Portfoliokonzept: Alterität Mittelalter

 

Einführung:

Die Epoche des Mittelalters erfreut sich heutzutage im Sprachgebrauch großer Beliebtheit. Diese ist auf ein generelles Interesse der öffentlichen sowie der privaten Gesellschaft in Deutschland zurückzuführen, aber vor allem auch der steigenden Vorliebe für Sprachmetaphern, um Dinge und Zustände mit einem Bild zu versehen und dieses auf diese Weise zu verdeutlichen. “Das ist ja wie im finsteren Mittelalter!” oder “Das sind ja mittelalterliche Zustände hier!” beschreiben eine besondere Art von Empörung, die vermeintliche Anachronistika zu enthüllen scheinen. Automatisch nimmt der Terminus “Mittelalter” die Position des natürlichen Antagonisten ein, der tatsächlich immer noch in unserer aufgeklärten, fortschrittlichen, technologischen und zivilisierten Welt des nunmehr 21. Jahrhunderts herumirrt. Diese Andersartigkeit muss jedoch klar definiert werden, um sie sprachlich und semantisch exakt gebrauchen zu können. Dabei gibt es keine perfekte Definition, jedoch ist seit den 80er Jahren das Konzept der Alterität verbreitet. Es beschreibt den wissenschaftlichen Diskurs in der (interdisziplinären) Mediävistik über die Distanz des Mittelalters zur “Neuzeit” oder Gegenwart. Alterität meint eine grundlegende Differenz zwischen zwei Dingen bzw. Wesen, die jedoch nicht fremd, sondern in lockerer bis enger Verbindung zueinander stehen.

Vorweg ein Hinweis in eigener Sache: Ich selber tendiere in geistiger Arbeit oft dazu, Dinge zu entwickeln bzw. zu versuchen, die nicht nur anders, sondern vielleicht auch einfach nur eine schlechte “andere” Alternative sind. Das vorliegende Konzept hat daher hypothetischen Charakter und wird sicherlich einer ernsthaften Prüfung nicht standhalten. Der Grund dafür liegt in dem Bestreben, meine eigenen pädagogischen Vorstellungen so gut wie möglich mit denen der aktuellen erziehungswissenschaftlichen Diskurse koexistieren zu lassen.

 

Einleitung Portfolio:

Hier steht normalerweise ein konziser Text, der eloquent Werbung macht, um genau dieses Konzept zu akzeptieren und weiterzuverbreiten. Dem gegenüber besteht die berechtigte Anfangsskepsis eines Unbeteiligten: Was soll so etwas in der Schule? Werden da überhaupt genug Kompetenzen gefördert und Lernziele erreicht, ist es kompatibel mit Curriculum und Lehrplan?  Auf diese Entscheidungsfragen würde ich wahrscheinlich heute wie in einigen Jahrzehnten mit einer negativen Antwort reagieren. Nein. Es geht im Großen und Ganzen eben nicht um eine effektive Einbettung eines Portfoliokonzeptes in den regulären Unterricht. Der Hauptaspekt sei die Alterität zwischen Mittelalter und Gegenwart.  Auch in der Alltagswelt der Schüler ist das Mittelalter lebendig, wahrscheinlich mehr noch, als vor ein paar Jahrzehnten. Diverse Filme, Computerspiele, Serien und Geschichten aller Art konstruierten über die Jahre hinweg das “Mittelalter” für die ganze Bevölkerung, großen Einfluss hatte z.B. die “Herr der Ringe”-Verfilmung von Peter Jackson 2001-2003, obgleich das Szenario vollkommen fiktiv war. Fantasy wirkt heutzutage mittelalterlich. Indem sich die Schüler mit neutralem und reflexivem Blick einem kulturell bzw. gesellschaftlich bedeutsamen Aspekt des Mittelalters zuwenden, gewinnen sie ebenso Denkanstöße, die Gegenwart in vielfacher Art zu hinterfragen. In diesem Sinne ist das Konzept von vornherein interdisziplinär anzusiedeln, weil sich kulturgeschichtliche Dinge zur (Er-)Forschung naturgemäß anbieten, darüber hinaus sämtliche Teilbereiche der wissenschaftlichen Mediävistik wie z.B. Literatur-/Sprachgeschichte, Architektur etc..Die Form eines ePortfolios ist dahingehend spannend, weil sie der absolut notwendigen Tendenz folgt, wonach in der Zeit weit zurückliegende Inhalte trotzdem mit neuester Technik veranschaulicht, veröffentlich und diskutiert werden. Visualisierung und ansprechende Gestaltung sind hier mehr als bei anderen Themen, die vielleicht vor dem inneren Auge noch gegenwärtiger sind, ein Mittel der Wahl. Auf der einen Seite über 500 Jahre zeitliche Distanz, auf der anderen Seite die neueste Technologie zur Bearbeitung einer längst vergangenen Zeit.

