Der Filmwissenschaftler Johannes Binotto hat einen ganz wunderbaren Essay zur Filmbildung geschrieben, in dem er sich unter anderem auf mein Konzept einer Ästhetischen Filmbildung (2012)  und der darin entwickelnden spurenlesenden Haltung gegenüber Film bezieht:

»Filmbildung müsste betonen, nicht wie ähnlich, sondern wie eigenartig Kino im Vergleich mit anderen Medien erzählt. (…) Lernen, bei Filmen genau hinzusehen, würde einem vielmehr zeigen, was sich alles in den Bildern an Rätselhaftem versteckt und möglicherweise im Widerspruch steht zu dem, was angeblich erzählt werden soll. In ähnlicher Weise plädiert auch der Medien- und Erziehungswissenschaftler Manuel Zahn in seinem Buch «Ästhetische Filmbildung» für einen Umgang mit Filmen, der mehr einem neugierigen Spuren lesen als dem falschen Ideal eines restlosen Ausdeutens verpflichtet ist. Gewiss, Filme wollen verstanden und die von ihnen ausgelegten Fährten sollen nachgezeichnet werden – doch nicht um sie damit gleichsam zu erledigen und abzuhaken, sondern um die Filme aufzuschliessen und um aufzuzeigen, was alles an ungeklärten Fragen nach wie vor zur Diskussion anstachelt. In seinen abweichenden Bewegungen eignet dem Film immer etwas an, das sich dem restlosen Verständnis entzieht, das uns aber umso mehr affiziert, uns packt und uns weiter dazu antreibt, unsere Wahrnehmung noch mehr zu schärfen, unsere Spurenlese noch weiter zu verlängern.«

Voraussetzungen dafür sind eine aufmerksame, konzentrierte (und nicht selten auch wiederholte) Betrachtung des Films, die seinen abweichenden, audiovisuellen Bewegungsbildern folgt und die Betrachter Film so vielmehr als Ereignis erfahren, als etwas dass kontrolliert und beherrscht werden kann. Das Kino, lange Zeit der bevorzugte Aufführungs- und Rezeptionsort des Films, ist so konzipiert, eine Filmerfahrung im oben genannten Sinne zu ermöglichen und zu fördern, so Binotto in Bezug auf Gass (2017):

»Das Kino, schreibt Gass, war nicht zuletzt darum bedeutsam, weil es schon ob seiner Einrichtung zu einer fremden Wahrnehmung zwingt: Im Kino kann man als Zuschauer den Film nicht anhalten, und die Dunkelheit des Saals lässt uns kaum eine andere Wahl, als das anzuschauen, was auf die Leinwand projiziert wird. Wir sind einer Erfahrung ausgesetzt, die wir nur in geringem Mass bestimmen können, der wir uns vielmehr überlassen, in sie eintauchen, um uns, für die begrenzte Dauer eines Films, in ihr zu verlieren.«

Die Wahrnehmungen von Filmen, der Filmkonsum auf einem Tablet oder Laptop, so Binotto weiter, habe demgegenüber »etwas merkwürdig Gezähmtes. Wo im Kino der Film mein ganzes Gesichtsfeld einnimmt, findet er auf dem Computerscreen bloss als ein Fenster unter anderen statt. Auch wenn ich in den Vollbildmodus wechsle, hab ich damit die Umgebung um mich herum trotzdem noch nicht ausgeschaltet. Während das Kino mich zur Fokussierung gezwungen hat, schenke ich dem Film auf meinem Display meine Aufmerksamkeit immer nur zum Teil. Die Unsitte, während man einen Film schaut, nebenher noch etwas anderes zu machen, wird von unseren Geräten nicht nur begünstigt, sondern ist eigentlich deren Standardeinstellung, etwa wenn beim Eingehen einer Mail sich eine Info-Anzeige vor das Filmfenster schiebt. Und statt dass wir den Bewegungen des Films folgen müssen, passen wir den Film unserem Willen an: Bereits ein Knopfdruck genügt, und der Film stoppt. Wo er mir zu lang zu gehen scheint, spule ich vor. Das ist praktisch und fatal zugleich. Die erleichterte Handhabung ist gerade das, was die Möglichkeiten des Films als Wahrnehmungsexperiment zu unterhöhlen droht.«

