Montag, 04. Februar 2013

Mein erster Tag in der Klasse 1a. Am auffälligsten finde ich auf Anhieb die sehr ruhige und leise Stimme der Klassenlehrerin. Auch wenn ich selbst eine Person bin, die persönlichen Kontakt zu den SuS haben möchte und kein Problem mit Nähe hat, so finde ich die Ausdrucksweise der Lehrerin erstmal etwas befremdlich. „Ihr Süßen“, „Schätzchen“, „das habt ihr super gemacht“, „jetzt kommt ein ganz tolles Buch, das ist mein allergrößtes Lieblingsbuch“ – diese Häufung der Superlativen ist am ersten Tag für mich gewöhnungsbedürftig.

Doch ich muss sagen, dass die Klasse insgesamt sehr ruhig und gut erzogen erscheint.

Als erstes aktualisiert die zweite Klassenlehrerin mit der Klasse das Datum und den Stundenplan des heutigen Tages. Hierfür gibt es Magnetkärtchen mit Bildern, die an eine Seitentafel angebracht werden.

Danach folgt ein Lesekreis. Die zweite Klassenlehrerin liest Der rote Max vor. Ein Buch, das, wie ich finde, einige schwierige Begriffe enthält und vielleicht nicht unbedingt zum Wortschatz eines Erstklässlers (mit Migrationshintergrund) gehört. An manchen Stellen gibt die Lehrerein Synonyme für Begriffe aus dem Buch und die SuS scheinen  den Inhalt zu verstehen, denn sie denken toll und auch über Ecken mit. Mir fällt auf, dass es schwer ist, allen Kindern gerecht zu werden, d.h. alle Meldungen dranzunehmen und den Beiträgen einen angemessenen Platz einzuräumen (z.B. „Wie kommst du auf die Idee?“, „Woher kennst du das?“ o.ä.) und die Konzentration aller Kinder bei sich zu behalten. Relativ schnell kristallisiert sich in der Runde ein extrovertiertes Kind heraus und auch darüber hinaus bekomme  ich während der Leserunde einen ersten kleinen Eindruck über die verschiedenen Charaktere der SuS, auf die man sich als Lehrer individuell einstellen muss.

Nachdem die Lehrerin das Buch zu Ende vorgelesen hat, gibt sie den SuS eine Schreibaufgabe. Hierfür hat sie Schreibblätter mit Figuren aus der Geschichte und Gedankenblasen vorbereitet. Die Kinder sollen nun Gedanken zur Geschichte aufschreiben, als Hilfe haben sie eine Anlauttabelle. Darüber hinaus gehen die beiden Klassenlehrerinnen durch die Reihen und helfen durch vorsprechen. Trotz zweier Lehrerinnen, melden sich zwischenzeitlich 6 Kinder, die Fragen haben und in dieser Zeit nicht weiterschreiben können, ein Kind hat aus diesem Grund nach 10 Minuten noch gar nicht anfangen können.

Durch das Lernen von Theorien und „Idealfällen“ im Studium, bin ich zunächst sehr sensibilisiert auf bestimmte Aspekte, wie z.B. die Wortwahl der Lehrerinnen oder eben dieser jetzt entstandene Leerlauf für einige Kinder, der zu Motivationsverlust führen kann. Doch in der Praxis kann natürlich nicht alles zu 100% umgesetzt werden. Und die Ergebnisse am Ende der Stunde zeigen, dass der Unterricht in dieser Klasse funktioniert. Ein Kind hat so viel Freude an der Schreibaufgabe, dass es immer mehr Sätze schreibt und von der Lehrerin sogar schon gesagt bekommt: „Du darfst ruhig aufhören.“ Die Arbeitsphase wird schließlich nach 30 Minuten von der Frühstückszeit beendet. Für die Frühstückszeit wird jeden Tag ein anderes Kind ausgewählt, dass das Frühstück ansagen darf. Dieses Ritual führen die SuS selbstständig aus, indem das Kind, was zuletzt angesagt hat, immer abwechselnd einen Jungen oder ein Mädchen auswählt, der oder das nach vorne gehen darf. Dann wartet das Kind vorne bis alle SuS ihr Frühstück auf dem Tisch haben und alle ganz leise sind. Dann sagt es: „Ich wünsche euch einen guten Appetit!“ und die Klasse antwortet: „Guten Appetit!“.Neben dem von zu Hause mitgebrachten Frühstück, erhält die Klassejede Woche eine Kiste Äpfel und Milchtüten.

Während die SuS frühstücken, liest die Lehrerin vor, was die Kinder geschrieben haben. Hierbei nennt sie auch die Namen der Kinder, ein weiterer Punkt, der im Studium diskutiert wird, aber in dieser Klasse scheint sich kein Kind bloßgestellt zu fühlen und auch Hänseleien o.ä. kommen nicht vor. Ein Kind wird sogar nach vorne gerufen, um beim Vorlesen seiner Arbeit zu helfen, da die Lehrerin das nur schwer entschlüsseln kann. Aber auch hierauf kommt keine negative Reaktion der Mitschüler.

Ich bin beeindruckt, wie eigenständig und kreativ die SuS gearbeitet haben. Im Rahmen eines FDGS Seminars habe ich mit zwei Kommilitoninnen eine ähnliche Stunde in einer 2. Klasse in einer Schule mit sehr geringem Anteil an Migrationshintergrund gehalten. Wir haben auch ein Bilderbuch vorgelesen und hinterher eine Schreibaufgabe mit Gedankenblasen zu den Figuren der Geschichte gestellt. Die Zweitklässler haben insgesamt zwar auch gut mitgemacht, die Ergebnisse waren aber nicht so originell. So wurde beispielsweise beim Sitznachbarn abgeschrieben, relativ „banale“ Sätze aufgeschrieben und insgesamt nur kurze Texte verfasst. Das sah in dieser 1. Klasse mit hohem Anteil  von SuS mit Migrationshintergrund ganz anders aus.

Nach der Frühstückszeit dürfen sich die SuS aussuchen, was sie machen wollen. Sie dürfen sich auch  ausruhen, doch alle Kinder entscheiden sich, etwas zu machen. Sie holen sich Bücher zum Lesen, arbeiten in ihrem Deutschheft weiter und einige Kinder möchten sogar Mathe machen.

In den weiteren Stunden werde ich in den Unterricht integriert, so dass ich nicht mehr von auĂźen beobachte.

Folgende Fragen bzw. Aspekte, die ich beachten möchte, haben sich heute für mich ergeben:

  • Kein Montagskreis?
  • Wie viel Korrektur bei der Rechtschreibung generell und insbesondere bei Hilfestellung?
  •  „Du“-Formulierungen in Aufgabenstellung
  •  Gedanken der SuS in Diskussionsrunde aufgreifen (wenn möglich)

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Ein Kommentar zu “Montag, 04. Februar 2013”

  1. natalie
    22. April 2013 um 09:59

    Zum Montagskreis:
    Es gibt keinen Montagskreis, sondern jeden Tag, je nach Bedarf Erzählzeit für Kinder. Wann und in welchem Umfang, wird individuell entschieden.

    Zur Korrekut der Rechtschreibung:
    Es wird korrigiert, was die SuS im Unterricht schon hatten (Buchstaben(-kombinationen), Wörter). Ansonten wird vorgesprochen, wie es geschrieben wird -> NICHT schreibe wie du sprichst, sondern spreche, wie du schreibst!

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