Rahmen:

- Klassenstufe: Oberstufe, möglichst S4; – Bearbeitungszeitraum: mindestens 10 Wochen; unterstützte Fächer: Geschichte, Deutsch, Gemeinschaftskunde, Musik, Bildende Kunst, Philosophie, Religion (,Erdkunde, Latein); vorrangig die ersten beiden

 

An dieser Stelle beginnt der Gang des ePortfolios. Er beginnt mit einer Organisationssitzung. Sie beinhaltet eine beliebige Brainstormmethode zu der konkreten Frage “Worin besteht für euch der größte Unterschied der mittelalterlichen Epoche zur Gegenwart?” Die markanten Unterschiede sind, besonders, wenn dieses Brainstorming losgelöst von der Epoche Mittelalter im Schulunterricht durchgeführt wird, zweifelsohne sozialer und technologischer Natur. Je nachdem, in welchem Fach diese Sitzung erfolgt, werden auch fachspezifische Aspekte einfließen, wie z.B. Literatur des Mittelalters. Somit verfügt nach einer guten Viertelstunde jeder Schüler über einen Bereich, der er selber ins Spiel gebracht hat. Das muss noch nicht das endgültige Thema bedeuten, ist aber durchaus möglich. Danach erstellt die Klasse gemeinsam mit dem Lehrer die Arbeitsbedingungen. Wichtig ist es hier, eine Balance zu finden zwischen Überforderung/Zeitdruck und Laissez-faire. Grundlegend soll jedes Portfolio in der Schule angemessen bearbeitet werden können, was selbstverständlich eine Bibliothek sowie einen Computerraum voraussetzt. Zu Hause ist daher für die Schüler keine Zeit verbindlich einzuräumen, lediglich optional. Die Balance strebe ich an durch Kommunikation und die Bereitschaft zur Arbeit mit Mitschülern. Diese wiederum wird befördert durch eine unveränderliche Struktur der einzelnen Portfolios: Mindestens zwei Schüler schreiben zu einem Thema ein eigenes Portfolio, wobei die Unterthemen trotzdem variieren. Mit anderen Worten: Die Grundlagen werden zusammen erschaffen, die spezielle Arbeit geschieht einzeln (, aber doch gewissermaßen in einem Verbund).

Ein Beispiel: Thema “Sakralbauten im Mittelalter”, von drei Schülern bearbeitet. Für alle drei gemeinsam ist die erste, gemeinsame Arbeitsphase, zu der dann die eigenständige Erarbeitung architektonischer Grundlagen, des Kirchenbaus und der Kunstgeschichte gehören. Diese Basisthemen werden eigenständig gesucht, wofür ungefähr eine Woche zur Aufstellung eines solchen Themenkatalogs vorgesehen ist und als Grundstock reproduziert. Dies ist der erste Teil und variiert zeitlich von Gruppe zu Gruppe. Der Lehrer gibt besonders in der Aufstellung der Basisthemen individuelle Hilfe vor allem methodischer und konzeptueller Art, indem die Frage “Was muss ich denn alles wissen?” gemeinsam diskutiert wird. Somit sind diese Inhalte zwar bindend, aber nicht aufoktroyiert sondern selbst erstellt und somit ein Kernpunkt von selbstbestimmtem Lernen nach Thomas Häcker. Jede Gruppe erhält eine derartige erste Betreuung, idealerweise tauschen sich die Gruppen in einer der Sitzungen oder anderswo auch untereinander aus. Die Bearbeitung dieser Basisthemen schließt sich daran an und kann je nach Wunsch ins Portfolio aufgenommen werden oder nicht. Das Ziel hierbei ist die eigenständige Arbeitsweise ohne vorgegebene Frage