Lars Henrik Gass beschreibt das als eine Art der »Gamification« des Filmbildes: »Der Film wird zum Game. Game ist die Konsequenz des bewegten Bildes nach Kino und Fernsehen: ein narzisstisches, weil manipulierbares Bild (das gleichwohl manipulativ sein kann).«

Zuletzt fragt der Essay danach wie zukünftige Filmbildung aussehen sollte, was sie leisten müsste:

»Filmbildung hiesse demnach nicht zuletzt, den Filmen wieder zu erlauben, dass sie sich ihre Zeit nehmen. Diesbezüglich war das Dispositiv des Kinos eine Konzentrationshilfe. Wenn diese fehlt, wird man sich Alternativen überlegen müssen, wie man es schafft, die Geräte um einen herum auszuschalten und sich selbst ganz auf den Film einzustellen. Für die Pädagogen hiesse es, sich mit ihrer Klasse nicht nur an einen Film heranzutrauen, sondern auch bei diesem zu bleiben und sich die Zeit zu nehmen, ihn mehrmals anzuschauen – nicht um etwas einzupauken, sondern um Vielfältigkeit zu zeigen.«

Der Essay wurde in der Septemberausgabe der Schweizer Filmzeitschrift Filmbulletin publiziert, die ich jedem Filminteressierten empfehlen kann. Den Essay als PDF-Download finden sie hier (mit bestem Dank an Johannes Binotto!).

PS: Wer sich über die aktuelle Situation des Kinos in Deutschland informieren will, dem sei auch der wunderbare Dokumentarfilm 66 Kinos von Philipp Hartmann (D 2016) empfohlen. Der Filmemacher hatte seinen vorherigen Essayfilm Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe zwischen Herbst 2014 und Sommer 2015 in insgesamt 66 deutschen Programm- und Kommunalen Kinos vorgestellt. Dabei hat er sich mit Kinomachern unterhalten und daraus entstanden ist ein vielstimmiger Film, der klug über das Kino und Digitalisierung, das zukünftige sowie über das scheinbar vergangene Kino, an dem es noch ein Ort der Filmsozialisation war, nachdenkt.

Literatur
Johannes Binotto: Wahrnehmung auf Abwegen. Wie der Film bildet, in: Filmbulletin, Nr. 6 (September 2017), S. 6-17.
Lars Henrik Gass: Film und Kunst nach dem Kino. Köln, StrzeleckiBooks 2017.
Manuel Zahn: Ästhetische Film-Bildung. Studien zur Medialität und Materialität filmischer Bildungsprozesse (Theorie bilden). Bielefeld: Transcript 2012.

Die Arbeitstagung vom 6-8.4.2017 konzentriert sich auf einen ,Lehrerfilm‘: Fack ju Göhte von Bora Dagtekin. Die Komödie war in Deutschland mit etwa 5,6 Millionen Kinobesuchern der Kassenschlager im Kinojahr 2013, bis Juli 2014 wurden sogar über 7 Millionen Kinotickets verkauft. Was hat dieser Film? Was bewegte er bei seinen Zuschauer*innen? Und was lässt sich an ihm analytisch herausarbeiten, das über die Inszenierung einzelner Lehrerfiguren hinausgeht und eine aktuelle gesellschaftliche Dimension berührt? Kann der Film uns möglicherweise etwas über die gesellschaftlich kursierenden Imaginationen vom Lehrer, von Schule oder gelingende Lehre mitteilen? Was unterscheidet ihn dabei etwa von Kultfilmen des ,Lehrerfilm-Genres‘ wie Helmuth Weiss’ Die Feuerzangenbowle (1944) oder Peter Weirs‘ Dead Poets Society (1989).

Inhaltlich geht es damit auf der Arbeitstagung u.a. um Fragen der Wirksamkeit von Übertragungen, Unterstellungen und Inszenierungen, sowohl auf der Ebene der Lehr-Lern-Beziehungen im Klassenzimmer bzw. in der Schule als auch im Kino zwischen Film und Zuschauer*innen. Was ist über Transformations- und Subjektivierungsprozesse von Lehrer- und Schülerfiguren zu sehen und zu hören? Wie artikulieren sich aus psychoanalytischer Perspektive Sprache und Körper, Begehren und Subjekt? Was affiziert uns als Zuschauer*innen an diesem Film, zu welchen Identifikationen und Resistenzen, aber auch Fragen hinsichtlich des Lehrens regt er an? Diesen und weiteren Fragen wollen wir während der Tagung nachgehen.

