Christina Schwalbe

Nachgedacht statt nachgemacht!

Form follows function!

Posted on | Dezember 2, 2009 | 5 Comments

Im Nachklang zur Campus Innovation bzw. insbesondere im Nachklang zur Podiumsdiskussion zu ePortfolios, möchte ich noch einmal einen kritischen Blick auf unseren dort gestarteten Versuch zur Öffnung der Diskussion werfen ‚Äì insbesondere auch, um diese Erfahrungen in die Planung für die Podiumsdiskussion auf dem EduCamp im Februar hier in Hamburg mit einfliessen lassen zu können. Die Diskussionsrunde (insgesamt acht Teilnehmer auf dem Podium) wurde durch einen Backchannel auch für Rückmeldungen aus dem Publikum geöffnet und gleichzeitig für nicht physisch anwesende Interessierte per Twitter zusammengefasst – so dass sich damit auch potentiell der Kreis der Mitdiskutanten im Backchannel vergrößerte.

Der Grund, dass wir diesen Versuch gestartet hatten, war die Diskussion zur Integration von Twitter auf Tagungen bzw. bei Podiumsdiskussionen nach der GMW-Tagung (nachzulesen z.B. bei Joachim Wedekind, Michael Kerres oder Mandy Schiefner & Matthias Rohs).

Zur Orientierung möchte ich ganz kurz skizzieren, wie genau diese Öffnung gestaltet wurde:

  • Die Podiumsdiskussion wurde moderiert von Kerstin Mayrberger, die auch schon einen Kommentar zu diesem Versuch verfasst hat. Ralf Appelt protokollierte die gesamte Diskussion öffentlich auf Twitter und sorgte damit für den Kommunikationsfluss von innen nach außen. Ich hielt als Co-Moderation den Backchannel im Auge und brachte ausgewählte Kommentare und Fragen dann in die Diskussion auf dem Podium mit ein – und sorgte damit für den Kommunikationsfluss von außen nach innen.
  • Per Twitter oder backnoise.com konnten die Zuhörer eigene Kommentare und Fragen mit in die Diskussionsrunde einbringen (backnoise.com ermöglicht die Partizipation am Backchannel auch ohne eigenen Twitteraccount). Über eine Twitterwall, die auf eine Leinwand im Rücken der Podiumsteilnehmer projiziert wurde, konnten alle Zuhörer zeitgleich die Diskussion auf dem Podium verfolgen und die Kommentare und Nachfragen des Publikums verfolgen. Dieses Vergnügen hatten aufgrund der räumlichen Anordnung nur einige wenige der Podiumsteilnehmer, die aufgrund ihrer Sitzposition am Rand auch einmal einen Blick zur Seite auf die Twitterwall wagen konnten – was dann auch dazu geführt hat, dass auch aus der Diskussionsrunde direkt getwittert wurde.
  • Zusätzlich zu Rückfragen per Twitter und backnoise.com konnten auch mündliche Nachfragen direkt aus dem Publikum gestellt werden.

Kritik „von innen“

Ich möchte kurz einige wichtige Kritikpunkte ausführen, warum aus meiner Sicht als Co-Moderation die Öffnung dieser Podiumsdiskussion für die Partizipation des Publikums nicht unbedingt gewinnbringend war. Das ist natürlich aufgrund der subjektiven Perspektive nur eine fragmentarische Beurteilung eines doch sehr komplexen Settings. Ich freue mich über weitere Perspektiven und Einschätzungen zu diesem Versuch als Kommentare zu diesem Beitrag.

a. Zeitlicher Versatz & inhaltliche Passung

  • Aus Sicht der Co-Moderation fand ich es sehr schwierig, dem Anspruch gerecht zu werden, die vielen interessanten Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum ausreichend zu würdigen und auch mit in die Podiumsdiskussion einzubringen. Ich hatte mehrmals einige interessante Fragen herausgesucht, die ich dann insgesamt drei Mal mit in die laufende Diskussion einbringen konnte – doch genau hier lag das größte Problem: die Diskussion auf dem Publikum wurde natürlich durch die Podiumsteilnehmer und die Moderatorin inhaltlich geleitet, und ich wollte hier nicht durch das Publikum die inhaltliche Lenkung übernehmen lassen und konnte damit nur Fragen mit einbringen, die auch in dem „Moment der Öffnung“ zum Diskussionverlauf passten. Dadurch wurden einige sehr interessante Fragen leider zurück gestellt, die zu dem Zeitpunkt, als sie im Backchannel geschrieben wurden, sehr passend gewesen wären – einige Statements später jedoch den Diskussionsverlauf auf dem Podium wieder auseinander gerissen hätten.
  • Sinnvoller im Sinne eines gut aufgebauten Diskussionsverlaufs wäre es, wenn die Moderation des Podiums und die Integration des Backchannels durch ein und die selbe Person übernommen würde ‚Äì was dann aber wohl wieder zu Lasten der Konzentration der Moderation ginge und damit vermutlich auch hier wieder kein Mehrwert für die inhaltliche Gestaltung der Diskussion durch die Integration eines Backchannels zu erwarten wäre.