Erst wenn die gesamte Gruppe diese Übersicht erlangt hat, beginnen ihre Schüler mit der zweiten, individuellen Arbeitsphase. Sie haben ihre endgültigen Themen entweder schon in der ersten Sitzung gefunden, haben sich anderen Gruppen im Verlauf der ersten Woche zugesellt oder in einer Gruppe ein neues Thema erstellt. Dem obigen Beispiel folgend könnten dies folgende Überschriften sein: “Die Architektur der gotischen Kirchen in Deutschland”, “Die Entwicklung der Glasmalerei in den Kirchenfenstern”, “Klöster und Orden in Deutschland”. Die Themen sind vom Speziellen bis hin zum Allgemeinen frei wählbar, die Einengung der Fragestellung wird dann automatisch die Arbeitsweise beeinflussen.

Hierbei werden ausdrücklich keine verbindlichen Inhalte erarbeitet oder mehrseitige Listen verteilt, die jedes kleinste Detail von selbstständiger Entdeckung von vornherein abwerten. Dies ist vor allem dann möglich, wenn der Lehrplan nicht dermaßen verbindlich ist, dass es gar keinen Spielraum für Alternativen in der inhaltlichen Unterrichtsgestaltung mehr gibt, was meistens im S4 zutrifft. Der Medieneinsatz ist frei wählbar, im oben erwähnten Beispiel bietet sich ein starker Fokus auf Fotos bzw. sonstige Bildquellen an, im Bereich der Musik arbeitet man wahrscheinlich mit Audiofiles/youtube; aber auch nur mit Sekundärliteratur ist ein ePortfolio machbar, da das “e” seine Berechtigung hauptsächlich aus der medialen bzw. digitalen Aufbereitung der Werke ableitet. Ein Blog, ein Forum oder ein Wiki sind wahrscheinlich die gängigsten Plattformen. So wird je nach Wunsch oder Plan nebenbei die jeweilige Medien- und Methodenkompetenz gefördert (z.B: auch Musikdateien schneiden, Bildbearbeitung, Seitenlayout etc.). Selbstverständlich ist der Lehrer anwesend, ohne die Sitzungen zu lenken, was den Charakter einer offenen Sprechstunde hat. Wenn möglich, wird Hilfe zur Selbsthilfe gegeben und nebenbei in kurzen Einzelgesprächen hilfreiches Feedback gegeben und sich selber eine Übersicht über den individuellen Fortschritt der Schüler verschafft. Dies lehnt sich an die bereits vorhandenen Präsenzzeitmodelle an (vgl. hierzu INGLIN, Oswald (2009): Rahmenbedingungen und Modelle der Portfolioarbeit, in: Das Handbuch Portfolioarbeit, hg. v. BRUNNER, Ilse / HÄCKER, Thomas / WINTER, Felix, S. 83.), was darüber hinaus die Möglichkeit zur fächerübergreifenden Kooperation mit anderen Lehrern eröffnet.

