über dieses blog

“Es wäre lächerlich, Blogger kollektiv als Zyniker zu denunzieren. Zynismus ist in diesem Kontext kein Charakterzug, sondern ein techno-sozialer Zustand. Das Argument kann also nicht lauten, dass Blogger vornehmlich Zyniker von Natur oder aus Überzeugung seien, oder gar vulgäre Exhibitionisten, den jede Idee von Understatement abgeht. Es ist wichtig, sich den Zeitgeist zu vergegenwärtigen, der herrschte, als Bloggen als Massenpraxis entstand. Netzzynismus ist ein kulturelles Nachfolgeprodukt von Blog-Software [...] Netzzynismus [...] ist gekennzeichnet durch die kalte Aufklärung, die einen postpolitischen Zustand charakterisiert, und durch die Beichte, wie sie von Michel Foucault beschrieben worden ist. Den Leuten wird erzählt, dass es keine Befreiung geben kann, wenn sie nicht “die Wahrheit sagen”. Wenn sie beichten (einem Priester, einem Psychoanalytiker oder einem Weblog), wird sie dieses Aussprechen der Wahrheit auf irgend eine Weise befreien.”

Lovink, Geert: Digitale Nihilisten. Die Blogosphäre unterminiert den Medienmainstream. In: lettre international, Heft 73, 2006

“Nun hat in der Tat hypomnemata eine ganz präzise Bedeutung. Es ist ein Schreibheft, ein Notizbuch. Genau dieser Typ von Notizbuch kam zu Platons Zeit zu persönlichen und Verwaltungszwecken auf. Diese neue Technologie bewirkte einen vergleichbaren Einbruch wie heute das Eindringen des Computers in den Privatbereich. [...]
In sie trug man Zitate, Stücke von Arbeiten, Beispiele und Handlungen ein, deren Zeuge man gewesen war oder über die man Berichte gelesen hatte, Gedanken oder Überlegungen, die man gehört hatte oder die einem in den Sinn gekommen waren. Sie bildeten ein materielles Gedächtnis gelesener, gehörter oder gedachter Dinge und boten diese als einen angehäuften Schatz zum Wiederlesen und späterer Meditation an.”

Foucault, Michel: Zur Genealogie der Ethik, in: Dreyfus, Hubert L./ Rabinow, Paul: Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Athenäum Verlag, Frankfurt a.M. 1987, S.265-292, S.284f.

‚ÄûBei der hypomnemata ging es darum, sich selbst als Subjekt rationalen Handelns zu konstituieren, und zwar durch die Aneignung, Vereinheitlichung und Subjektivierung ausgesuchter Fragmente von bereits Gesagtem. Bei der Aufzeichnung der spirituellen Erfahrung des Mönchs wird es darum gehen, die verborgenen Regungen der Seele aufzuspüren, um sich ihrer zu entledigen.«

Foucault, Michel: Über sich selbst schreiben, in: Schriften, Vierter Band, 329., S.503-521, S.521

Was diese Notizbücher also nicht gewesen sind, sind Mittel mit denen eine Hermeneutik des Selbst betrieben wurde, also der Versuch, sich selbst zu entziffern, zu entschlüsseln und zu beschreiben.

Dieses blog wird im Sinne der hypomnemata geschrieben. Nicht als Selbstentzifferung, nicht als Selbsterkenntnis, nicht als Selbstverwirklichung, weniger als Selbstdarstellung, nicht als Selbstvermarktung, nicht als eine Spielart des “brand yourself”.

Es wird als eine Sammlung von bereits Gesagtem geschrieben, um darin Subjekt zu werden.

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