b. Reizüberflutung & Konzentration

  • Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass die Konzentration sowohl der Podiumsteilnehmer als auch des Publikums sehr stark auf den Backchannel gerichtet war, und damit eine wirklich kontroverse inhaltliche Diskussion auf dem Podium erschwert wurde. Die Twitterwall direkt hinter den Diskutanten sorgte immer wieder für einige auch etwas lautere Reaktionen aus dem Publikum wie Gemurmel oder Gelächter. Aus dem nicht hörbaren „Rauschen des Backchannels“ wurde damit zusätzlich ein deutlich hörbares „Rauschen des Publikums“ ‚Äì was dann auch zu Irritationen und Ablenkungen auf dem Podium führte.

c. Form & Inhalt

  • Zudem schien mir die Form teilweise fast wichtiger zu sein als der Inhalt – viele der Kommentare im Backchannel befassten sich mit der Kommunikationssituation und nicht mit dem Diskussionsthema.

Fazit

In Bezug auf die Podiumsdiskussion auf der Campus Innovation würde ich mich hier Kerstin Mayrberger anschließen, die ihren Kommentar betitelte mit ‚Äûweniger ist manchmal mehr…«. Da das Podium mit insgesamt acht geladenen Teilnehmern schon sehr gut besetzt war, war die Integration der Stimmen aus dem Backchannel dann doch zu viel und führte nicht zu weiteren Anreizen für den Diskussionsverlauf. Vielleicht ist es mit weniger Diskutanten auf einem Podium besser zu bewältigen und kann damit dann auch einen tatsächlichen Gewinn für die Diskussion bedeuten.

Hinsichtlich der Podiumsdiskussion beim EduCamp werden wir wohl noch einmal intensiv darüber nachdenken, wie wir diese Diskussionrunde gestalten wollen. Daran hängt natürlich die Frage, welche Bedeutung einer Podiumsdiskussion zukommt: Ist es eine Expertenrunde, die sich intensiv mit einem Thema befasst und dabei in einem kleinen Kreis sehr konzentriert Argumentationsstränge entwickelt und gegenübergestellt werden ‚Äì wobei dem Publikum dabei in Bezug auf die Beteiligung an der Diskussion eine eher passive Empfängerrolle zukommt und die Diskussion damit in erster Linie als Anregung zum Nach- und Weiterdenken anregt? Oder soll es eine offene Diskussion sein, in der sich einige wenige Experten unter anderem auch den Fragen aus dem Publikum stellen und damit vielleicht Aspekte mit in die Diskussion einfließen, die evtl. näher an einer alltäglichen Praxis sind, dafür aber vielleicht nicht so intensiv Argumentationen aufgebaut und miteinander konfrontiert werden können? Hier würde dann der Aspekt der Partizipation im Vordergrund stehen. Auch für die Einbindung neuer, innovativer Verfahren in traditionelle Formen der Kommunikation sollte meiner Meinung nach der Grundsatz „Form follows function!“ gelten – was eine kritische und reflektierte Haltung und die Überlegung nach dem Sinn der verwendeten Methoden voraussetzt. Auch unabhängig von den jeweils aktuellen Trends.

Diese Überlegungen könnte man in einem größeren Kontext weiterdenken, denn sie erscheinen mir als ein Teil der Frage nach den Auswirkungen einer zunehmenden Öffnung von Kommunikationsprozessen für Einflüsse und Irritationen aus einem allgegenwärtig vernetzten Medium heraus. Dies ist meines Erachtens nach eine zentrale Frage, die wohl noch in einigen Bereichen die traditionellen Kommunikationsformen des Wissenschaftssystems mit den zugehörigen spezifischen Rollenverteilungen herausfordern und sicher auch teilweise in Frage stellen wird.

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Comments

5 Responses to “Form follows function!”

  1. Sebastian
    Dezember 2nd, 2009 @ 19:22

    Hallo Christina,

    zunächst einmal herzlichen Dank für die zusammenfassende Reflexion des Diskussionsrahmens. Ich möchte Deine Beobachtungen noch um zwei Punkte ergänzen, die sich aus meiner Perspektive (als Teil der Diskutanten) ergeben:

    Einerseits empfand ich die (von Dir bereits geschilderte) Positionierung der Twitterwall im Rücken des Podiums unter pragmatischen Gesichtspunkten ebenfalls als sehr unglücklich. Eine Art „Monitorwall“ (in Analogie zu Monitorboxen für Musiker) im Sichtfeld der Podiumsteilnehmer könnte hier eine einfache wie sinnvolle Lösung darstellen.