Mit Beiträgen von Beatrice Arend, Ingo Jungclaussen, Karl-Josef Pazzini, Paul Lesch, Bernhard Raus, Jochen Schmerfeld, Silvana Stubig, Patrick Sunnen, Jean-Marie Weber und Manuel Zahn.

/// Tagungsort: Centre national de l’audiovisuel (CNA), 1B, rue du Centenaire, L-3475 Dudelange (Düdelingen), Luxembourg.

/// Anmeldung: Alle Interessierten können sich ihre Teilnahme bis spätestens 28. März 2017 bei folgender Adresse anmelden: andrea.klein@uni.lu. Die Teilnahme an einzelnen Vorträgen ist möglich und kostenlos.

/// Programm: Und hier gibts es den Tagungsflyer (inkl. Tagungsprogramm) als PDF-Download.

Am 28. und 29. April 2017 findet am Institut für Kunst und Kunsttheorie das Symposium »Decolonizing Arts Education« statt.
Das Symposium hat zum Ziel, die Kunstpädagogik vor dem Hintergrund der postmigrantischen Realität kritisch zu befragen. Gegenstand des Symposiums ist ein diskursives und performatives Programm, das Künstler*innen, Kunstpädagog*innen, Lehrer*innen und Theoretiker*innen in einen Dialog mit Studierenden bringen soll. Folgende Fragen werden u.a. diskutiert werden: Welche Rolle kommt der Kunstpädagogik angesichts des gesellschaftlichen Wandels infolge von Flucht und Migration zu? Welche Impulse werden in der kunstpädagogischen Fachcommunity diskutiert, und wo hakt es im eigenen Fachdiskurs? Wie sähe eine alternative, rassismuskritische Wissensproduktion im Feld der schulischen und außerschulischen Kunstpraxis und -vermittlung aus?

Sakir Gökcebag: Reorientation 2A

Sakir Gökcebag: Reorientation 2A, 2010, Installation 243x165x8 cm

„Kunst und Bildung in der Migrationsgesellschaft“ ist das Thema einer interdisziplinären Tagung am 01. – 02. Juli 2016, veranstaltet durch das Institut für Kunstpädagogik, Justus-Liebig-Universität Gießen in Kooperation mit der Wissenschaftlichen Sozietät Kunst Medien Bildung.
Tagungsorte sind das Weltkulturen Museum Frankfurt a.M. und die Justus-Liebig-Universität Gießen.

Zum Konzept der Tagung schreibt der Veranstalter Ansgar Schnurr:

„Bildung zwischen Kunst und Medien findet vor dem Hintergrund einer kulturell-gesellschaftlichen Wirklichkeit statt, die in vielerlei Hinsicht von Migration geprägt ist. Wanderungen von Menschen, Bildern und Informationen bestimmen allgegenwärtig den Alltag, die Bildungsarbeit und die Künste. Aus dem global weitreichend entgrenzten Bilderpool schöpfend wird die Frage der Zugehörigkeit zur Gestaltungsaufgabe: Vertraute Vorstellungen des kulturell Eigenen werden verändert und fremde Kontexte zu sattsam vertrauten. Die Migrationsgesellschaft, die durch vielfache Wanderungs- und Transformationsprozesse geformte wird, manifestiert sich wesentlich in ihrer Medialität. Besondere Herausforderungen des Diskurses zwischen Kunst und Bildung liegen darin, dass einerseits eine Auseinandersetzung mit der Normalität alltäglicher Transkultur stattfindet, parallel dazu jedoch aktuell auch Antworten auf die drängenden Fragen der Flüchtlingsthematik gesucht werden: Geflüchtete bringen existentielle Bedürfnisse in alle Bildungskontexte ein und sind mit erheblich geringeren ästhetischen Gestaltungspielräumen konfrontiert. Um in dieser komplexen kulturellen Gegenwart handlungsfähig zu sein, ist eine tragfähige Klärung der Begrifflichkeiten, Ziele und leitende Theoreme gefordert. Welche Kulturbegriffe werden in Debatten zwischen Kunst, Medien und Bildung in einer Migrationsgesellschaft verwendet? In welche Richtung müssten sie im Lichte aktueller Entwicklungen ergänzt werden? Inwiefern lassen sich die Vorstellungen von Transkultur in der Flüchtlingskrise aufrechterhalten oder weiter entwickeln? Welche Ziele und Zukunftsperspektiven sind denkbar und welche Wege führen dort hin?“