Didaktisch steht die Beschäftigung mit einer oder mehreren Quellen zu Grunde. Das Bild einer Zeit ergibt sich über die Jahre und Jahrzehnte eines Menschen quasi von alleine, beeinflusst durch allerlei Medien und Gedanken. Dieses “Bild” ist nichts weiter als ein Konstrukt, das durch Repetition bzw. Suggestion verändert wird, also formbar ist. Quellenarbeit hingegen erfordert genau das Gegenteil, nämlich Dekonstruktion. Das bestimmte Bild eines Sachverhalts oder eines Dinges wird bewusst außen vor gelassen, die Metaebene verlassen und stattdessen das vorliegende Material (die Quelle) bearbeitet und kritisch überprüft. Ohne diesen Schritt wäre es fast unmöglich, existierende Visualisierungen und Bilder zu verändern. Die Kombination aus beidem ist in der Geschichtsdidaktik im Konzept der “6-Felder-Matrix” verankert, indem Konstruktion und Dekonstruktion jeweils die Zeitbezüge der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft zugeordnet werden. Dadurch entsteht ein arbeitstechnischer “Kreislauf”.

Weiterhin werden die in den vergangenen Jahren erworbenen Kenntnisse im jeweiligen Schulfach (oder auch der Domäne) reaktiviert und selber über einen gewissen Zeitraum eingesetzt. Ein Beispiel könnte die Form der Gedichtanalyse bezogen auf mittelalterliche Literatur sein. Hier eignen sich Fabeln wegen ihres zeitlosen und moralischen Charakters besonders dazu, aber auch weitere (hoch-)mittelalterliche Lyrik in Minnesang- oder Sangspruchform. Dies kann autor- oder werkvergleichend geschehen, mit sprachhistorischem Einschlag oder nicht, zielend auf die Höfische Kultur, den Literaturbetrieb, die sozialen Verhältnisse des Mittelalters, der Kodikologie etc..

Die dritte, reflexive Arbeitsphase beinhaltet nun doch ein wenig Hausarbeit. In der vorletzten Sitzung wird ein organisatorischer Block eingeschoben, in dem die Schüler gedanklich wechseln zu einer Betrachtung ihrer nun (fast) fertigen Arbeit. Hierbei sollen die Arbeitsschritte nachvollzogen werden (Themenfindung, Recherche, Gruppenarbeit, Einzelarbeit) und beurteilt bzw. bewertet werden. Die zeitliche Distanz von bis zu zwei Monaten, also “reflection-on-action”, muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, schließlich können die Schüler gewissermaßen von einem höheren Standpunkt heraus ihre Arbeitstechnik analysieren. Auch wenn dadurch einige Informationen verloren gehen, bleibt dafür mehr Zeit für die inhaltliche Arbeit am eigenen Thema selber. Der “Alteritätsgedanke” wird in dieser vorletzten Sitzung durch den Lehrer angestoßen, sich wünschend, dass dies in die Essays, Einträge, Sammlungen usw. mit einfließt.

Zum Schluss folgen einige Gedanken, die ich nicht als zwingend notwendig für die Portfolioarbeit ansehe.

Erstens: Anregung für Themen. Sachkultur: Gebäude, Gebrauchsgegenstände, Waffen/Rüstungen, Währung, Nahrung, Artefakte etc. Gesellschaft: Ständesystem, Geschlechterrollen, Alltag, Berufe. Politik: Territoriale Veränderungen, Konflikte, Dynastien.