    Der zweite Punkt hängt mit dem ersten unmittelbar zusammen: Meines Erachtens war die *Funktion* des Backchannels zu unscharf bestimmt: Der Backchannel war weder ein direkter Mittler zur Diskussion, noch das „bloße“ Feedbackorgan, als das Twitter ja auch im Rahmen von Konferenzen immer häufiger fungiert (insofern ist es für mich übrigens auch nicht weiter verwunderlich, dass im Laufe der Veranstaltung mehr und mehr die Form der Kommunikation selbst kommuniziert wurde – denn diese war ähnlich unklar – und damit: thematisierbar – wie der „eigentliche“ Inhalt, die Erörterung des potentiellen Nutzens von E-Portfolios für (Hoch-) Schulen).

    Grundsätzlich halte ich die Idee, über einen hinreichend offenen Kanal Möglichkeiten zur kommunikativen Irritation des Podiums anzubieten, nach wie vor für äußerst sinnvoll und erstrebenswert. Bei einer geringeren Anzahl von Diskutierenden hätte die Twitterwall eben diese Funktion mutmaßlich wesentlich besser erfüllen können (zumal den Podiumsteilnehmern durch eine wie oben skizzierte „Monitorwall“ die Chance gegeben wäre, unter Verzicht auf eine Moderation auf eventuelle Fragen direkt zu antworten).
    Grund genug, das Szenario (auch und gerade mit Blick auf das nächste EduCamp) nicht frustriert ad acta zu legen.

    Mein Fazit: Versuche wie dieser müssen auch weiterhin (kritisch) reflektiert werden – aber der Einsatz von Twitter (oder funktionalen Öquivalenten) zugleich weiterhin verfolgt werden. Möglicherweise folgt die Form der Funktion, aber vielfältige Formenbildungen zu *ermöglichen* ist nach wie vor ein verfolgenswertes Ziel. Eine Musterlösung liegt bislang nicht vor – Grund genug, weiter zu experimentieren. Gerne auch unter Verzicht auf große Gesten…

  2. Alexander Tscheulin
    Dezember 2nd, 2009 @ 23:03

    Ich möchte ebenfalls dafür plädieren die Nutzung des Backchannels nicht zu sehr als übetriebene Kommunikationswut abzustempeln. Das Kernproblem liegt meines Erachtens an der von dir unter Punkt a. beschriebenen mangelnden unklaren Einbindung der Komoderation in das Diskussionsgeschehen. Selbstverständlich muss eine Moderation auch mal unterbrechen können und passende, vielleicht auch brennendere Punkte einbringen können, als den Einzelstatements ihren Lauf zu lassen. Für etwas Irritation auf dem Podium zu sorgen halte ich erst recht für eine gute Sache um immer wieder abzugleichen, ob überhaupt noch zum eigentlichen Thema diskutiert wird. Dazu hatten einige Tweets immer wieder aufgefordert, auch durchaus sachlich und angemessen.

    Wie Sebastian sage ich: dran bleiben und toll, dass es überhaupt in diesem Rahmen versucht wurde.

  3. Christina Schwalbe
    Dezember 3rd, 2009 @ 10:27

    Lieber Alex, lieber Sebastian,

    ja, ich stimme mit Euch überein: Dranbleiben und weiter versuchen und untersuchen!

    Ich habe ja auch absichtlich die Kritik speziell auf die Podiumsdiskussion und den Versuch bei der Campus Innovation reduziert und keine verallgemeinernde Kritik an dieser Art der Öffnung traditionell geschlossener/elitärer Kommunikationsformen formuliert.

    Nur ist eben das Problem, dass die Form dieser Podiumsdiskussion eigentlich beim alten geblieben war und versucht wurde, etwas neues in klassische Strukturen mit reinzupressen.

    Ich bin immer dafür, vielfältige Formenbildung zu ermöglichen und freue mich auch darauf neue Formen beim EduCamp auszuprobieren. Dennoch muss man eben vorher genau überlegen, welche Ziele man verfolgt und welche Intentionen man hat. Und damit eben auch genau die Rolle der Partizipation und die Funktion der Öffnung durch einen Backchannel definieren.

    Ich finde es gut, dass wir diesen Versuch gestartet haben und es war – würde ich sagen – erst der Anfang. Und wie ich es im letzten Satz angedeutet hatte: es geht nicht darum, neue Kommunikationsformen in klassische Formate zu pressen, sondern man muss evtl. auch die klassischen Formate überdenken – erst dann gibt es auch wirklich die Möglichkeit neuer, vielfältiger Formenbildung.

  4. Lisa Rosa
    Dezember 6th, 2009 @ 14:49

    Tolle Experimente, tolle Reflexion!
    Mir gefällt vor allem der Gedanke, dass Medien wie Twitter das gesamte Kommunikationsgefüge verändern können. Die öff. Kommunikation kriegt einen neuen Komplexitätsgrad durch neue Partizipationsmöglichkeiten. Dass die klassischen Instrumente wie z.B. die Podiumsdiskussion dabei neu formatiert werden müssen, halte ich für eine große Chance.

Christina Schwalbe

*1978 :: Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg, Fachbereich Erziehungswissenschaft - Forschungsschwerpunkte: Medien & Bildung, Mediengeschichte & Kulturgeschichte, Kommunikation

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EduCamp Hamburg :: 5./6. Februar 2010.



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