Gedanken und Feedback zur zweiten Präsentationsrunde

Generell ein Tipp zur Präsentation: Lesen Sie nicht 1:1 ab, was ausgeschrieben auf der Folie steht. Gerade bei längeren Zitaten frisst dies viel Zeit, unterschiedliche Lesegeschwindigkeiten führen evtl. zu Langeweile und Unruhe im Publikum. Falls Sie es nicht vermeiden können, einen längeren Text in einer Präsentation vorzulesen, zeigen Sie wechselnde Bilder o.Ä., die das Thema illustrieren während sie reden.

Falls Sie lern- oder medientheoretisches Interesse daran haben, warum die Kombination Bild-Sprache in einer Präsentation wirksamer sein könnte als die von Sprache-Schrift (einmal abgesehen von der mangelnden Dynamik), dann gibt es – wie üblich – bei Blumstengel einen schönen Text zur Doppelcodierung nach Paivio dazu.
Stöbern Sie herum, klicken Sie auf Links, wenn Sie interessante sehen – ich kann die Online-Version von Astrid Blumstengels Dissertation gerade für Pädagogik-Studenten mit Interesse im Bereich Medien, Lernen, Wissenkonzepte immer wieder sehr empfehlen (trotz des vielleicht abschreckenden Titels 😉 ).

Zu Florian und Christina: OE-Spiel „Gelände-Outdoor“

Die Idee, die OE-Woche mit mehreren aufeinander verweisende Spiele zu begleiten, finde ich großartig. Üblicherweise wird in der OE ja auch gespielt, wobei die Spiele dabei eher als gruppendynamische, aktivierende Tätigkeit für sich stehen. Einen Handlungsbogen über verschiedene kleine Spiele (oder bei euch: „Challenges“) zu schlagen, kann da als eine thematische Klammer wirken. Und auch bestehende OE-Spiele liessen sich in euer Konzept einfügen: Selbst die nicht-kompetitiven klassischen OE-Bewegungsspiele wie „Pferderennen“ oder „Toaster“ (spielt man die noch in der OE?) ließen sich mit der Übergabe eines Bonus-Regenrinnenstücks einbinden. Dass das Finale kein reiner Punktevergleich sondern ein weiteres Spiel ist, das sich erst aus den ‚Ergebnissen‘ der vorhergehenden Spiele heraus spielen lässt, ist für den Gedanken der Erziehungswissenschaft und des Hochschulstudiums wunderbar passend.

Bei den auszugebenden Preisen würde ich allerdings entweder Preise für alle Beteiligten organisieren, die dann ggf. getauscht werden können, oder den Preisen einen ironischen Twist geben, so dass die eindeutige Kategorisierung in „Gewinner“-„Verlierer“ nicht als Erinnerung aus dem Spiel zurück bleibt.
Das mag jetzt sehr nach „Kuschel“-Pädagogik klingen, es geht mir hier aber vordringlich um den bewussten Einsatz eines medialen Mittels, in diesem Fall eine Spielmechanik, zur metaphorischen Verdeutlichung eines Sachinhalts. Nicht umsonst sind fast alle Spiele der OE Spiele ohne Gewinner und Verlierer und drücken damit auch einen Wunsch bzw. eine Utopie aus: Es soll in der OE kein Ranking, keine Selektion, kein Konkurrenzdruck stattfinden – das passiert heute in der Realität des Studiums früh genug.

Wie angesprochen vermittelt ein ‚Lern’spiel Inhalte ja nicht nur über narrative Elemente sondern auch über seine Spielmechaniken; die Zusammenarbeit im Team ist bei euch sehr gut umgesetzt, auch die Anforderungen von Geschicklichkeit bis zur sorgfältigen Buch’recherche‘ sind bunt und abwechslungsreich. Miteinander zu konkurrieren macht hier natürlich Spaß, aber eine (ironische) Brechung der Assoziation Studium-Konkurrenz-Gewinner-Verlierer wäre ein guter Hinweis auf das – für Studienanfänger bevorstehende – Dilemma des Pädagogen: Unterwirft sie oder er sich – meist unbewusst – soziokulturellen Zwängen („Geheimer Lehrplan“) und gibt diese damit weiter? Nimmt sie oder er sie wahr und geht damit reflektierend und ironisierend um? Oder wird zur Rebellion aufgerufen?
All dies lässt sich in ein Spiel ‚einschreiben‘, ohne dass es explizit wird.

Beispiele wären hier z.B. Shirts‘ berühmtes „Starpower“, das einfache „Barnga“ oder im sozialpädagogischen Einsatz Wiemkens interessanter Ansatz von „Hardliner – Zeit für Helden“ (deutsch).

