Kannst du den Elefanten entdecken?

In der Tat: Kannst du den Elefanten entdecken?

Fragen dieser Art sind bekannt, es sind Klassiker des schulischen Alltags; der quizförmigen Freizeitgestaltung; der politischen Argumentation.
Irgendwo im Bild versteckt sich ein Elefant – Wo ist er?

Man kann die nahe liegende Bedeutung dieser Frage – ‘Wo ist der Elefant?’ erstens in eine andere Richtung verschieben, und aus der trivialen Aufgabe wird ein Einstieg in die Bildungsdiskussion: Kannst du den Elefanten entdecken?. Mit anderen Worten, bist du in der Lage, ausgebildet, kompetent genug, den Elefanten zu entdecken?

Zweitens kann diese erste Verschiebung noch einmal umgedeutet werden und wird dann zur Reflektion über Bildung: Kann man einen Elefanten überhaupt entdecken? Wenn ja, wer hat ihn dann dort im Bild versteckt? Und warum? Woher weisst du, wie ein Elefant aussieht?’.

Was passiert, wenn ein Mensch ein Großteil seines Lebens mit ‘klassischen’ Suchbildern aufwächst und dann mit untypischen, undifferenzierten oder willkürlich gestalteten Suchbildern konfrontiert wird?
Gregory Bateson berichtet vom Phänomen der Experimentalneurose, und obwohl sich bei den meisten Menschen in ähnlicher Situation eher Frustration einstellen wird, mag es doch gewisse Öhnlichkeiten geben

‚ÄûHierfür ist typisch, daß ein Tier entweder in einem Pawlowschen oder in einem instrumentellen Lernkontext trainiert wird, zwischen einem beliebigen X und Y zu unterscheiden; z.B. zwischen einer Ellipse und einem Kreis. Sobald diese Unterscheidung gelernt wurde, wird die Aufgabe erschwert: die Ellipse wird immer runder und der Kreis immer flacher gemacht. Schließlich wird eine Stufe erreicht, auf der eine Unterscheidung unmöglich ist. Auf dieser Stufe fängt das Tier an, Symptome ernsthafter Störung zu zeigen. Auffallend ist, (a) daß ein naives Tier, das eine Situation vorgeführt bekommt, in der irgendein X (auf irgendeiner planlosen Grundlage) entweder A oder B bedeuten kann, keine Störung zeigt; und (b), dass die Störung nicht in Abwesenheit der vielen Kontext-Markierungen auftritt, die für die Laboratoriumssituation charakteristisch sind.«
– Gregory Bateson (1985) “Ökologie des Geistes”, S.38

Wenn man als eine mögliche Bildungsperspektive das Hinterfragen solcher Suchbilder annimmt – anstelle der Frage “Kannst du den Elefanten entdecken?” setze man z.B. “Sind unsere Kinder medienkompetent?” – , dann eröffnet sich das Problem: Wie gestaltet man Suchbilder so, dass ihre kulturell und individuell verinnerlichte Suchbild-haftigkeit sichtbar wird – und dass sich anstelle von Frustration über ein vielleicht nicht funktionierendes Suchbild Verblüffung, Verwunderung und Freude an übergeordneter Erkenntnis einstellt?

“Things that look like things that try to look like things often do look more like things than things. Well-known fact.”
— Esme Weatherwax in Terry Pratchett (1988) “Wyrd Sisters”

Weitere Stichworte: Reality is unrealistic, Romantische Ironie

Literaturtipp: Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und
epistemologische Perspektiven. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1985


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