Ich möchte auf zwei sehr interessante Tagungen im November diesen Jahres hinweisen. Die erste findet in Zürich statt, die zweite in Hamburg.

1. Medienbildung im Spannungsfeld medienpädagogischer Leitbegriffe
Die diesjährige Herbsttagung der DGfE-Sektion Medienpädagogik findet am 4. und 5. November 2010 an der PH Zürich statt. Organisiert wird sie von Prof. Dr. Heinz Moser unter Mitwirkung des Fachbereichs Medienpädagogik der PH Zürich (Prof. Dr. Thomas Merz).

“Das Tagungsthema nimmt darauf Bezug, dass sich in letzter Zeit um den Schlüsselbegriff der Medienbildung eine breite Diskussion entwickelt hat, welche den Stellenwert dieses Begriffs im medienpädagogischen Diskurs unterschiedlich beurteilt. kontrovers diskutiert. Aus diesem Anlass soll es an der Tagung darum gehen, zentrale Begriffe von Medienpädagogik/ Medienbildung zu schärfen. Dementsprechend soll im Ablauf der Tagung vermehrt die Möglichkeit zu Diskussionen bestehen. Neben eingeladenen Referentinnen und Referenten soll auch weiteren Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Überlegungen vorzutragen.
An der Tagung stehen u.a. Fragen im Zentrum wie:

  • Wie stehen die Leitbegriffe der Medienkompetenz, Medienerziehung und Medienbildung zueinander?
  • In welchem Verhältnis zu den beiden genannten Begriffen steht das im anglo-amerikanischen Raum favorisierte Konzept der «Media literacy»?
  • Wie weit ist es sinnvoll den Bildungsbegriff der erziehungswissenschaftlichen Tradition in die medienpädagogische Diskussion aufzunehmen?
  • Welche Bedeutung hat der Begriff der Medienbildung in den verschiedenen – schulischen und ausserschulischen – medienpädagogischen Feldern?
  • In welchem Verhältnis stehen Medienbildung und Medienerziehung zueinander?
  • Wie ist das Verhältnis von Medienbildung und Mediendidaktik zu konzipieren? [...]
  • Lesen sie hier das gesamte Programm der Tagung!

    2. Bilderverbot

    Die Tagung »Bilderverbot« findet am 19. und 20. November 2010 in der Universität Hamburg (Rm 206, VMP8) statt. Es lädt ein Karl-Josef Pazzini, [FuL] in Kooperation mit der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie, Bewegungswissenschaft, der Akademie der Weltreligionen und dem Jüdischen Salon am Grindel e.V.

    Auszug aus der Ankündigung:

    “Du sollst Dir kein Bildnis machen! – Das »Bilderverbot« ist merkwürdig. Das Gebot war zu hören, wurde auf Gesetztafeln geschrieben, kann vorgelesen und wieder gehört werden. Dieser Text aus der Bibel und seine dortige Umgebung evozieren immer wieder Bilder, auch und gerade von diesem Gott, der eigentlich nicht einmal dort geschrieben steht. Moses wird lediglich gestattet, einen Blick auf den Rücken Gottes zu werfen. Von den Effekten von Gottes Handeln drängten sich Bilder auf.
    Das Bilderverbot führt nicht zur Ausschaltung von Bildern. Wahrscheinlich ist das so, weil das Verbot nur die Unmöglichkeit eines Bildes verbirgt. Es sind offenbar keine Bilder möglich, die das Abgebildete beherrschbar machen. Das Bilderverbot spricht davon, dass etwas der Symbolisierung entweicht. Es bleibt etwas jenseits.

    Eine andere Version wäre: Du sollst Dir kein Abbild machen!
    Es solle kein Gebilde geschaffen werden, das den Eindruck erwecken könnte, dass etwas, das man in der Vorstellung oder auch „außen“ sehen und fühlen kann, repräsentiert werden und man diese (auch symbolische) Verdinglichung besitzen könne. [...]“

    Lesen Sie hier das vollständige und höchst interessante Programm der Tagung (als pdf-Flyer)!


    Dots from Norman McLaren on youtube.


    Sonar from Renaud Hallée on Vimeo.


    Dropp from parkink on youtube.

    Was bringt uns zum Sprechen über Film?¬†Ed Howard, amerikanischer Film-Blogger, verweist am Beispiel von David Lynchs Mullholland Drive¬†auf die Östhetik, die spezifische Bildlichkeit des Films, die uns die Augen aufschlagen lässt und die Macht besitzt, uns die Welt anders sehen zu lassen, ohne das wir genau benennen könnten, wie sie das tue:¬†

    “David Lynch is a filmmaker who has haunted my mind since the first moment I saw one of his films. This is especially true of¬†Mulholland Dr.¬†I vividly remember my confused, stunned reactions the first time I saw this film. It was in the afternoon, and when I stumbled outside afterward, into bright daylight, everything looked strange, somehow subtly changed. I’d spent over two hours in Lynch’s world, and in the time I’d been lost there it was as though the real world had been infected with Lynch’s unsettling aesthetic. It was a unique experience. I can’t remember another film that shook me up and destabilized me so thoroughly, and I’ve returned to it, and to Lynch’s work in general, compulsively ever since.”

