehmers / der Unternehmerin entsprechend konzeptualisiert.”
Mir scheint, dass die eher schulpädagogische Debatte um das Portfolio, innerhalb derer Thomas Häcker sicherlich als einer der Wortführer gelten kann, eine etwas andere Ausrichtung nimmt, als dies momentan in der Portfoliodiskussion innerhalb der Hochschule der Fall ist.
Folgendes las ich gerade in dem besagten Buch von Geert Lovink:
‚Äû[...] Persönliche Tagebucheinträge ergänzen die Nachrichten, ändern aber nicht die exegetische Natur des Bloggens. Ich blogge, also kontrolliere ich.
Es gibt die weit verbreitete Annahme, dass Blogs in einer symbiotischen Beziehung zur Nachrichtenindustrie stehen. Doch diese These ist nicht unumstritten. Kenner der Geschichte des Hypertexts haben die Ursprünge der Blogs in den Hypercards der Achtziger und nicht zuletzt in der Online-Literatur entdeckt, die ihren Höhepunkt in den Neunzigern erlebte. Die wesentliche Aktivität des Lesers bestand dort darin, von einem Dokument zum nächsten zu klicken. Aus irgendwelchen Gründen aber geriet diese Unterströmung aus dem Blick zugunsten von Mainstream-Ansichten über das Wesen der Blogs. Übrig blieb die augenscheinliche Gleichsetzung von Blogs und Nachrichtenindustrie. Um dem etwas entgegenzusetzen, muss man tiefer in die reiche Geschichte der Literaturkritik einsteigen und untersuchen, wie sich Bloggen zum Tagebuchführen verhält. Es macht sicher Sinn, eine Theorie des Bloggens im Sinne des von Foucault entwickelten Konzepts einer ¬ªTechnologie des Selbst¬´ zu formulieren. Blogs experimentieren mit dem Format des ¬ªöffentlichen Tagebuchs¬´, ein Begriff, der den produktiven Widerspruch von öffentlich und privat, in dem sich die Blogger befinden, zum Ausdruck bringt. Bis vor kurzem waren die meisten Tagebücher privat.«
Genau!!
Mal wieder in der Financial Times:
Mit Computern und dem Unterrichtsfach “emotionale Intelligenz” will eine Schule in England zum Vorzeigeprojekt werden. Die Klassenzimmer sehen aus wie Büros einer Werbeagentur, die Schüler verabreden sich via Facebook.
Wen’s interessiert, hier selber lesen und in dem Zusammenhang vielleicht auch gleich dies: Kampf der kreischenden Kreide

Ich bin soeben auf folgendes Buch aufmerksam geworden. Es ist zwar noch nicht erschienen, aber ich freu’ mich schon drauf … Insbesondere der Untertitel “Selbstmanagement … im Web 2.0″ klingt in meinen Ohren sehr vielversprechend:
Ramón Reichert
Amateure im Netz
Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0
YouTube – MySpace – Second Life
transcript, Bielefeld 2008
Ramón Reichert ist mir bisher nur im Rahmen der Gouvernementalitäts-Studien aufgefallen. So hat er z.B. das kleine Bändchen Governmentality Studies. LIT, Münster 2004 herausgegeben und auch zu Bröckling, Ulrich / Horn, Eva: Anthropologie der Arbeit. Narr, Tübingen 2002 einen sehr schönen Aufsatz beigesteuert. Ich hoffe, das Buch ist der Auftakt einer Gouvernementalität der Neuen Medien …

Heute konnte man Ulrich Bröckling in der Zeit lesen. Ein Interview:
DIE ZEIT: Ist Selbstoptimierung ein Phänomen unserer Zeit?
ULRICH BRÖCKLING: In der Antike gab es Lebensführungsregeln, im 19. und frühen 20. Jahrhundert herrschten auch schon Leitwerte wie Fleiß, Gehorsam, Ordnung. Das waren zwar auch Momente der Optimierung, es ging aber darum, sich an vorgegebene Normen möglichst gut anzupassen.
ZEIT: Richtet Coaching den Menschen auf das Idealbild der Flexibilität hin ab?
BRÖCKLING: Heute geht es nicht mehr darum, sich an eine festgelegte Idealnorm anzupassen. Das Ideal von heute fordert von jedem, sich ständig zu verändern: Behaupte dich auf dem Markt! Man muss also exzellent sein, sich von anderen unterscheiden. Das führt zur Forderung nach permanenter Bewegung und der Sehnsucht nach Unterstützung.
ZEIT: Wer gibt die Befehle zu Effizienz?
BRÖCKLING: Die gesellschaftliche Rationalität, die uns bestimmte Sachen fraglos plausibel erscheinen lässt: dass es zu viel Bürokratie gibt, dass alles zu unflexibel ist, dass man mehr Selbstverwaltung braucht. Darauf stützten sich dann politische Programme, pädagogische Konzepte und Beratungsangebote und erzielen einen Sog.
ZEIT: Da hilft nur Coaching?