Die Tagung beginnt im Weltkulturen Museum Frankfurt a.M., um sich mit den dort entwickelten Perspektiven auseinanderzusetzen, wie sich das kulturelle Erbe einer ethnografischen Sammlung in der kritischen Perspektive des Postkolonialismus darstellen und vermitteln lässt. Am Freitagabend reist man gemeinsam zur Universität Gießen. Vorträge zu aktuellen Entwicklungen des Kulturellen und zu medialen Dimensionen der Migrationsgeschichte wie der aktuellen Flüchtlingssituation geben Impulse im Verlauf der Tagung. In einem besonderen Fokus stehen Gespräche rund um Kurzbeiträge der Teilnehmenden zu ausgewählten Bildern, Objekten und künstlerischen Arbeiten aus der Perspektive des eigenen fachlichen Schwerpunktes. Ein Call for Papers und das gemeinsame Bildmaterial als Ausgangspunkt der sich von hier aus entspannenden interdisziplinären Gespräche findet sich auf der Homepage der Wissenschaftlichen Sozietät Kunst Medien Bildung.

Programm, Informationen und ein Call for Papers:
http://kunst-medien-bildung.de/2016/05/02/tagung-kultur-migration-bildung/

Anmeldung bis zum 10.06.2016!

Kontakt, Infos zum Hotelkontingent und Anmeldung:
Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut für Kunstpädagogik
Sekretariat
Tel.: (0049)-641 / 99-25020
Fax: (0049)-641 / 99-25029
E-Mail: Sekretariat@kunst.uni-giessen.de

The_Incredulity_of_Saint_Thomas-Caravaggio_1601-2

Tagung anlässlich der Emeritierung von Prof. Dr. Karl-Josef Pazzini
17.-19.9.2015, Warburg-Haus Hamburg

In der Bildenden Kunst haben sich die Menschen im Laufe ihrer Geschichte in je historisch und kulturell unterschiedlichen Arten und Weisen einen besonderen Bereich der Bildung vor Bildern geschaffen. Karl-Josef Pazzini versteht Bildende Kunst immer auch als einen Forschungsbereich zur Verfassung und Beschreibung des individuellen Subjekts auf dem Weg zum Anderen und vom Anderen, auch dem Bild her bestimmt. Die künstlerischen Arbeiten werden in dieser Perspektive nach ihren möglichen Auskünften über subjektive Bildungsprozesse, ihrer Bedingungen und Dimensionen befragt und gleichzeitig als widerständige, störende, affizierende Dinge auch zum Anlass wieder anderer Bildung(en). Er hat diese These in seiner kunstpädagogische Lehre und Forschung in der Konfrontation mit vielen Bildern und anderen Kunstwerken erprobt, mit Theoretisierungen versehen und in den kunstpädagogischen Diskurs eingebracht. Das Buch „Bildung vor Bildern“, das September 2015 im Transcript-Verlag erscheinen wird, zeugt davon. Read the rest of this entry »

Michaela-Ott

Nach zuletzt sehr anregenden Gastvorträgen von Mirjam Schaub (Hochschule für angewandte Wissenschaften), Gesa Ziemer (Hafencity Universität Hamburg) und Silvia Henke (Hochschule Luzern) freue ich mich ganz besonders auf Micheala Ott, die als nächster Gast in unserer Ringvorlesung vortragen wird. Die Professorin für Ästhetik und Filmwissenschaft von der Hochschule für Bildende Künste Hamburg wird am Di, 17.12.13 von 18.15-19.45 Uhr im Raum 206 (Von-Melle-Park 8, 20146 H) aus ihrer theoretischen Perspektive über visuelle Bildung sprechen. Der Titel ihres Vortrags lautet: “Zurück auf Anfang: Bildung als Verwunderung”.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

Die Tagung „Verflechtungen: Medien • Bildung • Dispositive“ findet vom 31.01. bis zum 02.02.2013 im Haus der Wissenschaft in Braunschweig statt.