    Lynchs Filmbilder haben etwas mit ihm gemacht, seinen Blick auf die Welt, seinen Bezug zu ihr und damit auch zu sich selbst verändert – bemerkt er nachträglich. Während der Film-Erfahrung von Mulholland Drive ist er auf unmerkliche Weise ein Anderer geworden. Man könnte auch, etwas radikaler, sagen: er wurde subjektiviert, wurde im Blick des Films einem anderen System von Wahrheit/Schönheit/Gewissheit unterworfen. Das Bemerken der Differenz von vorher und nachher entdeckt in der Film-Erfahrung ein Moment von Verführung.¬†

    Dieses angesprochene Moment der Verführung zeigt auf das Suggestive jeder¬†mediatisierten Erfahrung. Das Suggestive¬†ist das, was uns beim Betrachten von Filmen weinen läßt, mitleiden läßt,¬†was unsere Stimmung hebt oder uns in Spannungszustände versetzt. Es hat¬†uns erreicht, bevor wir es wahrnehmen.¬†In dieser Perspektive¬†werden Medien und deren Bilder zu¬†Bildnern der Ich-Funktion. Sie grundieren, strukturieren und formieren den ästhetischen Erfahrungsprozess¬†eines eher passiven, antwortenden Subjekts.
    Filme, wie beispielsweise Mulholland Drive können den Zuschauer einer Situation aussetzen, in der er sich im Bezug¬†auf das Andere seiner selbst, die Medialität seiner Erfahrungsordnungen¬†und Seinsweisen, erfahren kann.¬†Diese Filme produzieren Bilder, die das¬†zuschauende Ich an den Stellen anblicken, wo es¬†montiert,¬†also nicht identisch ist. Sie bringen Bilder hervor, an denen die Identität¬†des Zuschauers als Effekt medialer, symbolisch-imaginärer Identifikationen thematisierbar¬†wird.

    Der suggestiven Destabilisierung scheinbar gefestigter Welt- und Selbstverhältnisse, wie sie Ed Howard zuvor beschreibt, geht er selbst nach und kommt auf “zwanghafte” Weise immer wieder zurück Lynchs Filmen. Möglicherweise auch um die Bilder, die seinen “Kopf”, sein Denken wie Geister immer und immer wieder¬†heimsuchen, zu beruhigen, sie vorerst begrifflich in Ketten zu legen.

    Dieses Bemühen führt zu äußerst lesenswerten Ergebnissen, wie jüngst das Gespräch mit¬†Jason Bellamy, das unter dem Titel The Conversations: Mulholland Dr. auf dem Filmblog The House next Door veröffentlicht wurde.

    Am 28.11.08 veröffentlichte die taz ein Gespräch zwischen David Denk und Christian Petzold “über das Fernsehen im Vergleich zum Kino, Filmerziehung, den eigenen TV-Konsum und die aktuelle Qualitätsdebatte”.¬†Die Gedanken zur spezifischen Medialität des Fernsehens und des Kinos sind zwar nicht neu, aber so lesenwert, dass es das Interview an dieser Stelle vollständig zu lesen gibt:¬†

    taz: Herr Petzold, am Freitag läuft Ihr Film “Gespenster” zum ersten Mal im Fernsehen. Was bedeutet Ihnen das?

    Christian Petzold:¬†Ich finde, es gehört zum Reichtum des Fernsehens dazu, dass auch mal ein Film wie meiner da läuft. Das ist selten genug der Fall. Wer wie ich aus einer westdeutschen Kleinstadt ohne Kino stammt, hat das Kino vor allem durch das Fernsehen kennen gelernt und wahrgenommen – etwa durch die Filmreihen “Die schwarze Serie” oder “Das Europa der weißen Telefone” über das Melodram. Doch die Verslottung des öffentlich-rechtlichen Programms – also das starre Sendeschema am Abend – hat dazu geführt, dass das Kino dort keinen Ort mehr findet. Das Privatfernsehen hat diese Slots zwar nicht, spielt aber sowieso nur die Filme, die man auch bei Schlecker an der Kasse kaufen kann.

    Was haben Sie gegen Blockbuster?

    Nichts. Nur wird durch die einseitige Filmauswahl das Kinoverständnis verengt: Das Kino ist eben nicht nur Abspielstation für Kassenschlager, sondern der Ort, an dem das Gemeinwesen, in dem wir uns bewegen, durchleuchtet und bearbeitet, durchsucht und hinterfragt wird.

    Ist “Gespenster” im Fernsehen genauso gut wie im Kino?

    Ich glaube, dass die Umgebung, in der man einen Film sieht, genauso wichtig ist wie der Film selbst. Wenn ein Film flankiert ist von den “Tagesthemen” und dem “Nachtjournal”, ist das ein anderer Film, als wenn der Abend mit einer Busfahrt zum Kino beginnt und mit einem Getränk in einer Bar endet… Read the rest of this entry »

    Ekkehard Knörer beschreibt Red Road als “Exzess der Sichtbarkeit”, der die persönliche Betroffenheit der professionellen Beobachterin Jacki für den Betrachter über lange Zeit im Unklaren lässt.