Zweitens: Motivation und Bewertung. Das Thema der Notenvergabe ist meiner Erachtens nach untrennbar verknüpft mit der Einbindung des Portfolios in den Unterricht. Betrachtet man es als Arbeitsform für die Schüler, die sich trotzdem im Lehrplan bewegt, so wird der Lehrer beinahe gezwungen, auf irgendeine Art und Weise Noten zu vergeben, selbst wenn dies dem Idealkonzept von Portfoliounterricht nicht entspricht (vgl. BRUNNER, Ilse: So planen Sie Portfolioarbeit, in: Das Handbuch Portfolioarbeit, hg. v. BRUNNER, Ilse / HÄCKER, Thomas / WINTER, Felix, S. 91.). Der Charakter einer ganz anderen Arbeitsform bleibt aber dann erhalten, wenn es keine Noten gibt, also kein business as usual. Außerdem ist die “Zielgruppe” ein Schülerkern, der bereits schriftliche Abiturprüfungen abgelegt hat und volljährig ist. Sie rennt nicht mehr nach einer 1 in der Deutscharbeit nach Hause und läuft laut jubelnd in die Arme der glücklichen Mutter, sondern ist entwicklungspsychologisch in der Lage, untereinander und vor allem sich selber zu analysieren und zu bewerten. Das Ziel dieses meinen ePortfoliokonzeptes ist es ja gerade nicht, ein Semester regulären Unterricht zu planen, der dann in einer oder zwei Noten mündet. Vielmehr soll es ein Ausblick sein auf die spätere (akademische) Laufbahn und eine Stärkung der (Schüler-)Selbstverantwortung. Vor dem Hintergrund wären Noten nur dann sinnvoll, wenn es gilt, die Motivation aufrecht zu erhalten. Dies wird im Prinzip nicht nötig sein, da die Grundlage für Portfolioarbeit ohnehin ist, dass die Schüler ein gewisses Grundinteresse dem Inhalt (für immerhin zwei bis drei Monate!) und der Arbeitsweise entgegenbringen. Außerdem denke ich, dass die zunehmende Aktualität des Mittelalters in unserer Gesellschaft ein Weiteres für ein ernsthaftes Interesse an der Epoche hinzufügt. Somit bleibt es bei einer “mündlichen Mitarbeit”, die ebenfalls gerne in die Reflexion der Portfolios einfließen kann, bsp. insofern, dass ein Schüler Feedback zu seiner Aktivität und Teilnahme an der Gruppenarbeitsphase bekommt. Würde es klare Ziffern als Noten geben, müsste ein transparenter Qualitätskriterienkatalog aufgestellt werden, sowohl für den Bearbeitungszeitraum als auch für die Prüfung in Form einer Präsentation oder Klausur. Den Zweck, die Noten eines Halbjahrs “irgendwo” herzukriegen, halte ich für einen Selbstzweck, der dem Portfoliokonzept, wie ich es vertrete, widerspricht. Daher wird es keine “schriftliche” Note geben, sondern ein dialogorientiertes Feedback seitens der Schüler und des Lehrers. Eine Anerkennung als unbenotete “Extraleistung” oder dergleichen sollte meiner Ansicht nach aber möglich sein.

Drittens: Beschließung. Die Präsentation der Ergebnisse wird in einem Mittelalterabend realisiert, vorzugsweise am Wochenende. Je nach Lust und Laune ist es möglich, hieraus ein schönes Fest zu gestalten, in das die kurzen mündlichen Präsentationen der Portfolios hineinwachsen können (bsp. weltliche Musik, Nahrung, Kleidung, Ratssitzung; je nach gewählten Themen). Auch sie werden nicht benotet, aber es gibt eine abschließende “Sprechstunde” ein bis zwei Wochen später, in der der Lehrer hilfreiche individuelle Ratschläge gibt und gemeinsam mit dem Schüler oder auch der Gruppe über speziell wichtige Aspekte wie bsp. der Recherche oder der Quellenbearbeitung im Hinblick auf dessen Reflexion kommuniziert. Alternativ wäre an ein Besuch eines Mittelaltermarktes zu denken, ebenfalls ein Tag an einem Wochenende. Dies wäre die etwas “freiere” Alternative, da man sich dort nicht als Kurs gemeinsam bewegt, müsste man die Zeit einteilen in eine Freizeit und in eine gemeinsame Diskussionszeit. Der große Bonuspunkt hierbei wäre quasi Mittelalterrekonstruktion in Vollendung, in der die gesammelten Beobachtungen und Reflexionen konkret auf die Gegenwart und die zwischen den Epochen stehende Alterität bezogen werden. Außerdem ist die Vielfalt und Kreativität im Umgang mit dem Mittelalter hervorgehoben, was in einen mehr oder minder scharfen Kontrast zur eigenen Schülerarbeit am Portfolio steht (populäre Reminiszenz vs. “sachliche” Arbeit).

