Leinen los, auf zu neuen Abenteuern!

Das Bundeslager des Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) 2010 als Beispiel für ein Planspiel

Bula-LogoMit diesem Blogpost möchte ich eine besondere Art des Planspiels vorstellen. Häufig entwickeln wir bei Pfadfinderlagern ganze Spielideen, die sich dann über einen längeren Zeitraum erstrecken können. Hier kann man häufig erleben, wie vor allem jüngere Kinder vollständig in den Spielideen aufgehen und sich sehr stark mit ihr identifizieren. Dies birgt viel Potential zum Lernen. Ich möchte hier nun auf die Spielidee unseres letzten Bundeslagers eingehen.

Definition: Planspiel
Planspiele sind Rekonstruktionen von Realsituationen oder Antizipationen künftig möglicher Realsituationen in denen verschiedene Gruppen bei einem zu lösenden Konflikt ihre Interessen durchsetzen wollen.“ (Reinisch, 1980, S. 13f).

 

Lagertor

Lagertor

Das Bundeslager
Das Bundeslager ist ein Zusammentreffen aller Pfadfinder eines Bundes oder Verbandes. Im VCP findet das Bundeslager alle vier Jahre statt und hat meistens um die 5000 Teilnehmer, ca. 400 internationale Gäste und rund 300 ehrenamtliche Mitarbeiter. Im Jahr 2010 fand das letzte VCP-Bundeslager vom 29.07. bis zum 09.08. unter dem Motto „Leinen los – auf zu neuen Abenteuern“ in Almke bei Wolfsburg statt.

Das Bundeslager von oben

Das Bundeslager von oben

Die Spielidee zum Bundeslager
Das Forschungsschiff „Nesaja“ ist im See Lupusmaniero auf Grund gelaufen! Dieses Ereignis macht den Ratsherren der Städte auf den Inseln des Lupusmaniero klar, dass der Raubbau am See und an der Umwelt aufhören muss. Bisher hatte jede Stadt nur eine Sache produziert und damit ein Monopol geschaffen. Bis jetzt war es nie ein Problem gewesen, einfach zu einer anderen Insel zu fahren und dort Kleidung, technische Geräte, Kulturgüter, Nahrungsmittel – was auch immer gebraucht wurde – einzukaufen. Doch jetzt rächt sich die rücksichtslose Abholzung der Wälder am See, die massenhafte Entnahme von Wasser und das Ausbaggern von Fahrrinnen: Der See trocknet aus. Nun muss gespart werden, Überfluss und Verschwendung müssen eine Ende haben. Wie das Wasser des Lupusmaniero werden auch die Ressourcen immer knapper. Wissen ist das Einzige, was uns noch retten kann: das Wissen, wie man auch mit wenigen Ressourcen leben kann. Darum senden die Ratsherren der Hansestädte die jungen und tatkräftigen Bewohnerinnen und Bewohner ihrer Städte aus. Sie sollen in den Nachbarstädten neue Fähigkeiten erwerben, das neue Können zum Wohl ihrer Heimatstadt einsetzen und dabei am Ende selbst Meisterin und Meister werden. Am Ende der Spielidee werden die Handelsherren einsehen müssen, dass es keine einfachen Lösungen für die Probleme der Städte gibt. Eine Rückkehr zu ihrer alten egoistischen Lebensweise ist nicht mehr möglich. Jedoch hat sich gezeigt, dass sich in der Kooperation mit den anderen Städten viele Probleme zumindest lindern lassen. Auf diesem Weg wollen sie nun weiter voran gehen und bilden eine gemeinsame Regierung der Städte.

Die Ratsherren der Inselstädte

Die Ratsherren der Inselstädte

Hintergrund: Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen, wie sinnvoll es ist, von anderen zu lernen und mit ihnen zu kooperieren. Zu Beginn der Geschichte sind die Städte mit sich selbst zufrieden, haben ihr Monopol und besorgen sich, was sie brauchen, ohne darüber nachzudenken. Durch das Aussenden der Gesellinnen und Gesellen in die anderen Städte wird der Horizont erweitert. Dabei konkurrieren die Städte, aber im Vordergrund steht das Lernen voneinander.

Der Programmtresen zum Buchen von Workshops

Der Programmtresen zum Buchen von Workshops

Die Funktion der Spielidee
Die Funktion der Spielidee ist es, das Thema „Nachhaltigkeit“ den Kindern und Jugendlichen näher zu bringen. Die Hauptzielgruppe sind die Mitglieder der Pfadfinderstufe von 10-16 Jahren. Die Spielidee dient nur als Vehikel, um die Inhalte zu transportieren, die Inhalte nehmen die Kinder und Jugendlichen in den Workshops bzw. „Werkstätten“ der Teillager und der zentralen Bereiche mit. Der Spielmechanismus soll dafür sorgen, dass die Kinder und Jugendlichen dazu motiviert werden, möglichst viele „Werkstätten“ zu besuchen (maximal möglich sind 9 Werkstätten). Zu diesem Zweck müssen die Teilnehmer 1. eine ganz einfache Antwort auf die Frage erhalten, „Was habe ich davon, eine Werkstatt zu besuchen?“ und 2. werden die Teillagerleitungen durch ein Wettkampfsystem dazu motiviert, ihre Bewohner zum Werkstattbesuch zu bewegen. Außerdem erhöht der Wettkampf die Identifikation der Bewohner mit ihrem Teillager.

