Sportliches Training
Ein Grundlagenbaustein der Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes und Jugendlichen?
Essay von Sebastian Runde für das Seminar 41-61.018 Grundbegriffe, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft: Medien als Forschungsfeld der Erziehungswissenschaft bei Christiana Schwalbe
In unserem Seminar haben wir verschiedenste Grundlagen zu den Erziehungswissenschaften behandelt. Ich als Sportstudent und hoffentlich künftiger Sportlehrer interessiere mich sehr dafür, in wie weit Sportunterricht oder sportliches Training im Verein Einfluss auf die Erziehung und Entwicklung eines Kindes nimmt.
Ich möchte in dem folgenden Essay überprüfen, ob eben diese erziehungswissenschaftlichen Theorien, welche wir in unserem Seminar behandelt haben, auf sportliches Training bezogen werden können und so zeigen, dass sportliches Training eine wichtige Instanz im Leben eines Kindes bei seiner Persönlichkeitsentwicklung sein sollte.
Schon aus der Begriffsdefinition des „Training“ kann man deutlich erkennen, dass sportliches Training ein erzieherisches Konzept verfolgt.
Training steht dabei für einen Lern-/Übungsprozess, der eine Verbesserung in verschiedensten Zielbereichen (z.B. physisch, psychisch, motorisch, kognitiv, affektiv etc.) anstrebt (vergl. 21 Jürgen Weineck). Diese Definition zielt mehr auf den Aspekt des Lernens beim sportlichen Training ab. Das Training vereint hierbei, bei richtiger Planung und Durchführung, formelles und informelles Lernen, da sich sowohl Formelles, wie z.B. die jeweiligen Sporttechniken, oder aber auch Informelles, wie z.B. Sozialverhalten in einer Gruppen, vermitteln lässt.
Die Inhalte des sportlichen Trainings können dem Sportler wie wohl jede andere zu vermittelnden Informationen auch, auf unterschiedliche Weise nahegebracht werden, wobei ein behavioristischer Ansatz meist überwiegt. (vergl. S.146f Marotzki)
Ein konstruktivistischer Vermittlungsansatz ist im sportlichen Training ebenso möglich, auch wenn er nicht so häufig angewandt wird, wie der Behavioristische. Sportliches Training erfordert ein sehr hohes Maß an Disziplin und Wiederholung, die Anforderungen steigen mit dem Maß an Professionalität, in dem man seine Sportart ausüben möchte. So ist ein konstruktivistischer Lernansatz meist nur zu Beginn der Sportart sinnvoll, in dem man noch die Grundlagen der verschiedenen Techniken entdeckt. Man gibt den Athleten keine exakten Bewegungsvorgaben, welche sie in ihrer Kreativität und Entwicklung einschränken würde, sondern stellt ihnen stattdessen Bewegungsaufgaben. Es geht nun nicht mehr darum ein bestimmtes Bewegungsmuster genauestens auszuführen, sondern einen individuellen Lösungsweg für die Aufgabe zu finden. Hierbei gibt es kein richtig oder falsch. Diese Art der Vermittlung eignet sich jedoch nicht für die technische Schulung eines Sportlers. Um genaue Bewegungsabläufe zu schulen bedarf es mehr Vorgaben und Korrekturen, hier kommt der behavioristische Vermittlungsansatz ins Spiel.
Marotzki beschrieb den behavioristischen Lernansatz als eine Reiz-Reaktions-Optik, welche geschult und beeinflusst werden kann. Durch Lob und Tadel könnten bestimmte Reaktionen auf einen Reiz „antrainiert“ werden. Alles was benötigt würde, seien Rituale oder besser eine Routine bei gewissen Handlungen, welche ein abrufbares Verhaltensmuster aufbaut. Solch eine Routine findet sich in jedem Sport, sei es eine Mannschafts- oder Individualsportart. Der Athlet trainiert sich über Jahre ein bestimmtes Verhalten an, wie z.B. einen rechten Haken, einen Pass oder einen Absprung, welches er dann jeder Zeit abrufen kann. Auch wenn es im ersten Moment nicht so scheint, so wird dieses Verhalten durch einen Reiz ausgelöst. Bei dem rechten Haken ist es vielleicht eine falsche Deckung des Gegners und bei dem Leichtathleten die Anzahl der Schritte, die er vor seinem Absprung macht. All diese Dinge passieren ab einem gewissen Stand des Trainings intuitiv, da der Sportler meist nur Sekundenbruchteile hat um auf einen Reiz zu reagieren. Dies kann nur durch jahrelanges Training erreicht werden. Beim Training werden dem Athlet Reize vorgegeben, auf die er reagieren muss, er hat nun Zeit sich eine passende Reaktion zu überlegen, diese zu korrigieren oder korrigieren zu lassen. Hierbei spielt der Trainer eine große Rolle. Der Trainer oder auch Coach setzt den Athleten den Reizen aus und lobt oder tadelt sie für ihre Reaktion.
