Christina Schwalbe

Nachgedacht statt nachgemacht!

(Wieso) Brauchen wir den Begriff „eLearning“?

Posted on | Juni 6, 2014 | Kommentare deaktiviert für (Wieso) Brauchen wir den Begriff „eLearning“?

Für das kommende Hamburger eLearning Magazin (#12 – eLearning in der Erziehungswissenschaft) habe ich gemeinsam mit Ralf Appelt einen einführenden Artikel zur besonderen Beziehung von eLearning und Erziehungswissenschaft geschrieben. Meine Gedanken zu diesem Thema, die in den Artikel eingeflossen sind, zielen ab auf die Frage, warum eLearning in der Erziehungswissenschaft eben mehr ist als ein methodischer Ansatz und welchen Sinn der Begriff „eLearning“ in diesem Zusammenhang hat. Ähnliche Gedanken hatte ich auch zuvor bei einem Vortrag auf der Campus Innovation 2013 geäußert.

Auszug aus dem Artikel:

“Eine zentrale pädagogische Aufgabe ist die Begleitung von Lern- und Bildungsprozessen Heranwachsender, um nachfolgende Generationen zur aktiven Teilhabe an der Gesellschaft zu befähigen. Auch im Bereich der Erwachsenenbildung geht es sehr häufig um die Begleitung von Prozessen des Lebenslangen Lernens mit dem Ziel, die Fähigkeit zur Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen zu steigern. Pädagoginnen und Pädagogen müssen daher ein Problembewusstsein für die aktuellen und kommenden gesellschaftlichen Herausforderungen besitzen bzw. während des Studiums dabei gefördert werden, dieses zu entwickeln, um als Begleiter bei der Entwicklung von Kompetenzen zur Orientierung und Partizipation in der Gesellschaft zu unterstützen.

Als Leitkonzept universitärer erziehungswissenschaftlicher Lehre ist in diesem Sinne ein Bildungsverständnis notwendig, dass sich nicht nur an einer materialen Bildungstheorie orientiert, d.h. Bildungsziele über zu vermittelnde Inhalte definiert, sondern vielmehr eine kategoriale Bildung als Bildungsideal anstrebt, die darüber hinaus auch formale Elemente enthält, wie dies z.B. Klafki vorschlägt. Er versteht Bildung als „Zusammenhang dreier Grundfähigkeiten“: der Fähigkeit zu Selbstbestimmung, zur Mitbestimmung und zur Solidarität1. Diese Fähigkeiten sollen Pädagogen auf ihre Educanten übertragen, insofern ist es natürlich erforderlich diese zunächst selbst zu erlangen. Explizit mitgedacht in Klafkis Bildungstheorie sind die gesellschaftlichen Dimensionen von Bildungsprozessen. Durch die rasante medientechnologische Entwicklung und die zunehmende Allgegenwärtigkeit digitaler Medien in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen und Prozessen sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Bildungsprozessen permanent im Wandel. Die für eine aktive Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen notwendigen Kompetenzen sind andere als noch vor einigen Jahren. Als zentral wird in dieser Hinsicht die Entwicklung eine reflexiven Medienbildung angesehen, die über eine rein anwendungsorientierte Mediennutzungskompetenz hinausgeht. Eine ebenfalls nicht materiale sondern formale Bildungstheorie liefert hier das Konzept der Strukturalen Medienbildung nach Jörissen und Marotzki2. Die Strukturale Medienbildung fokussiert auf die Analyse medialer Strukturen und nicht medialer Inhalte als Ausgangspunkt von Bildungsprozessen. Und genau an dieser Stelle greift die besondere Bedeutung digitaler Medien als Teil der erziehungswissenschaftlichen Lehre: Eine selbstverständliche und reflektierte Nutzung unterschiedlicher Formen digitaler Medien in der Lehre ist grundlegend notwendig, um die Auseinandersetzung seitens der Studierenden mit den strukturellen Herausforderungen im Umgang mit unterschiedlichen Medien zu fördern. Nur durch die aktive Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Formen der Kommunikation und Kollaboration kann es gelingen, ein Bewusstsein für die Merkmale digitaler Kommunikations- und Partizipationsformen und des Umgangs mit Wissen in digitalen Strukturen zu entwickeln.

Insbesondere in der Erziehungswissenschaft ist es daher notwendig, eLearning nicht als eine spezielle didaktische Form der Wissensvermittlung zu begreifen, sondern vielmehr generell die Bedeutung des “e”s beim “Learning” zu stärken. Es stellt sich jedoch die Frage, ob der Begriff des eLearning in diesem Sinne (noch) sinnvoll ist, weil man die Beratung Lehrender zum Einsatz von eLearning als eine Art Trojanisches Pferd nutzen kann, um auch bei Lehrenden, die sich bisher weniger mit digitalen Strukturen auseinandergesetzt haben, ein Bewusstsein für die Notwendigkeit zur sinnvollen Integration digitaler Medien zu entwickeln. Oder wäre es vor diesem Hintergrund (wenigstens für die Erziehungswissenschaft) angebracht über alternative Begrifflichkeiten wie z.B. Digitale Bildung oder eben, wie oben bereits angesprochen Medienbildung nachzudenken?

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  1. Klafki, Wolfgang (1994). Konturen eines neuen Allgemeinbildungskonzepts. In W. Klafki (Hrsg.), Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik. (S. 43-81). Weinheim [u.a.]: Beltz., S. 52 []
  2. Jörissen, Benjamin; Marotzki, Winfried (2009). Medienbildung – Eine Einführung. Stuttgart: UTB. []

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Christina Schwalbe

*1978 :: Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg, Fachbereich Erziehungswissenschaft - Forschungsschwerpunkte: Medien & Bildung, Mediengeschichte & Kulturgeschichte, Kommunikation

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