Die Lernschlange – Lerntheoretische Rechtfertigung

Bei der Streberschlange geht es nicht primär um das Erlernen von neuen unbekannten Sachverhalten, sondern eher um eine Verinnerlichung des bereits Gelernten und das Abrufen dessen. Es soll eine Abwendung vom bzw. ein Überlisten des sogenannten „Trägen Wissens“ erfolgen.

„Das erlernte Wissen ist zwar prinzipiell vorhanden, kann aber im konkreten Fall nicht abgerufen und in einer angemessenen Situation angewandt werden. (Thissen 97,71, in: Baumgart 3)“

Das im Frontalunterricht erlernte Wissen könne demnach nicht oder bloß schwierig außerhalb des Lernortes angewandt werden.

Bei der Streberschlange hingegen, wird das Erlernte auf eine andere Situation übertragen. In der Interaktion mit anderen Mitlernern erhält das Wissen eine anstrebsame Aufgabe, nämlich: das Gewinnen des Spiels.

Umso mehr Fragen von Schülern richtig beantwortet werden können, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Schlange im Laufe des Spiels auflöst und dieses schließlich gewonnen wird.

Dies ist auch übertragbar auf die Anchored Instruction:

„Der Anker ist eine Aufgabenstellung oder Problemsituation. Diese sollte für möglichst viele Lernende intrinsisch motivierend wirken und ein allgemeines Ziel beinhalten, das über eine Reihe von Teilzielen erreichbar ist. (Bransford et al. 90, 123, in: Baumgart 6)“

Das allgemeine Ziel der Lernenden ist in dem Fall die Überwindung der Streberschlange, erreichbar durch die Beantwortung der einzelnen Fragen. Es kommt demnach eine intrinsische Lernmotivation auf und der Schüler wird motiviert, sich an Wissen zu erinnern oder Wissen zu verinnerlichen, um dieses Ziel zu erreichen.

Dies entspricht auch der Theorie des Situierten Lernens, bei der die Lernsituation eine zentrale Rolle spielt. Wissen wird dabei nicht abstrakt vermittelt, sondern „[…]erfolgt immer in Verbindung mit dem sozialen (und psychischen) Kontext, in dem gelernt wurde […] (Mandl/Gruber/Renkel 97, 168, in: Baumgart 4)

Allgemein betrachtet kann behauptet werden, dass Wissenserwerb, Wissen sowie dessen Anwendung immer abhängig voneinander bestehen.

 

Unsere Streberschlange begünstigt diesen Prozess.

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2 Kommentare zu Die Lernschlange – Lerntheoretische Rechtfertigung

  1. Wey-Han Tan Wey-Han Tan sagt:

    Zum Problem des „trägen Wissens“: Die Lernschlange wirkt hier eher in Richtung Motivation als im übertragbaren Verständnis, was und warum Wissen abgefragt wird. Der Spielmechanismus hat keinen weiteren Bezug zu den Frage-Lösung-Einheiten, als dass diese als korrekt oder falsch bewertet werden.

    Sie schreiben, dass „Wissenserwerb, Wissen sowie dessen Anwendung immer abhängig voneinander bestehen.“
    Das ist richtig und entspricht der Situierung von Wissen. Diese ist allerdings nicht gegeben, wenn die drei Aspekte durch die Lehrperson gesteuert, inhaltlich bestimmt und evaluiert werden und nur im Schulkontext durchgeführt werden bzw. durchführbar sind. Ansonsten entsprächen auch Textaufgaben, Diktate und Mathetests den Anforderungen konstruktivistischer Lerntheorie.
    In einer Schul- oder Seminarsituation wird das Problem des „trägen Wissens“ leider nicht dadurch umgegangen, indem man Belohnungen für die korrekte Lösung vergibt; hier müsste eine Verbindung zwischen Wissen und Anwendung hergestellt werden, wie z.B. über Projektarbeit. Dies war z.B. der Grund für die Erstellung eigener Spielentwürfe in unserem Seminar: Um sich mit den abstrakten Theorien in Form praktischer Spielentwürfe auseinander zu setzen.

    Ähnliches gilt für die „Anchored Instruction“; für das Seminar würde dies z.B. bedeuten, dass ich Ihnen eine komplexe Ausgangssituation beschreibe („Lehrer der Schule Eberfeld brauchen ein Spiel für den Mathematikunterricht und wenden sich an sie… etc.) und sie sich aufgrund dessen mit Lernspieldesign für diese konkrete Problematik beschäftigen.

    Bitte lesen Sie noch einmal den Abschnitt über „Anchored Instruction“ bei Blumstengel und vergleichen Sie diesen mit dem Aufbau der Problemstellung der Lernschlange:

    „Die Verwendung eines Ankers soll vermeiden, daß neue Konzepte und Theorien lediglich als Ansammlung von Fakten und mechanischen Prozeduren gesehen werden, die auswendig gelernt werden müssen [CTGV 94a, 90] (und meist schnell wieder vergessen sind). Der Anker sollte einen hohen Grad an Komplexität und Authentizität aufweisen und mit möglichst realitätsnahen Mitteln dargestellt werden.“
    (Blumstengel 1998, Abschnitt „Anchored Instruction“)

    Behavioristische Methoden müssen nicht schlecht sein, sie vermitteln einen Grundstock an intuitiv abrufbaren Wissen, so z.B. die Wochentage oder das kleine 1×1. Sie sollten sich aber als ggf. Lehrende bewußt sein, in welchem Terrain sie sich bewegen bzw. welches für ihre Intention am passendsten ist.
    Vergleichen Sie die Lernerschlange – und deren Lern-Vorgeschichte – mit diesem Abschnitt über Behaviorismus bei Blumstengel:

    „• Der Lehrer weiß, was der Lerner in Zukunft wissen soll bzw. muß.
    • Der Lehrer kann den Lernprozeß steuern.
    • Es gibt eine optimale Reihenfolge der „portionsweisen“ Darstellung der Informationen.
    • Der Lernende nimmt die Inhalte auf und muß sie bei Befragung wiedergeben können.“
    (Blumstengel 1998, Abschnitt „Behaviorismus“)

    Zitate aus:
    Blumstengel, Astrid: Entwicklung hypermedialer Lernsysteme. Wissenschaftlicher Verlag Berlin 1998
    Auszüge aus der Online-Hypertext-Version , http://dsor-fs.upb.de/~blumstengel/ (16.3.2009)

  2. Wey-Han Tan Wey-Han Tan sagt:

    Zum Zitat:
    „Das erlernte Wissen ist zwar prinzipiell vorhanden, kann aber im konkreten Fall nicht abgerufen und in einer angemessenen Situation angewandt werden. (Thissen 97,71, in: Baumgart 3)“

    Vorsicht, die Quellenangabe kommt nicht in die Anführungszeichen mit hinein. Auch Baumgart(ner) ist hier fehl am Platz; wenn, dann ist dies Beck und Sommer.

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