Ein Trainer ist nicht nur für die reinen Trainingsbelange (konditionelle Ausbildung, technische Schulung, Einüben von Standards) zuständig, sondern nimmt auch eine erzieherische Rolle ein, indem er als Coach für die Beratung und psychologische Führung bei Erwachsenen und Entwicklung bei Kindern, vor und während des Wettkampfes da ist. (vergl. 22f Jürgen Weineck)
Das oberste Ziel des Coachings ist zum einen die Leistungsoptimierung in Training und Wettkampf durch individuelle oder mannschaftbezogene Beratung, zum anderen die Verhaltensstabilisierung bzw. die Veränderung oder Korrektur von Verhalten (S.29 Jürgen Weineck). Nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit muss bei einem Sportler stimmen, sondern auch die mentale und wenn man an Kinder- und Jugendsport, weg vom Leistungssport, denkt so ist sogar die „mentale Leistungsfähigkeit“ wichtiger als die körperliche. Da Kinder und Jugendliche in diesem Zeitraum mitten in ihrer Persönlichkeitsentwicklung stecken, ist es enorm wichtig die Kinder zu motivieren, bei zwischenmenschlichen Problemen zu verhandeln und ein „gesellschaftsfähiges Sozialverhalten“ zu vermitteln. Dieses Sozialverhalten wird hier aus zwei Richtungen geprägt. Einerseits aus der Richtung des Trainers mit einem autoritären Erziehungscharakter und andererseits aus Richtung der anderen Sportler die meist im selben Alter sind. Hierbei gibt es einige Besonderheiten, die das sportliche Training einer Sportart von dem normalen „Erziehungsalltag“, wie z.B. der elterlichen Erziehung zu Hause oder der Schule. Die Kinder sind unter „professioneller“ Aufsicht, wenn wir davon ausgehen das der Trainer (in Deutschland offiziell verpflichtend) eine Schulung zum Anleiten von Kinder- und Jugendgruppen gemacht hat. Natürlich ist dies auch in der Schule der Fall, da wir aber nun einmal der Schulpflicht unterliegen kann es dazu kommen, dass die Kinder die Schule mehr als einen Zwang sehen als eine Bereicherung. Beim sportlichen Training hingegen kommen die Kinder freiwillig, weil es ihnen Spaß macht. Natürlich gibt es auch hier schwarze Schafe, die von den Eltern gezwungen oder besser dazu überredet werden, aber dies ist nach meiner Erfahrung nur ein sehr geringer Teil. Das sportliche Training ist also in der Entwicklung des Kindes/Jugendlichen ein Milieu, in das der Sportler integriert wird, sofern er sich darauf einlässt. Für viele Kinder/Jugendliche ist der Sport in einer Gruppe ein fester Bestandteil ihres Lebens, bei dem man sich mit Freunden trifft und Freiraum für körperliche Entfaltung findet.