BRÖCKLING: Coaching-Programme gehen davon aus, dass der Einzelne nicht mehr die Zeit zur kontinuierlichen Verbesserung hat. Zeitnot ist in die Konzepte eingebaut. Work-Life-Balance-Verfechter oder Wellness-Angebote binden Erholung, Freizeit oder das Private als notwendige Pause ein, damit der Einzelne wieder funktionstüchtig sein kann. Das ist betriebswirtschaftlich gesehen clever.
Das Dossier, in dessen Kontext auch das Interview auftaucht, ist m.E. sehr lesenswert. Eine Zusammenfassung bzw. Vorankündigung findet sich hier. Das gesamte Dossier habe ich hier (Material zu meinem Seminar «Die Kultur des neuen Kapitalismus”) bzw. hier (Seminar «Über sich selbst schreiben”) hinterlegt. Da muss man sich aber anmelden. Dafür findet man dort noch anderes Material, für das man sich ggf. – wenn einen das Zeit-Dossier interessiert – ebenfalls begeistern kann (man findet z.B. vieles von dem, auf was sich das Dossier bezieht: Sennet, Bröckling, Ehrenberg etc.)
Was mich an dem Artikel allerdings geärgert hat:
Zum einen unterlässt der Autor es – bestensfalls ganz unterschwellig -, die Frage aufzuwerfen, ob das, was er beschriebt und was das Coaching im Griff zu behalten erlaubt, so sein muss. Z.B.:
»Management heute ist nicht nur frauenfeindlich, es ist oft familienfeindlich, lebensfeindlich, ja menschenfeindlich, der Einzelne spielt keine Rolle mehr.«
Das wäre noch verzeihlich, da die Zeit bekanntlich kein linksradikales Kampfblatt ist.
Was ich aber zum anderen schwer erträglich finde, ist die Tatsache, dass in dem Artikel in keiner Silbe erwähnt wird, dass nicht zur die Leistungsträger und Führungskräfte unter gesteigertem Leistungsdruck, Effizienzanforderungen, Unsicherheit etc. leiden, sondern auch die weniger Erfolgreichen, die weniger Leistungsfähigen. Unerträglich ist dies insbesondere deshalb, da diese nämlich mit dem gleichen Coachingmethoden malträtiert werden, obwohl sie viel weniger Möglichkeiten haben, durch eine mutige Entscheidung und entschlossene Selbststeuerung mal eben den Job zu wechseln, ihrem Chef zu sagen, dass sie einen Tag in der Woche daheim bleiben, beim selben Gehalt … ZeitschreiberInnen sind offensichtlich selbst gestresste und coachingbedürftige Leistungsträger.
Was der Artikel aufgrund dieser Ignoranz deutlich macht, ist, dass jene Rationalität, von der Bröckling spricht, bei allen Krisenerscheinungen – die der Artikel ja durchaus benennt – vielleicht noch ein Stück weit trägt, indem z.B. die “Menschenfeindlichkeit” durch Coaching aushaltbar gemacht wird; dass aber eben genau dadurch das Mitgefühl, das Mitleid, die Liebe oder überhaupt die Aufmerksamkeit für diejenigen, die sich keinen Coach für 1000€ € die Stunde leisten können, sondern bestenfalls einen von der Arge gestellt bekommen, völlig verloren zu gehen droht, da man schon genug an sich selbst leidet …
Aber gerade um die geht es. Die sind es nämlich, die bereits – angeblich aufgrund fehlender Aktivität, mangelnder Zielstrebigkeit und ungenügender Selbststeuerung – gescheitert sind. Sie haben den Schaden schon erlitten, für den sie angeblich selbst verantwortlich sind – wie in Bezug auf Bröckling ganz richtig gesagt wird – der aber tatsächlich strukturell gemacht ist und entsprechend auch gesellschaftlich geteilt werden muss.
Man kann argumentieren, dass die Gescheiterten vielleicht noch nicht ganz aus dem Blick geraten. Immerhin wird ihnen immer wieder doch noch eine letzte Chance geboten … z.B. im Sommercamp. Aber wehe, wenn sie diese nicht nutzen!!
Als kleinen Nachtrag zu dem zuvor veröffentlichten Post, also als Bekräftigung der These, das Netz werde in aller Regel dazu benutzt, sich selbst und sein Tun als Markenware anzupreisen, hier ein Ausschnitt aus einem Interview mit Norbert Bolz, das er am Rande der Trendtage 2008 gegeben hat, die vor kurzem in Hamburg unter dem Titel Identitätsmanagement statt gefunden haben. Hierin vertritt er im Kern und in seiner unnachahmlich nüchternen Art die These: Identitätsmanagement sei der Kampf um Anerkennung vor einem bestimmten Publikum – mit anderen Worten brand yourself.
Das gesamte Interview findet sich hier. Den Vortrag, den Norbert Bolz auf den Trendtagen gehalten hat – und auf den im Interview bezug genommen wird – findet man hier.