    Knörer schreibt weiter:¬†”Die Ausgangsszenarien von Red Road bestechen in ihrer Dialektik: Die Kontrolle und der Kontrollverlust, der objektive und der traumatisierte Blick, die Distanz und die Nähe. Wie aber das Drehbuch die Verhältnisse zueinander in Beziehung setzt und auf eine letztlich¬†banale Auflösung¬†zulaufen lässt, diskreditiert eine Konstellation, die am Anfang so außerordentlich viel verspricht.”

    Der Gedanke Knörers legt es nahe, die Grundkonstellation des Films auf die Situation des Filmbetrachters selbst zu übertragen. Mit Red Road könnte man der Frage nachgehen, an welchem Punkt und wie der Zuschauer des Films zwischen objektiv-betrachtender Distanz und subjektiv-betroffener Nähe oszilliert. Oder er von der einen ganz auf die andere Seite der Filmerfahrung wechselt. Wann erfährt sich der Zuschauer des Films (als scheinbarer Herr der Bilder) selbst als vom Film angeblickt, verführt und damit auch beherrscht?

    Letzte Frage ist immer noch eine der rästelhaftesten und wird auch und gerade im bildungstheoretischen Diskurs u.a. im Zusammenhang mit dem Begriff der Alterität gestellt und diskutiert.¬†Alterität, als Denken eines strukturellen Anderen, problematisiert die theoretische Bestimmung eines aktiven, reflexiv-erkennenden individuellen Subjekts. Die Bezugnahmen des Subjekts zur Welt und zu sich selbst vom Anderen her zu denken, betont vielmehr die Passivität, die Sinn- und Leiblichkeit eines antwortenden Subjekts. Diese wird aber nicht in dichotome Stellung zu Konzepten der Autonomie gebracht, sondern als ineinander verschlungene, ununterscheidbare Konstellationen von Selbst- und Fremdbestimmung, von aktiver und passiver Synthesis, letztlich als ein Zwischen von Subjekt und Objekt gedacht.

    Vor diesem skizzierten Hintergrund könnte vielleicht der Film, könnten Filme helfen Fragen bezüglich¬†des Einflusses von Bildern, im speziellen der audiovisuellen Filmbilder und der kulturellen Praxis Kino für die individuelle Bildung des Subjekts zu beantworten.

     

    Die Fondation Maison des sciences de l‚Äôhomme u.a.¬†rufen mit der Online-Zeitschrift “Trivium” ein Forum des geisteswissenschaftlichen Austauschs zwischen Frankreich und Deutschland ins Leben.¬†Im Editorial der Zeitschrift heißt es:

    “Dem in drei Ausgaben pro Jahr unter revues.org erscheinenden Journal liegt die Idee einer attraktiven Verbindung aus Print- und online-Publikationen ebenso zu Grunde wie die konsequente Anwendung des Konzepts der ¬ªregards croisés¬†¬´: In¬†Trivium¬†werden einschlägige deutsche Fachpublikationen zu spezifischen Themenbereichen zum ersten Mal in französischer und umgekehrt relevante französische Beiträge in deutscher Übersetzung präsentiert. (…)
    Neben speziellen Themenausgaben zu aktuellen Einzelschwerpunkten werden in Trivium auch Übersetzungen großer Einzelaufsätze erscheinen, die unter Geisteswissenschaftlern nachhaltige Resonanz ausgelöst haben. Ein besonderes Anliegen ist den Herausgebern die Multiperspektivität und der kritische Ansatz des Journals, das kontroversen Meinungen ganz bewußt ein Forum bieten will.”

    Die erste und aktuelle Ausgabe der Zeitschrift widmet sich unter der Leitung von Bernd Stiegler und Georges Didi-Huberman dem “iconic turn” der Geisteswissenschaften.
    Die in den 1990er Jahren im deutschen Sprachraum¬†u.a. von Gottfried Boehm – in dem von ihm¬†1994¬†herausgegeben Buch¬†Was ist ein Bild?¬†¬†- programmatisch geforderte, wissenschaftliche Hinwendung zum Bild und seiner Eigenart, bzw. seiner Eigensprachlichkeit jenseits linguistischer Strukturen, hat sich mittlerweile institutionell etabliert. Etliche Graduiertenkollegs, Forschungsprojekte und Studiengänge wurden seither dem Bild und seiner gesellschaftlichen Wirksamkeit gewidmet.

    Es scheint daher ein geschickt gewählter Zeitpunkt den “iconic turn” zu reflektieren, seine unterschiedlichen Denkströmungen zu kartieren und mit den veröffentlichten Beiträgen möglicherweise, wie Didi-Huberman in seinem einleitenden Text schreibt, “die¬†Geschichte und das Denken der Bilder¬†neu zu interpretieren, wieder zu erfinden,¬†wieder zu öffnen.”