Dies ist nun das Ende. Im Optimalfall sind einige Schüler bereit, ihre Arbeit im Netz zu veröffentlichen und vielleicht sogar fortzuführen oder später einmal als Gedankenanstoß zu benutzen.

der sait der ist enzwei

 

Bildnachweis: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0761, Kathedrale von Canterbury: Hans Musil 2005

Portfolio und Leistungsbewertung

Die Verwendung von Portfolios als Basis eines Großteils des Unterrichts wirft die Frage auf nach einer Umgestaltung der Leistungsbewertung und der Lehreraktionen im Unterricht. Die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten und diversen Ausprägungen von Portfolioarbeit im Unterricht führen grundlegend zu a) einer höheren Schülerselbstverantwortung und damit auch selbstgesteuertem, reflexivem Lernen und b) zu der Auflösung des traditionellen Frontalunterrichts mit Schüler- und Lehrerrolle. Die Konstruktion von Material und die Vernetzung dessen ist gerade bezüglich der Beurteilung durch den Lehrer Neuland.

Nach HÄCKER, Portfolio als Entwicklungsinstrument, wird generell unterschieden zwischen summativer und formativer Beurteilung. Die Geschichte des Lernens, der Lernprozess an sich ist der Kern und steht damit konträr zum bisherigen Leistungsbegriff, der mittels einer Ziffer zu benoten ist. Produkt – Prozess sei hier die Dichotomie, wobei der Prozess maßgebend ist für eine formative Leistungsbeurteilung und das Produkt an sich für eine Summierung. Objektivierend und damit sich klar abgrenzend von den “mündlichen Noten” wirkt der in der Regel lange Zeitraum, in der die Gestaltung des Portfolios vonstatten geht. Er ist unterteilt in mehrere Phasen, die beispielsweise als Teilarbeiten durch den Lehrer beobachtet und bewertet werden können, um dann letztendlich auf eine Quersumme oder eine Essenz eines konsequenten Feedbacks zu kommen. Die erste Phase ist die schriftlich fixierte Zielsetzung. Die (selbstinitiierte) Planung, Zielsetzung und Strukturierung eines länger währenden Lern- bzw. Arbeitsprozesses verlangt bereits ein hohes Maß an Selbstreflexivität. Auf ihrer Grundlage kann schließlich am Ende der Arbeit eine systematische Arbeitsanalyse des Schülers gemeinsam mit dem Lehrer stattfinden, andererseits stellt sie ähnlich einer Gliederung eines Aufsatzes, einer Hausarbeit etc. den Leitfaden dar, an dem sich orientiert werden kann. Die zweite Phase kennzeichnet sich hauptsächlich durch logistische Merkmale: Beschaffung von Material, Bearbeitung und Filterung dessen sowie Anlage von kleinen Dokumenten. In der dritten Phase erfolgt die Reflexion bzw. Metakognition über das Produkt “Portfolio”, als auch über dessen Inhalt und über den eigenen Lernprozess. Partizipation, Kommunikation und Transparenz seien die Bedingungen für eine Bewertung und ihre drei Hauptaspekte. Meiner Meinung nach ist besonders das Transparenzphänomen zumindest fragwürdig, auch, wie rasant sein Stellenwert in unserer Gesellschaft gewachsen ist im letzten Jahrzehnt. Ich denke nicht, dass Objektivität und Transparenz eine harmonische Ehe führen müssen, um zu existieren. Was will denn Transparenz sagen in der Schule? Auf das Portfolio bezogen ist die Leistung zu einem weit höheren Maße der Eigenanteil des Schülers als bei einer Klausur oder anderen schriftlichen Leistungsüberprüfungen. Transparente Beurteilungskriterien sind hingegen bereits zu meiner Schulzeit verbreitet gewesen, zumindest hatte ich den Eindruck. Vollständige Transparenz birgt allerdings mehr, nämlich die Auslieferung eines geistigen Produktes an die Öffentlichkeit bzw. an die Partizipanten. Dieses Produkt ist gewissermaßen ein Teil der Individuen, da es aus einer höchst persönlichen Perspektive verfasst ist, mit anderen Worten: Der eigene Lernprozess oder -fortschritt wird bloßgelegt. Soweit erst einmal zu HÄCKER.

