Beeinflusst der Konsum von elektronischen Medien die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen auf negative Weise?
In dem Seminar „Grundlagen, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft- Medien als Forschungsfeld der Erziehungswissenschaft“ beschäftigten wir uns mit verschiedenen Themen aus dem komplexen Bereich der Erziehungswissenschaft. Neben der Frage, was Wissenschaft überhaupt bedeutet, betrachteten wir die Rolle und Funktion von Lehrenden und Lernenden näher oder diskutierten über den Begriff der Sozialisation und die damit verbundenen Sozialisationstheorien von Marotzki. Von großer Bedeutung war außerdem der Begriff des Mediums und der Medien, und damit verbunden die Thematik um Sozialisationseffekte der Medien.
In meinem Essay möchte ich näher auf die Auswirkungen der Medien eingehen und herausfinden, ob diese wirklich für bestimmte negative Entwicklungen verantwortlich gemacht werden können. Dabei möchte ich den elektronischen Medien, wie zum Beispiel dem Fernsehen und Computer besondere Aufmerksamkeit schenken, da diese aus unserem Alltag kaum wegzudenken sind und somit einen immer größeren Einfluss auf die Heranwachsenden haben. Doch hat dieser viel diskutierte und meist negativ bewertete Einfluss der elektronischen Medien wirklich mehr schlechte als positive Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen? Um diese Frage in meinem Essay ausführlich zu beantworten, sollte als Erstes der Begriff der Sozialisation geklärt werden.
Der Begriff der Sozialisation geht auf den französischen Pädagogen und Soziologen Emile Dürkheim (1859-1917) zurück, welcher damit „den Vorgang der Vergesellschaftung des Menschen fasste, also jenen komplexen Vorgang, innerhalb dessen menschliche Persönlichkeit und gesellschaftliche Bedingungen sich wechselseitig beeinflussen“ (Marotzki, Krüger 2009, S.127). Das Ziel der Sozialisation sei es, den Menschen in die Gesellschaft zu integrieren. Es gibt jedoch noch eine modernere Definition von Sozialisation, in der es heißt, dass Sozialisation „[...]den Prozeß der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt“ (Marotzki, Krüger 2009, S.127) bezeichne.
In dem Buch „Medien im 21. Jahrhundert: Theorie – Technologie – Markt“ schreibt einer der Autoren, Jochen Hörisch, über die Nutzung von elektronischen Medien in den 1950er Jahren. In der Wohnung seiner Familie gehörte zu der „medialen Standardausrüstung“ (Hörisch, 2008, S.51) lediglich ein Telefon, ein Plattenspieler und ein Radiogerät (vgl. Hörisch, 2008, S.51). Das hat sich über die Jahre allerdings drastisch verändert und ist im Jahr 2012 für viele Menschen undenkbar. Heutzutage kommen vor allem Kinder und Jugendliche immer früher mit elektronischen Medien in Kontakt. Ob es sich nun um das Kino, das Fernsehen, um Computerspiele oder die Internetnutzung handelt: die durch diese Medien transportierten Inhalte oder sogar die Medien selbst werden für bestimmte Sozialisationseffekte verantwortlich gemacht. Meist handelt es sich dabei um die Wirkung von Werbung oder Gewaltdarstellungen, die überraschenderweise auch auf Kindersendern gezeigt werden. Fachleute vermuten, dass die viele Gewalt in den Medien die Sichtweise der Kinder insgesamt verändert. Gewalt wird dann vielmehr als etwas Alltägliches betrachtet. „Gerade bei Kindern, die sehr viel Medien mit Gewaltthemen nutzen, ist nicht auszuschließen, dass sie gegen Gewalt abstumpfen oder diese auch im Alltag nachspielen” (www.bpb.de).
Bei der Mediensozialisation von Kindern muss beachtet werden, welchen familiären Hintergrund die Kinder haben, denn die Mediennutzung sozial benachteiligter Kinder steht im deutlichen Zusammenhang mit ihrer sozialen Herkunft. In einem Internetartikel der Bundeszentrale für politische Bildung heißt es, dass die Sozialisation von Kindern aus sozial benachteiligten Milieus in großem Maße durch die Medien erfolge (vgl.www.bpb.de). „Sie wird nur wenig durch andere Sozialisationsinstanzen moderiert” (www.bpb.de). Das läge vor allem daran, dass die kostengünstigste Freizeitbeschäftigung das Fernsehen sei. So handele es sich beim Fernsehen um eine „[...] kostengünstige Ersatzbeschäftigung für teure oder gar unerschwingliche Hobbys [...], wie beispielsweise Tennisspielen oder Reiten” (www.bpb.de). Dagegen würden Kinder aus Familien mit einem höheren sozialen Status elektronische Medien, wie beispielsweise das Fernsehen, viel gemäßigter nutzen, da der Großteil der Eltern die Mediennutzung ihrer Kinder in viel größerem Maße kontrolliere (vgl. www.bpb.de). So wählen sie beispielsweise gemeinsam mit ihren Kindern das Fernsehprogramm aus oder setzten strengere Regeln auf.
