Yörg-Oder: Trinkspiele mit veränderbaren Spielregeln

Beim Thema Trinspiele mag man zunächst wenig an einen pädagogischen Hintergrund denken, dennoch möchte ich eine Verbindung schaffen.
Zunächst möchte ich in einem kurzen Einschub historische Hintergründe und gesellschaftliche Einordnung von Trinkspielen darstellen. Anschließend möchte ich eine Verbindung vom Thema Spiel allgemein zu Trinspielen schaffen, danach auch eine Brücke schlagen vom Thema Lernen zu Trinkspielen um dann zuletzt zwei Trinkspiele mit veränderbaren Regeln vorzustellen.

Trinkspiele in unserer heutigen Zeit sind ein spielerischer Bestandteil der Trinkkultur. Meist bekannt im Kontext von Jugendkulturen oder Studentenkreisen hat sich wahrscheinlich jeder schonmal einem Trinkspiel gegenüber gesehen. Aber auch bei Familienfeiern, Hochzeiten und generell eher bei inoffizielleren Anlässen finden sich vermehrt Trinkspiele. In diesem Zusammenhang sind es meist Bewegungsspiele, die hier ihre Anwendung finden. So z.B. ein alkoholisches Getränk der Wahl trinken und direkt danach 20 Runden einen niedrigen Gegenstand umrunden, wobei der Finger auf diesem verweilen musss. Laufen zwei Leute gegeneinander, wird gemessen, wer danach als erstes an einem vorgegebenen Ziel ankommt.
Diese Spiele gibt es natürlich auch im alkoholfreien Kontext, finden aber hier meist ihre Verwendung in Zusammenhang mit Alkohol. Man könnte sie also auch als „Spiel im betrunkenen Zustand“ betiteln:)

Trinkspiele sind allerdings keine ausschließlich moderne Erscheinung, schon im antiken Griechenland wurden diese gespielt. Ältestes belegtes Beispiel ist dafür ein Trinkspiel namens „Kottabos“. Hierbei sollte mit der Flüssigkeit aus einem Becher reihum ein entfernter Gegenstand getroffen werden durch einen gezielten Schwung. Es kam dabei auf die Geschicklichkeit an, welche mit zunehmenden Alkoholkonsums litt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Trinkspiel

Wie schon genannt sind insbesondere junge Leute an Trinkspielen interessiert, in Studentenkreisen sind diese Trinkspiele oft fest etabliert, sei es als Freizeitvergnügen oder als Aufnahmeritual in eine studentische Verbindung.
Ein Beispiel findet sich in einer sogenannten Studentischen Kneipenzeremonie aus dem Jahre 1918/19
http://www.fraternitas.ch/ueberuns/Studentische_Kneipzeremonie.pdf

Diese Zeremonie dient „zur Pflege der Freundschaft und Geselligkeit“. Man traf sich in einem zweiteiligen Abendprogramm zunächst bei einer Vorlesung, danach bei einem Kneipenbesuch.
Aber es muss nicht nur der universitäre Kontext genannt werden ,um zu sehen, dass Trinkspiele auch im pädagogischen Umfeld auftauchen. Jeder, der mal an einer Klassenreise in der Schule teilgenommen hat, weiß, dass auch dort Trinken und Trinkspiele weit verbreitet sind. Hier aber immer mit dem besonderen Ansporn und Reiz nicht erwischt zu werden, eben hinter dem Rücken der Lehrer.
Soviel zum Thema historische und gesellschaftliche Einordnung. Des weiteren möchte ich Trinkspiele kurz in den Kontext Spiele einordnen.
Wie bereits oben genannt sind Trinkspiele oft eine Abwandlung von bekannten schon bestehenden Spielen, ergänzt durch den Faktor Alkohol. Dass Spiel und Trinkspiel sehr nahe beieinander liegt, nicht nur durch hinzufügen oder weglassen von Alkohol, kann durch folgende Definition von Spiel, auf Wikipedia gefunden, unterstützt werden:
Spiel (von althochdeutsch: spil für „Tanzbewegung“) ist eine Tätigkeitsform, Spielen eine Tätigkeit, die zum Vergnügen, zur Entspannung, allein aus Freude an ihrer Ausübung, aber auch als Beruf ausgeführt werden kann (Theaterspiel, Sportspiel, Violinspiel). Es ist eine Beschäftigung, die oft in Gemeinschaft mit anderen vorgenommen wird.
http://de.wikipedia.org/wiki/Spiel

Die markierten Stellen zeigen, wo die Gemeinsamkeiten liegen. Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass Trinkspiele zum Vergnügen, zur Entspannung und allein nur um sie eben zu spielen ausgeübt werden. Auch der Gesellschaftsfaktor spielt eine wichtige Rolle. Somit liegen diese beiden Tätigkeiten recht eng beieinander, auch wenn ich niemandem empfehlen würde, Trinkspiele als Beruf auszuüben:)

Aber auch zum Thema „Lernen“ lässt sich eine Brücke schlagen. Betrachtet man mal verschiedene Trinkspiele, so lässt sich feststellen, dass sich oft Grundzüge von Lerntheorien dort feststellen lassen, wie Behavorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus.