Der Aufsatz von WINTER, Portfolio und Leistungsbewertung, knüpft ziemlich genau dort an. Es entstünden durch die Portfolioarbeit neue Formen der Leistungsbewertung, nämlich zum Einen die Leistung des gesamten Lernprozesses, zum Anderen die Transparenz der Bewertung in Subjekt, Ort und Zeit. WINTER erwähnt die Möglichkeiten, Faktoren zu bewerten, die in der traditionellen Unterrichtsform zwar vorhanden sind, aber meist nicht explizit herausstechen, wenn es um die sogenannte “mündliche Mitarbeit” geht, wie etwa die gemeinsame Arbeit an Portfolios. Wie bereits erwähnt, sind Portfolios auf kommunikativer und dialogischer Ebene entworfen, sodass ein regelmäßiger und regelhafter Austausch zwischen Schülern Standard sein sollte. Dies muss auch nicht in Form von Ziffernoten geschehen, ein qualitativ hochwertiges Feedback ist angestrebt. Zweitens bietet hier die Transparenz doch einen großen Vorteil: Die Bewertung an sich kann beinahe objektiv auf die einzelne Arbeit gerichtet werden, dadurch, dass eine große Unabhängigkeit von äußeren Faktoren wie Korrekturzeit oder Lehrerpersönlichkeit, ja sogar dessen Sympathie als trügerisch-äußerlichem Gesichtspunkt, erlangt ist. Dies alles mutet ein wenig idealistisch an, aber das mag sein wie es ist. Die Transparenz hingegen ist allerdings die Bloßstellung des Individuums in diesem Falle. Die Blöße ist nicht per definitionem schlecht. Man betrachte aber den letzten Satz aus WINTERS Essay: “Die Schulaufsichtsbehörden sollten daher weitere Versuche mit Portfolioarbeit und mit Leistungsbewertung anhand von Portfolios zulassen und fördern, damit auch im deutschsprachigen Raum Schulen ihre Absolventen mit prall gefüllten Portfolios entlassen können, welche diese stolz ihren künftigen Arbeitgebern oder einer folgenden Ausbildungsinstitution vorlegen können.” Selbst wenn die Behörde hier nur als Maßstab und Förderer der neuen Methode dienen soll, ist es doch ungemein aufschlussreich, in welche gedankliche Richtungen eine scheinbar neutrale Diskussion (oder eher: Bewegung) führen kann. Was bedeutet “prall gefüllt”? So etwas wie “voll mit ganz ganz tollen, interessanten Sachen, die ich in der Schule gemacht habe, seht her, ich war richtig fleißig!”, oder auch “ich habe 20 Seiten mehr als du Faulpelz”? Diese Portfolios dienen sodann nicht nur als eine Art Statussymbol, sondern auch als Visiten-, Kredit- und Eintrittskarte in das Berufsleben. Oder glaubt WINTER allen Ernstes, die jeweiligen Firmen oder Hochschulen betrachten sich stundlang Portfolios eines Neuen oder eines Bewerbers und philosophieren über dessen Leben, Einstellungen, oder gar Lernprozesse? Die Geschmeidigkeit der Präsentation ist doch der Kern, somit wäre ein Portfolio mit dem Ziel “Ausbildungsstätte” ein wahrscheinlich monatelang andauerndes Bewerbungsgespräch, das nicht mal persänlich geführt wird, mithin eine unmittelbare Reaktion ausbleibt. Der Druck allerdings wird bereits in der Schule zu spüren sein. Es kann aber doch nicht wirklich gewollt sein, dass Schüler “stolz” (wie Oskar? wie ein Honigkuchenpferd?) damit zu ihren Chefs in spe laufen und vollkommen im Glauben sind, diese Portfolios wären ein Übergang in den Job? Sie werden ja quasi unter geschützten Bedingungen errichtet. Als Letztes zitiere ich nun doch noch HÄCKER. Der letzte Satz dort ist selbst ein Zitat eines maximal 12-Jährigen: “Portfolio ist eine tolle Sache, weil man nimmt uns ernst, man behandelt uns einfach wie Erwachsene.” Das ist großartig, könnte man meinen. Es spielt einfach so klischeehaft in die Schublade Effizienz- und Leistungsgesellschaft hinein, dass ich mir gewisse Assoziationen einfach nicht verkneifen kann. Das heißt jetzt nicht, dass Transparenz ganz wunderbar schlecht sei, nur dass es bei aller Freizügigkeit und Liberalität stets noch Grenzen geben muss, nicht unbedingt zur Einsperrung, sondern vielmehr auch zum Schutz der Kinder in den Schulen.