Eine weitere Besonderheit sehe ich in der sozialen Durchmischung, wobei diese auch nicht immer vorliegt. Denn beim Sport zählen nicht die Herkunft oder Hautfarbe auch nicht wie arm oder reich jemand ist, dies sieht man deutlich an Ereignissen wie der letzten Olympiade oder der Fußballweltmeisterschaft. Das sportliche Training ist demnach Milieuübergreifend, da oftmals die Sportgruppen von Kindern aller sozialen und kulturellen Gruppen besucht werden. Ebenfalls Milieuübergreifend ist in gewisser Hinsicht die Altersdurchmischung die immer vermehrt in den Sportgruppen auftritt. Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, dass Sportler mit ihrem Verein und ihrer Sportart groß werden und sie in diese so hineinwachsen, dass sie sich dem Sport immer mehr verpflichten. So kommt es immer wieder vor, dass ein Schüler, hat er ein gewisses Alter erreicht, in der Arbeit als Trainer tätig wird und sich anfangs um die Jüngsten kümmert. In meinem Verein haben wir mehrere Generationen an Trainern, alle mit unterschiedlichen Methoden und Erfahrungen, von denen die Kinder und das sportliche Training profitieren können. Die jungen Trainer haben dabei einen ganz anderen Bezug zu den Kindern, da sie ja selbst gerade erst die Position der Trainierten mit der des Trainers getauscht haben und die Älteren können mit mehr Abstand und Erfahrung (in Bereichen des Trainings, aber auch des Privaten) mit Rat und Tat zur Seite stehen. Zudem ist die Beziehung zwischen Trainer und Athlet, meiner Ansicht nach, auch nicht so versteift wie die zwischen Lehrer und Schüler, wodurch der Trainer einen besseren Zugang zu den Kindern erreichen kann. Aber auch die Sportler untereinander haben eine größere Altersdurchmischung als z.B. in der Schule und bedenkt man Aktionen wie z.B. eine Sportausfahrt, so durchmischen sich junge und ältere Athleten, anders als bei einer Klassenreise.
Sportliches Training vermittelt zudem Charaktereigenschaften augenscheinlich ganz nebenbei, welche sich sonst nur mühsam aneignen lassen. Sportliches Training und speziell der Erfolg lassen sich nur durch Fleiß und hartes Training erzielen, sich solch ein Durchhaltevermögen, mit Spaß und Enthusiasmus anzueignen ist meiner Meinung nach nur bei ganz wenigen Dingen möglich, wie z.B. beim Erlernen eines Instrumentes. Ebenso das Verarbeiten einer Niederlage. Wir müssen in unserem Leben so einige Niederlagen wegstecken und im Sport kommen diese recht häufig vor, gerade zu Beginn einer „sportlichen Laufbahn“. Jedoch sind eben diese Niederlagen nicht so gravierend, meist teilt man die Niederlage mit seinem Team und muss nicht die gesamte „Schuld“ allein tragen.
Hier liegt es nun auch in der Verantwortung des Coachs, den Athleten wieder zu motivieren, denn eine Niederlage kann eine der größten Motivationen überhaupt sein. Man lernt wieder aufzustehen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Dies kann für spätere Misserfolge im Leben sehr hilfreich sein, um nicht den Mut zu verlieren und einen Rückschlag nur als Trainingsaufforderung zu sehen.
Zusammenfassend kann ich aus meiner Sicht sagen, dass sportliches Training und die aktive Gestaltung der Freizeit wohl die wichtigsten Instanzen zum erwachsen werden sind. Das sportliche Training ist neben der Schule einer der ersten Bereiche in dem Leben eines Kindes indem es das sichere Zuhause verlassen kann um sich selbstständig zu entwickeln. Das Sportliche bietet zudem das Erleben von Erfahrungen, welche eine Charakterentwicklung fördert, die später sicher in der „Erwachsenenwelt“ bestehen kann und dies alles in einem sicheren Rahmen, wie es sonst keine andere Instanz vermag. Zu berücksichtigen ist nur, dass die Motivation zur sportlichen Tätigkeit vom Kind selbst ausgehen muss. Man kann es nicht dazu zwingen, da dies bedeutet, dass man das Kind oder den Jugendlichen in seiner Freiheit einschränken würde, obwohl man doch das genaue Gegenteil erzielen möchte. Mit dem richtigen Ansatz und guter Motivation kann sportliches Training zu einem der besten Grundbausteine für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes oder Jugendlichen werden.
Literatur:
Winfried Marotzki „Einführung in die Erziehungswissenschaften“ 2te Auflage 2006
Kap:
4.4 Sozialisation; 4.5 Erziehung; 4.6 Lernen
Jürgen Weineck „Optimales Training“ 16te Auflage 2010
Kap:
1. Trainingslehre/Trainingswissenschaften – Begriffsbestimmung;
2. Training und Trainierbarkeit – Trainer/Coach
3. Sportliche Leistungsfähigkeit – Leistungsbestimmende Persönlichkeitsmerkmale von Sportler und Trainer
