Vielleicht noch ein Nachtrag zu meinem Nachtrag zur Ideologie. Andrian Kreye – Feuilletonist der SĂŒddeutschen – schrieb 2002 in seinem Beitrag mit dem Titel “Wenn wir surfen SeitâĂĂŽ an SeitâĂĂŽ” im Rahmen einer m.E. sehr lesenswerten Reihe zur Geschichte des Internet ebendort:
“Eigentlich sollte Schluss sein mit den Ideologien. Im Sommer 1989 verkuĂĂ ndete der Politologe Francis Fukuyama in der Zeitschrift The National Interest das Ende der Geschichte und den Beginn des postideologischen Zeitalters. Zur selben Zeit aber formierten sich dreitausend Meilen westlich davon schon die Grundlagen einer neuen Ideologie. Was mit diesen Cyberpunks der WestkuĂĂ ste begann, wurde von Theoretikern, Politikern und Unternehmern aufgenommen, die als Libertarier der Cyber-Ăra fuĂĂ r die ultimative Freiheit kĂ€mpften. Mit liberaler Demokratie hatte das wenig zu tun. Mit Fukuyamas Forderung nach einem radikalen Optimismus umso mehr.
Im ausgehenden 20. Jahrhundert begriff man die neue Ideologie als Rebellion gegen bekannte Denkmuster und traditionelle Gesellschaftsformen, den Nationalstaat und sogar gegen die Begrenzungen der Geographie âĂĂŹ ihr virtueller Mittelpunkt ist der dezentralisierte Cyberspace. Von Anfang an beharrten die neuen Ideologen darauf, keine Ideologie zu vertreten. Doch wenn man Ideologie als sĂ€kulares Dogma definiert, dann erfuĂĂ llten die Cyberpunks in San Francisco und Amsterdam die Kriterien als Ideologen genauso wie die Cybertarians im Silicon Valley oder Washington D.C.. Sie beanspruchten die Weisheit. Wer anders dachte, war noch nicht weit genug.”
Letztlich aber vielleicht noch ein Wort zur Ideologie. Ich mag den Begriff nicht. Er unterstellt eine wahre Wahrheit, die Möglichkeit der unabweisbaren Erkenntnis, dass etwas “in Wahheit” – wie Andrian Kreye im Untertitel formuliert; Kinder sagen gern “in echt” – so und nicht anders sei und die man haben könne, wenn man sich nur von den TĂ€uschungen – eben der Ideologie – befreit. Foucault schreibt dazu:
“Wichtig ist, so glaube ich, daĂ die Wahrheit weder auĂerhalb der Macht steht noch ohne Macht ist (trotz eines Mythos (…) ist die Wahrheit nicht die Belohnung fĂŒr freie Geister, das Kind einer langen Einsamkeit, das Privileg derer, die sich befreien konnten). Die Wahrheit ist von dieser Welt; in dieser wird sie aufgrund vielfĂ€ltiger ZwĂ€nge produziert, verfĂŒgt sie ĂŒber geregelte Machtwirkungen. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Ordnung der Wahrheit, ihre ‘allgemeine Politik’ der Wahrheit (…); es gibt Mechanismen und Instanzen, die eine Unterscheidung von wahren und falschen Aussagen ermöglichen und den Modus festlegen, in dem die einen oder anderen sanktioniert werden. (…) Kurz, die politische Frage ist nicht der Irrtum, die Illusion, das entfremdede BewuĂtsein oder die Ideologie, sie ist die Wahrheit selbst.” Foucault, Michel (1978): Dispositive der Macht. Berlin: Merve
Diese Frage nach der Wahrheit bedeutet dann eben, die Mechanismen und Instanzen zu untersuchen, die sie produzieren. Und wenn es Menschen gibt, die ihre Produktion als ideologiefrei bezeichnen, dann muss man eben auch wieder von Ideologien sprechen …