Der Filmwissenschaftler Johannes Binotto hat einen ganz wunderbaren Essay zur Filmbildung geschrieben, in dem er sich unter anderem auf mein Konzept einer Ästhetischen Filmbildung (2012)  und der darin entwickelnden spurenlesenden Haltung gegenüber Film bezieht:

»Filmbildung müsste betonen, nicht wie ähnlich, sondern wie eigenartig Kino im Vergleich mit anderen Medien erzählt. (…) Lernen, bei Filmen genau hinzusehen, würde einem vielmehr zeigen, was sich alles in den Bildern an Rätselhaftem versteckt und möglicherweise im Widerspruch steht zu dem, was angeblich erzählt werden soll. In ähnlicher Weise plädiert auch der Medien- und Erziehungswissenschaftler Manuel Zahn in seinem Buch «Ästhetische Filmbildung» für einen Umgang mit Filmen, der mehr einem neugierigen Spuren lesen als dem falschen Ideal eines restlosen Ausdeutens verpflichtet ist. Gewiss, Filme wollen verstanden und die von ihnen ausgelegten Fährten sollen nachgezeichnet werden – doch nicht um sie damit gleichsam zu erledigen und abzuhaken, sondern um die Filme aufzuschliessen und um aufzuzeigen, was alles an ungeklärten Fragen nach wie vor zur Diskussion anstachelt. In seinen abweichenden Bewegungen eignet dem Film immer etwas an, das sich dem restlosen Verständnis entzieht, das uns aber umso mehr affiziert, uns packt und uns weiter dazu antreibt, unsere Wahrnehmung noch mehr zu schärfen, unsere Spurenlese noch weiter zu verlängern.«

Voraussetzungen dafür sind eine aufmerksame, konzentrierte (und nicht selten auch wiederholte) Betrachtung des Films, die seinen abweichenden, audiovisuellen Bewegungsbildern folgt und die Betrachter Film so vielmehr als Ereignis erfahren, als etwas dass kontrolliert und beherrscht werden kann. Das Kino, lange Zeit der bevorzugte Aufführungs- und Rezeptionsort des Films, ist so konzipiert, eine Filmerfahrung im oben genannten Sinne zu ermöglichen und zu fördern, so Binotto in Bezug auf Gass (2017):

»Das Kino, schreibt Gass, war nicht zuletzt darum bedeutsam, weil es schon ob seiner Einrichtung zu einer fremden Wahrnehmung zwingt: Im Kino kann man als Zuschauer den Film nicht anhalten, und die Dunkelheit des Saals lässt uns kaum eine andere Wahl, als das anzuschauen, was auf die Leinwand projiziert wird. Wir sind einer Erfahrung ausgesetzt, die wir nur in geringem Mass bestimmen können, der wir uns vielmehr überlassen, in sie eintauchen, um uns, für die begrenzte Dauer eines Films, in ihr zu verlieren.«

Die Wahrnehmungen von Filmen, der Filmkonsum auf einem Tablet oder Laptop, so Binotto weiter, habe demgegenüber »etwas merkwürdig Gezähmtes. Wo im Kino der Film mein ganzes Gesichtsfeld einnimmt, findet er auf dem Computerscreen bloss als ein Fenster unter anderen statt. Auch wenn ich in den Vollbildmodus wechsle, hab ich damit die Umgebung um mich herum trotzdem noch nicht ausgeschaltet. Während das Kino mich zur Fokussierung gezwungen hat, schenke ich dem Film auf meinem Display meine Aufmerksamkeit immer nur zum Teil. Die Unsitte, während man einen Film schaut, nebenher noch etwas anderes zu machen, wird von unseren Geräten nicht nur begünstigt, sondern ist eigentlich deren Standardeinstellung, etwa wenn beim Eingehen einer Mail sich eine Info-Anzeige vor das Filmfenster schiebt. Und statt dass wir den Bewegungen des Films folgen müssen, passen wir den Film unserem Willen an: Bereits ein Knopfdruck genügt, und der Film stoppt. Wo er mir zu lang zu gehen scheint, spule ich vor. Das ist praktisch und fatal zugleich. Die erleichterte Handhabung ist gerade das, was die Möglichkeiten des Films als Wahrnehmungsexperiment zu unterhöhlen droht.«

Lars Henrik Gass beschreibt das als eine Art der »Gamification« des Filmbildes: »Der Film wird zum Game. Game ist die Konsequenz des bewegten Bildes nach Kino und Fernsehen: ein narzisstisches, weil manipulierbares Bild (das gleichwohl manipulativ sein kann).«

Zuletzt fragt der Essay danach wie zukünftige Filmbildung aussehen sollte, was sie leisten müsste:

»Filmbildung hiesse demnach nicht zuletzt, den Filmen wieder zu erlauben, dass sie sich ihre Zeit nehmen. Diesbezüglich war das Dispositiv des Kinos eine Konzentrationshilfe. Wenn diese fehlt, wird man sich Alternativen überlegen müssen, wie man es schafft, die Geräte um einen herum auszuschalten und sich selbst ganz auf den Film einzustellen. Für die Pädagogen hiesse es, sich mit ihrer Klasse nicht nur an einen Film heranzutrauen, sondern auch bei diesem zu bleiben und sich die Zeit zu nehmen, ihn mehrmals anzuschauen – nicht um etwas einzupauken, sondern um Vielfältigkeit zu zeigen.«

Der Essay wurde in der Septemberausgabe der Schweizer Filmzeitschrift Filmbulletin publiziert, die ich jedem Filminteressierten empfehlen kann. Den Essay als PDF-Download finden sie hier (mit bestem Dank an Johannes Binotto!).

PS: Wer sich über die aktuelle Situation des Kinos in Deutschland informieren will, dem sei auch der wunderbare Dokumentarfilm 66 Kinos von Philipp Hartmann (D 2016) empfohlen. Der Filmemacher hatte seinen vorherigen Essayfilm Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe zwischen Herbst 2014 und Sommer 2015 in insgesamt 66 deutschen Programm- und Kommunalen Kinos vorgestellt. Dabei hat er sich mit Kinomachern unterhalten und daraus entstanden ist ein vielstimmiger Film, der klug über das Kino und Digitalisierung, das zukünftige sowie über das scheinbar vergangene Kino, an dem es noch ein Ort der Filmsozialisation war, nachdenkt.

Literatur
Johannes Binotto: Wahrnehmung auf Abwegen. Wie der Film bildet, in: Filmbulletin, Nr. 6 (September 2017), S. 6-17.
Lars Henrik Gass: Film und Kunst nach dem Kino. Köln, StrzeleckiBooks 2017.
Manuel Zahn: Ästhetische Film-Bildung. Studien zur Medialität und Materialität filmischer Bildungsprozesse (Theorie bilden). Bielefeld: Transcript 2012.

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