ePortfolio und Seminarkonzept

In den folgenden Monaten werden hier Bausteine gelegt für die Erarbeitung eines digitalen Portfolios zum Seminar “ePortfolio – Wissenskonstrukt im digitalen Medium”. An dieser Stelle soll nicht der wissenschaftliche Diskurs und/oder diverse Konzepte von Portfolii in der Bildung bzw. im akademischen Bereich erörtert werden, sondern nur eine knappe subjektive Bestandsaufnahme meines spärlichen Wissens über Portfolioarbeit, die ich bis jetzt noch nicht selber erfahren habe.

Der Begriff “Portfolio” versteht sich für mich als eine grundlegende Struktur einer Arbeitsweise zu einem bestimmten Thema bzw. Themenkomplex. Sie zeichnet sich sowohl durch einen hohen Grad an Praxisnähe als auch durch ständige Reflexion des Erstellers gegenüber den vermittelten Gegenständen aus. Der Kerngedanke hier ist im Gegensatz zu anderen (traditionelleren) Arbeitsformen die unmittelbare Verarbeitung und Durchdringung von neu erlernten Methoden, Konzepten, Theorien etc., die gewissermaßen auf einer subjektiven Ebene reflektiert und weiterentwickelt werden (reflection-on-action). Somit widerspiegelt die Arbeit mit einem Portfolio den eigenen Lernprozess und die Lern- bzw. Arbeitsweise. Dies ist eine der deutlich hervorzuhebenden Aspekte, wenn man nach der Verwendung im schulischen Kontext fragt. Als eine grundsätzlich präsentationsorientierte Leistung ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten zu kontroversem und kreativem Umgang mit Widersprüchen, Problemen und Lösungen innerhalb des festgelegten Rahmens. Die Erweiterung des Gesamten in die Digitalität öffnet diesen Rahmen zusätzlich, indem gezielt Medien und Software eingesetzt werden können wie Videoclips, Bildbearbeitungen etc..

Meine Erwartungen bzw. Wünsche an das Seminar sind vorerst gering einzustufen, weil meine Vorkenntnisse entsprechend gering sind. Zentrales Interesse ist es allerdings für mich, immer die konkrete Anwendung und Transportation des Erlernten in die (in diesem Semester nicht vorhandene) Schule zu vergegenwärtigen. Ganz nebenbei werde ich selber einiges lernen, besonders in standardmäßiger “Arbeit” mit Neuen Medien und deren Ausgestaltungen wie in diesem Blog hier. Letztendlich werde ich in ca. einem halben Jahr viele Erfahrungen gemacht haben und diverse Anregungen zu portfoliobasiertem Unterricht in meinen Fächern gesammelt haben, die ich im nächsten Semester hoffentlich sinnvoll (und zum Wohle der gesamten Menschheit) einsetzen kann.


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