Im Konzept zur Tagung schreiben die beiden Veranstalter Julius Othmer und Andreas Weich:
„Spätestens seit der Schulausschuss der Ständigen Kultusministerkonferenz 1995 die Notwendigkeit einer Medienbildung (damals noch Medienkompetenzvermittlung) in der Schule herausstellte, ist der politische Ruf nach ihrer Umsetzung präsent. Er wurde jüngst in einem weiteren Beschluss vom 08.03.2012 nochmals aktualisiert und intensiviert. Diesem gesellschaftspolitischen Anliegen trägt eine Vielzahl von Konzepten zur Medienbildung aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen mit je unterschiedlichen theoretischen Vorannahmen und Zielsetzungen Rechnung.

Vor diesem Hintergrund ist das Konzept der Verflechtungen – als Titel und Leitmetapher der Tagung – einerseits als Ausdruck der Motivation zu verstehen, innerhalb der Medienbildungsforschung die Zusammenarbeit zwischen Erziehungs-, Bildungs- und Medienwissenschaften weiter zu intensivieren. Andererseits dient es auch als inhaltliche Denkfigur, um die wechselseitigen Beziehungen zwischen Medien und Bildung im Feld der Medienbildung greifbar zu machen.

Das von Michel Foucault geprägte Konzept des Dispositivs kann hierbei als theoretische Modellierung des Verflechtungsbegriffs fruchtbar gemacht werden. Es basiert auf der Annahme grundsätzlich heterogener Konstellationen aus Diskursen, Praktiken, Subjekten, Institutionen und Materialitäten, die eine spezifische strategische Funktion erfüllen. In diesem Sinne lassen sich sowohl Medien und Bildung als auch deren Verflechtungen im Kontext von Bildungseinrichtungen, aber auch darüber hinaus als Dispositive konzeptualisieren und bearbeiten. In den vergangenen Jahrzehnten haben verschiedene Disziplinen, die für die Medienbildungsforschung von großer Relevanz sind, das Konzept des Dispositivs vielfach (auch kritisch) rezipiert und an die je unterschiedlichen Gegenstände und Fragestellungen angepasst. In den Medienwissenschaften wurde beispielsweise bereits in den 70er Jahren das Kino als Dispositiv modelliert (Baudry), in den 90er Jahren das Fernsehen (Hickethier) und zuletzt auch das Internet (Dorer) bzw. „das Netz und die Virtuelle Realität“ (Schröter). Und auch die Erziehungs- und Bildungswissenschaften haben den Dispositiv-Begriff im Hinblick auf Institutionen, wie die Schule (Pongratz), in Anschlag gebracht und modellieren Bildung selbst als Dispositiv, um es auf gouvernementale Wissens-, Macht- und Subjekttechniken zu befragen (Ricken).

Der Anspruch der Tagung ist es jedoch nicht, die bestehenden Anwendungen des Dispositiv-Konzepts lediglich zu referieren und zu vergleichen, sondern die gemeinsamen Prämissen und Fragestellungen zu nutzen, um neue Forschungsfragen und -desiderata zu formulieren sowie neue Ansätze für die Medienbildungsforschung zu generieren. […]“

Einen genauen Ablaufplan der Tagung finden Sie hier.

Seit gestern ist meine Monographie „Ästhetische Film-Bildung. Studien zur Materialität und Medialität filmischer Bildungsprozesse“ auf dem Buchmarkt. Sie ist in der Reihe „Theorie bilden“ beim Transcript Verlag erschienen. Das Buch ist ein erste Antwort auf die Frage: wie ist Bildung mit Film möglich? Es bezieht sich dabei nicht auf den Film im Allgemeinen, sondern auf den Kinofilm – und damit auf eine ganz spezifische Materialität, Performativität und Medialität der Produktion, der Aufführung und der Rezeption.

Auf der Verlagsseite heißt es dazu:

„Film und Bildung – Manuel Zahn spürt in seinen Studien diesem immer noch ungeklärten Verhältnis nach. In Bezug auf aktuelle medientheoretische, ästhetische und bildungstheoretische Diskurse entwickelt er einen differenztheoretischen Begriff der Medialität des Films und stellt mit der Spurenlese eine »Methode« vor, die eine differenzsensible Empirie des Films ermöglicht. Anhand von Filmbeispielen wird die Spurenlese erprobt und dabei ein Begriff der Film-Bildung skizziert, der die Spurenlese von Filmen als bildende Erfahrung begreift, insofern sie es erlaubt, die Auseinandersetzung des Subjekts mit Filmen auf der Folie der Unmöglichkeit ihrer identifizierenden Aneignung zu denken.“

Dort gibt’s auch das Vorwort des Buchs als kleine Leseprobe.

