Spiel und Exploration

Andreas Flitner geht in seinem Buch „Spielen-Lernen Praxis und Deutung des Kinderspiels“
in dem Bereich „ Entwicklungspsychologie und Lernforschung“ auf das Thema „Spiel und Exploration“ ein. Das möchte ich hier nochmal aufgreifen und beschreiben.

Flitner bezieht sich zunächst auf den russischen Verhaltensforscher I.P. Pawlow,
der davon ausgeht, dass alles Neue die Aufmerksamkeit des Organismus erregen kann.
Er beschreibt den „Was-ist-das?“-Reflex oder auch „Orientierungsreflex“, den Pawlow bei Tieren beobachtet hat. Dieser zeigt sich, wenn ein Tier seine Tätigkeit bei einem neuen Ereignis unterbricht und sich nur noch dem neuen Reiz zuwendet. Das Spielen und Explorieren sehen viele russische Forscher in diesem Orientierungsreflex begründet.

Bei kleinen Kindern wird dieser Zusammenhang ebenfalls gesehen. Spielen und Explorieren liegt nah beieinander und motiviert sich aus sich selbst heraus. Beim kleinen Kind kann dies besonders im ständigen Neuigkeitsbedürfnis gesehen werden. Die Erkundungsbereitschaft des Kindes wird somit durch neue Spielmaterialen in der Umgebung des Kindes gefördert. Das Reaktionsniveau erhöht sich mit steigender Vielseitigkeit des Spielmaterials. Laut Flitner fördern weitere Merkmale neben der Neuigkeit die Spiel- und Explorationsbereitschaft, wie z.B. die Unbestimmtheit des Gegenstands, die Möglichkeit, Überraschung auszulösen, die Komplexität oder Verwickeltheit, die Möglichkeit Konflikte in Gang zu setzen.
Das Interesse kann aber auch sehr schnell wieder nachlassen. Die Beeinflussung der Sozialumgebung des Kindes kann das Spontaninteresse wieder wecken, z.B. durch ein gemeinsames Spielen.

Doch was beeinflusst das Erkundungsverhalten und wann ist das Interesse am Neuen besonders groß ?
Flitner erwähnt hierzu :

„ Bei Kindern ist das, was sie als Neues wahrnehmen, schwer vorauszusehen. Eine große Bedeutung hat für sie offenbar das Sicherheitsgefühl: Sie sind zum Explorieren und zum Spielen vor allem dann bereit, wenn sie sich, z.B. durch Anwesenheit der Mutter oder durch Vertrautheit der Umgebung, geborgen wissen. Schon das krabbelnde Kind kehrt auf Erkundungszügen durch Zimmer und Wohnung zwischendurch immer wieder zurück oder versichert sich durch Blickkontakte, dass die Ausgangswelt noch in Ordnung ist – wobei Temperament und Neugier von früh auf natürlich individuell verschieden sind.“

Dies wird auch in den Versuchen von Corinne Hut bestätigt, bei denen die Kinder auch wesentlich neugieriger und erkundungsbereiter waren, wenn vertraute Erwachsene Personen in der Nähe waren oder die Kinder in einer vertrauten Umgebung waren. Wenn die Neuheitssituation abgeschlossen ist, also in der explorativen Phase der neue Gegenstand vertraut gemacht wurde, wird diese durch das Spielen abgelöst. Die Phase des Spielens beginnt und die explorative Phase kann nur wieder einsetzen, wenn der Gegenstand neue Möglichkeit zur spannenden Erkundung bietet.

(Flitner, A. 1998; Spielen-Lernen/ Praxis und Deutung des Kinderspiels,München: Piper Verlag GmbH, S.50)

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2 Kommentare zu Spiel und Exploration

  1. Stefan Elies sagt:

    Vielen Dank für die schöne Beschreibung. Jetzt habe ich nach 2 Stunden Durchforstung eine Buchempfehlung gefunden, die meine Fragen zum Verhalten meines 16 Monate alten Sohnes beantworten kann. Er kommt uns etwas „zu“ neugierig vor und auf den Kontakt zu Vertrauensperson kann er „leider“ 🙂 auch mal eine Stunde lang verzichten. Keine Angest das Gelände ist gut gesichert und wir habe auch immer ein wachsames Auge und Ohr auf ihn.
    LG Stefan

  2. Die Neuigkeit – sehr netter Tippfehler, musste schmunzeln. Ich gehe davon aus, es ist die Neugier gemeint? 😉

    Ich übrigen ein sehr guter Beitrag, der viel wahres birgt – habe Flitners Buch nicht gelesen, aber der Artikel hat es mir gerade schmackhaft gemacht. Ich denke Exploartionsverhalten hat auch einfach viel damit zu tun, dass Kinder lernen, in ihrer späteren Umwelt neues und ungewöhnliches herauszufiltern – das kann Leben retten (bzw. hätte Leben retten können in der Steinzeit ) Alles was es in dieser Zeit kennelernt, gehört ja dann zu seinem „normalen“ Umfeld. Alles andere erscheint später zumindest kurz als neu und potenziell gefährlich.
    Oder wie seht ihr das?

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