Marotzki, W. & Krüger, H. – H. (2009). Einführung in die Erziehungswissenschaft. Einführungstexte Erziehungswissenschaft/ hrsg. von Heinz- Hermann Krüger, Bd. 1. Stuttgart: Budrich.
In dem Kapitel “Lernen” stellt Marotzki drei verschiedene Theorie- und Konzeptgruppen zum Thema Lernen vor. Zu Beginn richtet er seinen Blick auf “klassische verhaltenstheoretisch ausgerichtete Theorien und Modelle.” Dazu zähle der sogenannte Behaviorismus, der beispielsweise mit Person- Umweltmodellen arbeite. Hier werde das Lernen als eine Art Mechanik von “stimulus” und “response” (Reiz und Reaktion) angesehen, wie zum Beispiel im Hunde Experiment von Pawlow. Das erwünschte Verhalten solle hier bestätigt und bekräftigt, unerwünschtes Verhalten abgeschwächt werden (vgl. Marotzki, 2009, S. 146).
Aus dieser Perspektive seien weder genetische Einflüsse, noch Reifungsprozesse entscheidend. Vielmehr müsse gelernt bzw. trainiert werden. Positives Verhalten könne daher erlernt werden. Bestimmte Verhaltensmuster werden also aufgebaut, die dann quasi routinehaft abgerufen werden können. Es gäbe jedoch auch klare Grenzen und Einschränkungen dieser Ansätze, wie zum Beispiel der mechanische Charakter, der menschliches Lernen in die Nähe von Abrichtungssituationen bringe (vgl. Marotzki, 2009, S. 147). Daher könne der behavioristische Ansatz allenfalls in sehr speziellen Ausschnitten menschlichen Lernens Erklärungserfolge erzielen.
Als nächstes widmet sich Marotzki den “konstruktivistisch ausgerichteten Lerntheorien und Modellen.” In der Theorie des pragmatischen Konstruktivismus werde die Handlung selbst in den Vordergrund der Betrachtung gestellt. Zusätzlich gehe man statt eines Handlungsbogens von einem Handlungskreis aus. Es könne zwischen geschlossenen und unterbrochenen Handlungskreisen ausgegangen werden, in denen es bewusste Reize und Reaktionen gäbe, so Marotzki. Einer bestimmten Handlung sei also kein Reiz vorgegeben, sondern die Handlung bestehe dort, wo sie unterbrochen wurde, aus der Suche nach neuen Reizen. “Diese Suche nach neuen Reizen, die neue Handlungsmöglichkeiten erschließen, stellt letztendlich einen Konstruktionsprozess dar.” (Marotzki, 2009, S. 148). In diesem Konstruktionsprozess würden die Menschen lernen.
Es gäbe jedoch noch radikalere Ansätze, die davon ausgehen, dass Lebewesen ihre Grenze selbst bestimmen “…sie konstituieren sich als verschieden vom umliegenden Milieu (Umgebung).” (Marotzki, 2009, S.149). Solch ein Milieu löse eine Art Dynamik aus und sei eine Quelle von Störungen. Diese Beobachtung finde man zum Beispiel in der Stressforschung. Eine Situation, die für einen Menschen Stress bedeute, müsse für einen anderen noch lange nicht stressend sein. Lernen sei eine Art Selbststeuerungsprozess, welcher jedoch erst einmal erlernt werden müsse. Zudem müsse eine Selbstwirksamkeit entwickelt werden, also ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Als letztes widmet sich Marotzki den “Situations, – lebenslauf- und biographieorientierten Theorien und Modellen.” Hier stehen kollektive Lernmilieus und Lebenszusammenhänge des einzelnen Menschen im Vordergrund. Das Lernen neuer “Situationsbewältigungsformen” (Marotzki, 2009, S. 151) schreite nicht gleichmäßig oder beliebig voran, sondern in Stufen, welche in einer bestimmten Logik aufeinander folgen und weiterreichende Verhaltensmöglichkeiten eröffnen. Außerdem kommen beim biographischen Lernen noch der Erwerb von Erfahren und die Herstellung eines Sinnzusammenhanges hinzu.