Behavorismus: Zusammengefasst bedeutet diese Form des Lernens, dass es immer nur ein Richtig und ein Falsch gibt. Fehler werden bestraft durch schlechte Noten etc..Gerade diese „Lernform“ lässt sich oft bei Trinkspielen feststellen. So gibt es z.B. Trinspiele bei denen einem uneingeweihten eine Handlungsabfolge vorgemacht wird, dieser muss diese exakt nachahmen. Macht er Fehler wird dies geähndet mit Trinken. Erst wenn er die korrekte Antwort gibt hat er das Spiel „gewonnen“.
Der „Lerneffekt“ dabei: die Aufmerksamkeit und Beobachtungsgabe werden geschult.
Auch im Geschicklichkeitsbereich finden sich eher behavoristische Strukturen. Bei dem belieben Spiel Quartern wird eine Müne so auf einen Tisch aufgetitscht, dass diese wieder hochspringt und in ein Glas fällt. Wird dies nicht geschafft muss man trinken.
Hier ist der „Lerneffekt“, dass Geschicklichkeit und Feinmotorik eingeübt werden.

Kognitivismus: Hier gibt es zwar auch ein richtiges und falsches Ergebnis, der Weg dahin kann aber auf unterschiedlichen Wegen beschritten werden. „Weg“ ist ein gutes Stichwort, den der sogenannte Bierlauf und die Seilralley sind beides Spiele bei denen über einen Weg hinweg getrunken werden muss. Beim Bierlauf laufen zwei Personen mit einem vollen Bierkasten eine festgelegte Distanz und müssen zum Schluss den Kasten geleert haben. Hier ist der „Lerneffekt“ ggf in einer verbesserten körperlichen Fitneß zu sehen durch die Bewegung, aber auch Teamwork, indem sich beide absprechen, wer trägt wielange, tragen beide gleichzeitig, wer trink wieviele Biere usw..
Bei der Seilralley geht es auch um eine Strecke, die zurückgelegt werden muss. Dabei sind zwei Spieler an einem Fuß zusammengebunden und müssen mehrere vorher festgelegte Lokalitäten finden und besuchen und dort jeweils ein alk. Getränk konsumieren. Wer als erster am Zielort ankommt gewinnt. Solch ein Trinkspiel kann der Erkundung einer neuen Stadt dienen, dem Finden von Wegen, es kann der Kommunikation förderlich sein, aber auch Teamwork kommt nicht zu kurz..alles interessante „Lerneffekte“.

Konstruktivismus: Hierbei dreht es sich um Lernkontexte, in denen es komplexere Problemstellungen gibt, bei denen es keine feststehende vorgegebene Lösung gibt. Dazu kann man verschiedene Trinkspiele finden, die konstruktivistische Elemente enthalten.
Beispiele dafür sind Yörg und 1000 blank white Cards.

Yörg:
Yörg ist das Projekt, in der Gemeinschaft ein geselliges Brettspiel zu kreieren und weiterzuentwickeln. Jeder kann sich das Spiel herunterladen, ausdrucken, mit seinen Freunden spielen und dann über die Website neue Spielfelder, Regelkarten und andere Ideen vorschlagen bzw. die Ideen der anderen Benutzer bewerten. Jeder kann sich auf der Seite beteiligen und so das Spiel weiter mit gestalten. Die Regeln sind frei wählbar. Der Mechanik des Brettspiels wird keine weitere Narration hinzugefügt, der Sinn und Zweck begnügt sich mitdem gemeinsamen amüsanten Betrinkens. Das Spielbrett und die Karten sehen wie folgt aus:

Beispiele für Karten:
That’s not my Name: Wer den Namen eines Mitspielers (Vorname, Nachname, Spitzname,…) sagt, muss 1 trinken.
Das T-Wort: Wer „trinken“ (bzw. „trinkst“, „trink“, etc.) sagt, muss 1 trinken.
Mit Links: Wer sein Glas mit der rechten Hand berührt, muss 1 trinken.
Jedes Mal…: Bestimme ein Wort, einen Satz oder eine Geste, das jeder sagen bzw. machen muss, bevor er trinkt! Vergisst ein Spieler darauf, muss er 1 trinken.