Lagerleben

Lagerleben

Die Inselstädte/Teillager
Die Teillager des Bundeslagers stellen die Inselstädte im See „Lupusmaniero“ dar. Wie bereits aus der Hintergrundgeschichte bekannt ist, hat sich jede Stadt auf bestimmte Fertigkeiten, bzw. ein bestimmtes Wissensgebiet spezialisiert. Nach dem ersten Programmtag verlassen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die „Heimatstadt“ und suchen die anderen Inselstädte auf, um die dort neue Fähigkeiten zu erwerben. Die erfahrenen „alten Hasen“ bleiben jedoch zu Hause und lehren die vorbeikommenden Gesellinnen und Gesellen die Kunst ihrer Stadt. Hier sind die Beschreibung der einzelnen Teillager verlinkt:
Mundologia (VCP Land Baden)
Port-Puree – Natürlich essen (VCP Land Bayern)
Das Stoffmeer – wir machen den Stoff, aus dem die Träume sind (VCP Land Hessen)
Der Freihafen (VCP Land Hamburg)
Neustadt (VCP Land Sachsen)
Alma Mater – Akademie der Phänomene (VCP Land Niedersachsen)
Fabula – hier leben Märchen! (VCP Land Westfalen)
Insel des Dionysos (VCP Land Rheinland-Pfalz/Saar)
„Golden Hinde“ – ein Schiff bewegt die Welt! (Ranger/Rover-Teillager)
Kinder-Reich (Familienlager – der Fachgruppe Erwachsene)

Das Hamburger Teillager 'Freihafen'

Das Hamburger Teillager 'Freihafen'

Die Spielmechanismen
Das Bundeslager funktioniert im Wesentlichen durch zwei große Spielmechanismen. Zum einen kann der einzelne Teilnehmer durch Teilnahme an Workshops in den Teillagern einen persönlichen Fortschritt erreichen. Am ersten Tag besucht der Teilnehmer „Lehrling“ eine WS im eigenen Teillager sowie eine zweite, die das Teillagerer-Erkennungszeichen (einen Schal in der Teillagerfarbe) produziert. Ab dem zweiten Tag besucht der Teilnehmer als „Geselle auf der Walz“ die anderen Teillager, um dort an Workshops teilzunehmen. Für jeden absolvierte Workshop erhält der TN eine Unterschrift des WS-Leiters in seinem Lagerheft sowie einen Knopf in der Teillager-Farbe des Workshops zum Annähen auf den Schal. Wenn der Teilnehmer sechs Werkstätten in fünf verschiedenen Teillagern (das eigene inklusive) absolviert hat, kann er seine Meisterprüfung ablegen (Vorlage von etwas besonders Schönem, das er in einer WS gebastelt hat, oder einer Erkenntnis die er in einer WS gewonnen hat), und erhält ein „Meisterbadge“. Zur Kontrolle wird das Lagerheft überprüft.

Das Gemeinsame soll in den Theaterelementen der Spielidee bei Eröffnung, Gottesdienst und Spielidee-Abschluss betont werden. Der eigentliche Spielmechanismus ist ein klarer und leicht nachvollziehbarer Wettkampf der Teillager. Die Teillager kämpfen darum, wer die fleißigsten Gesellen hat. Am Ende wird es zwei Ehrungen geben:

1. für das Teillager, dessen Bewohner die meisten Werkstätten absolviert haben (in
Relation zur Zahl der Bewohner des Teillagers)
2. für das Teillager, das die meisten Bewohner mit Meistertitel hervorgebracht hat
(wieder in Relation …).

An jedem Mittag und Abend eines Spieltages wird der zuständige „Ratsherr“ mit einer genügenden Zahl von Gehilfen in seinem Teillager die von den Teillager-Bewohnern an diesem Tage absolvierten „Werkstätten“ registrieren und Meisterprüfungen abnehmen. Mit dem Ergebnis begibt sich der Ratsherr in das Programmzentrum (die „Nesaja“, das gestrandete Schiff aus der Hintergrundgeschichte). Dort steht für jedes Teillager ein Fahnenmast mit einer Fahne in der Teillager-Farbe. An jedem Abend rückt die Teillager-Fahne entsprechend den absolvierten Werkstätten seiner Teilnehmer ein wenig höher, so dass das ganze Bundeslager an der Nesaja den Wettkampf der Teillager mitverfolgen kann. Das Ergebnis des letzten Tages wird erst auf der Bühne beim Spielidee-Abschluss verkündet, damit es bis zuletzt spannend bleibt.

Workshops

Workshops

Hier stellt sich mir die Frage, ob man so ein Lager noch als Planspiel bezeichnen kann oder ob es eher ein Rollenspiel ist oder doch eine Mischung aus beidem? Was meint ihr?

Weitere Informationen gibt es auf der Webseite des Bundeslagers: www.bundeslager.vcp.de


Christina D.

Über Christina D.

Ich studiere Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt ‚Kinder- und Jugendbildung/Sozialpädagogik‘ im 5. Semester an der Uni Hamburg. Mein Nebenfach ist Evangelische Theologie mit dem Schwerpunkt ‚Praktische Theologie‘. Ich bin gelernte Mediengestalterin und arbeite zur Zeit neben dem Studium in einem Hort.

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