Soziale Dilemmata

 

In seinem Buch: „Spieltheorie“ beschreibt Andreas Diekmann das Phänomen des sozialen Dilemmas, welches ich seht interessant finde und für euch kurz erläutern werde.

Es geht im Prinzip darum, dass bei Versuchen und Spielen nicht immer alle Menschen vernünftig und zum kollektiven Allgemeinwohl handeln, wie dies vielleicht zu erwarten ist. Vor allem nicht, wenn dieses nicht vorher alles Ziel des Spieles eingefordert wird. Wie zum Beispiel bei den zahlreichen Erlebnispädagogischen Spielen, welche wir im Seminar kennengelernt haben und wo es darum geht, alle Teilnehmer gleichwertig miteinzubringen, den Schwächeren zu helfen und sich als Team gegenseitig auszutauschen und abzusprechen.

Andreas Diekmann definiert ein soziales Dilemma wie folgt:

„Ein soziales Dilemma liegt vor, wenn individuell-rationales Handeln schlechtere Ergebnisse hervorbringt als die theoretische Möglichkeit eines einklagbaren Vertrags unter rational handelnden Akteuren“

(Diekmann, A. 2009; Spieltheorie/ Einführung, Beispiele, Experimente, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, S.105).

Hierzu wird eine anschauliche Beispielsituation beschrieben:

„Eine Gruppe von zehn Personen geht zu einem Abendessen in ein Restaurant. Die Rechnung, so die Vereinbarung, wird gemeinsam getragen und durch die Zahl der Köpfe geteilt. Weniger zivilisierte Personen werden in diesem Fall einen größeren Appetit als bei individueller Abrechnung entwickeln. Jede Mehrausgabe wird zu neun Zehnteln durch die anderen Tischgenossen subventioniert. Wenn alle Gäste dieser Logik folgen, wird die Rechnung zum Schaden aller aufgebläht“ (ebenda, 2009,S. 9).

Diese Theorie widerspricht der von Adam Smith, welcher in seinem Buch: Reichtum der Nationen davon ausgeht, dass individuelle Rationalität immer das allgemeine Wohl mehrt. Das eigennützige Handeln des Einzelnen und die kollektive Wohlfahrt werden durch eine „unsichtbare Hand“, nämlich die des Marktes automatisch in Einklang und Gleichgewicht gebracht. Ein gutes Gegenbeispiel hierfür wäre, laut Diekmann, die allgemeine Übernutzung von Ressourcen, die Überfischung von Gewässern, die Abholzung von Wäldern und im Kleinen, die gähnende Leere eines Kühlschranks in einer Wohngemeinschaft.

Unvernünftige Ergebnisse sind also nicht, wie vielleicht erwartet, immer auf unvernünftiges Handeln zurückzuführen. Man müsste sich dazu den Motiven des Handelnden widmen, welche individuell-rational oft die „Besten“ für den Handelnden waren. Solche sozialen Dilemmata sind „ineffizient“ und können häufig nur durch einklagbare Verträge (Spielregeln ?) gelöst werden, welche ein kollektiv besseres Ergebnis ermöglichen, als individuell-rationales Handeln es provozieren würde. Kennzeichnend für soziale Dilemmata ist es also, dass meistens mehr als zwei Personen beteiligt sind. Vielleicht kennt ihr auch Gruppenspiele, in denen solche sozialen Dilemmata vorkommen. Man kann diese Theorie auch auf die Gesellschaft ausdehnen. Um das Kollektivgut (z.B. bei der Beschaffung und Bereitstellung von Spenderorganen) zu optimieren, gibt es auch die Theorie, „Mitmacher“ zu bevorzugen. So hat der Philosoph Hartmut Kliemt 2006 einen provokanten Vorschlag gemacht:

„Wer einen Organspendeausweis hat und irgendwann selbst ein Spenderorgan benötigt, soll bei einer Transplantation bevorzugt werden. Wichtig an dem Vorschlag sind nicht so sehr Gerechtigkeitsüberlegungen als vielmehr die Schaffung eines Anreizes, um das Angebot an Spenderorganen zu erhöhen“ (ebenda, S. 116f).

Was meint ihr zu diesem Vorschlag? Viel Spaß beim Weiterdenken…….

 

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1 Response to Soziale Dilemmata

  1. Sabrina Keßler sagt:

    Ich finde es sehr geschickt, Anreize zu schaffen, damit mehr Menschen an das kollektive Wohl denken. Unsere Gesellschaft ist leider sehr ignorant und meist denkt man gar nicht darüber nach, wie einfach es wäre etwas für das Gemeinwohl zu tun, da man sich mit vielen Problemen nicht beschäftigt. Sobald Dinge, wie beispielsweise Aktionen zum Organspendeausweis, bekannt gemacht werden und dabei auch noch Vorteile für jeden einzelnen hervorgehoben werden, beschäftigen sich die Menschen sofort mit dem Sachverhalt. Springt dabei kein Vorteil für sie selbst raus, gerät der Gedanke schnell in Vergessenheit, auch wenn dies gar keine böse Absicht ist.

    Der Gerechtigkeitsgedanke steht bei der Bevorzugung von Organspendeausweisbesitzern vielleicht von den Machern nicht im Vordergrund, bei den Adressaten aber sicherlich. Denn man überlegt sich bestimmt eher einen Organspendeausweis auszufüllen, wenn man weiss, dass man als „Wohltäter“ schneller ein notwendiges Organ bekommt, als ein „Egoist“, der sich ein Organ erschleichen will, und selbst nicht bereit wäre, sein eigenes zu geben.

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