Es lässt sich sagen, dass Medien eine sehr wichtige Rolle für Kinder einnehmen, besonders in prägenden Übergangsphasen vom Kindergarten- zum Grundschulalter oder beim Übergang in die Schule „[...] sie werden- neben Kindergarten und Schule- von den Kindern selbst als Orientierungsgeber und zentrale Informations- und Wissensquelle nachgefragt” (www.bpb.de). Das ist aber mehr als gefährlich, da das Fernsehen (auch auf Kindersendern) oft fehlerhafte Informationen sendet, die mit der Realität nichts zu tun haben. Das führt dazu, dass Fernsehrealität zur eigentlichen Realität wird. Was für Konsequenzen die elektronischen Medien jedoch auf die (Persönlichkeits)Entwicklung der Kinder im Rahmen ihrer Sozialisation haben könne, hänge deutlich von den jeweiligen Familienkonstellationen ab (intakte Familie versus alleinerziehender Elternteil, Armutsgefährdung und Bildung etc.) (vgl. www.bpb.de).
In einem Artikel der Gesellschaft für Pädagogik und Information von Dr. Lambros Kaikitis heißt es, dass Kinder bei mehrstündigem Fernsehkonsum die Gelegenheit verpassen, sich mit anderen Tätigkeiten zu beschäftigen, welche langfristig für ihre Persönlichkeitsentwicklung überaus wichtig sein können (vgl. www.gpi-online.de). Zu diesen wichtigen Tätigkeiten zählt beispielsweise das Spielen mit anderen Kindern. Forschungen haben darüber hinaus nachgewiesen, dass der Dauerkonsum von Fernsehen das Verhalten, die Werte und die Taten eines Kindes beeinflusse (vgl. www.gpi-online.de). In dem Internetartikel weist der Autor, Dr. Kaikitis, auf ein großes Forschungsprojekt hin, welches die UNESCO und die Universität Utrecht im Jahre 1997 in Ländern wie beispielsweise Kanada, Brasilien, Kroatien und Deutschland durchgeführt haben. Dieses zeigte die Auswirkungen von übermäßigem Fernsehkonsum auf, denn Fernsehen erzeugt nicht nur Gewalt, sondern führt auch:
• zu zunehmender Ängstlichkeit
• zur Sprachverarmung
• zum Rückgang der Lesekompetenz
• zu Leseunlust
• zum Mangel an politischer Beteiligungsbereitschaft (www.gpi-online.de).
Eine weitere Studie zeigte auf, dass Gewalt im Fernsehen besonders für Kinder unter 8 Jahren schädlich sei, „[...]denn sie sind nicht in der Lage, Phantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden“ (www.gpi-online.de). Das Fernsehen zeigt zudem häufig nicht die Resultate der Gewalttätigkeit, wie beispielsweise in der Zeichentricksendung „Tom und Jerry“. Die Kinder könnten deshalb denken, dass es keine oder lediglich harmlose Konsequenzen für gewalttätiges Handeln gibt. In der Studie wurde außerdem herausgefunden, dass Gewalt im Fernsehen zur:
• Zunahme der Aggressivität und des antisozialen Verhaltens
• Zunahme der Angst, selbst ein Gewaltopfer zu werden
• Entsensibilisierung für die Gewaltopfer
• Zunahme des Gewaltwunsches im realen Leben
führt (www.gpi-online.de).
Auch der Autor Dieter Stolte äußerte sich in seinem Aufsatz „Gefahren und Chancen der bevorstehenden Medienrevolution“ äußerst kritisch über die verwendete Sprache im Fernsehen, welche sich immer weiter von vollständigen Sätzen entfernt. Das sei nach Stolte besonders in Nachrichtensendungen der Fall. Somit werden „Lange Sendungen, langsame Bildfolgen, lange Sätze […] als langweilig empfunden oder nicht mehr verstanden […] (Stolte, 2008, S. 63). Das ist besonders für die Sprachentwicklung von Kindern schädlich.
Es gibt jedoch nicht nur negative Auswirkungen der elektronischen Medien, wie der Text von Stefan Aufenanger zeigt. In diesem Text stellt er verschiedene Ansätze zur Mediensozialisation unter der Perspektive des Verhältnisses von Subjekt und Medien vor. Im dritten und wichtigsten Ansatz geht es darum, dass sich Menschen mit bestimmten Charakteren des Fernsehens oder Internets identifizieren. „Der Einfluss von Medien wird in diesem Sinne auch positiv etwa zum Identitätsaufbau (z.B. beim Chatten) oder zur Lebensbewältigung (z.B. beim Fernsehen) gesehen“ (Aufenanger, 2008, S.88). Es werden also Aufnahmeprozesse und der thematische Gehalt von Medien miteinander in Beziehung gebracht. Der dritte Ansatz passe nach Aufenanger am besten zu der neueren Sichtweise von Sozialisation, nämlich dass Sozialisation „den Prozeß der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt“ (Marotzki, Krüger 2009, S.127) bezeichne. Mediensozialisation ließe sich also als Prozess verstehen, in dem sich ein Mensch aktiv mit seiner mediengeprägten Umwelt auseinandersetzt. Die Menschen müssten sich mit der Zeit „Medienkompetenz“ (Aufenanger, 2008, S. 88) aneignen. Als Medienkompetenz wird die Fähigkeit zur aktiven selbstbestimmten und sozial- verantwortlichen Auseinandersetzung mit Medien bezeichnet (vgl. Aufenanger, 2008, S.88). Wie sollen Kinder aber lernen, sich Medienkompetenz und somit einen selbstbestimmten und verantwortlichen Umgang mit Medien anzueignen?