Weitere Beispiele: http://www.yoerg.at/rulecards.php

Ein weiteres Beispiel:
1000 blank white Cards: Es wird nur mit einem Stapel weißer Karten gespielt. Die Karten werden teilweise vorher erfunden und während des Spiels hinzugefügt, nach dem Spiel werden die Regeln gemeinsam bewertet und auf Favoriten reduziert.
Reihum wird eine Karte gezogen, ist dort eine Regel vermerkt muss diese befolgt werden und wird mit Punkten belohnt. Ist die Karte weiß muss eine Regel erfunden werden und deren Punkteertrag wird festgelegt.
Es muss nicht zwingend ein Trinkspiel sein, wird aber oft in diesem Kontext verwendet. Wie schon gesagt liegt Spiel und Trinkspiel ohnehin nah beieinander. Maßgeblich bei diesem Spiel ist:
Es gibt keine festen Regeln und kein Regelbuch. Durch die einfache Beschaffung von weißen Karten und die fehlende „Gebrauchsanweisung“ ist dieses Spiel sehr universell einsetzbar und kann jederzeit für jeden Kontext auch mit einer anderen Narration versehen werden, wenn das gewünscht ist.
Diese Art von Trinkspiel hat ebenfalls „Lerneffekte“: neben der maßgeblich dabei beteiligten Kommunikation wird die Kreativität gefordert und gefördert.

Abschließend sei zu sagen: Egal in welchem Kontext, mit welcher Spielmechanik, mit welchem Ziel Trinkspiele gespielt werden, sie sind Teil der heutigen Trinkkultur. Darüber hinaus können sie durchaus in den Kontext Spiel und Lernen gesetzt werden.
Bleibt nur noch zu sagen: Viel Spaß und Don’t Drink and Drive!

Ein paar Links:
Yörg (Bilder und Inhalt):
http://www.yoerg.at/ zuletzt gesichtet 11.11.11

1000 blank white Cards:
http://de.wikipedia.org/wiki/1000_blank_white_cards Zuletzt gesichtet: 11.11.11

Spielvorschläge teilweise aus „Volltrunken“
http://www.volltrunken.com/index.php zuletzt gesichtet 11.11.11

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Mikropräsentation abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Responses to Yörg-Oder: Trinkspiele mit veränderbaren Spielregeln

  1. Sabrina sagt:

    Klingt alles sehr einleuchtend 😉

    Ich finde auch, dass Trinkspiele durchaus nicht immer als negativ zu betrachten sind. Getrunken wird schließlich eh, da ist es doch besser, wenn es mit gesellschaftsfördernden Aktivitäten verbunden wird, die nebenbei auch noch einen Lerneffekt haben (auch wenn der möglicherweise wieder vergessen wird, sobald die Gehirnzellen vom Alkohol angegriffen werden ;)).
    und auf jeden Fall sind Trinkspiele auch ein weiterer Beweis dafür, dass nicht nur im Kindesalter gespielt wird, sondern auch noch weit darüber hinaus!

    Das Yörg-Projekt war mir vom Namen noch neu, allerdings werden bekannte Trinkspiele ja auch immer wieder in ihren Regeln erweitert, in dem Mitspieler die ihnen bekannten Regeln an andere Gruppenmitglieder weitergeben. Da ist es ja noch einfacher, wenn jeder seine bekannten Regeln durchs web veröffentlicht, so kann man sich auch spontan bei Bedarf neue Regeln anschauen 🙂

  2. Wey-Han Tan Wey-Han Tan sagt:

    Danke für das Einstellen der Präsentation!
    Ich war am Anfang etwas skeptisch bezüglich der Wahl des Themas, freue mich aber jetzt doch sehr, wie das Thema behandelt und welche Facetten (lerntheoretische Einordnung von Trinkspielen… 😉 ) angesprochen wurden.
    Ich hatte das schon im Mail-Feedback gesagt: Ein sehr interessantes Thema, gute Einführung und unterhaltsame Schlussfolgerungen. Als ausgearbeitete Hausarbeit, als echte, reflektierte „Lernspiel“-Sammlung oder als wissenschaftlicher Artikel wäre das eine nette Erweiterung des Zugangs zu Handlungs- und Lernparadigmen.

Kommentare sind geschlossen.