Das von Claudia Birkner, Prof. Dr. Birgit Engel, Tobias Loemke, Julia Weitzel und Katrin Zapp organisierte neunte Loccumer Forschungskolloquium lenkt mit dem gewählten Thema »Brüche« die Aufmerksamkeit auf ein zentrales Phänomen künstlerischer und ästhetisch fundierter Bildungsprozesse.

Im Call for Papiers zur Tagung heißt es:

„Der Bruch gilt sowohl in der Phänomenologie, in der ästhetischen Hermeneutik, als auch in der poststrukturalistischen Philosophie und Bildungstheorie als ein konstitutives Moment von Erfahrung und Bildung. Er verweist auf ein an die Zeit gebundenes Ereignis, das den Blick auf die Geschichtlichkeit der Phänomene und der Erfahrungen sowie ihre prinzipiell offene Entwicklungsdisposition lenkt. […]
Als Bezugsebene der gemeinsamen Reflexion sollen diesmal diejenigen Erfahrungsprozesse gelten, die sich auf den verschiedenen Ebenen kunstpädagogischer Forschungs- und Lehrpraxis ereignen, seien es die zu erforschenden Lern- und Bildungsprozesse der Schülerinnen und Schüler und der Studierenden, die Spezifika der künstlerischen Praxis, die kunstpädagogischen Erfahrungen der Lehrenden oder die Phasen im Übergang von der eigenen künstlerischen Praxis in die Lehre und natürlich auch die Erfahrungen im Rahmen des Forschungsprozesses selbst. An all diesen Prozessen interessieren uns nicht die glatten, leicht konsumierbaren Ergebnisse, sondern insbesondere diejenigen Momente, in denen die Erfahrung selbst gefährdet ist, eine Sicherheit sich relativiert, eine Verhaltensdisposition nicht ausreicht, ein Materialgesetz sich entzieht, oder auch etwas völlig Unerwartetes sich in eine sicher geglaubte Kontinuität hineinschiebt oder hineinfällt.“

Das umfangreiche Programm – zudem ich einen Beitrag zur Metaphorologie des „Bruchs“ beisteuern darf – lässt auf eine interessante Tagung hoffen. Ich schaffe es in diesem Jahr zum ersten Mal nach Loccum und freue mich schon sehr auf die drei Tage unter kunstpädagogischen Kolleginnen und Kollegen und auf die sicherlich spannenden Diskussionen.

In der Reihe „Medienbildung und Gesellschaft“ des VS-Verlags ist vor wenigen Tagen der Band „Raum, Zeit, Medienbildung. Untersuchungen zu medialen Veränderungen unseres Verhältnisses zu Raum und Zeit“ (hrsg. von Gerhard Chr. Bukow, Benjamin Jörissen und Johannes Fromme) erschienen. Die Herausgeber schreiben zu ihrem Buch auf der Verlagsseite:

„Transformationen und Dynamisierung von Raum und Zeit können als Signum von Modernisierungsprozessen gelten – als Motor, als Problemfeld und als Gegenstand der Reflexion. Medien haben in verschiedenen Ausprägungen daran erheblichen Anteil, indem sie mit Raum und Zeit arbeiten, kulturelle und soziale Raum- und Zeitverhältnisse verändern und diese Veränderungen auch immer wieder selbst reflexiv zugänglich machen. Die Beiträge des Sammelbandes fragen danach, was diese medialen Transformationen und Reflexionen für Bildung bedeuten, wie sie Subjektivierungs- oder Vergesellschaftungsweisen verändern und welche neuen Orientierungspotenziale und -anforderungen durch sie erzeugt werden.“

Ich habe zum Buch eine ästhetische Lektüre von Christopher Nolans „Memento“ (US 2000) beigetragen: „Memento – Zur Zeitlichkeit des Films und seiner bildenden Erfahrung“. Der Text ist eine Anwendung der im Rahmen meiner Dissertation entwickelten bildungstheoretisch interessierten Forschungshaltung zum Film.

Ich warte schon sehr gespannt auf mein Autorenexemplar des Buchs, um auch die anderen Texte lesen zu können. Bisher kenne ich nur den Beitrag von meinem Hamburger Kollegen Alexander Unger, der große Lust auf die anderen macht. Wer schon mal online einen Blick in das Buch werfen will kann das hier tun.