Christina Schwalbe

Nachgedacht statt nachgemacht!

„Die Schnittstelle von Theorie und Praxis produktiv nutzen…“

Posted on | April 15, 2013 | Kommentare deaktiviert für „Die Schnittstelle von Theorie und Praxis produktiv nutzen…“

Das Projekt werkstatt.bpb.de – Digitale Bildung in der Praxis hat anlässlich des Starts der aktuellen Ringvorlesung »Medien & Bildung« Ralf Appelt und mich zum Hintergrund, der Geschichte und Zukunft der Veranstaltung befragt. Das Interview ist hier zu lesen – es zeigt ganz gut, welche Grundprinzipien unserer Arbeit insgesamt zugrunde liegen.

bpb: Warum wurde die Ringvorlesung »Medien & Bildung« 2006 ins Leben gerufen? Welche Absicht stand dahinter?

Christina Schwalbe / Ralf Appelt: Die Idee zur Ringvorlesung stammt von Prof. Dr. Torsten Meyer, der bis 2009 an der Universität Hamburg als Juniorprofessor für ästhetische Bildung mit dem Schwerpunkt Multimedia tätig war. Dem Konzept der Vorlesungsreihe liegt das Verständnis zugrunde, dass eine Pädagogik, die ohne Mittel und Mittelnde auskommt, die sozusagen un-mittel-bar ist, nicht denkbar ist. Daher ist es vor allem wichtig, den Begriff des Mediums nicht auf »neue« oder digitale Medien zu beschränken, sondern einen grundsätzlichen Zusammenhang von Medium und Bildung herzustellen und zu diskutieren. Denn auch bildungstheoretische oder pädagogisch-praktische Konzepte bleiben – vor dem Hintergrund eines umfassenden Verständnisses von Medien als zentralem Element pädagogischer bzw. kommunikativer Prozesse – lückenhaft, wenn der Zusammenhang von medientechnologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nicht mitgedacht wird. Die Ringvorlesung ist also nicht primär als eine medienpädagogische Veranstaltungsreihe zu verstehen, sondern bietet einen Raum, um interdisziplinäre Perspektiven auf das Themenfeld »Medien & Bildung« zu ermöglichen. Ziel der Ringvorlesung in dieser offenen Form ist es, durch die Integration unterschiedlichster Blickwinkel zum Nach- und Weiterdenken anzuregen.

bpb: Wie hat sich das Konzept seit 2006 durch Technik und Fortschritt in den Bereichen Medien und Bildung verändert?

Die inhaltliche Konzeption der Veranstaltung hat sich zumindest hinsichtlich der grundlegenden Gedanken wenig verändert. Mittlerweile gibt es inzwischen jeweils semesterweise wechselnde thematische Schwerpunkte.
Insbesondere in der Form der Veranstaltung änderten sich ein paar Dinge: Bereits ab der zweiten Durchführung gab es Videoaufzeichnungen fast aller Vorträge, die online bereit gestellt wurden – zunächst nur in einem geschlossenen System, nur für die Teilnehmenden an der Ringvorlesung. Etwas später wurden diese dann in ein Blog eingebunden. Mittlerweile wird auch ein Hashtag (#mms2013) angeboten, um die unterschiedlich rezipierenden Teilnehmenden via Twitter zu vernetzen; allerdings wurde dieses Angebot nur in geringem Umfang wahrgenommen. Im vergangenen Semester haben wir überlegt, die Veranstaltung in Richtung MOOC (Massive Open Online Course) zu entwickeln, wobei das »M« in diesem Fall eher für »Minimal« gestanden hätte. Leider konnten wir dieses Experiment aufgrund mangelnder Ressourcen – zumindest bisher – nicht durchführen. Die Idee bleibt jedoch bestehen…

bpb: Gibt es Themen, die in den Vorlesungen immer wieder relevant sind und denen daher ein hoher Stellenwert beigemessen werden kann? Welche sind das?

Technische Innovationen und insbesondere damit zusammenhängende kulturelle und soziale Veränderungen haben die Vortragsthemen stets beeinflusst. Dabei lag der Fokus der Vortragsthemen von Anfang an sehr häufig auf der Beobachtung und Beschreibung medientechnologischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Von dauerhafter Bedeutung sind dabei von Anfang an bis heute die schon zu beobachtenden bzw. auch potentiell noch kommenden Folgen dieser Veränderungen für Bildungsinstitutionen und Bildungsprozesse. Schule, Hochschule und außerschulische Bildung waren und sind somit – mindestens implizit – immer wieder Thema der Vorlesungen.

bpb: Auf der Webseite der Ringvorlesung wird diese u.a. damit beschrieben, dass es darum gehe, ein interdisziplinäres Bezugsfeld zu erkunden. Spiegelt sich diese Interdisziplinarität auch in der Zusammensetzung der Vorlesungsteilnehmerinnen und -teilnehmer wider? Aus welchen Fachbereichen kommen die Teilnehmenden?

Die Ringvorlesung wendet sich zunächst an alle an dem Themenkomplex interessierten Personen. Ein Großteil der Vorlesungsteilnehmenden sind jedoch Lehramtsstudierende. Hierbei ist die Fachrichtung unerheblich. Teilweise haben auch Studierende anderer Fächer (Psychologie, Informatik, Soziologie und Ethnographie) teilgenommen. Darüber hinaus waren häufig Lehrende oder Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen außerschulischer Bildungseinrichtungen zu Gast, die in den anschließenden Diskussionen aus der Praxis berichtet haben. Insofern war stets ein Abgleich zwischen theoretischen Erkenntnissen, Machbarkeiten und Anforderungen aus der Praxis möglich.

bpb: An Schulen wird meist in Fächer getrennt und weniger interdisziplinär gearbeitet. Ist das ein Problem bei der Verwirklichung von Medienbildung im Schulkontext?