Zu Christina und Isabella: OE-Spiel – Organisationsspiel
„Stine hat Sie leider auf „inaktiv“ gesetzt.
Bitte fangen Sie von vorne an!“

Ein sehr gut gewählter lustiger weil doppeldeutiger Untertitel, der auf den Charakter des Spiels hinleitet. Die Idee, den Stine-Akkreditierungsvorgang physisch nachzuspielen und dabei etwas über die Studienorganisation (und deren Hürden) zu erfahren, finde ich sehr gelungen.
Das Spielziel sagt aus, dass es hier um mehr geht, als nur die Studienorganisation:

„Hierbei sollen sie erkennen, dass das System der Bachelor- und Masterstudiengänge das Verhalten und die Kooperation unter den Studierenden mitlenkt. Die Studierenden können sich entscheiden, ob sie die anderen Studierenden als Konkurrenz sehen oder nicht. Schlussendlich müssen sie erkennen, dass sie das Spiel nur in der Gruppe gewinnen können und alle mit dem System zu kämpfen haben.“
Link zum Blogartikel mit der Spielbeschreibung

Meiner Ansicht läuft der eigentliche Kampf um die Punkte ja entweder über die Belegung – „Komme ich in das Seminar? Passt es in meinen Stundenplan?“ – oder über die zu erbringende Leistung – „Wie viel muss ich an Zeit und Mühe aufbringen für die LP? Wie viel will ich aufbringen? Wie viel kann ich aufbringen? Muss ich um Ressourcen (Referatsslots z.B.) kämpfen?“
Im Spiel findet der Kampf eher ‚außerhalb‘ der Seminare statt, wenn die Punkte bereits eingeheimst sind. Das vereinfacht die Spielmechanik erheblich, da hier die persönliche und die institutionelle Organisation des Punkte- und BA-Erwerbs verschmelzen, aber eine etwas komplexere Version wäre vielleicht reizvoll, in der die Studierenden mit einer begrenzten Ressource ausgestattet sind, z.B. Zeitpunkte (der Tag hat nur 24 Stunden und drei Jahre sind schnell vorbei), Methodenpunkte (manche halten lieber Referate, andere schreiben eher im stillen Kämmerlein vor sich hin) oder (Vor-)Wissenspunkte (wenn man Grundlagentexte kennt, fällt einem Einordnung und Verständnis weiterer Texte evtl. leichter).
Mit dieser ‚Währung‘ gälte es, sich die LP zu erhandeln – vorausgesetzt, man erhält einen Platz im passenden Seminar.

Ich wäre gespannt, wie sich ein Spiel unter realen Bedingungen gestalten würde. Kommen die Studierenden tatsächlich zwingend zu dem Schluss, dass Kooperation – in welcher Form? – sinnvoller ist, als sich gegenseitig die Punkte abzujagen?

Und noch eine Frage zur Verbindung Spielmechanik-Narration beim Student-Doktorand-Professor-Spiel – Warum kann eigentlich der Student den Professor schlagen? Im Prinzip wäre das ja eher das technische Hauspersonal… 😉 Die Regeln wären kurz genug, sie – vielleicht nur symbolisch – auf den drei Karten abzubilden.

Zu Vivien und Katharina: Hamburg Krimispiel

Historische Stadtpläne als Spielpläne sind eine wunderbare Möglichkeit, Spiel, Stadttopologie und -historie zusammen zu bringen (siehe z.B. das passenderweise in Hamburg entwickelte Spiel „Hamburgum“); schade, dass die Wiedergabe des Spielplans nicht geklappt hat – bitte unbedingt noch posten. Erprobte Spielmechaniken wie von „Cluedo“ sind dann ein guter Ausgangspunkt, um eine neue Rahmennarration damit zu kombinieren.
Ein Problem bei Lernspielen ist die Balance zwischen erstens detailreichem Realismus (hier: Hamburg zu Beginn des 19. Jahrhunderts), zweitens einer leicht erfassbaren und gut spielbaren Spielmechanik (hier: eine Mischung aus Quiz-, Sammel- und Deduktionsspiel) sowie drittens einer nicht zu umfangreichen oder sich allmählich entfaltenden dramatisierenden Narration (hier: der Mord an einem Unbekannten). Fast zwangsweise müssen dabei am einen oder anderen Ende Abstriche gemacht werden. Z.B. kondensiert das empfehlenswerte Kartenspiel „Chrononauts“ die Geschichte des 20. Jahrhunderts auf 32 Schlüsselereignisse, was zwar für einen realistischen Geschichtsunterricht eine unzulässige Vereinfachung darstellt, dafür das Spiel aber übersichtlich hält und die Ereignisse teils in nachvollziehbare kausale Beziehungen zueinander setzt.
„Cluedo“ hat da den Vorteil, dass das deduktive Spiel im Vordergrund steht, während die Rahmennarration ein gängiges Detektivroman-Klischee ist (siehe den Eintrag im äußerst unterhaltsamen TV-Tropes-Wiki) und keinen historischen Fakten genügen möchte.
Das Hamburg-Spiel muss hier also auf zwei Ebenen wirksam werden: Historische Faktizität, die vielleicht nur implizit mit aufgenommen oder erklärt wird – z.B. die Existenz von Zeitungsjungen, Geburtszangen oder polizeilichen Ermittlern in Hamburg von 1813 – und zweitens dazu passend deren dramaturgische und spielmechanische Interaktion.