Dazu brauchen sie die Hilfe und Orientierung von Erwachsenen, die den Medienkonsum ihrer Kinder kontrollieren und sich mit diesem auseinandersetzten. Außerdem dienen Erwachsene als Vorbilder. „Wenn wir selbst kaum auf eine Fernsehsendung verzichten können, können wir dies auch nicht glaubwürdig von unseren Kindern verlangen” (www.bpb.de). Wer dagegen auch mal auf das Fernsehen verzichten kann, weil beispielsweise das gemeinsame Mittagessen noch nicht beendet ist, der kann das Gleiche auch von seinen Kindern verlangen. Dazu müssen Eltern aber lernen, auch mal „Nein” zu sagen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die elektronischen Medien in der heutigen Zeit definitiv zum Alltag der Kinder dazugehören und viele nützliche Eigenschaften mit sich bringen. Es lässt sich jedoch nicht pauschal sagen, ob diese Medien nun die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen negativ beeinflussen. Um diese Frage zu beantworten, muss die familiäre Gesamtsituation und der Alltag eines Kindes genauer untersucht werden (die Lebensbedingungen und -Konstellationen sowie die Lebensführung der Familien). Außerdem muss geprüft werden, ob die genutzten Medien schädliche Inhalte wie Gewalt oder Werbung enthalten. Äußerst wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche von ihren Eltern oder anderen Betreuungspersonen Medienkompetenz, also einen verantwortungsvollen Umgang mit den elektronischen Medien, erlernen. Dazu gehört beispielsweise, dass den Kindern klare Regeln und Fernseh- oder PC Zeiten vorgegeben werden.
In der Forschung wird zudem kritisiert, dass der lebenslange Prozess der Mediensozialisation noch zu wenig erforscht ist und es an Längsschnittstudien fehlt, welche den Prozesscharakter der Mediensozialisation berücksichtigen und somit wichtiger Bestandteil der Medienforschung sind.
Literatur- und Quellenverzeichnis:
Aufenanger, S. (2008). Mediensozialisation. In: Sander, U., Gross, von F., & Hugger, K. – U. Handbuch Medienpädagogik. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwissenschaften. S. 87-92.
Hörisch, Jochen (2008). Talking about my Generation. Mediensozialisation im Zeitalter von Cyberspace und Digitalisierung. In: Siebenhaar, Klaus/ Elitz, Ernst (Hrsg.). Medien im 21. Jahrhundert. Theorie-Technologie- Markt, Berlin: LIT Verlag. S. 51-61.
Marotzki, W., & Krüger, H- H. (2009). Einführung in die Erziehungswissenschaft. Einführungstexte Erziehungswissenschaft/ hrsg. von Heinz- Hermann Krüger, Bd.1. Stuttgart: Budrich.
Stolte, Dieter (2008). Gefahren und Chancen der bevorstehenden Medienrevolution. In: Siebenhaar, Klaus/ Elitz, Ernst (Hrsg.). Medien im 21. Jahrhundert. Theorie- Technologie- Markt, Berlin: LIT Verlag. S. 51-61.
www.bpb.de. Wie wirkt medial dargestellte Gewalt? Stand: 22.11.2005. URL:http://www.bpb.de/lernen/unterrichten/medienpaedagogik/71044/gewalt, (letzter Abruf am 03.09.2012).
www.bpb.de. Mediensozialisation von Kindern aus sozial benachteiligten Familien.Stand: 01.04.2009. URL: http://www.bpb.de/apuz/32044/mediensozialisation-von-kindern-aus-sozial-benachteiligten-familien, (letzter Abruf am 03.09.2012).
www.bpb.de. Orientierung in der Medienwelt: Kinder und Eltern lernen voneinander. Stand: 22.11.2005. URL: http://www.bpb.de/lernen/unterrichten/medienpaedagogik/71032/orientierung-in-der-medienwelt, (letzter Abruf am 03.09.2012).
www.gpi-online.de. Dr. Kaikitis, Lambros.Der Einfluss des Fernsehens auf die Jugendlichen. Stand: 10.09.2004.URL: http://www.gpi-online.de/upload/PDFs/EU-Media/_Kaikitis1-Einfluss_des_Fernsehens-10-09-04.pdf, (letzter Abruf am 03.09.2012).