Grundsätzlich lässt sich wohl sagen, dass weniger die Fächertrennung für die Integration der Medienbildung in den Schulalltag entscheidend ist, als vielmehr die Fähigkeit und Bereitschaft der Lehrenden, sich auf die aktuellen gesellschaftlichen und medialen Veränderungen einzulassen und zu akzeptieren, dass sich diese Entwicklungen auch grundlegend auf die pädagogische Arbeit auswirken (sollten). Dies ist ganz im Sinne dessen, was als elementare Botschaft der Ringvorlesung von Anfang an mitschwingt: Es ist notwendig, sich den grundlegenden Zusammenhang von Medien und Bildung zu verdeutlichen und anzuerkennen, dass die aktuellen medientechnologischen Veränderungen in Zusammenhang stehen mit kulturellen Entwicklungen, die auch die Prozesse von Lehren und Lernen nicht unberührt lassen.

bpb: Die Ringvorlesung identifiziert ein Spannungsfeld zwischen Theorie, Euphorie und Utopie einerseits sowie praxisbezogenen Aspekten andererseits. Können Sie das genauer erläutern?

Dieses Spannungsfeld war von Beginn an wahrnehmbar: theoretische Konzepte und Betrachtungen sind zumindest auf den ersten Blick recht abgekoppelt von der Praxis – oft geprägt von utopischen Ideen. Und gerade mit Blick auf die Potentiale aktueller Medien für die Unterstützung und Gestaltung von Bildungsprozessen gibt es einige Konzepte und theoriegeleitete Ausarbeitungen, die die neuen Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten recht euphorisch als Katalysatoren einer neuen, eigenverantwortlichen, emanzipatorischen, partizipartiven und basisdemokratischen Bildungspraxis ansehen. Dabei werden diese recht idealtypischen Vorstellungen nicht auf ihre Realisierbarkeit hin überprüft. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche (medien-)pädagogische Projekte, die sich kaum mit theoretischen Gedanken zum Thema auseinandersetzen. Die Schnittstelle von Theorie und Praxis produktiv zu nutzen, für beide Seiten einen »Benefit« zu erzielen und sich nicht zu sehr in dem einen oder anderen Teilbereich zu verlieren, war stets die Herausforderung der Veranstaltung. Mit der Wahl des Themas “Medienbildung zwischen Utopie und Praxis” im Wintersemester 2012/2013 wollten wir genau dieses zentrale Anliegen der Ringvorlesung in den Fokus rücken und dazu anregen, Zusammenhänge zwischen (utopischer) Theorie und (medien-)pädagogischer Praxis herzustellen und zu reflektieren.

bpb: Wie wird es mit der Ringvorlesung »Medien & Bildung« künftig weitergehen? Welche großen Themenschwerpunkte wird es 2013 geben?

Seit Ende 2012 ist Alexander Unger als neuer Juniorprofessor für Medienpädagogik an der Universität Hamburg mit im Boot – damit wird es natürlich auch neue inhaltliche Impulse geben. Der Grundgedanke des interdisziplinären Austauschs und die Berücksichtigung gesellschaftlicher Bedingungen von Bildung, Lehren und Lernen bleiben jedoch als Leitthemen bestehen.
Die Ringvorlesung wird im kommenden Sommersemester 2013 die Diskussion um »Die medialisierte Gesellschaft?« in den Mittelpunkt rücken. Zentraler Ausgangspunkt dieses Themenschwerpunktes ist die Beobachtung, dass digital-vernetzte Medien mittlerweile alle Bereiche unseres Alltagslebens durchdrungen haben und eine kaum mehr wegzudenkende Grundlage unseres alltäglichen Handelns bilden. Es stellt sich vor dem Hintergrund der zunehmenden Ubiquität digitaler Medien die Frage, welche Beschreibung sich als viabel für die sich aktuell im Umbruch befindliche Gesellschaft erweist und welche Folgerungen sich daraus ableiten lassen.
Spätestens in den 1960er Jahren wurde deutlich, dass das Konzept der Industriegesellschaft nicht mehr hinreichend war, um den gesellschaftlichen Wandlungsprozess in seinem Kern zu erfassen. Lange Zeit dominierte in der Diskussion das Konzept der Wissensgesellschaft. In der aktuellen Diskussion zeichnet sich allerdings ab, dass insbesondere die sogenannten »Neuen Medien« eine zentrale Antriebskraft des gesellschaftlichen Wandels darstellen. Leben wir also in einer medialisierten Gesellschaft? Und was bedeutet die zunehmende mediale Durchdringung für unterschiedliche gesellschaftliche Felder und Institutionen? Welche Auswirkungen hat dieser mediale und kulturelle Wandel auf das Leben in dieser Gesellschaft?
Die Ringvorlesung »Medien & Bildung« widmet sich im Sommersemester 2013 diesen zentralen Fragen und eröffnet dabei die Sicht auf verschiedene Felder und Medien: Von der Fotografie über den Hörfunk bis zu Social Networks, vom Bereich der Freizeit bis zum Journalismus. Diese Umschau soll es ermöglichen die durch Medialisierung ausgelösten Umbrüche in verschiedenen Bereichen in den Blick zu nehmen, die für viele schon zur Normalität geworden sind.

Verantwortlich für die Koordination der Ringvorlesung im Sommersemester 2013 sind Jun. Prof. Alexander Unger und Christina Schwalbe.

Das Interview führte Jaana Müller für werkstatt.bpb.de, cc-Lizenz.

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*1978 :: Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg, Fachbereich Erziehungswissenschaft - Forschungsschwerpunkte: Medien & Bildung, Mediengeschichte & Kulturgeschichte, Kommunikation

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