Interessant wäre es, wenn jede/r der sechs Verdächtigen ein plausibles, zeit- und gesellschaftskonformes Motiv hätte, welches den Mord und die Verwendung eines epochenspezifischen Tatwerkzeugs erklären könnte. Die Rolle der Ermittler (d.h. der Spieler) wäre ebenfalls spannend: Gab es bereits eine organisierte Hamburger Polizei, die kriminologisch-deduktiv vorging? Oder konnte man annehmen, dass ein Mord zu dieser Zeit an einem einfachen Bürger oder gar Unbekannten einfach hingenommen wurde –  außer ein oder mehrere betroffene Hamburger versuchten sich selbst an der Aufklärung der Tat? Hier wäre denkbar, dass die verschiedenen Spieler unterschiedliche Vor- und Nachteile beim Spielen haben, entsprechend ihrer Rolle.

Wie kamt ihr ausgerechnet auf eine Geburtszange als Mordinstrument? 😉

Zu Kiki, Anna, Jan und Patricia: „Die riskiofreudigen Sherlocks von Catan“- Geländespiel mit Karten

Wie bereits besprochen wirkt das Spiel sehr anregend mit seinen vielen möglichen „Challenges“. In gewisser Weise liefert die Siedlungsmetapher eine übergreifende spielerische Rahmung dessen, was Elizabeth und Janine in ihrer „Teamwork“-Spielsammlung vorgestellt haben, nur dass hier die Spiele – oder Aufgaben – nicht sequenziell vorgestellt sondern parallel ausgewählt werden können.
Wunderbar fand ich die Übertragung der Idee einer wachsenden Siedlung auf eine zentrale Spielmechanik, die realen Raum mit Band umkleidet: Dies hält überzeugend alle Spiele zusammen und funktioniert so ähnlich wie die Regenrinne des OE-Spiels. Die Challenges müssten, wie bereits angesprochen, für die Spielbalance (ist die Belohnung angemessen des Aufwands?), für die nachhaltige Sicherheit (Grubengraben, Brückenbauen, massive Antennenmasten errichten… 😉 ) sowie den Zeitrahmen (lassen sich Aufgaben – auch konzertiert – innerhalb der projektierten Spielzeit erledigen?).
Ich wäre gespannt, wie sich das Spiel und seine Challenges in der Realität spielt bzw. wie es angenommen und von den Spielern eingeschätzt wird – es sind auf alle Fälle sehr spannende und fordernde Aktivitäten darunter, die in hohes Maß an Gruppenkoordination erfordern.

Achtung bei der Verwendung von urheberrechtlich geschützten Begriffen wie z.B. „Catan“ falls das Spiel kommerziell verwendet bzw. die Regeln außerhalb eines Seminarkontexts im Forschungs- und Lehrzusammenhang eingesetzt werden sollte.

Wey-Han Tan

Über Wey-Han Tan

Ich habe bis 2012 das eLearning-Büro der Fakultät EPB geleitet, lehre im Rahmen von Lehraufträgen in Hamburg, Köln und Helsinki. Seit 2012 bin ich im Universitätskolleg der UHH, Teilprojekt 32 - "Mentorenbegleitetes, akademisch-wissenschaftliches ePortfolio" beschäftigt. Thematisch kreist mein Interesse um Spiele im weitesten Sinne, in Kombination mit Kunst, Kultur und Bildung. Spiele, als dynamische Abbildungen, waren schon immer faszinierend für mich: Aus einfachen Regeln erwachsen komplexe Spielhandlungen, aus einfachen Geschichten ergreifende Dramen.
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